mini|hochkant=1.8|Lage der römischen Provinz Noricum im Römischen Reich zur Zeit seiner größten Ausdehnung unter Kaiser Trajan in den Jahren 115–117.
Noricum war ein keltisches Königreich unter der Führung des Stammes der Noriker auf einem Großteil des Gebietes des heutigen Österreich sowie angrenzender Gebiete Bayerns (östlich des Inn) und Sloweniens, das später unter der Bezeichnung Provincia Noricum als Provinz im Verbund des Römischen Reiches aufging. Die Provinz Noricum grenzte im Süden an Italien, im Osten an Pannonien und im Westen an Raetien. Bekannt war Noricum insbesondere für das Ferrum Noricum, einen besonders harten, vor allem in der römischen Waffenproduktion verwendeten Stahl. Der norische Limes ist heute vor allem aufgrund seiner gut erhaltenen Reste spätantiker Festungsanlagen und der Lebensbeschreibung des Severin von Noricum, die ein wenig Licht auf die schwierigen Lebensumstände der Provinzialen zur Zeit der Völkerwanderung und dem Untergang des Römischen Reiches wirft, überregional bekannt geworden.
Frühzeit Die hallstattzeitliche Bevölkerung wurde etwa ab 450 v. Chr. durch Zuwanderung keltischer Bevölkerungselemente aus dem keltischen Kerngebiet (Südwestdeutschland und Ostfrankreich) assimiliert. Inwieweit die Menschen der älteren Eisenzeit (Hallstattzeit), benannt nach dem berühmten oberösterreichischen Gräberfeld und Salzbergbau von Hallstatt, bereits Kelten waren, ist nach wie vor umstritten. Bis etwa 1960 bezeichneten viele Sprachwissenschafter eine vorkeltische und über weite Bereiche Kontinentaleuropas verbreitete Sprachschicht als „Illyrisch“. In der Folge bezeichneten dann die Prähistoriker oftmals die Hallstattkultur und die vorkeltische norische Bevölkerung irrtümlicherweise als illyrisch. Beides ist heute nicht mehr Stand der Wissenschaft. Eine ethnische Deutung ältereisenzeitlicher archäologischer Kulturen ist nur bei Vorliegen eindeutig lokalisierbarer historischer Volksnamen möglich. Die ehemals als „illyrisch“ bezeichnete Sprachschicht wird laut Otto Helmut Urban heute von Linguisten zumeist als „alteuropäisch“ bezeichnet. auf science orf.at.
Regnum Noricum mini|hochkant=1.8|Keltische Stämme in Noricum um Christi Geburt
Um etwa 200 v. Chr. schlossen sich unter der Führung der Noriker 13 Stämme zum Königreich von Noricum zusammen. Somit ist das Regnum Noricum das erste bekannte politische Gebilde auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Von den 13 Stämmen Noricums sind acht namentlich bekannt, da sie auf drei Ehreninschriften für Angehörige des römischen Kaiserhauses erwähnt werden, die auf dem Magdalensberg gefunden wurden. Es handelt sich um die Alaunen, Ambidraven, Ambilinen, Ambisonten, Laianker, Noriker, Saevaten und Uperaken. Beim Regnum Noricum handelte es sich wahrscheinlich eher um eine Stammeskoalition, die einen „Oberkönig“ als gemeinsamen außenpolitischen Sprecher bestimmte, als um eine Monarchie im klassischen Sinne.
Nach 200 v. Chr. wurden die Kelten Noricums von den Römern nach dem bedeutendsten Stamm als Taurisker oder Noriker (Gaius Iulius Caesar) bezeichnet. Die Bevölkerung nahm infolge verbesserter Anbaumethoden und des technologischen Fortschritts (eiserne Pflugschar) rasch zu. Der Landmangel wurde 186 v. Chr. so drückend, dass 12.000 Taurisker und Boier nach Italien an die Adria zogen. Rom konnte zwar eine Stadtgründung in Friaul verhindern, nicht jedoch, dass sich die Kelten in der Poebene und an der Küste des heutigen Venetiens ansiedelten.
Fünf Jahre später gründeten die Römer Aquileia, das für den Alpentransithandel große Bedeutung erlangen sollte. Angelockt von Handelsmöglichkeiten und Goldreichtum („norisches Gold“) knüpften die Römer mit den Tauriskern des Noricum freundschaftliche Bande. Damit erhielten sie auch Zugang zu den Eisenlagerstätten des Regnum Noricum.
