mini|Artur Rubinstein (1937)
Artur Rubinstein (auch Arthur Rubinstein; * 28. Januar 1887 in Łódź, damals Russisches Kaiserreich; † 20. Dezember 1982 in Genf) war ein polnisch-jüdischer Pianist, der als Exilpole im Alter von 60 Jahren die US-amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Er gilt als einer der großen Pianisten des 20. Jahrhunderts. Besondere Bedeutung erlangte er als Interpret der Werke Frédéric Chopins.Ernst Müller: In: Analogue Audio Association. 2010.Arthur Rubinstein Dies in Geneva at 95 Nachruf in der New York Times, 21. Dezember 1982.
Name Die polnische Schreibweise seines Vornamens ist Artur. Rubinstein bekam ihn, weil eines seiner Geschwister einen Cellisten namens Artur kannte und darum seinen Eltern zu dieser Namenswahl riet. Teil 2, Teil 3, Teil 4
In englischsprachigen Ländern ist die Schreibweise Arthur üblich, die auch auf seiner Grabplatte zu lesen ist.Bild der Grabplatte Rubinsteins Manager in den USA, Sol Hurok, verwendete in der Öffentlichkeitsarbeit jedoch die Schreibweise Artur. In deutschsprachigen Ländern wird der Name überwiegend Arthur geschrieben, so zum Beispiel in den deutschen Ausgaben seiner Autobiografie und auf Schallplatten und CDs. Rubinstein selbst verwendete als Unterschrift die in dem jeweiligen Land übliche Schreibweise:Arthur Rubinstein: My Young Years. Knopf, New York 1973, ISBN 0-394-46890-2, S. 4, Anmerkung. (Im Zitat wurden Anführungszeichen durch Kursivschrift ersetzt.)
Leben Kindheit und Jugend mini|In diesem Gebäude in Łódź lebte die Familie Rubinstein. Im Vordergrund ein Rubinstein-Denkmal. Artur Rubinstein wurde als siebtes Kind von Izaac und Felicja Rubinstein, einer jüdischen Handweberfamilie, geboren. Seine ältere Schwester bekam Klavierunterricht, nahm den allerdings nicht besonders ernst. Der junge Artur hingegen lauschte jedem Wort der Klavierlehrerin und suchte sich gerne bekannte Melodien auf den Tasten zusammen. Mit zwei oder dreiArtur Rubinstein in der Encyclopædia Britannica Jahren begann er, Klavier zu spielen. Sein Vater kritisierte seinen Hang zum Klavier und sagte, Klavierspielen sei etwas für Mädchen, Jungen hingegen würden Geige spielen. Der Vater schenkte ihm eine Geige. Nach einem ersten Versuch, darauf zu spielen, zertrümmerte Artur sie und beharrte darauf, Klavier zu spielen., pdf. Seine Begabung wurde bald erkannt, und man brachte ihn zu Aleksander Różycki, einem angesehenen polnischen Klavierpädagogen. Der konnte mit dem Jungen jedoch nichts anfangen, da Rubinstein einschlief, sobald er irgendwelche Übungen spielen sollte. Im Alter von sieben Jahren gab Rubinstein ein Mozart-Konzert in Łódź mit dem dortigen philharmonischen Orchester. Zur selben Zeit wurde Rubinstein Zeuge eines Pogroms., Youtube
Rubinsteins Mutter brachte den Zehnjährigen im Herbst 1897 nach Berlin, damals die Heimat berühmter Musiker und europäisches Zentrum der Klaviermusik. Joseph Joachim verschaffte dem jungen Rubinstein reiche Förderer und empfahl ihn dem strengen Klavierpädagogen Karl Heinrich Barth, und hier lernte Rubinstein in einem anstrengenden Studium von sieben Jahren vieles, was er als Virtuose brauchte. Er wurde auf Deutsch unterrichtet und sprach später insgesamt acht Sprachen: neben Polnisch und Deutsch auch Russisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.Arthur Rubinstein, huitante-sept ans de carrière RTS, Audio (französisch). Abgerufen am 12. November 2021.
Mit einem adligen polnischen Freund reiste Rubinstein nach Warschau und gab mehrere Konzerte. Er wurde durch seine charmante Art, seine guten Manieren und durch sein hochvirtuoses Klavierspiel der Liebling in den Warschauer Salons.
