mini|Ferenc Molnár am 16. Februar 1941; Fotografie von Carl van Vechten

Ferenc Molnár [] ( auch Franz Molnar; eigentlich Ferenc Neumann; * 12. Januar 1878 in Budapest, Österreich-Ungarn; † 1. April 1952 in New York City) war ein ungarischer Schriftsteller und Journalist. Er gilt neben István Örkény als einer der bedeutendsten ungarischen Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Sein bekanntestes Werk ist das Theaterstück Liliom (1909).

Leben Vielfach wurde angenommen, dass Ferenc Molnárs Leben der Öffentlichkeit bekannt sei und den Bohemiens in den Kaffeehäusern Gesprächsstoff zur Diskussion und Belustigung lieferte. Tatsächlich aber war über seine Kindheit und Jugend wenig bekannt, und für Jahrzehnte lehnte Molnár es ab, seine Biografie zu schreiben. Wenn der Autor um Auskunft über seine frühen Jahre gebeten wurde, erzählte er immer eine witzige Anekdote oder eine sarkastische Darstellung einer gewöhnlichen Begebenheit aus seiner Kindheit. Schließlich gab er aber dem Druck nach und schrieb 1925 im Vorwort zu einem seiner Bücher eine „Selbstbiographie“:

1878 wurde ich in Budapest geboren; 1896 wurde ich Student der Rechte in Genf; 1896 wurde ich Journalist in Budapest; 1897 schrieb ich eine Kurzgeschichte; 1900 schrieb ich eine Novelle; 1902 wurde ich in meiner Heimat ein Bühnenschriftsteller; 1908 wurde ich ein Bühnenschriftsteller im Ausland; 1914 wurde ich ein Kriegskorrespondent; 1916 wurde ich erneut Bühnenschriftsteller; im Jahr 1918 wurde mein Haar schlohweiß; im Jahr 1925 sollte ich wieder ein Student der Rechte in Genf werden.

Diese Aufzählung biografischer Marksteine fasst den meteorhaften Aufstieg seiner künstlerischen Laufbahn knapp zusammen.

Frühe Jahre, 1878–1920 Ferenc Molnár, zweiter Sohn des Mór Neumann, eines jüdischen Arztes, wurde am 12. Januar 1878 in Budapest geboren. (László, der von den Eltern vorgezogene Sohn, starb ein Jahr vor Ferenc’ Geburt.) Seine Mutter, Jozefa Wallfisch, war eine zarte, wortkarge, häufig bettlägerige Frau. Sie starb 1898. Sein Vater, ein bekannter Internist, hatte wenig Zeit für seinen Sohn. Tagsüber war er in seiner Praxis beschäftigt, die Nächte verbrachte er in Casinos und Kaffeehäusern. Der Haushalt war großzügig, aber düster. Eine von Krankheit getragene Stimmung verbreitete sich in den dunklen Räumen. Es war keine freundliche Atmosphäre für den lebhaften und frühreifen Ferenc, der unaufhörlich angehalten wurde, ruhig zu sein. „Nach meiner Geburt gibt es eine fünfjährige Lücke“, schrieb Molnár in seinem autobiographischen Abriss. Die übertriebene Angst vor Tod und Krankheit, die Molnár sein ganzes Leben zeigte, dürfte auf die frühen Jahre zurückzuführen sein.

Die Geburt seiner Schwester Erzsébet im Jahre 1881, bedeutete keine nennenswerte Veränderung in seinem Leben. Die übermäßige Frustration Ferenc’ wurde weiter verschärft durch seine Hauslehrer. Für einige Jahre ließ Neumann – wie es in aristokratischen Familien üblich war – seine Kinder zu Hause unterrichten. Seine lebenslang andauernde leidenschaftliche Liebe zur Literatur begann im frühen Alter mit dem Lesenlernen.

1887 trat er in das Calvinistische Gymnasium ein. Unter seinen Lehrern beeinflusste ihn besonders Ferenc Baráth, der ihn drängte, fremde Sprachen zu lernen, indem er den Schülern Erzählungen fremder Kulturen nahebrachte. Molnár war derart beeindruckt, dass er begann, Finnisch zu lernen. Mit 14 begründete er eine – handgeschriebene – Zeitschrift mit dem Namen Haladás (‚Fortschritt‘). Vier Abschriften wurden davon verkauft. Wenige Monate später lancierte er eine andere Publikation Életképek, die – diesmal in gedruckter Form – eine Auflage von 20 Exemplaren erreichte. Als ihm das Zeitungsgeschäft nicht mehr einträglich schien, fertigte er seine erste dramatische Arbeit. Kék barlang („Blaue Höhle“), von ihm selbst inszeniert, wurde im Hauskeller eines Freundes aufgeführt. Es ist ein Stück über Alchemie. Die wichtigsten Requisiten, blaue Flaschen, hatte Ferenc Molnár aus dem Labor seines Vaters gestohlen. Die flackernden Kerzen in den Flaschen tauchten die Bühne in ein unheimliches blaues Licht. Die Aufführung muss sehr umstritten gewesen sein, da Molnár darüber berichtet: „Es endete in einem Tumult, weswegen mein nächstes Stück für ein Jahrzehnt brachlag, bis das Comedy Theater von Budapest beschloss, es zu spielen.“

