Anorexia nervosa (griechisch-lateinisch; übersetzt etwa „nervlich bedingte Appetitlosigkeit“, abgekürzt AN) oder Magersucht ist eine Form der Essstörung. Davon betroffene Menschen besitzen eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers (Körperschemastörung) und verweigern aus Furcht vor Gewichtszunahme oder dem Wunsch nach Gewichtsverlust die Aufnahme von Nahrung.Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie. 5. Auflage. Thieme, 2002, ISBN 3-13-531505-3.Mariacarla Gadebusch Bondio: Anorexia nervosa. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 67.
Andere Bezeichnungen sind auch Anorexia mentalis (mentale Anorexie), Apepsia hysterica oder veraltet Anorexia hysterica (im 19. Jahrhundert). Anorexia nervosa wird häufig mit dem Begriff „Anorexie“ abgekürzt, welcher auch das Symptom der Appetitlosigkeit beschreibt, unabhängig von der Ursache.
Geschichte Rudolph BellRudolph Bell: Holy anorexia. U Chicago P., 1985. verglich religiöse Formen extremen Fastens, die er an später heilig gesprochenen Frauen wie der Katharina von Siena beschrieb, mit der modernen Anorexia nervosa. Andere vermeiden eine Gleichsetzung und beschreiben die Wandlungen des extremen Fastens im Prozess der Säkularisierung.Waltraud Pülz: Nüchternes Kalkül, verzehrende Leidenschaft. Böhlau, 2007, ISBN 978-3-412-18406-3. Weitere Autoren betonen die Bedeutung der differentialdiagnostisch wichtigen Angst vor Übergewicht trotz Untergewichts, die erstmals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Jean Martin Charcot und anderen französischen Psychiatern bei extrem fastenden Patientinnen beschrieben wurde, und datieren den Beginn der Anorexia erst auf diesen Zeitraum.Tilmann Habermas: History of anorexia nervosa. In: M. P. Levine, L. Smolak (Hrsg.): The Wiley handbook of eating disorders. Vol. 1. Wiley, 2015, S. 11–24; doi:10.1002/9781118574089.ch2Tilmann Habermas: Zur Geschichte der Magersucht. Fischer, 1994, ISBN 3-596-11825-5. Einigen angelsächsischen Autoren gilt hingegen eine Kasuistik des englischen Arztes Richard Morton von 1689 als eine der ersten medizinischen Beschreibungen.Milada Říhová unter Mitwirkung von Gundolf Keil: Bolismos oder bulimia – Krankheit der modernen Zeit? Beitrag zur Nosographie einer Erkrankung. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen, Band 18, 1999, S. 177–187; hier: S. 177 f. Der Engländer William Gull und der Franzose Ernest-Charles Lasègue gelten weithin als die beiden Autoren, die die Beschäftigung mit der Anorexia nervosa im 19. Jahrhundert in Gang setzten. William Gull veröffentlichte 1868 drei Fallberichte noch unter der Bezeichnung anorexia hysterica.W. W. Gull: Anorexia nervosa (apepsia hysterica, anorexia hysterica). 1868. In: Obes Res. September 1997, Sep;5(5), S. 498–502; PMID 9385628. Dabei konzentrierte er sich auf die Beschreibung somatischer (körperlicher) Veränderungen. Ernest-Charles Lasègue beschrieb 1873 auf der Basis von acht Fällen die Anorexia hysterica als einheitliches Krankheitsbild.C. Lasègue: On hysterical anorexia (a). 1873. In: Obes Res. September 1997, 5(5), S. 492–497; PMID 9385627.W. Vandereycken, R. van Deth: A tribute to Lasègue’s description of anorexia nervosa. 1873, mit Vollendung seiner englischen Übersetzung. In: Br J Psychiatry. 1990 Dec;157, PMID 2289100, S. 902–908. Dabei grenzte Lasègue die Symptome vom extremen Fasten ab, indem er die Überaktivitäten und die mangelnde Krankheitseinsicht der erkrankten Personen hervorhob. Die Anorexia hysterica ist damit die erste als Entität beschriebene Essstörung, beide Autoren betonten den psychogenen Zusammenhang der Krankheit.
