mini|Septimius Severus, Büste in der Münchner Glyptothek
Lucius Septimius Severus Pertinax (* 11. April 146 in Leptis Magna im heutigen Libyen; † 4. Februar 211 in Eboracum, heute York) war römischer Kaiser vom 9. April 193 bis zum 4. Februar 211. Er war derjenige Thronprätendent des zweiten Vierkaiserjahres 193, der sich im Bürgerkrieg durchsetzte und die Dynastie der Severer begründete.
Leben
Aufstieg zum Kaiser Geboren wurde Septimius Severus in Leptis Magna in der Provinz Africa als Sohn des Publius Septimius Geta und der Fulvia Pia. Er hatte einen Bruder, der ebenfalls Publius Septimius Geta hieß.
Seine Familie war gründlich romanisiert, gehörte dem römischen Ritterstand an und war offenbar wohlhabend, wobei sie neben Besitzungen in Africa über drei Landgüter in der Nähe von Rom verfügte.Vgl. Birley, Septimius Severus, S. 18. Septimius sprach auch Punisch,Epitome de Caesaribus 20,8; vgl. auch Birley, Septimius Severus, S. 34f. beherrschte aber bereits seit seiner Kindheit die beiden großen Sprachen des Imperiums, Latein und Griechisch, und befasste sich auch mit der griechischen und lateinischen Literatur. Bei seinen ersten Reden im Senat soll er noch wegen seines „punischen“ Akzents verspottet worden sein; zwar legte sich dies später offenbar, doch soll sein Latein angeblich bis zuletzt eine „afrikanische“ Färbung gehabt haben.Historia Augusta, Vita Severi 19,9. Offenbar boten seine Wurzeln in der Provinz seinen Feinden also Anlass zum Spott. Die in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen manchmal erhobene Behauptung, er sei sogar subsaharischer Herkunft gewesen, findet allerdings keinen Rückhalt in den Quellen; Severus kann in jedem Fall als Römer gelten. Zur weiteren Ausbildung ging er nach Rom. Obwohl er zuvor nicht die für künftige Senatoren eigentlich obligatorische militärische Laufbahn als tribunus militum absolviert, sondern eine juristische Ausbildung durchlaufen hatte, wurde er aufgrund der Fürsprache eines seiner Verwandten von Kaiser Mark Aurel zu einer senatorischen Ämterlaufbahn zugelassen und im Rahmen einer adlectio 169 in den Senat aufgenommen.
Severus absolvierte in der Folgezeit den klassischen cursus honorum: 170 war er quaestor in Rom, im Jahr darauf in Sardinien. 173/174 war er legatus proconsulis provinciae Africae, anschließend wurde er auf kaiserliche Empfehlung Volkstribun, 178 Praetor und anschließend Legat (und damit Kommandeur) der Legio IIII Scythica. Danach verbrachte er einige Zeit in Athen. 190 wurde er Suffektkonsul, gemeinsam mit Apuleius Rufinus, dies laut der Historia Augusta auf ausdrücklichen Wunsch des Kaisers Commodus, und erhielt im Jahr darauf vom Kaiser den Befehl über die Legionen in der Provinz Pannonien. Davon, dass er militärische Operationen befehligt hätte, ist nichts bekannt. Wahrscheinlich wurde das Kommando dem militärisch völlig unerfahrenen Mann aus ebendiesem Grunde übertragen, da (irrtümlich) angenommen wurde, dass von ihm keine Usurpation zu befürchten sei. Wohl seit 187 war Septimius Severus in zweiter Ehe mit der aus Syrien stammenden Aristokratin Julia Domna verheiratet, mit der er zwei Söhne hatte, den 188 geborenen Caracalla und den 189 geborenen Geta. Zuvor war er seit etwa 175 mit der aus Africa stammenden Paccia Marciana verheiratet gewesen, die um 185 gestorben war. Aus dieser Ehe soll Severus der Historia Augusta zufolge zwei Töchter gehabt haben,Historia Augusta, Vita Severi 8,1. was aber zweifelhaft ist.
