Die Hornisse oder Europäische Hornisse (Vespa crabro) ist eine Art aus der Familie der Faltenwespen (Vespidae).
Merkmale links|mini|Bestimmungsmerkmale: Der Abstand der Ocellen von den Facettenaugen ist kleiner als zum Kopfhinterrand, der Clypeus ist rein gelb gefärbt. mini|Hornissenkönigin, noch ohne Volk, beim Gründen eines neuen Nestes mit ersten Eiern mini|Schlüpfende Hornisse Die Hornisse ist die größte in Mitteleuropa lebende Faltenwespe. Die Körpergröße der Königin beträgt von 23 bis zu 35 Millimeter, die der Arbeiterinnen 18 bis 25 Millimeter und die der Drohnen 21 bis 28 Millimeter. Als Hornissenart ist sie erkennbar an der Gestalt des Kopfes: Bei Ansicht von oben ist der hintere Abschnitt des Kopfes hinter den Komplexaugen zu den Seiten hin stark erweitert, dadurch sind die Ocellen weiter vom Kopfhinterrand entfernt als von den Komplexaugen; ihr Abstand ist mehr als doppelt so groß.
Ein weiteres Merkmal zeigt sich in der Aderung der Vorderflügel: Hier mündet die erste Ader (die Radialschaltader Rs) in die parallel zum Flügelrand verlaufende Längsader (vereinigter Radius und Subcosta) weit vor dem Pterostigma oder Flügelmal in diese ein. Bei den anderen Gattungen mündet sie dicht benachbart, weniger als zweimal die Länge des Flügelmals.
Meist ist die Hornisse aber bereits an der charakteristischen Färbung gut erkennbar. Kopf und Rumpfabschnitt sind schwarz, meist mit ausgedehnter roter oder braunroter Zeichnung, der Rumpfabschnitt trägt keine gelben Zeichnungselemente. Der erste Tergit des freien Hinterleibs ist nur bei dieser Art dreifarbig: Der vordere Abschnitt ist rot, dahinter sitzt ein mehr oder weniger breiter dunkler Fleck, der Endabschnitt ist gelb gefärbt. Der restliche Hinterleib trägt, wie bei vielen Wespenarten, eine schwarze Zeichnung unterschiedlicher Form und Ausdehnung auf gelbem Grund. Bei Ansicht des Kopfes von vorn ist der Kopfschild (Clypeus) rein gelb gefärbt, die schwarze Zeichnung der meisten anderen sozialen Faltenwespen fehlt.Heinrich Kemper, Edith Döring: Die sozialen Faltenwespen Mitteleuropas. Parey Verlag, Berlin und Hamburg, 1967. Bestimmungstabelle auf Seite 18.Volker Mauss, Reinhold Treiber: Bestimmungsschlüssel für die Faltenwespen (Hymenoptera: Masarinae, Polistinae, Vespinae) der Bundesrepublik Deutschland. 2. Auflage. Deutscher Jugendbund für Naturbeobachtung (DJN), Hamburg 1995, ISBN 3-923376-17-0.Michael Archer: Key to European Vespinae. BWARS Members’ Handbook, 2005, S. 58–67.
Färbungsvarianten mini|Zwei Hornissen – Details
In ihrem großen Verbreitungsgebiet besitzt die Hornisse einige Varianten der Färbung und Zeichnung. Diese treten teilweise regional gehäuft auf und sind von früheren Taxonomen vielfach als Unterarten beschrieben worden. Dies erscheint heute nicht mehr gerechtfertigt. Inzwischen ist bekannt, dass diese nicht nur durch breite Übergänge miteinander verbunden sind, sondern teilweise sogar Individuen mit für verschiedene „Unterarten“ typischer Zeichnung im selben Nest vorkommen können. Sie gelten heute überwiegend als Varietäten ohne taxonomischen Wert. Typisch für Mitteleuropa sind Tiere mit zwei v-förmig angeordneten roten Längsstreifen oben auf dem mittleren Rumpfabschnitt und rot gefärbter Stirn, als var. germana bezeichnet. Vor allem im nördlichen Europa überwiegen Tiere mit rein schwarzem Mesonotum und verdunkelter bis schwarzer Stirn, als var. crabro bezeichnet. In England leben teilweise Hornissen mit überwiegend gelb gefärbtem Kopf, die var. vexator. Vor allem aus Ostasien ist eine Reihe weiterer Farbvarietäten beschrieben worden.J. Bequaert: The color forms of the common hornet, Vespa crabro Linnaeus. In: Konowia. Band 10, 1931, S. 101–109.A. A. Birula: Über die russischen Wespen und ihre geographische Verbreitung (Erster Beitrag). In: Archiv für Naturgeschichte (Abteilung A). Band 90, 1925, S. 88–102.
