mini|Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792; laut Hölderlins Schwester Heinrike jedoch nicht gut getroffenHeinrike in einem Brief an Hölderlin vom 9. Mai 1795: „Dein l[iebes] Portrait, dem aber freilich auch nach der guten Großmutter Beurtheilung viel zur Aehnlichkeit fehlt“. rahmenlos|110px|zentriert|klasse=skin-invert-image
Johann Christian Friedrich Hölderlin (* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, Herzogtum Württemberg; † 7. Juni 1843 in Tübingen, Königreich Württemberg) war ein deutscher Dichter, der zu den bedeutendsten Lyrikern seiner Zeit zählt. Sein Werk lässt sich innerhalb der deutschen Literatur um 1800 weder der Weimarer Klassik noch der Romantik zuordnen.
Leben Lauffen am Neckar mini|Das Amtshaus des Klosterhofmeisters in Lauffen, Bleistiftzeichnung um 1800 von Julius Nebel.Adolf Beck, Paul Raabe: Hölderlin. Eine Chronik in Wort und Bild. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1970, Abb. 1 und S. 339. Obwohl man es für Hölderlins Geburtshaus hielt, wurde es 1918 zugunsten eines Neubaus abgerissen.
Friedrich Hölderlin war der Sohn des Klosterhofmeisters Heinrich Friedrich Hölderlin (1736–1772) und dessen Ehefrau Johanna Christiana Hölderlin, geb. Heyn (1748–1828).Zu Hölderlins Mutter siehe auch Die Herkunftsfamilien der Eltern gehörten dem gesellschaftlichen Stand der Ehrbarkeit an.Gunter Martens: Friedrich Hölderlin. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 8. Hölderlins Mutter stammte aus einer württembergischen Pfarrersfamilie, die sich auf Regina Bardili, geb. Burckhardt (1599–1669), zurückführen lässt.Gunter Martens: Friedrich Hölderlin. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 10.
Als Klosterhofmeister verwaltete der Vater seit 1762 in landesherrlichem Auftrag die Güter des ehemaligen Dominikanerinnenklosters in Lauffen am Neckar. Seine Amtswohnung befand sich im Amtshaus des Klosterhofmeisters. Hier lebte er mit seiner Frau bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1772. Der Sohn Friedrich, der 1770 als erstes Kind geboren wurde, erlebte seine ersten beiden Lebensjahre in diesem Haus. Während man früher glaubte, dass er in dem Amtshaus geboren wurde, gilt dies heute als unsicher.
Am 7. April 1771 wurde Friedrichs nächstjüngere Schwester Johanna Christiana Friderica geboren, die am 16. November 1775 verstarb. Am 5. Juli 1772, im Alter von zwei Jahren, verlor er seinen Vater durch einen Schlaganfall. Sechs Wochen nach dessen Tod kam seine Schwester Maria Eleonora Heinrica (* 15. August 1772) zur Welt, in Hölderlins Briefen „Rike“ genannt.
Nach dem Tod des Vaters musste die Mutter vom Amtshaus in das private Wohnhaus der Familie Hölderlin umziehen, das sich in der Nähe befand. In diesem privaten Wohnhaus lebte sie als Witwe von 1772 bis 1774 mit ihren Kindern und mit zwei Tanten Hölderlins. Möglicherweise war es auch Hölderlins Geburtshaus. Zur Zeit seiner Geburt wohnten dort die beiden Tanten. Da bei Geburten nur Frauen anwesend sein durften, könnte es sein, dass Hölderlins Mutter zu den Tanten ging, um dort zu entbinden. Heute ist dieses Hölderlinhaus in Lauffen ein Hölderlin-Museum und Veranstaltungszentrum.Museum im Geburtshaus: Wo Hölderlin die Treppe hinunterrutschte dpa-Bericht auf zeit.de, 18. März 2020.
Nürtingen Hölderlins verwitwete Mutter heiratete im Oktober 1774 Johann Christoph Gok (1748–1779), Weinhändler und später auch Bürgermeister in Nürtingen. Die Familie zog in den „Schweizerhof“ in Nürtingen, ein repräsentatives Anwesen mit ländlichem Umgriff in der Neckarsteige, das Gok bereits vor der Heirat gekauft und renoviert hatte, aber nur mit Geld seiner Frau im Lauf der Zeit abzahlen konnte.Pierre Bertaux: Friedrich Hölderlin. Suhrkamp Taschenbuch 686, Frankfurt am Main 1981, S. 600 ff. Friedrich und seine Schwester Heinrike bekamen hier einen Halbbruder, Karl Gok (1776–1849). Johann Christoph Gok starb schon am 13. März 1779 durch eine Lungenentzündung, als Hölderlin knapp neun Jahre alt war, so dass seine erst 30-jährige Mutter zum zweiten Mal Witwe wurde.Ingrid Dolde: „Der Mutter Haus“. In: Nürtinger Zeitung, 24. März 2012, online bei hoelderlin-nuertingen.de.
