mini|Josef Pieper

Josef Pieper (* 4. Mai 1904 in Elte; † 6. November 1997 in Münster) war ein deutscher christlicher Philosoph. Er wurde vor allem durch seine Rezeption des Werkes von Thomas von Aquin, durch seine Tugendlehre sowie durch Schriften über Muße und Kult bekannt. Er gilt als profilierter Vertreter einer metaphysischen Philosophie in thomistischer Tradition.Berthold Wald: „Pieper, Josef“, in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 427–428. Piepers Werke sind in zahlreichen Sprachen erschienen und erreichen ein breites internationales Publikum.Holger Flachmann: Leben und Werdegang Josef Piepers. In: Europäische Werte denken. Josef Pieper – Philosoph, Lehrer, Autor. Begleitband zur Ausstellung, Münster 2004, S. 9–10.

Leben und Wirken mini|Katholisch-Theologische Fakultät in Münster mini|Josef Piepers Grab in Münster

Kindheit und Ausbildung (1904–1928) Pieper wuchs als ältestes von fünf Kindern im katholisch geprägten Münsterland auf. Sein Vater war Lehrer und wurde später Rektor in Münster.Holger Flachmann: Lebensdaten Josef Piepers. In: Europäische Werte denken. Josef Pieper – Philosoph, Lehrer, Autor. Begleitband zur Ausstellung, Münster 2004, S. 42–44. Nach dem Umzug der Familie 1912 besuchte er das Gymnasium Paulinum, wo er 1923 das Abitur ablegte.Holger Flachmann: Lebensdaten Josef Piepers. In: Europäische Werte denken. Josef Pieper – Philosoph, Lehrer, Autor. Begleitband zur Ausstellung, Münster 2004, S. 42–44.

1919 trat er der katholischen Jugendbewegung Quickborn bei und begegnete dort Romano Guardini, dessen Einfluss für seine geistige Entwicklung entscheidend war. Guardinis Forderung nach Respekt vor der Wirklichkeit prägte Piepers philosophisches Grundanliegen („Alles Sollen gründet im Sein“).Josef Pieper: Philosophie in Selbstdarstellungen, in: ders., Werke in acht Bänden, Erg.-Bd. 2: Autobiographische Schriften, Hamburg: Meiner 2003, S. 52–54 u. 77. Auch Erich Przywara gehörte zu seinen frühen geistigen Lehrern. In Ferienkursen lernte Pieper bei ihm das Konzept der analogia entis kennen – die „Seinsanalogie“, also die Einsicht, dass alles geschaffene Sein einerseits von Gott unterschieden ist, andererseits aber in einem gewissen Sinn immer auf ihn verweist. Diese Denkfigur prägte Pieper dauerhaft.Josef Pieper: Philosophie in Selbstdarstellungen, in: ders., Werke in acht Bänden, Erg.-Bd. 2: Autobiographische Schriften, Hamburg: Meiner 2003, S. 81–83. Bereits als Schüler begann er zudem mit der intensiven Lektüre des Thomas von Aquin, die sein Denken bis ins Alter begleitete.Josef Pieper: Philosophie in Selbstdarstellungen, in: ders., Werke in acht Bänden, Erg.-Bd. 2: Autobiographische Schriften, Hamburg: Meiner 2003, S. 63–64.

Von 1923 bis 1928 studierte Pieper in erster Linie in Münster Philosophie, Rechtswissenschaft und Soziologie. Im Wintersemester 1926/27 verbrachte er zusätzlich ein Semester in Berlin, wo er Rechtswissenschaften belegte. Im Februar 1928 promovierte er in Münster mit der Dissertation Die ontische Grundlage des Sittlichen nach Thomas von Aquin.Holger Flachmann: Leben und Werdegang Josef Piepers. In: Europäische Werte denken. Josef Pieper – Philosoph, Lehrer, Autor. Begleitband zur Ausstellung, Münster 2004, S. 12–13.

Wissenschaftliche Anfänge (1928–1933) Von 1928 bis 1932 arbeitete Pieper als Assistent des Soziologen Johann Plenge am „Forschungsinstitut für Organisationslehre und Soziologie“ der Universität Münster.Josef Pieper: Philosophie in Selbstdarstellungen, in: ders., Werke in acht Bänden, Erg.-Bd. 2: Autobiographische Schriften, Hamburg: Meiner 2003, S. 84–91. Die Jahre bei Plenge waren für ihn einerseits eine Schule der Soziologie, andererseits von Konflikten geprägt. In dieser Zeit veröffentlichte er erste sozialwissenschaftliche Arbeiten, darunter Die Grundformen sozialer Spielregeln (1933), in der er Regeln des sozialen Zusammenlebens beschreibt und Ideologien kritisiert.Holger Flachmann: Leben und Werdegang Josef Piepers. In: Europäische Werte denken. Josef Pieper – Philosoph, Lehrer, Autor. Begleitband zur Ausstellung, Münster 2004, S. 21–28.

