Unter dem Begriff Generalplan Ost (GPO) werden eine Reihe von Plänen, Planungsskizzen und Vortragsmaterialien zu einer möglichen neuen Siedlungsstruktur im Rahmen der nationalsozialistischen „Ostpolitik“ zusammengefasst. Diese theoretischen Konzepte bildeten auf der Grundlage der NS-Rassendoktrin eine Planungsgrundlage für: Genozid und „Entvölkerung“ großer Teile Polens, der Ukraine, Weißrusslands und Russlands Ermordung von bis zu 50 Millionen Slawen aus Bevölkerungsgruppen, die für eine zukünftige Siedlungsstruktur als „nicht geeignet“ angesehen wurden Versklavung der Überlebenden Nutzung der bestehenden KZ‑Infrastruktur für Massenmord, Zwangsarbeit und „Aussortierung“ deutsche Kolonisierung und „Germanisierung“ der entvölkerten Gebiete in Ostmittel- und Osteuropa.
Derartige Schriften wurden seit Frühjahr 1940 durch das Planungsamt des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums (RKF), die Planungsgruppe III B beim Sicherheitsdienst des Reichsführers SS im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und das Institut für Agrarwesen und Agrarpolitik der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität erstellt. An den verschiedenen Planungen in den Jahren von 1940 bis 1942 wurde zunächst im Auftrag des Reichsführers SS Heinrich Himmler, später auch im Auftrag des NS-„Chefideologen“ Alfred Rosenberg gearbeitet. Mit der Kriegswende 1943 waren sowohl der Generalplan Ost als auch der später auf diesem aufbauende Generalsiedlungsplan zum Scheitern verurteilt.
Hintergrund Das Konzept vom „Lebensraum im Osten“
Während die Deutschen im 19. Jahrhundert Kriege zur Erlangung eines einheitlichen Nationalstaates führten und diesen erst mit der Reichsgründung 1871 verwirklichen konnten, trat von den westeuropäischen Staaten aus der Imperialismus bereits in seine Blütezeit. Reichskanzler Bernhard von Bülow begann 1897 für Deutschland zunächst vor dem Reichstag einen „Platz an der Sonne“ zu beanspruchen, was Kolonien und Einflusszonen und insgesamt „Weltpolitik“ heißen sollte.Gerd Fesser: „Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne!“ Triebkräfte und Ziele der Bülowschen „Weltpolitik“. In: Gerd Fesser: Der Traum vom Platz an der Sonne. Deutsche „Weltpolitik“ 1897–1914. Donat-Verlag, Bremen 1996, S. 25–34, hier S. 25. 1916 knüpfte Bülow an den von Gustav Freytag seit 1859 entfalteten Gedanken von der mittelalterlichen Ostsiedlung als der „größten That des deutschen Volkes in jenem Zeitraum“ an und hielt fest: „Die gewaltige östliche Kolonisationsarbeit ist das beste, das dauerndste Ergebnis unserer glanzvollen mittelalterlichen Geschichte.“Fürst von Bülow: Deutsche Politik. Berlin 1916, S. 221. Im ersten deutschen Historikerstreit, dem Sybel-Ficker-Streit, ging es vordergründig um die Gegenüberstellung der mittelalterlichen Ostexpansion mit der Italienpolitik der römisch-deutschen Kaiser, aber auch um die Beantwortung der politischen Ausrichtung des entstehenden Nationalstaats. Mit Bezug auf die mittelalterliche Landnahme deutschsprachiger Siedler in Mittel- und Osteuropa wurde die Idee der deutschen Grenzkolonisation zunehmend populär. Mit Gustaf Kossinna und Friedrich Ratzel traten der historischen Betrachtungsweise archäologische und geographische Gesichtspunkte an die Seite, die im imperialistischen Konzert auf die grenzkolonisatorische deutsche Expansion zum „Lebensraum im Osten“ setzten. Paul de Lagarde übersetzte sie seit 1875 am wirkungsvollsten und nachhaltigsten in politische Forderungen, indem er die „allmähliche Germanisierung Polens“ als höchstes Ziel deutscher Politik propagierte.Ulrich Sieg: Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus, Hanser, München 2007, S. 173. Das ließ in der deutschen Gesellschaft, besonders unter nationalistisch eingestellten Intellektuellen, zunehmend die Vorstellung von einem naturgegebenen spezifischen „deutschen Drang nach Osten“ entstehen. Bei der Gründung des „Alldeutschen Verbandes“ hieß es 1891: „Der alte Drang nach dem Osten soll wiederbelebt werden.“Wolfgang Wippermann: Der ‚Deutsche Drang nach Osten‘. Ideologie und Wirklichkeit eines politischen Schlagwortes. Darmstadt 1981, S. 87. Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich verbreitete diese Ideen weiter. Auch die 1918 entwickelten deutschen Kriegsziele im Osten während des Ersten Weltkriegs standen in dieser Tradition. Die Vorstellung, die sozialen Probleme und die vermeintliche Überbevölkerung Deutschlands durch die Gewinnung neuen Siedlungsgebietes in Osteuropa zu lösen, wurde mit dem Schlagwort vom „Volk ohne Raum“ ausgedrückt, das während der 1920er Jahre in der Zeit der Weimarer Republik u. a. durch den Schriftsteller Hans Grimm verbreitet wurde; außerdem wurde die Lebensraumidee durch den Geografen Karl Haushofer, einen bedeutenden Vordenker des Nationalsozialismus, propagiert.