In Nürtingen besuchte Hölderlin von 1776 bis 1784 die Lateinschule, außerdem bekam er Klavier- und Flötenunterricht.Friedrich Hölderlin: Leben. In: hoelderlin-gesellschaft.de In der Stadtkirche St. Laurentius wurde er am 18. April 1784 konfirmiert.
In dem Haus in Nürtingen wohnten Hölderlin rund zehn Jahre bis 1784 und seine Mutter bis 1798. Auch während seiner Studienjahre hielt er sich in den Ferien oft hier auf. Das Haus in Nürtingen war auch in den darauf folgenden Jahren immer wieder Zufluchtsort für den nach einer Stellung in der Gesellschaft suchenden Dichter. Das Gefühl der Heimkehr nach Nürtingen beschrieb er in seinem Gedicht Die Heimath (1798); in der erweiterten Fassung (1800) ist auch von „der Mutter Haus“ die Rede. In Nürtingen schrieb er auch an seinem Briefroman Hyperion, wobei ihn sein Bruder Karl unterstützte.
Ausbildung zum Theologen Hölderlin folgte zunächst dem Wunsch seiner Mutter, die sich für ihn den Beruf des Pfarrers vorstellte. Zur Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung an einer Klosterschule erhielt er ab 1782 in Nürtingen bei Nathanael Köstlin Privatunterricht in Griechisch, Hebräisch, Latein und Rhetorik. In dieser Zeit lernte er den fünf Jahre jüngeren Friedrich Wilhelm Joseph Schelling kennen, der 1783/84 ebenfalls die Lateinschule in Nürtingen besuchte.
Nach bestandenem Landexamen im September 1783 besuchte Hölderlin ab Oktober 1784 die evangelische Klosterschule in Denkendorf (1784–1786) und ab Oktober 1786 das Seminar in Maulbronn (1786–1788). In Maulbronn erlebte er eine erste Liebe zu Louise Nast (1768–1839), der Tochter des Klosterverwalters Johann Conrad Nast.Martin Ehlers: Die Familie Nast in Maulbronn. In: Hölderlin-Jahrbuch, 29 (1994/1995), S. 262–275. Die Verlobung mit ihr löste Hölderlin jedoch 1790 wieder auf.Hermann Hesse (Hrsg.): Friedrich Hölderlin. Dokumente seines Lebens, 2012, S. 20. In einem Brief an Louise Nast schreibt er Anfang 1790 aus Tübingen: „Es ist und bleibt mein unerschütterlicher Vorsatz, Dich nicht um Deine Hand zu bitten, bis ich einen Deiner würdigen Stand erreicht habe. […] ich will heiter Dir Glück wünschen, wenn Du einen Würdigen wählst, und Du wirst dann erst einsehen, daß Du mit Deinem mürrischen, mißmutigen, kränkelnden Freunde nie hättest glücklich werden können.“Hermann Hesse (Hrsg.): Friedrich Hölderlin. Dokumente seines Lebens, 2012, S. 27. Auch die wichtige und innige Freundschaft mit Immanuel Nast, Skribent im Leonberger Rathaus und Louises Cousin, wird stillschweigend aufgekündigt.Hans-Joachim Albinus: Kepler und Hölderlin in Leonberg. Spuren, Bd. 140. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach, 2024.
Während des anschließenden Theologiestudiums an der Universität Tübingen (1788–1793) war er Stipendiat im Tübinger Stift. Zu seinen Lehrern zählte Karl Philipp Conz. Hölderlin schloss in Tübingen Freundschaft mit den späteren Philosophen Hegel und Schelling, mit denen er sich intensiv austauschte. Mit seinen Freunden Rudolf Magenau und Christian Ludwig Neuffer gründete er einen „Dichterbund“. Eine Liebesbeziehung verband ihn mit Elise Lebret, der Tochter des Universitätskanzlers Johann Friedrich Lebret. 1792 erschienen erste Gedichte Hölderlins in Gotthold Stäudlins Musenalmanach. Hölderlin schloss das Studium erfolgreich ab, entschied sich dann aber – nach seiner Entlassung aus dem Tübinger Stift im September 1793 – nicht Pfarrer, sondern Dichter zu werden. Bereits im November 1791 hatte er in einem Brief an seinen Freund Christian Ludwig Neuffer herausgestellt: „Daß ich noch im Kloster bin, ist Ursache die Bitte meiner Mutter. Ihr zu lieb kann man wohl ein paar Jahre versauren.“Hermann Hesse (Hrsg.): Friedrich Hölderlin. Dokumente seines Lebens, 2012, S. 35.
Hauslehrerjahre Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, war Hölderlin nach dem Studium zunächst als Hauslehrer für Kinder wohlhabender Familien tätig. Nur über die Vermittlung von Freunden und Bekannten gelang es ihm, an solche „Hofmeisterstellen“ zu kommen.
Waltershausen