Freier Schriftsteller und NS-Zeit (1933–1945) Ab 1932 arbeitete Pieper am Dortmunder „Institut für Neuzeitliche Volksbildungsarbeit“. Hier legt er mit der Schrift Vom Sinn der Tapferkeit (1934) den Grundstein zu seiner späteren Reihe von Tugendtraktaten. In dieser Schrift versteht er Tapferkeit nicht im nationalsozialistischen Sinn des „heroischen Einsatzes“, sondern klassisch als von der Gerechtigkeit abhängige Tugend – eine bewusste Gegenakzentuierung zum Zeitgeist.Josef Pieper: Philosophie in Selbstdarstellungen, in: ders., Werke in acht Bänden, Erg.-Bd. 2: Autobiographische Schriften, Hamburg: Meiner 2003, S. 95–97; Josef Pieper: Vom Sinn der Tapferkeit, in: ders., Werke in acht Bänden, Bd. 4: Schriften zur Philosophischen Anthropologie und Ethik. Das Menschenbild der Tugendlehre, Hamburg: Meiner 1996, S. 113–136.

Zu seinem Umfeld gehörten katholische Intellektuelle wie Peter Wust und Karl Thieme. 1935 heiratete er Hildegard Münster. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, darunter der Sozialwissenschaftler Michael Pieper.Berthold Wald: Pieper, Josef, in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 427–428. Das Familienleben bleibt für ihn ein konstanter Rückhalt.

Während des Nationalsozialismus hielt Pieper Distanz zum Regime und konzentrierte sich auf christlich-philosophische Themen.Holger Flachmann: Leben und Werdegang Josef Piepers. In: Europäische Werte denken. Josef Pieper – Philosoph, Lehrer, Autor. Begleitband zur Ausstellung, Münster 2004, S. 28–33. 1940 wird er als Psychologe zur Wehrmacht eingezogen, 1943 arbeitet er als Gutachter für Kriegsbeschädigte in Münster.Lebensdaten Josef Piepers. In: Europäische Werte denken. Münster 2004, S. 42–44.

Rolle im Nationalsozialismus Der Philosoph Kurt Flasch sieht in einer Schrift Piepers aus dem Jahr 1934 eine anfängliche Nähe zu einzelnen sozialpolitischen Zielen des NS-Staates. Er betont jedoch, dies sei „nur in seiner Denkwelt der Jahre 1933 und 1934“ zu beobachten.Kurt Flasch: Katholische Wegbereiter des Nationalsozialismus. Frankfurt a. M. 2021, S. 15. Demnach versuchte Pieper in dieser frühen Phase, katholische Soziallehre – vor allem die Enzyklika Quadragesimo anno – mit der vom Regime propagierten Sozialpolitik in Beziehung zu setzen. Flasch wertet dies als Fehleinschätzung der Situation.

Der Politikwissenschaftler Hans Maier betont dagegen, Pieper sei kein „Wegbereiter des Nationalsozialismus“ gewesen. Er habe sich anfangs täuschen lassen, dem Regime aber „keine Anstöße, keine Anregungen“ gegeben und sich rasch distanziert.Hans Maier: Ordnung, Führung, Bindung. In: Süddeutsche Zeitung, 15. November 2021, S. 9.

In Vom Sinn der Tapferkeit (1934) warnt Pieper vor einem „zerstörerischen Gegenschlag eines Irrationalismus“, der „dem Primat des […] Geistes selbst […] den Krieg erklärt“ habe.Josef Pieper: Vom Sinn der Tapferkeit, in: ders., Werke in acht Bänden, Bd. 4: Schriften zur Philosophischen Anthropologie und Ethik. Das Menschenbild der Tugendlehre, Hamburg: Meiner 1996, S. 113–136, hier S. 117. Damit kritisiert er indirekt den von den Nationalsozialisten propagierten Umbau der Gesellschaft zu einer angeblich „einzigen Gemeinschaft“. Wegen solcher Distanzierungen wird Pieper publizistisch behindert.Holger Flachmann: Leben und Werdegang Josef Piepers. In: Europäische Werte denken. Josef Pieper – Philosoph, Lehrer, Autor. Münster 2004, S. 28–33.

Ein Schreiben des NSDAP-Gaupersonalamtsleiters Kurt Gräßner an den Landeshauptmann Karl-Friedrich Kolbow vom 7. Januar 1943 charakterisiert Pieper als aus „starken Bindungen zur Lehre und Tradition der katholischen Kirche“ heraus im Kern negativ gegenüber dem Nationalsozialismus eingestellt und „ohne Verständnis für die Rassenfrage“. Eine politische Einflussnahme sei bei ihm nicht zu erwarten.LWL-Archiv, Bestand 907 Nr. 11, zitiert nach Holger Flachmann: Leben und Werdegang Josef Piepers. In: Europäische Werte denken. Josef Pieper – Philosoph, Lehrer, Autor. Begleitband zur Ausstellung, Münster 2004, S. 19–20.

Der Philosoph Fernando Inciarte ordnet Pieper klar als Gegner des Nationalsozialismus ein, auch wenn er die Grenze zum offenen Widerstand nicht überschreitet. Seine Schriften beeinflussen jedoch nachweislich Oppositionelle wie Dietrich Bonhoeffer.Fernando Inciarte: Über Josef Pieper. In: Philosophisches Jahrbuch, 105 (1998), S. 238–240, hier S. 239.

Nachkriegszeit und Professur (1945–1964) 1946 habilitierte sich Pieper mit der Schrift Wahrheit der Dinge und beginnt seine Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Akademie Essen in Essen-Kupferdreh sowie an der Universität Münster.Josef Pieper: Wahrheit der Dinge. Eine Untersuchung zur Anthropologie des Hochmittelalters, in: ders., Werke in acht Bänden, Bd. 5: Schriften zur Philosophischen Anthropologie und Ethik. Grundstrukturen menschlicher Existenz, Hamburg: Meiner 1997, S. 99–179.Josef Pieper: Noch nicht aller Tage Abend, in: ders., Werke in acht Bänden, Erg.-Bd. 2: Autobiographische Schriften, Hamburg: Meiner 2003, S. 234–238. 1950 wird er außerplanmäßiger, 1959 ordentlicher Professor für Philosophische Anthropologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät Münster.Josef Pieper: Noch nicht aller Tage Abend, in: ders., Werke in acht Bänden, Erg.-Bd. 2: Autobiographische Schriften, Hamburg: Meiner 2003, S. 260–262.Holger Flachmann: Lebensdaten Josef Piepers, in: Europäische Werte denken. Josef Pieper – Philosoph, Lehrer, Autor, Münster 2004, S. 42–44. Dort etablierte er die vielbesuchte „Samstagsvorlesung“, die über ein Vierteljahrhundert lang in Münster zu einer Institution wurde. Wegen des großen Andrangs fand sie im größten Hörsaal der Universität am Domplatz statt, und über Jahre hielt Pieper sie sogar zweimal hintereinander, um allen Zuhörern gerecht zu werden.Josef Pieper: Noch nicht aller Tage Abend, in: ders., Werke in acht Bänden, Erg.-Bd. 2: Autobiographische Schriften, Hamburg: Meiner 2003, S. 260–262; vgl. Holger Flachmann: Lebensdaten Josef Piepers, in: Europäische Werte denken. Josef Pieper – Philosoph, Lehrer, Autor, Münster 2004, S. 42–44.

Nach 1945 intensivierten sich Piepers Kontakte zu Theologen und Philosophen. In Basel kam es zu einer freundschaftlichen Wiederbegegnung mit Hans Urs von Balthasar, der ihm seine Claudel-Übersetzung Der seidene Schuh schenkte.Josef Pieper: Eine Geschichte wie ein Strahl, in: ders., Werke in acht Bänden, Erg.-Bd. 2: Autobiographische Schriften, Hamburg: Meiner 2003, S. 269. Arbeits- und Vertrauensbeziehungen verbanden Pieper zudem mit seinem Verleger Jakob Hegner.

Internationale Gastprofessuren führten ihn unter anderem an die University of Notre Dame, die Stanford University und die University of Toronto. Hinzu kamen ausgedehnte Vortragsreisen nach Nordamerika und Asien, die Pieper als Vertreter einer „klassisch inspirierten christlichen Philosophie“ weithin bekannt machten.Lebensdaten Josef Piepers. In: Europäische Werte denken. Münster 2004, S. 42–44.

Internationale Anerkennung und Rezeption (1964–1984) Piepers internationale Vernetzung zeigt sich besonders in seinen Kontakten zu Karol Wojtyła, dem späteren Papst Johannes Paul II., und zu Joseph Ratzinger. Mit Wojtyła kam es auf dem Thomistenkongress in Rom und Neapel zu einer sofortigen Verständigung; Pieper nennt diese Begegnung „die weitaus wichtigste“ des Kongresses. Spätere Treffen fanden in Krakau statt, unter anderem 1976 im erzbischöflichen Palast, wo Wojtyła Pieper nachdrücklich einlud, Polen zu besuchen.Josef Pieper: Eine Geschichte wie ein Strahl, in: ders., Werke in acht Bänden, Erg.-Bd. 2: Autobiographische Schriften, Hamburg: Meiner 2003, S. 604–615.