Ostimperialismus in der Zeit des Nationalsozialismus mini|Geplante Ausdehnung des „Großgermanischen Reiches“ im Zuge des Generalplans Ost
Mit der Eroberung des Westteils von Polen sollten Vorstellungen zur Besiedelung dieses Gebietes verwirklicht werden. Aufschlussreich ist die Verwendung des Begriffs „Ober-Ost“ in Hitlers Geheimerlass vom 7. Oktober 1939 zur „Festigung deutschen Volkstums“. In Abschnitt II heißt es: „In den besetzten ehemals polnischen Gebieten führt der Verwaltungschef Ober-Ost die dem Reichsführer SS übertragenen Aufgaben nach dessen allgemeinen Anordnungen aus. Der Verwaltungschef Ober-Ost und die nachgeordneten Verwaltungschefs der Militärbezirke tragen für die Durchführung die Verantwortung.“Vgl. Materialien zum „Generalplan Ost“. Am 21. Juli 1940 wurde der Stab Ober Ost in den des Militärbefehlshabers im Generalgouvernement (MiG) umgewandelt (vgl. ). Der Agrarwissenschaftler Konrad Meyer, seit 1939 in enger Beziehung zu der von Albert Brackmann geleiteten und für Ostforschung zuständigen Publikationsstelle Berlin-Dahlem stehendMichael Burleigh: Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich. London 2002, S. 146 f. und wie Brackmann ein Anhänger der „ostkolonisatorischen Mission“,I. Heinemann: (PDF; 174 kB) geschichte.hu-berlin.de, 2003, S. 2. war nach dem Überfall auf Polen schon im April/Mai 1940 planerisch für den „deutschen Neuaufbau im Osten“ in den eingegliederten Ostgebieten, den Reichsgauen Wartheland und Danzig-Westpreußen, tätig geworden. Ein größerer Gesamtplan wurde zwei Tage nach dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 durch Heinrich Himmler bei Meyer in Auftrag gegeben, mit dem Himmlers Siedlungsprogramm konkretisiert werden sollte. Die erste Fassung des Plans lag am 15. Juli 1941 vor; Himmler ordnete daraufhin am 30. Juli 1941 bei einem Besuch in Lublin gegenüber dem dortigen SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik an, „ein Großsiedlungsgebiet im Raum um die bereits vorhandenen volksdeutschen Kolonien bei Zamość“ zu schaffen (vgl. Aktion Zamość). Im Zuge dieser Aktion wurden rund 110.000 Polen aus dem Kreis Zamość aus 300 Dörfern ausgesiedelt. Sie stellte neben der Besiedlungsaktion in Hegewald bei Schytomyr den einzigen, maßgeblichen Versuch der deutschen Siedlungspolitik dar.
Gründe für die Wahl auf Zamość waren die Existenz von Nachkommen deutscher Siedlungen aus dem 18. Jahrhundert und die verkehrs- und geopolitisch günstige Lage des Raumes Zamość, der als Verbindungsbrücke zwischen dem Reich und den besetzten Gebieten der UdSSR geeignet war.
Einige Planungen sahen vor, Teile der Bevölkerung Polens und der westlichen Teile der Sowjetunion nach Sibirien zu deportieren. Nach der am 28. Mai 1942 vorgelegten und im Dezember noch einmal überarbeiteten Version sollten das Wartheland, Ostoberschlesien und Westpreußen einschließlich von Teilen des „Generalgouvernements Polen“ (GG) völlig „eingedeutscht“ und in Teilen der eroberten Sowjetunion drei „Reichsmarken“ gebildet werden:
„Ingermanland“ südlich von Leningrad; das Narewgebiet mit Białystok und Litauen; der „Gotengau“ mit Krim und dem Gebiet um Cherson.