Nach Abschluss der höheren Schulbildung im Jahre 1895 schrieb Ferenc sich an der Universität Budapest ein, um Recht zu studieren. Seit jener Zeit besuchte er regelmäßig das „Central Café“, zunächst um seine Aufgaben zu machen. Als er dort mehr Zeit als in den Hörsälen verbrachte, wurde er von seinem Vater nach Genf geschickt, um seine juristischen Studien fortzusetzen. Während der zwei Semester an der dortigen Universität folgte er dem Rat eines Familienfreundes, Péter Heim: Er begann, Reportagen und Berichte zu schreiben und diese nach Ungarn an verschiedene Zeitungen zu schicken. Dabei entstand auch die kurze Novelle Magdolna. Um sein Französisch zu verbessern und einige neue Stücke zu sehen, ging er nach Paris. Die modernen Boulevard-Komödien von Bernstein, Bataille, Capus und anderer beeinflussten später stark den Stil seiner Dramen. Zum Entsetzen seiner Familie kehrte Ferenc Molnár plötzlich nach Budapest zurück. Dort begann er professionell zu schreiben und änderte seinen Namen vom deutschen Neumann in das ungarische Molnár (deutsch: Müller). Seitdem seine Artikel aus Genf Anklang gefunden hatten, gab er seine rechtlichen Studien und eine mögliche juristische Laufbahn 1896 auf und wurde Journalist.

Als Journalist berichtete er für mehrere Zeitungen über verschiedene Themen, vor allem über Gerichtsprozesse für Vészis Budapesti Napló. Bei den Verhandlungen wurde er vertraut mit den Sorgen der besseren Gesellschaft und denen der unteren Klasse. Sein metaphorischer, farbiger Stil erregte sogleich die Aufmerksamkeit der Leser.

Zugleich versuchte er sich auch in einem anderen Metier. Sein erster Roman, Az éhes város (‚Die hungrige Stadt‘), erschien 1901. Dieser ist eine vernichtende Anklageschrift geldhungriger Politiker und sozialer Aufsteiger. Molnár porträtierte die bedingungslose Hingabe der Hauptstadt an einen ehrgeizigen Mann, der aus dem Ausland als Multimillionär in seine Heimat zurückkommt. Diese schonungslose Entlarvung der teuflischen Wirkung des Geldes – geschildert aus der Sicht eines jungen, idealistischen Zeitungsjournalisten – zog erhebliche Aufmerksamkeit auf sich und machte Molnárs Namen populär. Im folgenden Jahr fing er an, für das Theater zu schreiben – und wurde damit schließlich weltberühmt.

Die meisten der frühen Stücke waren Nebenprodukte seiner journalistischen Arbeit. Diese Dramen begannen mit impressionistischen Skizzen, Zufallsszenen und Chroniken, die täglich für die Zeitungen geschrieben wurden. Dass sie in einem Stück Platz finden konnten, war ungewöhnlich. Mehrere seiner Zeitungsartikel bestanden aus zufällig mitgehörten oder vorgestellten Dialogen. Aus solchen Fragmenten bestand auch sein erstes Stück, A doktor úr („Der Herr Doktor“), eine Farce im Stil französischer Komödien. Sein nächstes Lustspiel, Józsi, das zwei Jahre später aufgeführt wurde, wurde als Folge von Dialogen veröffentlicht, deren Protagonist ein anrüchiger Bursche war: eine dramatische Umsetzung von Zeitungssketchen über ein verzogenes, reiches Kind. Während dieser Zeit veröffentlichte Molnár mindestens einen Band (vielleicht aber auch zwei) mit Kurzgeschichten, Essays und Dialogen. Sein Ruhm wuchs schnell.

Sein Charme und sein Witz, aber ebenso seine berüchtigten Liebesaffären, machten ihn bald zum Lieblingsautor des Bürgertums und zum Idol der literarischen Zirkel, die in den Kaffeehäusern verkehrten. 1906 wurde er zum Redaktionsmitglied der Budapesti Napló befördert. Chefredakteur József Vészi war einer der einflussreichsten Journalisten Ungarns. Molnár bewunderte ihn. Vészi liebte es, zu seinen zahlreichen Partys junge Intellektuelle einzuladen, denn er hatte vier hochgebildete Töchter. Molnár brauchte nicht lange, um sich für die sechzehnjährige Margit zu entscheiden. Sie galt als schön und talentiert und erregte als Schriftstellerin und Künstlerin Aufsehen. Margit Vészi hatte viele Verehrer. Molnár hatte bei seinem Werben keineswegs Eile, und sie war sehr geduldig – trotz ihrer Impulsivität und Verwöhntheit. Molnár brauchte sechs Jahre für diesen Schritt.

