Ilse Losa (* 20. März 1913 in Buer bei Melle; † 6. Januar 2006 in Porto; geb. Ilse Lieblich) war eine deutsch-portugiesische Schriftstellerin und Übersetzerin. Für journalistische Arbeiten benutzte sie das Pseudonym Ana Marcus.

Leben Ilse Lieblich wurde als ältestes von drei Kindern eines jüdischen Pferdehändlers geboren und wuchs zunächst bei den Großeltern in der damals preußischen Provinzstadt Buer auf.Die biographischen Angaben folgen im Wesentlichen dem Eintrag von Karsten Kruschel im 'Deutsches Literatur-Lexikon' 2022, s. u. Literaturverzeichnis Nach dem Schulbesuch in Melle und des Lyzeums in Osnabrück zog die Familie 1928 nach Hildesheim. Die Wirtschaftskrise und der frühe Tod des Vaters verhinderte das Abitur. Ein Sprachschnellkurs an der Handelsschule ermöglichte 1930 eine Au-pair-Stelle in England. Zurückgekehrt nach Berlin erfolgten bis 1933 Aushilfsbeschäftigungen in jüdischen Krankenhäusern und als Bürohilfe in Berlin. Ein Brief an Freunde, in der Ilse sich über die 'Verbrechen des Diskrimination' und den 'Verbrecher Hitler' beklagte, wurde 1934 abgefangenen und führte zu einem Verhör in der Gestapo-Zentrale. Von einem Offizier wurde ihr für den Wiederholungsfall die Verhaftung angedroht. So vorgewarnt besorgte sie sich eine Bahnfahrkarte nach Portugal. Dorthin war bereits ihr Bruder Ernst geflohen.Matthias Albert Koch: A nova moda und Berliner Ballen. Transitstation Portugal. In: Elke-Vera Kotowski: Das Kulturerbe deutschsprachiger Juden: Eine Spurensuche in den Ursprungs-, Transit- und Emigrationsländern. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/München/Boston 2014, S. 436–452.Christina Heine Teixeera: Wartesaal Lissabon 1940 - 1941. In: John M. Spalek (u. a. Hrsg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Band 3, Teil 3 USA, K. G. Saur, Berlin/Boston 2001, S. 441–481 Seit 1930 bestand in Portugal eine Militärdiktatur, die als Estado Novo unter Ministerpräsident Salazar sich dem NS-Staat vor allem wirtschaftlich annähern wollte und in dem Deutschkenntnisse sehr populär waren.Christa Heinrich, Merete Vargas, Hans Winterberg (Hrsg.): Fugando a Hitler e ao holocausto. Refugiados em Portugal entre 1933-1945. Emigranten in Portugal 1933-1945. Ein Lesebuch zur Ausstellung. Goethe-Institut, Lissabon 1994 Daher konnte Ilse gut als Deutschlehrerin arbeiten.Claudia Schoppmann (Hrsg.): Im Fluchtgepäck die Sprache. Deutschsprachige Schriftstellerinnen im Exil. Überarbeitete Auflage, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-596-12318-6, S. 227–235, hier S. 227 f. Dadurch lernte sie auch schnell Portugiesisch und arbeitete zunehmend als Dolmetscherin und Übersetzerin. In den akademischen Kreisen lernte sie den Architekten Arménio Losa (1908–1988) kennen, den sie 1935 heiratete und so die portugiesische Staatsangehörigkeit erlangte, die eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst ermöglichte.Irene F. Pimentel: Portugal e os Refugiados. Setembro de 1939-1941/1942. In: Irene Flunser Pimentel, Cláudia Ninhos (Hrsg.): Salazar, Portugal e o holocausto. Círculo de Leitores, Lissabon 2013, S. 413–498. Ilse konnte so 1937-1939 an einer Fachhochschule für Grundschullehrerausbildung und als Kindergartenleiterin in Porto arbeiten. Daraus ergaben sich sowohl eine Dozentur für Kinderliteratur als auch Lektorate für deutsche Literatur im Verlag Livros do Brasíl in Lissabon. Mit den vorsichtigen Demokratisierungen in der Nachkriegszeit unter Präsident Carmona wurden die Repressionen gegen Juden sowie die strenge Pressezensur liberalisisiert.Michael Studemund-Halévy: Zwischen Rückkehr und Neuanfang. Juden in Portugal. In: Dietrich Briesemeister, Axel Schönberger (Hrsg.): Portugal heute. Politik, Wirtschaft, Kultur. Vervuert, Frankfurt/Main, 1997, S. 299–316. Damit wurden auch verdeckt regime-kritische Texte möglich, zu denen 1949 ihre autobiographische Erzählung 'O mundo em que vivi' gehörte. Die