Um 170 v. Chr. verhandelte, wie Titus Livius berichtet, eine römische Gesandtschaft mit dem Stammesbündnis. Seither stand König Cincibilus zu den Römern durch ein „hospitium publicum“ (staatliche Gastfreundschaft) in einem freundschaftlichen Verhältnis. In der Folge entwickelten sich gute Handelsbeziehungen und der Einfluss Roms nahm zu. Zentrum des Regnum Noricums war vermutlich die Siedlung auf dem Magdalensberg (später Virunum); eine dort gefundene römische Inschrift nennt die Namen der uns bekannten acht norischen Stämme. Im 2. Jahrhundert v. Chr. entstanden befestigte Zentralorte (oppida). Norische Münzen nach griechischen Vorbildern wurden geprägt. Im 1. Jahrhundert v. Chr. erreichte das Regnum Noricum seine größte Ausdehnung nach Osten und Norden. Die wirtschaftlichen Grundlagen waren Eisen (norisches Eisen), Bergbau (Steinsalz), Industrie, landwirtschaftliche Produkte, Keramik (Norische Ware) und Handel.
Um 120–115 v. Chr. fielen in Noricum die germanischen Stämme der Kimbern, Ambronen und Teutonen ein, die vorher von den Boiern im Böhmischen Kessel, den Skordiskern am Balkan und schließlich von den Tauriskern abgewehrt worden waren. Im Jahr 113 v. Chr. erlitt bei Noreia ein römisches Heer eine vernichtende Niederlage, woraufhin die Invasoren Noricum verließen und nach Westen zogen. Durch den Druck der Germanen, besonders der Sueben, gerieten im Norden und Nordosten die Boier in Nachbarschaft Noricums (im Gebiet des späteren Herrschaftsgebietes des Vannius – Marchfeld, Weinviertel, Wiener Becken), wobei Pressburg ihr wichtigstes Oppidum war. Um 58 v. Chr. versuchten die Boier, Noricum zu erobern, erlitten jedoch eine vernichtende Niederlage. Im Pakt mit den Tauriskern bedrohten sie dann über Jahre hinweg Noricum, bis ihr Reich von den Dakern zerstört wurde.
Im Jahr 49 v. Chr. schickte der norische König Voccio Hilfstruppen an Gaius Iulius Caesar für dessen Krieg gegen Pompeius. Infolge der Niederlage der Boier gegen die Daker wurde der Donauraum angegliedert oder in Abhängigkeit gebracht; die Macht Noricums reichte jetzt bis ins Wiener Becken und nach Westungarn. Somit gelang den Norikern die letzte überregionale Machtbildung der Festlandkelten. Die zwei namentlich bekannten Könige des Königreiches Noricum sind Cincibilus, der 170 v. Chr. mit den Römern einen Freundschaftsvertrag schloss, und Voccio, der seine Schwester mit dem Germanenfürsten Ariovist verheiratete. Letzterer findet in Caesars „De bello Gallico“ Erwähnung, da er dem Feldherrn 300 Reiter am Rubikon zur Verfügung stellte.unrv.com Englische Webseite bezüglich der Geschichte des Römischen Reiches mit detaillierter Erwähnung von Noricum und Voccio
Römisches Noricum Geschichte der Provinz Noricum mini|hochkant=1.8|Karte Noricums (grün) im Altertum
Der Anschluss an „das römische Reich erfolgte schrittweise und ohne größere kriegerische Verwicklungen, auch die Bevölkerungsstruktur und die kulturelle Entwicklung dieses Vasallenkönigreiches, das in claudischer Zeit Provinz wurde, läßt noch lange eine deutliche keltisch-römische Kontinuität erkennen.“ Im Zusammenhang der Augusteischen Alpenfeldzüge, 16 v. Chr., hatte „der Proconsul von Illyrien, Publius Silius Nerva, zunächst die Grenzgebiete zu Noricum und Pannonien befriedet und ersteres zum engeren Anschluß an Rom veranlaßt.“Marcus Junkelmann: Die Legionen des Augustus. Der römische Soldat im archäologischen Experiment, (Kulturgeschichte der antiken Welt. Band 33). Philipp von Zabern, Mainz 1986, ISBN 3-8053-0886-8, S. 63 und 70. Zunächst behielt Noricum eine eingeschränkte Autonomie als tributpflichtiges Fürstentum, doch unter Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.) wurde es endgültig römische Provinz. Als Hauptstadt und Sitz des Statthalters diente künftig das am Zollfeld in Kärnten gelegene Virunum.
Noricum umfasste als Provinz ungefähr die heutigen österreichischen Bundesländer Kärnten, Salzburg, Oberösterreich, Niederösterreich und Steiermark sowie den Südosten Bayerns mit dem Chiemgau und dem Rupertiwinkel. Außerdem gehörten Teile Tirols dazu. Südlich befand sich das italienische Kernland, im Norden reichte das keltische Königreich im Gegensatz zur späteren römischen Provinz über die Donau hinaus. Erst unter der Herrschaft Roms bildete die Donau als Limes Noricus die Grenze des Imperiums und der Provinz.