Verbreitung Die Inzidenzrate, also die Rate der neu diagnostizierten Fälle in der Bevölkerung pro Jahr, liegt heute bei ca. 5,0 pro 100.000 Personen in der Bevölkerung. Risikopersonen sind vor allem jugendliche Mädchen in westlichen Industrieländern. Nicht jeder Krankheitsfall wird aber diagnostiziert, da einige Betroffene keine professionelle Hilfe ersuchen und daher nicht in Krankheitsregistern auftauchen (Dunkelziffer). Die Lebenszeitprävalenz, also die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Lebens an Anorexia nervosa zu erkranken, liegt unterschiedlichen Studien zufolge – je nach Methodologie und Definition von AN – zwischen 0,3 % bis 4,3 % für Frauen und 0,2 % bis 0,3 % für Männer. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen lag in früheren Studien bei 1:10, wobei neuere Studien annehmen, dass der Anteil der Männer unterschätzt worden sei und Männer einen höheren Anteil ausmachen würden als gedacht. Anorexia nervosa bleibt bei Männern möglicherweise häufiger unerkannt als bei Frauen.
Die Krankheit kann auch bei Erwachsenen oder bereits vor Eintritt der Pubertät auftreten.R. Rupprecht, H. Hampel: Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. 2006.
Krankheitsbild Symptome mini|Anorektische Frau im Journal Nouvelle Iconographie de la Salpêtrière, 1900
Die meisten an Anorexia nervosa Erkrankten leiden an einer Körperschemastörung: Sie nehmen sich trotz Untergewichts bzw. Magerkeit als „zu dick“ wahr. Ihr Selbstwertgefühl hängt nicht nur von allgemeinen Leistungen in Beruf, Hobby oder Privatleben, sondern besonders stark auch von der Fähigkeit ab, das Körpergewicht kontrollieren zu können. Die Gedanken der Kranken sind eingeengt und kreisen stets um die Themen Ernährung, Gewicht und Körperschema.
Kennzeichen einer Anorexia nervosa sind ein für die Körpergröße, das Alter, den Entwicklungsstand oder die Gewichtsentwicklung der Person deutlich zu niedriges Körpergewicht oder eine rasche Gewichtsabnahme sowie ein anhaltendes Muster restriktiver Essgewohnheiten oder anderer Verhaltensweisen, die darauf abzielen, ein ungewöhnlich niedriges Körpergewicht zu erreichen oder aufrechtzuerhalten (z. B. Diäten, Fasten oder übermäßiges Training). Dies geht typischerweise mit einer extremen Angst vor Gewichtszunahme einher. Bei Betroffenen, die nur dieses passive Verhalten zeigen, spricht man vom restriktivem Typ.
Außerdem gibt es den sogenannten Binge-Eating/Purging-Typ oder Binge/Purging-Typ der Anorexia nervosa. Bei diesem Typ zeigen die Betroffenen wiederholt unkontrollierbare Essanfälle (sog. Binge-Eating) und/oder kompensatorische bzw. gewichtsreduzierende Maßnahmen wie selbstinduziertes Erbrechen oder den Missbrauch von Appetitzüglern, Abführmitteln, Diuretika oder Einläufen (sog. Purging, ).
Diagnose Die Diagnose wird basierend auf dem Ergebnis verschiedener Untersuchungen gestellt:
körperliche (klinische) Untersuchung, die viele der genannten Symptome offenbart paraklinische Untersuchungen, wie Elektrokardiogramm und Laboruntersuchungen des Blutes Erstellung eines sogenannten psychopathologischen Befundes im Rahmen der Anamneseerhebung
Entsteht der Verdacht, dass andere Ursachen das Untergewicht verursacht haben, werden weitere Untersuchungen veranlasst. Das Hauptunterscheidungsmerkmal (Differentialdiagnose) zur Bulimia nervosa ist das Körpergewicht bzw. der rasche Gewichtsverlust. Eine Anorexia nervosa wird diagnostiziert, wenn anhaltende Verhaltensmuster oder restriktive Essgewohnheiten bestehen, die zu einem ungewöhnlich niedrigen Körpergewicht führen oder dieses aufrechterhalten, und wenn der Body-Mass-Index (BMI) unter 18,5 kg/m² bzw. unter dem 5. Perzentil bei Kindern und Jugendlichen liegt oder wenn ein rascher Gewichtsverlust (von z. B. mehr als 20 % des Gesamtkörpergewichts innerhalb von 6 Monaten) erfolgt ist und andere diagnostische Kriterien erfüllt sind. Abzugrenzen ist auch eine Vermeidend-restriktive Ernährungsstörung.
Die nachfolgenden Kriterien müssen für eine Diagnose erfüllt sein.
+ Diagnosekriterien für Anorexia nervosa ICD-11 DSM-5-TRSignifikant niedriges Körpergewicht:
BMI unter 18,5 kg/m² bei Erwachsenen oder unter dem 5. Perzentil bei Kindern und Jugendlichen als häufigster Schwellenwert zur Diagnose. Dabei wird mit verschiedenen Codes (siehe Infobox) die Anorexia nervosa unterteilt mit signifikant erniedrigtem Körpergewicht (BMI 18,5–14 kg/m²; 5.–0,3. BMI-Perzentile), mit kritisch erniedrigtem Körpergewicht (BMI <14 kg/m²; <0,3. BMI-Perzentile) oder in Remission mit normalem Körpergewicht (BMI >18,5 kg/m²; >5. BMI-Perzentile).
Ein rascher Gewichtsverlust (z. B. von mehr als 20 % des Gesamtkörpergewichts innerhalb von 6 Monaten) kann den BMI-Richtwert ersetzen, wenn andere diagnostische Kriterien erfüllt sind.
Ursache für niedriges Gewicht:
Nicht durch medizinische Bedingungen oder Nahrungsmangel erklärbar.
Einschränkendes Essverhalten:
Verhaltensweisen zur Aufrechterhaltung eines abnorm niedrigen Gewichts, typischerweise verbunden mit extremer Angst vor Gewichtszunahme. Dazu zählen Fasten, Auswahl kalorienarmer Nahrungsmittel, langsames Essen, das Verstecken oder Ausspucken von Essen sowie ein Binge-Eating/Purging-Verhalten und übermäßige Bewegung.
Übermäßige Beschäftigung mit Gewicht:
Ein geringes Körpergewicht oder eine schmale Körperform spielen eine zentrale Rolle bei der Selbsteinschätzung der Person oder werden fälschlicherweise als normal oder sogar übermäßig empfunden. Dies kann sich in Verhaltensweisen wie ständigen Gewichtskontrollen oder dem Vermeiden von Spiegeln äußern. A. Eingeschränkte Energieaufnahme im Verhältnis zu den Anforderungen, was zu einem signifikant niedrigen Körpergewicht führt, definiert als weniger als das minimal Normale oder für Kinder und Jugendliche weniger als das erwartete Mindestgewicht.
B. Intensive Angst vor Gewichtszunahme oder Verhalten, das eine Gewichtszunahme trotz signifikant niedrigem Gewicht behindert.
C. Verzerrte Wahrnehmung des Körpergewichts oder der Körperform, übermäßiger Einfluss von Gewicht oder Form auf die Selbstbewertung und mangelnde Anerkennung der Schwere des niedrigen Körpergewichts.
Zur Beurteilung des niedrigen Körpergewichts wird häufig der BMI herangezogen und das Ausmaß der Anorexia nervosa eingeteilt in mild: BMI ≥ 17 kg/m² gemäßigt: BMI 16–16,99 kg/m² schwer: BMI 15–15,99 kg/m² extrem: BMI <15 kg/m² Ein Erwachsener mit einem BMI zwischen 17,0 und 18,5 kg/m² oder sogar leicht über 18,5 kg/m² kann als signifikant untergewichtig nach Kriterium A eingestuft werden, wenn die Krankengeschichte oder andere physiologische Informationen diese Einschätzung stützen.
Für Kinder und Jugendliche kann ein BMI-Perzentilwert für das jeweilige Alter ermittelt werden. Die WHO verwendet dafür einen BMI unterhalb des 5. Perzentils als Indikator für Untergewicht. Kinder und Jugendliche, die diesen Richtwert nicht erreichen, können angesichts ihrer nicht erwarteten Wachstumsentwicklung als signifikant untergewichtig eingestuft werden.
Körperliche Folgen Die Magersucht ist eine schwere, unter Umständen tödliche Erkrankung. Das extreme Untergewicht kann zu folgenden körperlichen Problemen führen:
Herz: verlangsamter Herzschlag, niedriger Blutdruck, Veränderungen bei der Erregung des Herzmuskels (besonders: verlängertes QT-Intervall) und Herzrhythmusstörungen, woraus ein plötzlicher Herztod folgen kann. Blut: Störungen der Elektrolyte (besonders gefährlich: Hypokaliämie mit Herzrhythmusstörungen), Unterzuckerung, Blutarmut, Leukozytopenie und Thrombozytopenie. Hormone: niedrige Konzentrationen von Geschlechtshormonen (LH, FSH, Östrogen), dadurch: Amenorrhoe, Unfruchtbarkeit, mitunter Ausbleiben des Brustwachstums bei Frauen. Verlust von Libido und Potenz bei Männern. Niedrige Konzentration von Schilddrüsenhormonen. Leicht erhöhte Konzentration von Glukokortikoiden. Knochen: Osteoporose mit erhöhtem Risiko einer Fraktur (falls häufiges Erbrechen) Zähne: Erosionen durch Magensäure, Karies. weitere Organe: Darmträgheit und chronische Verstopfung, Magenkrämpfe, Übelkeit, Nierenversagen, Blasenschwäche (Inkontinenz).