Die für die „Eindeutschung“ zunächst gesetzte Frist von 25 Jahren wurde am 23. Dezember 1942 noch einmal auf 20 Jahre herabgesetzt und Böhmen und Mähren, Elsaß-Lothringen, die Untersteiermark und Oberkrain wurden auf Himmlers Wunsch ebenfalls der Planung zugeordnet. Die „frei gewordenen Gebiete“ in Osteuropa sollten mit mehreren Millionen Deutschen besiedelt werden. Voraussetzung zur vollen Umsetzung der Pläne wäre der militärische Sieg gegen die Sowjetunion gewesen.
Nach den Niederlagen der deutschen Truppen bei Moskau (Winter 1941/1942) und Stalingrad (Winter 1942/43) rückte die Verwirklichung des Plans jedoch in immer weitere Ferne. Der Grad des tatsächlichen Umfangs und die Frage, welche Teile des GPO tatsächlich umgesetzt worden wären bzw. wurden, ist bis heute Gegenstand verschiedener wissenschaftlicher Kontroversen. Hierbei ist anzumerken, dass es sich beim GPO um verschiedene, teils konkurrierende Planungen unterschiedlicher Stellen handelte. Diese Planungskonkurrenz kann hierbei als typisch für viele NS-Projekte angesehen werden, da das Führerprinzip zumeist eine klare Abgrenzung der Planungshoheiten verhinderte. Insofern ist unklar, welche Planungen oder Planungsaspekte tatsächlich weiter verfolgt worden wären. Auch das Fehlen einiger Planungsdokumente (seit 1945 verschollen) erschwert die Forschung. Himmler selbst entwarf aber in einer Rede vor SS- und Polizeiführern des Gebiets Russland-Süd in Hegewald bei Schytomyr am 16. September 1942Vgl. Isabel Heinemann, Rasse, Siedlung, deutsches Blut. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas, Wallstein, Göttingen 2003, S. 445; Peter Longerich, Heinrich Himmler. Biographie, Siedler, München 2008, S. 598 f. und in einer zweiten vor SS-Junkern in Bad Tölz am 22. November 1942 unter der Überschrift „Heute Kolonie, morgen Siedlungsgebiet, übermorgen Reich!“ ein aufschlussreiches Bild von seinen eigenen Vorstellungen.Vgl. Abdruck und Analyse der Rede in Himmlers und Hitlers Symbolpolitik mit mittelalterlichen Herrschern (PDF; 2,0 MB).
Vertreibung und Vernichtung der slawischen Bevölkerung Osteuropas Da die Mehrheit der einheimischen slawischen Völker für eine Eindeutschung sowie eine zukünftige Siedlungsstruktur als „ungeeignet“ angesehen wurde und eine „Germanisierung“ nur für einen kleinen Teil geplant war, plante man mit einer Besiedlung durch Volksdeutsche bzw. Nordeuropäer einhergehend gleichzeitig eine drastische Dezimierung der einheimischen Bevölkerung – insgesamt von 30 Millionen, davon im Einzelnen:Siehe überstimmend: The Times Atlas Zweiter Weltkrieg, Augsburg 1999, S. 91; H. Holborn, Deutsche Geschichte i. d. Neuzeit, Band III, München 1971, S. 604; Hans Ulrich Rudolf, Vadim Oswalt (Hrsg.): Haack TaschenAtlas Weltgeschichte, Gotha 2002, S. 186 und R. Giordano: Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, Köln 2000.
Vernichtung oder Vertreibung von 80–85 % der Polen; Vernichtung oder Vertreibung von 50–75 % der Tschechen; Vernichtung von 50–60 % der Russen im europäischen Teil der Sowjetunion, weitere 15–25 % waren zur Verlegung in den Osten (d. h. zur Umsiedlung bzw. Vertreibung hinter den Ural, nach Sibirien) vorgesehen; Vernichtung von 25 % der Ukrainer und Weißrussen, weitere 30–40 % der Ukrainer und weitere 30–50 % der Weißrussen sollten in den Osten „ausgewiesen“ werden.
Tatsächlich wurden im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg bis Kriegsende mehr als 30 Millionen Militärangehörige und Zivilisten osteuropäischer Staaten getötet. Die Sowjetunion verlor 10 % ihrer Bevölkerung (die Ukraine und Weißrussland 25 %), Polen 17 %. Neben Russen, Ukrainern, Weißrussen, Polen, Tschechen, Slowaken usw. zählten ebenso Angehörige nichtslawischer Völker (vor allem Juden, Roma und Sinti, aber auch Esten, Letten, Litauer, Tataren, Kaukasier, Karelier usw.) zu den Opfern.The Times Atlas Zweiter Weltkrieg, Augsburg 1999, S. 204 f. und Haack Atlas zur Geschichte, Band 2, Gotha 1982, S. 50.