Laufbahn als Konzertpianist 1904, im Alter von siebzehn Jahren, zog es ihn nach Paris. Dort begann er ernsthaft an seiner Karriere zu arbeiten. Innerhalb weniger Monate wurde er zum Liebling der Pariser Bohème. 1907 spielte er die Oper Salome auswendig; er führte in den Salons den zweiten Akt von Carmen Ton für Ton, sämtliche Arien mitsingend, auf dem Klavier vor. Er lernte Marcel Proust, die Familie Rothschild, Maurice Ravel und Paul Dukas kennen. Das zweite Klavierkonzert von Camille Saint-Saëns spielte er in Anwesenheit des Komponisten.
1906 trat er zum ersten Mal in der Carnegie Hall in New York auf und bereiste die USA, Österreich, Italien und Russland. Zurück in Paris, musste er seinem Impresario gegenüber einräumen, dass die Tournee nicht den erhofften Erfolg gebracht hatte und er für das nächste Jahr nicht wieder engagiert sei. Der junge Graf Armand de Gontaut-Biron bot ihm an, zu ihm in seine Luxuswohnung an der Place Vendôme zu ziehen, sodass Rubinstein die billige Pension, in der er bis dahin wohnte, verlassen konnte.
1912 gab Rubinstein sein Debüt in London, wo er Igor Strawinski, Jacques Thibaud, Pablo Casals, Pierre Monteux und anderen Musikern begegnete. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs blieb er in London, wo er Klavierabende gab und den Violinisten Eugène Ysaÿe begleitete.
1916 besuchte er erstmals Spanien. Vier Klavierabende waren geplant, aber er trat schließlich 120 Mal auf und wurde ein Freund des Königshauses. Er genoss Anerkennung in vielen spanischsprachigen Länder und zählte bald zu den bedeutendsten Interpreten ihrer Musik. Auf einer Tournee entdeckte er begeistert die Werke von Enrique Granados, Isaac Albéniz, Manuel de Falla und Heitor Villa-Lobos. Villa-Lobos widmete ihm sein Klaviersolo Rudepoêma und Strawinski eine dreisätzige Klavierbearbeitung des Balletts Petruschka.
1937 unternahm Rubinstein eine große Konzerttournee durch die USA, die er mit 17 Konzerten im Sturm eroberte. Während des Zweiten Weltkriegs verlegte er seinen Wohnsitz von Paris nach Hollywood, wo er 1946 die Staatsbürgerschaft der USA erhielt. 1944 wirkte er in dem Musicalfilm Follow the Boys mit.
1947 spielte er erstmals wieder in Europa. In mehr als 35 ausverkauften Konzerten bejubelte man ihn. Seine vier Pariser Konzerte brachten eine Summe von 5 Millionen Francs (1,6 Mio. DM) ein, die er Kriegsopfern spendete. 1954 bezog er wieder seinen Pariser Wohnsitz, nur wenige Meter von Debussys letztem Wohnsitz entfernt.
mini|Artur Rubinstein (1969) 1964, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, gab er in Moskau ein als legendär geltendes Konzert mit Werken von Chopin, Schumann, Debussy und Villa-Lobos.
1974 wurde die Arthur Rubinstein International Piano Master Competition in Tel Aviv geschaffen, die seitdem alle drei Jahre stattfindet. Rubinstein war bei den ersten beiden Wettbewerben zugegen.
Im April 1975, als Rubinstein bereits erblindete, entstand in der Londoner Fairfield Hall eine vielbeachtete Konzertaufzeichnung ohne Publikum. Nur für die Kameras spielte er, 88-jährig, mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von André Previn das zweite Klavierkonzert von Chopin, das ihn durch sein ganzes Leben begleitet hatte.Arthur Rubinstein – Das Abschiedskonzert, Arte Mediathek. Sein letztes Konzert gab er im Mai 1976 in der Wigmore Hall in London.
Insgesamt hatte er in seinem Leben rund 6000 Konzerte gegeben.Rubinstein A life in Google Books
Privatleben Rubinstein war ein Frauenheld und machte keinen Hehl daraus. So beschrieb er seine Jugend einmal mit dieser schelmischen Formel: „Man sagt über mich, dass ich in meiner Jugend meine Zeit zwischen Wein, Frauen und Musik aufgeteilt habe. Dies bestreite ich kategorisch. Neunzig Prozent meines Interesses war Frauen gewidmet.“
mini|Urnengrab von Arthur Rubinstein im „Rubinstein Forest“ bei Jerusalem mini|Denkmal im „Rubinstein Forest“ in Form einer stilisierten Klaviertastatur 1932 heiratete Rubinstein 45-jährig die 24-jährige Tänzerin Nela (Aniela) Młynarski (1908–2001), Tochter des Dirigenten Emil Młynarski, unter dessen Leitung er schon als Fünfzehnjähriger konzertiert hatte. Er hatte mit ihr fünf Kinder, darunter den Komponisten und Schauspieler John Rubinstein, die Tochter Eva, eine Fotografin, die William Sloane Coffin heiratete, sowie Alina, die Psychiaterin in New York wurde, und den Schriftsteller Paul. Ein Kind verstarb sehr früh. Ihm werden ferner zwei uneheliche Kinder zugeschrieben, Luli Oswald aus seiner Beziehung mit Paola Medici del Vascello und Raimund Sanders Draper aus der Beziehung mit Muriel Draper,After 50 Years of Pots and Chopins with Husband Arthur, Nela Rubinstein Rolls Out Her Own Cookbook, People, 14. November 1983. Abgerufen am 12. November 2021. zwei von unzähligen Liebesaffairen, die er während seines Lebens hatte. Er meinte hierzu: „Bei den Damen kommt man mit Chopin weiter als mit Mozart.“
Obwohl sich Arthur und Nela nie offiziell scheiden ließen, verließ sie der Pianist 1977 im Alter von 90 Jahren, um mit Annabelle Whitestone (damals 33 Jahre alt) zusammenzuleben.Harvey Sachs, Rubinstein – A life. Google Books. Whitestone, eine Konzertmanagerin, unterstützte ihn beim Verfassen seiner Biographie, woraufhin er ihr den zweiten Band widmete.
Rubinstein starb 95-jährig in Genf. Ein Jahr später wurde die Urne mit seiner Asche – seinem Wunsch entsprechend – in Jerusalem in einem nach ihm benannten Wald beigesetzt.
Der Pianist Rubinstein Begabung Seine große Begabung und Musikalität gaben Rubinstein zunächst die Überzeugung, nicht so viel üben zu müssen. Sein musikalisches Gedächtnis war außergewöhnlich. Wenn Freunde es spielerisch testeten, indem sie ihm irgendeine Stelle in einem Musikstück als Stichwort gaben, konnte er die Stelle fast immer sogleich spielen. Der Dirigent Edouard van Remoortel drückte es so aus: „Rubinstein ist der einzige Pianist, den Sie um Mitternacht aufwecken und auffordern können, jedes beliebige der 38 großen Klavierkonzerte zu spielen.“
Über lange Zeit war Ignacy Jan Paderewski (1860–1941) – insbesondere in Polen – das Maß aller Dinge, wenn es um die Interpretation von Chopin ging. Rubinstein wurde durch seine Interpretation zu einem Kontrapunkt zu Paderewski. Dessen romantische Überdehnungen und bizarre Akzente riefen bei Kennern auch Befremden hervor. Bei aller Bewunderung ging der Pianist Arthur Rubinstein mit seinem älteren Landsmann Paderewski streng ins Gericht. Chopin war für Rubinstein kein Romantiker, er habe nur in der Zeit der Musik der Romantik gelebt.
Laut New York Times begünstigten auch seine langen Arme und die Spannweite seiner Hände sein Spiel. Er konnte eine Spanne von 12 Klaviertasten greifen, vom C bis zum G der nächsten Oktave.
Repertoire mini|Arthur Rubinstein bei einem Konzert am 13. Februar 1962 im Konzerthaus Concertgebouw (Amsterdam). Arthur Rubinstein hat sich im Laufe seiner langen und produktiven Karriere für viele Komponisten interessiert und weitete sein Repertoire aus. Er weigert sich, sich als „Spezialist“ eines bestimmten Komponisten oder eines Repertoires zu bezeichnen. Er gilt trotzdem als einer der größten Interpreten von Chopins Musik. Dabei interessierte sich Rubinstein noch nicht für Chopin, als er als Kind mit dem Klavier vertraut wurde. Viel später erklärt er dies mit der Reife, die für die Interpretation dieses Komponisten erforderlich ist. Er entdeckte diesen Komponisten erst im Alter von 17 Jahren, als er einen Einblick in die künstlerische Praxis des Klaviers bekam – unbeeinflusst durch eine Schule oder einen Lehrer.