Bis zur Erhebung in den Provinzialstatus wurden die Grenzen jedoch laufend verändert. Während die Siedlungen Colonia Emona (Laibach), Poetovio (dt. Pettau), Colonia Claudia Savaria (Steinamanger) und Scarbantia (Ödenburg) entlang der Straße von Aquileia nach Carnuntum (die alte Bernsteinstraße) wahrscheinlich immer norisch waren, wurden sie um 8 n. Chr. mit der Errichtung der Provinz Pannonien dieser angegliedert. Carnuntum selbst gehörte 6 n. Chr. noch zu Noricum, wurde aber gemeinsam mit dem Wiener Becken ebenfalls der Provinz Pannonien zugeschlagen.
Im 2. Jahrhundert litt Noricum unter den Verheerungen der Markomannenkriege. Unter Kaiser Mark Aurel wurde die 2. Italische Legion an der Ennsmündung stationiert. Ihr Kommandant war zugleich Provinzstatthalter mit Sitz in Lauriacum oder Ovilava, die Finanzverwaltung behielt ihren Sitz in Virunum.
Statthalter
Straßennetz Noricum wurde von den Römern in den folgenden Jahrhunderten mit einem dichten Fernstraßennetz überzogen. Zahlreiche Meilensteine und andere archäologische Funde legen davon Zeugnis ab. Die besterforschte römische Straßenstation Noricums ist Immurium (Moosham, Bundesland Salzburg), am Südfuß des Radstädter Tauernpasses. Eine andere wichtige Verbindung führte von Rom über Aquileia, Emona, Celeia, Poetovio nach Carnuntum. Zahlreiche Seitenstraßen zweigten in das norische Alpenland ab. Bei Aquileia ging eine Straße nach Aguntum, eine andere führte über Virunum nach Ovilava (Wels). Auch der Loiblpass war durch einen Saumweg über Emona bereits existent. Von Celeia aus gelangte man in das Hüttenberger Erzgebiet sowie von Virunum über die Römerstraße Virunum–Iuvavum nach Iuvavum. Das Murtal mit Flavia Solva (bei Leibnitz) war von Poetovio aus erschlossen. Die zweitwichtigste Verbindung führte entlang des Donaulimes vom pannonischen Vindobona (Wien) über Aelium Cetium (St. Pölten), Lauriacum (Lorch-Enns) nach Boiodurum (Passau). An ihr zweigten bei Lauriacum Seitenäste nach Ovilava ab, die nach Iuvavum (Salzburg) führten.
Städte, Kastelle und Flüsse Die Lage der Hauptstadt des Regnum Noricum, Noreia, ist nach wie vor unbekannt. In römischer Zeit avancierte Virunum zur Provinzmetropole, das nach der Teilung Verwaltungszentrum von Binnen-Noricum blieb. Später residierten hier auch Finanz- und Postverwaltung. Seit der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts n. Chr. übernahm Teurnia diese Funktion.
Ufer-Noricum wurde von Ovilavis aus verwaltet. Lauriacum, Poetovio, Celeia, Aguntum, Teurnia und wahrscheinlich auch Virunum avancierten in der Spätantike zu Bischofssitzen.
Noricum Ripense wurde durchflossen von: Narus (Salzach) und Anisus (Enns), die Grenze im Westen zu Raetia bildete der Aenus (Inn), die Nordgrenze zum Barbaricum der Danuvius (Donau), die Grenze im Osten zu Pannonien der Arrabo (Raab). Der Name Danuvius für den Oberlauf der Donau wurde seit der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. verwendet.
Die bedeutendsten Städte und Kastelle am norischen Limes waren: Ovilavis (Wels/OÖ), Aelium Cetium (St. Pölten), Boiodurum (Passau), Lauriacum (Enns/OÖ), Lentia (Linz), Ioviacum (Aschach), Favianis (Mautern), Zwentendorf, Comagena (Tulln an der Donau) und Cannabiaca (Zeiselmauer), das letzte norische Kastell vor der Grenze zu Pannonien.
Noricum Mediterraneum wurde durchflossen vom: Dravus (Drau).
Die bedeutendsten Städte waren: Iuvavum (Salzburg), Cucullae (Kuchl), Tiburnia oder Teurnia (Verwaltungssitz) (St. Peter in Holz bei Spittal an der Drau), Aguntum (Dölsach/Lienz), Virunum (Zollfeld), Poetovio (Ptuj/Pettau, Slowenien), Celeia (Celje/Cilli, Slowenien) und Flavia Solva (Wagna).
Mit Poststationen verbundene norische Siedlungen: