mini|Gottfried Helnwein (2009) Gottfried Helnwein (* 8. Oktober 1948 in Wien) ist ein österreichisch-irischer Künstler. Bekannt wurde er vor allem durch seine hyperrealistischen Bilder von verwundeten und bandagierten Kindern. In seinem gesamten Schaffen setzt er sich mit den Themen Schmerz, Verletzung und Gewalt auseinander und berührt dabei auch Tabu- und Reizthemen der jüngeren Geschichte. So wird insbesondere auch das Thema Nationalsozialismus in seinen Werken verarbeitet; im Zentrum seiner Arbeit steht die Darstellung des Kindes.Der Künstler Gottfried Helnwein. Radio-Interview in SWR2 Zeitgenossen, 14. August 2021, Moderation: Natali Kurth.
Leben Gottfried Helnwein wurde als Sohn eines Beamten der Postdirektion in Wien geboren, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Von 1965 bis 1969 besuchte er die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Wien und studierte von 1969 bis 1973 Malerei in der Meisterklasse von Rudolf Hausner an der Akademie der bildenden Künste Wien. In dieser Zeit arbeitete er mit den unterschiedlichsten Techniken und Stilmitteln. Neben der Zeichnung, der Aquarell-, Acryl- und Ölmalerei und verschiedenen Mischtechniken ist die Fotografie ein wesentliches Medium für ihn – oft im Zusammenhang mit Performance-Arbeiten.
Seine ersten Ausstellungen ab 1970 in Wien lösten immer wieder heftige Proteste aus, Ausstellungen wurden geschlossen und Arbeiten durch die Polizei beschlagnahmt. 1985, im Jahr seiner ersten Albertina-Ausstellung, schlug ihn Rudolf Hausner als seinen Nachfolger für die Leitung der Meisterklasse für Malerei vor.Herbert Hufnagel: Akademie: Helnwein als Professor - ein Schock? Kurier Wien, 13. Februar 1985. In: helnwein.com Die Mehrheit der Professorenschaft lehnte diesen Vorschlag jedoch ab. Ende 1985 übersiedelte Helnwein mit seiner Familie nach Deutschland, wo er von 1985 bis 1997 im Schloss Burgbrohl in der Eifel lebte und arbeitete. Seit Ende der 1980er Jahre begann er Installationen im öffentlichen Raum in seine Arbeit miteinzubeziehen. 1997 siedelte er mit seiner Familie in den Süden von Irland über und erwarb das Landhaus Castle Gurteen de la Poer, in der Grafschaft Waterford. Im Jahr 2002 richtete er sich ein Atelier in Los Angeles ein. Er lebt und arbeitet seitdem abwechselnd in Irland und in Los Angeles. 2004 erhielt er die irische Staatsbürgerschaft.
Werk Das Kind mini|Helnwein, Head of a Child
Der Kunsthistoriker Peter Gorsen hat vom „malträtierten Kind“ als einer originären Bilderfindung Helnweins gesprochen, welche die uns lieb gewordenen kindertümelnden Bildvorstellungen aufgebrochen habe:
Es sind Bilder, die ihre Wurzeln tief in Helnweins Kindheitserlebnissen haben:
2004 widmete Kurator Robert Flynn JohnsonRobert Flynn Johnson: The Child – Works by Gottfried Helnwein. Fine Arts Museums of San Francisco, 2004. In: helnwein.com auf Anregung des US-Sammlers Kent Logan diesem zentralen Aspekt in Helnweins Arbeit eine umfassende Einzelausstellung mit dem Titel: „The Child – works by Gottfried Helnwein“ im Palace of the Legion of Honor, San Francisco Fine Arts Museums.Kenneth Baker: Dark and detached, the art of Gottfried Helnwein demands a response… In: San Francisco Chronicle, 9. August 2004 Die Ausstellung wurde von 127 000 Besuchern gesehen, und der San Francisco Chronicle bezeichnete sie als die wichtigste Ausstellung eines zeitgenössischen Künstlers im Jahre 2004.„The Child“ – Works by Gottfried Helnwein. In: Summary of reviews and texts, Fine Arts Museums of San Francisco, 2004, via helnwein.com
Für Helnwein stellt die Kindheit jene kurze unschuldige Lebensphase dar, in der ein unberührter Mensch noch Kreativität und Imagination besitzt, bevor äußere Erziehungssysteme dies zerstören, die aus den Kindern gefügige Staatsbürger machen wollen.
Künstlerische Aktionen 1970 fertigte Helnwein erste fotografische Selbstbildnisse mit Bandagen und chirurgischen Instrumenten an und veranstaltete Fotoaktionen mit Kindern. Eine Einzelausstellung in der Galerie des Pressehauses in Wien wurde 1972 wegen heftiger Proteste gegen Helnweins Arbeiten, die bis zu Streikdrohungen führten, bereits nach drei Tagen wieder abgebrochen.„Falk zwingt Kunst raus – Helnwein-Ausstellung abgebrochen“, Profil, Wien, 10. Oktober 1972 Sein erstes Cover für das Wiener Polit- und Kulturmagazin Profil zu dem Thema „Selbstmord in Österreich“, auf dem ein kleines Mädchen zu sehen ist, das sich die Pulsadern aufschneidet, führte 1973 zu heftigen Reaktionen in der Öffentlichkeit, viele Leser kündigten ihre Abonnements.Oskar Bronner: Grenzen in diesem Land gesprengt. In: Profil, Wien 31. Mai 1999 1974 folgte die Aktion Weiße Kinder mit 15 bandagierten Kindern in der Fußgängerzone Kärntner Straße in Wien.Erwin Melchart: Der Schock, der aus dem Alltag reißt. Kronen Zeitung, Wien, 10. November 1974
Zur Erinnerung an die so genannte „Reichspogromnacht“, 1938, errichtete Helnwein 1988 in Köln zwischen Museum Ludwig und dem Kölner Dom die 100 Meter lange Installation Neunter November Nacht. Er konfrontierte die Passanten mit übergroßen blassen Kindergesichtern in endlos scheinender Reihe, wie zur KZ-Selektion aufgereiht. Schon nach einigen Tagen kam es zu ersten Beschädigungen: Unbekannte schlitzen die Kinderporträts in der Höhe der Kehlen auf.
2018 umhüllte Helnwein die Konzernzentrale des Wiener Städtischen Versicherungsvereins mit einem 4000 Quadratmeter großen Bild eines blonden Mädchens mit Maschinenpistole im Anschlag. Der Appell gegen Gewalt, Terror und Krieg war schon im Vorfeld umstritten.
Selbstporträts Helnweins Œuvre umfasst absolute Gegensätze: Das Triviale, etwa die Disneykultur, wechselt ab mit Untergangsvisionen der Seele, die Göttlichkeit des Kindes kontrastiert mit Horrorbildern von Kindesmissbrauch. Sein Grundthema bleibt die Gewalt, das physische und seelische Leid, das ein Mensch dem anderen zufügt. Der Künstler variiert dieses Thema innerhalb zweier Komplexe, die sich über viele Jahre hin durch sein Werk ziehen.
In einem Komplex setzt Helnwein sich mit sich selbst als Künstler auseinander. Der bandagierte Mensch, mit chirurgischen Instrumenten gefoltert, schreit seine Qualen hinaus. Helnwein zeichnet das Künstlerporträt eines auf Leiden reduzierten Menschen. Damit steht er in der spätmittelalterlichen Tradition des Schmerzensmannes. Helnwein geht einen Schritt weiter als Nauman, dessen Video Clown-Folter den Künstler als lächelnden Narren der Welt porträtiert. Es geht Helnwein nicht nur um sich selbst als Außenseiter der Gesellschaft. Der Künstler als Märtyrer, so heißt es bei Peter Gorsen, erhalte eine zentrale Bedeutung in Helnweins Werk, weil er zur Projektionsfläche des Weltgeschehens wurde. Zum autobiografischen Gehalt seines Selbstporträts sagte der Künstler in einem Interview: „Damit meine ich überhaupt nicht mich, sondern ich nehme mich, weil ich jederzeit als Modell verfügbar bin: Was ich meine, ist einfach einen ‚Menschen‘.“ Von diesem handeln die Selbstbildnisse – vom leidenden, verletzten, unterworfenen, gefolterten Menschen, dem nur noch der verzweifelte Schrei bleibt.Gregory Fuller: Endzeitstimmung – Düstere Bilder in Goldener Zeit. Verlagstext DuMont, 1994, via gottfried-helnwein.at.
Der Wiener Kunsthistoriker, Direktor der Albertina, Klaus Albrecht Schröder bezeichnet das von Helnwein mehrfach variierte Selbstporträt mit verbundenem Kopf, den von Wundklammern geblendeten Augen und dem aufgerissenen schreienden Mund als selbstevidente Metapher für die elementare menschliche Bedingung heutiger Existenz.Das Vordergründige ist das Abgründige – Helnweins Beitrag zu einer Hagiographie des 20. Jahrhunderts. Klaus Albrecht Schröder Ausstellung „Die lädierte Welt“ – Realismus und Realismen in Österreich, Kunstforum, Wien, 1987, via helnwein.com.
Anlässlich der Ausstellung Melancholie – Genie und Wahnsinn in der Kunst (Neue Nationalgalerie, Berlin, Galeries nationales du Grand Palais, Paris, 2006) schreibt Moritz Wullen in seinem Essay Black Box – Der schwarze Innenraum des melancholischen Bewusstseins in der Bilderwelt des 20. Jahrhunderts: „In einer fotografischen Inszenierung Gottfried Helnweins erhebt sich der Künstler, fäulnisschwarz und monumental wie das Mahnmal einer letzten Einsicht: 'So ist Verzweiflung, diese Krankheit im Selbst, die Krankheit zum Tode. Der verzweifelte ist todkrank. Der Tod ist nicht das letzte der Krankheit, aber der Tod ist in einem fort das Letzte…“Moritz Wullen, Leiter des Referats für Ausstellungen der Staatlichen Museen zu Berlin: Black Box – Der schwarze Innenraum des melancholischen Bewusstseins in der Bilderwelt des 20. Jahrhunderts, Ausstellungskatalog Melancholie – Genie und Wahnsinn in der Kunst, Neue Nationalgalerie, Berlin, Galeries nationales du Grand Palais, Paris, 2006.
Roland Recht, Direktor des Musée d’Art Moderne in Straßburg, sieht Helnwein als Teil einer Tradition in der österreichischen Kunst, die bis ins 18. Jahrhundert zurückgeht, zu der auch Künstler wie Messerschmidt, Schiele, Rainer, Nitsch und Schwarzkogler zählen, die in ihrer Arbeit den eigenen Körper als Ort von Verletzungen, Schmerz und Tod darstellen.
Trivialästhetik und Comics
mini|Mouse I von Helnwein im SFMOMA
Ein weiterer Aspekt in Helnweins Werk ist sein Engagement gegen autoritäre Erziehung, Wettrüsten, Verschmutzung der Umwelt und Psychiatrie. Helnwein hat die Motive und Formen der Populärkultur in teils karikierender, teils grotesk verfremdender Absicht verwendet. Sein penetranter Hypernaturalismus grenzt an ironische Übertreibung. Die Brecht-Benjaminsche Maxime „Nicht an das gute Alte anknüpfen, sondern an das schlechte Neue“ hat bereits seine Anfänge in den frühen siebziger Jahren bestimmt. So wurde für ihn das grenzüberschreitende Arbeiten mit Mitteln ebenso der Fotografie, Comicstrips, Science-Fiction wie der realistischen Malerei eine selbstverständliche Konsequenz.Peter Gorsen: Der Künstler als Märtyrer – Die suggestiven Bildmontagen Gottfried Helnweins. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. April 1987
In den 1970er Jahren lehnte Helnwein die künstlerische Tradition der bürgerlichen Gesellschaft ab und glaubte an die primitive Kraft der Trivialkunst als kontraästhetisches Konzept.Peter Selz, „Helnwein – The Artist as Provocateur“, Helnwein, Monografie, The State Russian Museum, St. Petersburg, Palace Edition, 1997 In: helnwein.com. In Bezug auf sein Selbstverständnis als Künstler erklärte Helnwein in einem Radio-Interview mit SWR2 im August 2021: „Mir war diese enge Welt, die in kleinen Galerien stattfindet, nur für ein Kunstpublikum, zu bieder und zu elitär, dass ich gesagt habe, nein, ich will ganz im Sinne der Pop Art noch einen Schritt weitergehen. Ich will auf jedem Cover der Zeitschriften sein und ich will in jedem Kiosk hängen, das wäre doch eine viel bessere Ausstellung, wenn Leute, die dort hineinschlurfen, um Zigaretten zu kaufen, meine Bilder anschauen müssen, damit sie jeder wirklich sieht.“
Helnwein beschreibt seine frühe Kindheit im Wien der Nachkriegszeit als trostlos und düster. Aufgehellt worden sei sie an jenem Tag, an dem ihm sein Vater ein Bündel der ersten deutschen Micky-Maus-Hefte mitbrachte:Gottfried Helnwein, Erinnerungen an Entenhausen, ZEIT-magazin, 12. Mai 1989