Verwechslungsmöglichkeiten Die Königin der Mittleren Wespe (Dolichovespula media) kann für eine Hornissenarbeiterin gehalten werden. Sie ist unterscheidbar an der Färbung des Tergits (der Rückenplatte) des ersten freien Hinterleibssegments, das bei ihr ausschließlich schwarz und gelb gezeichnet ist, ohne rote oder rotbraune Anteile, außerdem trägt der Kopfschild in der Mitte eine schwarze Längszeichnung. Die anderen Hornissenarten Europas (der Gattung Vespa) sind an der Zeichnung des Hinterleibs unterscheidbar. Die in Südeuropa verbreitete, meist insgesamt heller gefärbte Orientalische Hornisse ist nur auf dem dritten und vierten Tergit des Hinterleibs gelb gezeichnet. Die aus Ostasien neu eingeschleppte Asiatische Hornisse besitzt einen überwiegend schwarzen Hinterleib mit einer breiten gelben Binde nur auf dem vierten Tergit, außerdem ist ihr Rumpfabschnitt schwarz, immer ohne rote oder braune Anteile.
Aber auch ganz andere Insektenarten wie beispielsweise die Hornissenschwärmer, einige Arten der Keulhornblattwespen oder die Hornissenschwebfliege haben im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte Ähnlichkeit mit Hornissen gewonnen. Man deutet dies als Mimikry, die solche mutmaßlichen Nachahmer besser vor Fressfeinden schützt.
Verbreitung Die Hornisse besiedelt ein Areal, das im Vergleich zu anderen Arten der Gattung weiter nach Westen und weiter nach Norden reicht, womit sie die einzige natürlicherweise in Nord- und Mitteleuropa verbreitete Art der Gattung Vespa ist. Insgesamt umfasst ihr Besiedlungsbereich große Teile der gemäßigten (temperaten) Paläarktis, vom Atlantik im Westen bis nach Sachalin, Korea und Japan im Osten. Im Süden erreicht sie die Mittelmeerregion, fehlt hier aber lokal in den wärmsten, südlichen Abschnitten. Sie kommt in großen Teilen Südosteuropas, so auf der Peloponnes, gemeinsam (sympatrisch) mit der Orientalischen Hornisse vor.Werner Arens: Die sozialen Faltenwespen der Peloponnes (Hymenoptera: Vespidae: Vespinae, Polistinae), mit Beschreibung einer neuen Polistes-Art und einem regionalen Polistes-Bestimmungsschlüssel. In: Linzer biologische Beiträge. 43. Jahrgang, Nr. 1, Linz 2011, S. 443–481 (). Aus Nordafrika (Algerien) gibt es nur eine alte, zweifelhafte Angabe. In Ostasien ist sie in China viel weiter nach Süden hin verbreitet. In Mittelasien erreicht ihr Vorkommen den nördlichen Iran, wo sie aber nur ganz im Norden, in der Region direkt am Kaspischen Meer vorkommt.Ebrahim Ebrahimi, James M. Carpenter: Distribution pattern of the hornets Vespa orientalis and V. crabro in Iran (Hymenoptera: Vespidae). In: Zoology in the Middle East. Band 56, 2012, S. 63–66. In Nordeuropa erreicht die Hornisse Süd-Schweden (bis zum Limes norrlandicus) und den äußersten Süden von Norwegen und Finnland,Stellan Erlandsson: The distribution of the Hornet (Vespa c. crabro L.) in northwestern Europe. In: Entomologisk Tidskrift. Band 109, 1988, S. 155–159. wo ihre Bestände rückläufig sind. In Finnland sind ihre Vorkommen auf Vorstöße in besonders warmen Sommern beschränkt; der letzte Nachweis stammt von 1973.
In Deutschland galt die Art jahrzehntelang als selten und rückläufig und wurde daher lange Zeit in den Roten Listen aufgeführt. Die Bestände konzentrierten sich, wie zum Beispiel in Ostdeutschland,Frank Koch: Zur Bestandssituation der Hornisse (Vespa crabro L.) in Ostdeutschland, eine Retrospektive. In: Bembix. Band 11, 1998, S. 23–26. in Ballungsräumen. Die höheren Lagen der Mittelgebirge wurden gemieden. Etwa seit Ende der 1970er Jahre wird die Art in Deutschland wieder häufiger und ist nun fast flächendeckend verbreitet und lokal häufig.vgl. etwa für Nordrhein-Westfalen: Horst Woydak: Die Faltenwespen von Nordrhein-Westfalen (Hymenoptera, Vespoidea; Vespidae und Eumenidae) (Soziale Papier- und Lehmwespen). In: Abhandlungen aus dem Westfälischen Museum für Naturkunde. 68, Nr. 1, 2006, S. 1–133. Die Gründe sowohl für den früheren Rückgang wie auch für die jetzige Bestandserholung sind nicht bekannt. Nachhttp://www.senckenberg.de/files/nwr/tischendorf_et_el_2013_rl_faltenwespen_hessen.pdf Stefan Tischendorf, Karl-Heinz Schmalz, Hans-Joachim Flügel, Ulrich Frommer, Wolfgang H.O. Dorow, Franz Malec: Rote Liste der Faltenwespen Hessens; 1. Fassung (Stand 6. Juni 2013), herausgegeben im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, S. 26. seien Klimaänderungen, zurückgehende Anwendung von Umweltgiften (DDT) und die nicht mehr erlaubte systematische Bekämpfung als mögliche Ursachen zu vermuten, nicht jedoch eine Änderung des Lebensraumes. Die gleiche Quelle nennt die Art jedoch einen Kulturfolger.
Nach Nordamerika wurde die Hornisse als Neozoon vom Menschen etwa 1840 bis 1860 eingeschleppt. Sie war dort lange Zeit die einzige Hornissenart (die sogenannte „bald faced hornet“ Dolichovespula maculata gehört in eine andere Gattung), inzwischen wurden aber weitere Arten eingeschleppt. Sie lebt hier im Osten des Kontinents, westlich etwa bis zum Mississippi und Ohio-Tal, und erreicht im Norden Ontario und Quebec.R. D. Akre, A. Greene, J. F. MacDonald, P. J. Landolt, H. G. Davis: Yellowjackets of America North of Mexico. In: U.S. Department of Agriculture, Agriculture Handbook. Nr. 552, 1980, S. 102 ff. Sie breitet sich weiter aus. So wurde im Jahr 2005 der Süden Guatemalas erreicht.Peter J. Landolt, José Monzón Sierra, Thomas R. Unruh, Richard S. Zack: A new species of Vespula, and first record of Vespa crabro L. (Hymenoptera: Vespidae) from Guatemala, Central America. In: Zootaxa. Band 2629, 2010, S. 61–68.
Lebenszyklus und Lebensweise mini|links|Hornisse bei der Aufnahme von Baumsaft an der Rinde eines jungen Fliederzweigs nagend
Bei der Hornisse überwintern ausschließlich weibliche Geschlechtstiere, die künftigen Königinnen. Neben begatteten Königinnen, die im darauf folgenden Jahr ein neues Nest begründen können, überwintert auch ein Teil unbegatteter Geschlechtstiere. Diese können keine Nester gründen. Überwinterungsort sind meist Spalten oder selbst ausgenagte Hohlräume in totem Holz, wenige Tiere überwintern in unterirdischen Hohlräumen. Hornissen überwintern einzeln, selten kommt es zu Ansammlungen weniger Tiere im selben Holzstück. Die Dauer der Überwinterungsperiode erreicht je nach Lokalklima und Wetter sechs bis acht Monate.
mini|links|Hornissen vor Nesteingang an einer natürlichen BaumhöhleDie Aktivität der jungen Königinnen beginnt im fortgeschrittenen Frühjahr, in Mitteleuropa meist im April, in England erst Mitte Mai. Sie verlassen dann das Winterquartier und suchen einen Ort zur Nestgründung. Hornissen bevorzugen als Neststandorte regengeschützte, dunkle Hohlräume wie Baumhöhlen. Sie nehmen aber auch künstliche Plätze, zum Beispiel Vogelnistkästen, Dachböden oder Geräteschuppen, an. Oft nisten Hornissen mehrere Jahre in Folge in derselben Baumhöhle, dabei legen sie aber jedes Jahr ein neues Nest an, alte Nester werden nicht wiederverwendet. Die Königin beginnt allein mit dem Nestbau, indem sie aus zerkauten Holzfasern in einer nach unten hängenden Wabe Zellen formt, die sie meist unmittelbar nach Fertigstellung mit einem Ei belegt. Bevorzugt wird dabei weiches Totholz, welches durch Braun- oder Weißfäule leichter bearbeitbar geworden ist. Das Nest ist dadurch oft rotbraun bis orange gezont. Die Nestgründerin schafft pro Tag durchschnittlich etwa 1,6 Zellen. Bis zum Schlupf der ersten Arbeiterinnen belegt sie so etwa 40 Brutzellen. Aus dem Ei schlüpft nach ca. 12 bis 18 Tagen eine Larve aus. Diese durchläuft fünf Larvenstadien und verpuppt sich anschließend. Die Entwicklungszeit vom Ablegen des Eis bis zum Ausfliegen der Arbeiterin beträgt bei der Hornisse etwa 30 bis 50 Tage. mini|Drei Hornissen vor Nesteingang