Die Heirat von Molnár und Margit Vészi war 1906 ein großes gesellschaftliches Ereignis. Ihre Tochter, Márta, wurde im folgenden Jahr geboren, aber zu der Zeit war die Ehe bereits zerstört. Die verbalen Kämpfe zwischen ihnen nahmen an Stärke zu und – wie berichtet wird – auch die körperlichen. Die Trennung vollzog sich schnell.

Molnárs Grübeln über den ehelichen Schiffbruch war nicht von Dauer. Wenige Monate nach der Trennung ging er ein Verhältnis mit Irén Varsányi ein, Ungarns bedeutendster Schauspielerin und Frau des wohlhabenden Fabrikanten Illés Szécsi. Molnár schrieb für sie Az ördög („Der Teufel“), ein Stück, worin eine Schauspielerin aufgefordert wird, ihren langweiligen Ehemann zu verlassen. Das Drama wurde 1907 uraufgeführt und bescherte Molnár internationalen Ruhm und die Mitgliedschaft in der exklusiven „Petöfi Gesellschaft“. Nach dem Duell mit dem eifersüchtigen Szécsi erhielt Molnár eine zweiwöchige Gefängnisstrafe.

1906 schrieb Molnár drei Bücher, darunter den Jugendroman A Pál-utcai Fiúk (Die Jungen von der Paulstraße), welcher die sozialen Probleme der Budapester Jugend anhand einer Jugendgang realistisch beschreibt. Kurz nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1908 vollendete Molnár seine Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel Muzsika („Musik“).

Molnárs größter internationaler Erfolg war die „Vorstadtlegende“ Liliom, ein Theaterstück, das die Erlebnisse eines Budapester Karussell-Ausrufers darstellt. Obwohl die Uraufführung in Budapest 1909 bei Publikum und Kritik durchfiel, folgten nach der deutschsprachigen Erstaufführung in Wien 1912 (Theater in der Josefstadt, Übersetzung: Alfred Polgar) weitere Inszenierungen an zahlreichen deutschsprachigen Theatern. Liliom wurde 1934 von Fritz Lang verfilmt und diente 1945 Rodgers und Hammerstein als Vorlage für das erfolgreiche Broadway-Musical Carousel.

Nachdem er mit Liliom versucht hatte, seine zornige Frau zu besänftigen, indem er sie darin in der Rolle der Juli porträtierte, ging er in Der Gardeoffizier und in Der Wolf dazu über, die Kompliziertheit seiner Affäre mit Irén Varsányi aufzudecken und zu erläutern. Die Liaison zwischen der gefeierten Schauspielerin und ihrem gleichfalls berühmten Liebhaber war der Stadtklatsch von Budapest. Immer wenn die Liebenden ein gemeinsames Treffen arrangierten, erkrankte Varsányis junge Tochter plötzlich schwer. Von Schuld übermannt, kehrte die Mutter schließlich zu ihrer Familie zurück, und die Affäre endete abrupt. Der verlassene Dramatiker fiel, da er nicht gewohnt war, zurückgewiesen zu werden, in tiefe Depressionen, begann zu trinken und unternahm einen Suizidversuch. Während seiner Genesung setzte Molnár sein Schreiben fort. Langsam wurde er zur Legende. Seine Produktivität war beträchtlich. Von 1910 bis 1914 erschienen vier Bände mit gesammelten Essays und Feuilletonbeiträgen, außerdem seine Übersetzungen von über 30 französischen Stücken – vor allem die Komödien von Robert de Flers, Armand de Caillavet und Pierre de Marivaux.

Das Jahr des Ersten Weltkrieges erlebte Molnár in der österreichisch-ungarischen Armee an der Front. Dorthin hatte ihn sein Freund Andor Miklós geschickt, der Herausgeber des Az Est („Der Abend“), einer populären Tageszeitung, die er und Molnár 1910 gegründet hatten. Molnárs lebendige Kriegsberichterstattung zeigte erneut sein journalistisches Talent. Die Berichte aus Galizien wurden regelmäßig auch in der London Morning Post und der New York Times veröffentlicht und erschienen 1916 gesammelt in Buchform in zwei Bänden unter dem Titel Egy haditudósitó („Kriegstagebuch eines Korrespondenten“).