Als Exorzismus (latinisiert aus griechisch , exorkismós, „das Hinausbeschwören“) wird eine meist religiöse Praxis bezeichnet, vermeintlich besessene Menschen und Tiere oder verfluchte Orte und Gegenstände von bösen Geistern zu befreien. Exorzismen werden auch Teufels- oder Dämonenaustreibung genannt und gehören zum Bereich der seit der Antike üblichen apotropäischen Handlungen. Der Exorzist nutzt zumeist beschwörende Exorzismusformeln, um mit dem vermeintlichen Dämon in Kontakt zu treten und ihn schließlich zum Verlassen des Körpers zu bewegen. Eine Ausprägung des Exorzismus ist der geistige Dialog über das Gebet.
Besessenheit als psychisches Phänomen
Typische Anzeichen für die vermeintlich dämonische Besessenheit einer Person überschneiden sich mit Symptomen psychischer Erkrankungen. So ist zuvor ärztlicherseits abzuklären, ob Trance- und Besessenheitszustände (ICD-11 6B63, ICD-10 F44.3) oder eine Dissoziative Identitätsstörung vorliegt. Läuterungsrituale, wie sie in manchen klerikalen Kreisen noch immer vertreten werden, zeigen mitunter Ähnlichkeiten zu psychotherapeutischen Verfahren.
Von Seiten der modernen Bibelkritik wird die Existenz von Dämonen bestritten. Ein wörtliches Verständnis neutestamentarischer Zeugnisse wird mit der Begründung abgelehnt, dass der damaligen Zeit die heutigen Kenntnisse über psychische Krankheiten fehlten. Für Rudolf Bultmann ist ein Glaube an Dämonen und Wunder nicht mit der Gegenwart vereinbar: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie (1941), zitiert auf Der Katechismus der katholischen Kirche unterscheidet ausdrücklich zwischen „Besessenheit“ und Geisteskrankheiten. Diese „zu behandeln, ist Sache der ärztlichen Heilkunde“.Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1673
In Deutschland muss ein Exorzismus vom örtlichen Bischof genehmigt werden, wofür ein medizinisch-psychologisches Gutachten nötig ist. Heute muss sich der Exorzist vor dem Vollzug eines Großen Exorzismus Gewissheit verschaffen, dass wirklich eine „Besessenheit“ vorliegt und kein Trauma und keine Krankheit. Da er das selbst nicht beurteilen kann, ist unbedingt das Urteil unabhängiger Psychiater und Psychotherapeuten einzuholen.Rituale Romanum, Faszikel De Exorcismis et supplicationibus quibusdam, Rom 1999, Praenotanda Nr. 17 De necessitate adhibendi ritum exorcismi, exorcista prudenter iudicabit post diligentem inquisitionem, secreto confessionis semper servato, consultis, in quantum fieri potest, expertis in rebus spiritualibus et, quatenus opus sit, in scientia medicinæ et psychiatriæ, qui sensum habeant rerum spiritualium. = Über die Notwendigkeit der Anwendung des Exorzismusritus soll sich der Exorzist ein kluges Urteil bilden, nachdem er die Angelegenheit sorgfältig untersucht hat. Unter ständiger Wahrung des Beichtgeheimnisses kann er sich mit Experten in geistlichen Angelegenheiten beraten und, sofern das notwendig ist, mit Experten in medizinischen oder psychiatrischen Angelegenheiten, die einen Sinn für geistliche Dinge haben.
Altertum Exorzismen schädlicher Geister und Dämonen gab es im Alten Orient, im Alten ÄgyptenAuf der altägyptischen Bentresch-Stele ist ein Exorzismus beschrieben. Frank Kammerzell: Ein ägyptischer Gott reist nach Bachatna, um die von einem Dämonen besessene Prinzessin Bintrischji zu heilen (Bentresch-Stele). In: Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Band III: Weisheitstexte, Mythen und Epen. Mythen und Epen III. S. 956, Anm. g., im JudentumSalcia Landmann, Exorzismen in der jüdischen Tradition, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte Vol. 28, No. 4 (1976), pp. 357–366; mit Zugangsberechtigung abrufbar bei JESTOR, , im HellenismusIn hellenistischer Zeit zogen Magier wie Apollonios von Tyana als Exorzisten durchs Land., im Islam und im Schamanismus.
In Mesopotamien waren mašmāšu- oder ašīpu-Priester für die Austreibung böser Geister, die vermeintlich Krankheiten verursachten, und für Reinigungsrituale zuständig. Sie waren oft in Tempeln angestellt.Walter Farber: Magic at the Cradle, Babylonian and Assyrian Lullabies. Anthropos 85/1–3, 1990, S. 146. Exorzisten konnten auch in Gerichtsverfahren eingesetzt werden, wenn sich Zeugen durch „Zauber“ bedroht fühlten.Raymond Westbrook: Evidentiary Procedure in the Middle Assyrian Laws. Journal of Cuneiform Studies 55, 2003, S. 95. Das Haus des Exorzisten (713–612 v. Chr.) in AššurC. Preusser: Die Wohnhäuser in Assur. Wissenschaftliche Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 64, 1954, Das Wohnhaus des Beschwörungspriesters in PlQu. HD, HE81, S. 58 und Taf. 27a. enthielt über 800 Keilschrifttafeln, darunter zahlreiche Texte, die zu diesem Zweck verwendet wurden, zum Beispiel die Serie „Wenn der Exorzist zu dem Haus eines kranken Menschen geht“ und die Uruk-Prophezeiung.Maria de Jong Ellis: Observations on Mesopotamian Oracles and Prophetic Texts: literary and historiographic Considerations. Journal of Cuneiform Studies 41/2, 1989, S. 168–169. Die Bibliothek des Aššurbanipal in Niniveh enthielt ebenfalls zahlreiche exorzistische Texte.Maria de Jong Ellis: Observations on Mesopotamian Oracles and Prophetic Texts: literary and historiographic Considerations. Journal of Cuneiform Studies 41/2, 1989, S. 167. Aus Assur sind namentlich die mašmāšu-Priester Anu-ikṣur, Sohn des Šamaš-iddin, und Iqiša, Sohn des Ištar-šum-ereš, bekannt.Maria de Jong Ellis: Observations on Mesopotamian Oracles and Prophetic Texts: literary and historiographic Considerations. Journal of Cuneiform Studies 41/2, 1989, S. 169. Anu ist der Schutzgott der Exorzisten, einer seiner Beinamen ist mupaššir nambûrbe idāti itāti limnēti šunāte pardāte la ṭādâte, „Er, der den Exorzistismen Macht verleiht, um mit dem pašāru Ereignisse mit schlechter Vorbedeutung und die Auswirkungen verwirrter und gottloser Träume zu verhindern“ (King BMS 62 + 1. 12).A. Leo Oppenheim: The Interpretation of Dreams in the Ancient Near East. With a Translation of an Assyrian Dream-Book. Transactions of the American Philosophical Society New Series 46/3, 1956, S. 219. Auch Asalluḫi ist mit Exorzismen verbunden.
Judentum Tanach Geister, die einem Menschen schaden, werden an einigen wenigen Stellen im Tanach von Gott ausgesandt. So kommt ein böser Geist (; ) von Gott über den sündigen König Saul, nachdem der Geist Gottes von ihm gewichen ist. In sendet Gott einen Lügengeist in den Propheten Zedekia, Sohn des Kenaana, um die sündigen Könige von Israel und Juda in einen Feldzug zu locken, der im Desaster endet. Eine Besessenheit durch böse, unabhängig von einem Auftrag Gottes agierende Geister oder Dämonen kennt der Tanach nicht.
Volksglauben Im jüdischen Volksglauben wird ein zumeist böser Totengeist als Dibbuk bezeichnet, der einen lebenden Körper besetzt, nachdem sich die Seele nicht von ihrer irdischen Existenz trennen konnte. Den Erzählungen nach ist ein Dibbuk zumeist männlich, bewirkt irrationales Verhalten und kann in einer Zeremonie durch einen chassidischen Mystiker ausgetrieben werden.
Christentum
mini|Dämonenaustreibung durch Jesus Christus, Fastentuch im Gurker Dom aus dem Jahr 1458, geschaffen von Meister Konrad von Friesach
Neues Testament
Das Neue Testament setzt die Existenz von Dämonen voraus. In werden sie „Beherrscher dieser finsteren Welt“ genannt. Jesus Christus heilte bei seinen Exorzismen meist gleichzeitig Krankheiten, die bei den betroffenen Menschen infolge der Besessenheit aufgetreten waren. Besonders das Markusevangelium (Mk) schildert solche Austreibungen eindrücklich. Es lässt Jesu öffentliches Wirken in mit einem Exorzismus beginnen: „Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.“ Weiter wird berichtet, wie Jesus einem Besessenen den Dämon bzw. die Dämonen Legion austreibt . Auch Jesu Apostel erhalten die Macht, Dämonen auszutreiben .
Kirchengeschichte
mini|Exorzismus durch den heiligen Franziskus in Arezzo, Gemälde von Giotto
In der Frühzeit des Christentums war der Glaube an Dämonen und an die Notwendigkeit von Exorzismen weit verbreitet, teilweise übernommen aus heidnischer, insbesondere schamanischer, Tradition und fest verwurzelt im Volksglauben. Aber auch für die Kleriker war der Dämonenglaube selbstverständlich, und so wurde das kirchliche Amt des Exorzisten speziell für diese Aufgabe geschaffen. Die meisten größeren Gemeinden hatten zumindest einen Exorzisten. Exorzismus wurde auch an abtrünnigen Christen ausgeübt, da man die Abwendung vom christlichen Glauben als vom Teufel verursacht ansah.
Christliche Autoritäten wie Antonius, Kyrill von Jerusalem und Johannes Chrysostomos empfahlen das Kreuzzeichen als Mittel zur Austreibung von Dämonen. Auch der Kirchenvater Origenes beschrieb detailliert die Möglichkeiten der Dämonenaustreibung. Als weitere Mittel wurden und werden genannt: vor allem der Name Jesu Christi, danach das Taufsiegel, Anblasen, Ausspucken, Verwenden von Räucherwerk, Erz, Eisen, Feuer, Knoblauch, Zwiebeln, Glockenläuten sowie Verzicht auf Schweinefleisch.
Römisch-katholische Kirche
Das Phänomen der Besessenheit hat – da es kein Spezifikum der katholischen Kirche war – bei den frühchristlichen Apologeten zuerst keine besondere Beachtung gefunden. Irenäus von Lyon sah in der Teufelsaustreibung noch eine Gnade, die dem Einzelnen von Gott verliehen wird. Tertullian und andere Kirchenschriftsteller vertraten die Meinung, dass jeder Christ, der davon überzeugt war, diese Gabe zu besitzen, mit der Taufe die Erlaubnis erlange, als Exorzist zu wirken.Adolf Rodewyk, Die Beurteilung der Besessenheit: Ein geschichtlicher Überblick, in: Zeitschrift für katholische Theologie Vol. 72, No. 4 (1950), S. 460–480 (21 pages), S. 462 ff.; abrufbar mit Anmeldung bei JSTOR. Da sich manche Exorzisten sehr selbstherrlich gebärdeten und oft Exorzismusformeln wählten, die nicht dem Geist der Kirche entsprachen, versuchte die römische Kirche im 3. Jahrhundert durch die Einführung einer besonderen Weihe – der Exorzistenweihe – diesen Wildwuchs einzudämmen. Trotzdem blieb im Bewusstsein der Gläubigen noch lange die Vorstellung lebendig, dass Christen, auch Frauen, aufgrund von besonderen Gnadengaben Teufel austreiben könnten. Auf dem Konzil von Laodicea (dessen Beschlüsse später im Decretum Gratiani Aufnahme fanden), wurde die Durchführung des Exorzismus ganz an die Genehmigung des Bischofs gebunden.Rodewyk, Aschaffenburg 1963, S. 470 Damit verlor das Exorzistat, das neben den anderen Kirchenämtern (Ostariat, Lektorat, Akolythat und Subdiakonat) als eine Vorstufe zum Empfang der höheren Weihen angesehen wurde, immer mehr an Bedeutung, bis es als eigenständige Weihestufe gänzlich erlosch. Als Folge der durch das Konzil von Trient initiierten Liturgiereform erschien 1614 unter Papst Paul V. das Rituale Romanum, das neben einigen Formeln des Taufexorzismus auch einen Ritus für den Exorzismus an Besessenen („großer Exorzismus“) enthält.Walter Croce S. J., Innsbruck, in: Zeitschrift für katholische Theologie, vol. 70, No. 3 (1948), Die niederen Weihen und ihre hierarchische Wertung, Eine geschichtliche Studie, S. 264, abrufbar mit Anmeldung bei JSTOR Im Rituale Romanum hieß es ursprünglich noch: „Sacerdotes sive quivis alius legitimus Eccelsiae minister“ (Priester und andere legitime Diener), weil aber nur noch den „sacerdos“ erwähnt, wurde der erweiternde Zusatz bei der Revision des Rituale im Jahr 1925 schließlich ganz gestrichen.Rodewyk, Aschaffenburg 1963
Allgemein
Die römisch-katholische Kirche versteht unter dem Begriff ‚Exorzismus‘ die Bitte an Gott, den Menschen von der Macht des Bösen zu befreien. Beim Exorzismus ist „die Zusammenarbeit mit Psychiatern […] grundlegend“. Vor einem Exorzismus ist die „Konsultation von Psychiatern“ vorgeschrieben.