erzählerische Vielfalt macht den Roman heute zum festen Teil des portugiesischen Lesekanons.vgl. dazu: Die Überprüfungen der Geheimpolizei 'PIDE' konnte Ilse durch die geschickte Wahl der von ihr übersetzten deutschen Autoren austricksen. Die Werke z. B. von Bertolt Brecht, Max Frisch und Anna Seghers bearbeiten allesamt die Fragen um Diktatur, Ausgrenzung und Freiheitsdrang. Als Verlagslektorin und Übersetzerin förderte sie wichtige portugiesische Romanciers wie Manuel da Fonseca und übersetzte sein vom Salazar-Regime verbotenes Buch „Saat des Windes“ ins Deutsche. Ihr schriftstellerisches Standbein war und blieb die Kinderliteratur. Ihre Figuren sind dabei stets auch Helden und Vorkämpfer für Eigensinn und Anderssein, wie der 'kurzbeinige Herr' (1979), ihr eigensinniger Papagei 'Bonifácio' (1980) oder die unerschütterliche Umweltschützerin 'Beatriz' (2000). Zusammen mit ihren kleinen journalistischen Texten, Glossen und Kolumnen für Zeitungen gehören die Kinderbücher in Portugal zur Schullektüre. „Ilse Lieblich Losa hat sich als fest verankerte und dennoch zwischen den Polen stehende Mittlerin zweier sprachlicher Welten im transnationalen Kulturaustausch verdient gemacht.“ In Portugal wurden sie und ihr Werk geliebt und anlässlich ihres 100. Geburtstags im März 2013 wurde sie dort als „Lichtblick portugiesischer Kultur geehrt“.Um so unverständlicher ist es, dass Ilse Losa im deutschen Literaturmarkt und der Germanistik immer noch vergessen scheint, vgl. Susanne Zepp: Post-Essentialist Belonging in Portuguese. Herberto Helder (1930–2015). In: diess., Ruth Fine (u. a. Hrsg.): Disseminating Jewish Literatures. Knowledge, Research, Curricula. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, S. 25–34, hier S. 32, Anm. 12

2024 wurde zu Ehren von Ilse Losa der 50. frauenORT in Melle eingeweiht.

Werke O mundo em que vivi. Marânus, Porto 1949 (Titelzeichnung Mädchenporträt von Gretchen Wohlwill); erneut: Portugália, Lissabon 1964; Plátano, Lissabon 1975; Afrontamento, Porto 1987 (= 5. Auflage, überarbeitet). Übersetzung: Die Welt in der ich lebte. Die Geschichte der Rose Frankfurter. Übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann. Beck & Glückler, Freiburg im Breisgau 1990, ISBN 3-924175-55-1 und als Neuauflage im Bergmann-Verlag, Melle-Neuenkirchen 2016, ISBN 978-3-945283-27-1. Faísca conta a sua história. (Faísca erzählt seine Geschichte, Kinderbuch) Marânus, Porto 1949. Histórias Quase Esquecidas. (Fast vergessene Geschichten, Erzählungen) Marânus, Porto 1950. Grades brancas. (Weiße Gitter, Prosagedicht) Centro Bibliográfico, Lissabon 1951. Rio sem ponte. (Fluss ohne Brücke, Roman) Europa-América, Lissabon 1952. Ana Seghers: Anna Seghers. (Erzählungen) übersetzt und mit Vorwort von Ilse Losa. Atlântida, Coimbra 1954 (= Antologia do conto moderno). O cinema e a criança. (Kino und das Kind, Texte) Clube Português de Cinematografia, Porto 1954 (= Projecção 4). Diário de Anne Frank. (Das Tagebuch der Anne Frank). Übersetzt nach der Ausgabe von Anneliese Schütz, Verlag Lambert Schneider Heidelberg 1950 mit einem Vorwort Ilse Losa. Livros do Brasil, Lissabon 1955. Aqui havia uma casa. contos e novelas. (Hier war ein Haus. Kurzgeschichten und Novellen) Portugália, Lissabon 1955. A flor azul. (Die blaue Blume, Kinderbuch) Figueirinhas, Porto 1955; erneut: ASA, Porto 1976. Ernst Schnabel: No rasto de Anne Frank. (Anne Frank. Spur eines Kindes, 1958). Übersetzt von Ilse Losa, Livros do Brasil, Lissabon 1959. Ida e volta – À procura de Babbitt. (Rundreise: Auf der Suche nach Babbitt, Reiseerzählung) Portugália, Lissabon 1960; erneut: Afrontamento, Porto 1993.Ana Isabel Marques: Ida e Volta. À Procura de Babbitt, by Ilse Losa – A Travel to America Looking for Babbitt and for Selfhood. In: Interdisciplinary Journal of Portuguese Diaspora Studies; Jg. 8, (2019), S. 65–73. Lieder aus Portugal. Ausgewählt, übersetzt und erläutert von Ilse Losa und Fernando Lopes-Graça. Wegner, Hamburg 1961 (= Lieder der Welt 6). Bertolt Brecht: Ti Coragem e os seus filhos. A boa alma de Sé-Chuão. (Mutter Courage und ihre Kinder. Der gute Mensch von Sezuan; Theater 1). Übersetzt von Ilse Losa und Jorge de Sena. Portugália, Lissabon 1961. Max Frisch: Andorra. (Theaterstück) übersetzt von Ilse Losa mit Manuela Delgado. Portugália, Lissabon 1961. O Príncipe Nabo da Nabolândia. (Prinz Nabo von Naboland, Kinderbuch) Livraria Divulgação, Porto 1962, Neuauflage mit Illustrationen von Fernando Relvas, Plátano, Lissabon 1978. João e Guida. (Bearbeitung von 'Hänsel und Gretel' nach Jacob und Wilhelm Grimm, Kindertheaterstück) Livraria Divulgação, Porto 1962, 5. Aufl. mit Illustration von Luísa Brandão, Edition ASA, Porto 1997 (Colecção Asa juvenil 12) ISBN 972-41-0245-9. Sob céus estranhos. (Roman) Portugália, Lissabon 1962; erneut: Afrontamento, Porto 1987 (überarbeitet). Eigene Übertragung ins Deutsche als Unter fremden Himmeln. Beck & Glückler, Freiburg im Breisgau 1991, ISBN 3-924175-58-6. Portugiesische Erzähler. Herausgegeben und übersetzt von Ilse Losa mit Óscar Lopes. Aufbau Verlag, Berlin 1962.Anthologie mit Agustina Bessa-Luís, José Maria Ferreira de Castro, Branquinho da Fonseca, Irene Lisboa, Manuel Mendes, José Régio, Aquilino Ribeiro, Miguel Torga, u. a. Ivo Andrić: A velha menina. (Gospođica / Das Fräulein, Roman) übersetzt von Ilse Losa mit Manuela Delgado. Livros do Brasil, Lissabon 1962. Bertolt Brecht: O círculo de giz caucasiano. Ascensão e queda da cidade de Mahagonny. (Der kaukasische Kreidekreis. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny; Theater 2). Übersetzt von Ilse Losa und Jorge de Sena. Portugália, Lissabon 1963. Encontro no Outono. Contos. (Treffen im Herbst, Erzählungen)enthält außer der Titelgeschichte 'O Poema'/ 'Ein Gedicht'; 'Retta ou os ciúmes da Morte'/'Retta oder die Eifersucht des Todes'; 'Ambrósia'; 'A Tília'/'Die Linde' aus verstreuten Veröffentlichungen seit 1958 Portugália, Lissabon 1964. Bertolt Brecht: O julgamento de Lúculo; a Excepção e a Regra; Baal. (Das Verhör des Lukullus. Die Ausnahme und die Regel. Baal, Theater 3). Übersetzt von Ilse Losa und Jorge de Sena. Portugália, Lissabon 1965. Bertolt Brecht: Tambores na noite; Homem morto, homem posto; O senhor proprietário e o seu criado. (Trommeln in der Nacht. Mann ist Mann. Herr Puntila und sein Knecht Matti; Theater 4). Übersetzt von Ilse Losa und Jorge de Sena. Portugália, Lissabon 1966. Manuel da Fonseca: Gesäter Wind. (Seara de vento, Roman). Übersetzt von Ilse Losa. Verlag Volk und Welt, Berlin 1967. Das versunkene Schiff. Erzählungen. Verlag der Nation, Berlin 1967. Eigene Übertragung ins Portugiesische als O barco afundado. Edições Novaera, Lissabon 1979. A adivinha. (Das Rätsel, Theaterstück) Figueirinhas, Porto 1967; 1979 (überarbeitet); erneut: Afrontamento, 1994. Ich kann die Liebe nicht vertagen. Moderne portugiesische Lyrik. Übersetzt und herausgegeben von Ilse Losa und Óscar Lopes. Verlag Volk und Welt, Berlin 1969 Günter Eich: Diante de Setúbal, a ressaca. (Die Brandung vor Setúbal, Hörspiel). Übersetzt von Ilse Losa und Marta Cristina de Araújo. In: Humboldt (Magazin, Hamburg), Jg. 10 (1970), Nr. 21, S. 72–84. Erkundungen. 30 portugiesische Erzähler. Hrsg. von Ilse Losa und Egito Gonçalves. Verlag Volk und Welt, Berlin 1973. Histórias inesquecíveis para crianças. (Unvergessliche Geschichten für KinderInhalt u. a. Gebrüder Grimm: 'Die drei Spinnerinnen', Wilhelm Hauff 'Die Geschichte von dem kleinen Muck', sowie Hans Christian Andersen, Selma Lagerlöf, Leo Tolstoi u. a.) ausgewählt und teilw. übersetzt von Ilse Losa, illustriert von Manuela Bacelar. Livros do Brasil, Lissabon 1974. O Mosquito e o Senhor Pechincha. (Die Mücke und Herr Schnäppchen, Kinderbuch) mit Illustration von Manuela Bacelar. Livros Horizonte, Lissabon 1979 (= Colecção pássaro livre 19).