mini|hochkant|Ein Aureus des Septimius Severus aus dem Jahr seiner Erhebung zum Kaiser Nach der Ermordung von Commodus’ Nachfolger Pertinax in Rom am 28. März 193 wurde Severus in Carnuntum am 9. April von den pannonischen Truppen zum Kaiser ausgerufen.Birley, Septimius Severus, S. 89ff. Die Lage im Reich war verworren: In Rom hatte sich nach Pertinax’ Tod Didius Julianus das Amt des Kaisers von den Prätorianern erkauft, doch konnte sich Septimius auf die Mehrheit der Legionen im Reich stützen. Mutmaßlich hatte er bereits unter Pertinax die Usurpation geplant, denn es ist unwahrscheinlich, dass er ein solches Unternehmen in so kurzer Zeit – er kann frühestens um den 7. April vom Tod des Pertinax erfahren haben – begonnen haben sollte: Zunächst muss er sich der Unterstützung der Donaulegionen versichert haben, was zweifellos einige Zeit in Anspruch genommen hatte; nun aber inszenierte er sich als Rächer des Pertinax. Septimius überquerte zügig die Alpen, um Rom ohne Widerstand einzunehmen; Didius Julianus, der ihm zuletzt eine geteilte Herrschaft angeboten hatte, war bereits vor seiner Ankunft ermordet worden. Septimius löste die alte Prätorianergarde auf und ersetzte sie durch eine neue, ihm loyale Garde, deren Soldaten ein hohes Donativum erhielten. Dies markierte einen Einschnitt, denn während die Prätorianer zuvor 200 Jahre lang stets ausschließlich in Italien und einigen wenigen besonders stark romanisierten Provinzen (wie der Baetica) rekrutiert worden waren, kamen sie fortan aus allen Regionen des Reiches, vor allem aber aus dem recht unzivilisierten Pannonien und dem Illyricum.
Die Legionen in der Provinz Syria hatten jedoch Mitte April ihren Kommandeur Pescennius Niger als Kaiser ausgerufen, während der Kandidat der in Britannien stationierten Truppen Clodius Albinus war. Septimius musste um die Macht kämpfen und stellte sich demonstrativ in die Nachfolge des ermordeten Pertinax: Er ließ diesen unter die Götter erheben und nahm selbst im April 193 den Beinamen Pertinax an.Vgl. dazu Olivier Hekster: Emperors and Ancestors. Roman Rulers and the Constraints of Tradition. Oxford 2015, S. 209. Auf dem Verhandlungsweg gelang es ihm, Clodius Albinus auf seine Seite zu ziehen, indem er ihn zum Caesar und damit zum künftigen Nachfolger erhob. Darauf konnte er sich Pescennius Niger zuwenden. Dessen Truppen wurden 193/194 in Thrakien und Kleinasien geschlagen. Bei Issos unterlag Niger im März 194 in einer blutigen Entscheidungsschlacht und geriet in Gefangenschaft, in der er kurz darauf getötet wurde. Städte, die zu Niger gehalten hatten, wie Antiochia am Orontes und Byzantion, wurden hart bestraft. Die Provinz Syria wurde zweigeteilt, um eine Machtkonzentration in den Händen des Statthalters zu verhindern. Es kam wohl auch zu einer begrenzten Christenverfolgung.
Septimius Severus als Kaiser
mini|Aureus des Septimius Severus
Militärische Erfolge im Osten Septimius Severus blieb nach seinem Sieg über Niger im Osten und führte 195 sowie 197/198 erfolgreich Krieg gegen die Parther. 195 diente die Unterstützung des Niger durch parthische Vasallen als Vorwand für eine erfolgreich verlaufende expeditio Parthica. Dieser Partherkrieg richtete sich allerdings nicht gegen die Parther selbst, sondern nur gegen einige mit diesen verbündete Kleinkönige. Im Verlauf des Feldzugs kamen die Herrschaften Adiabene und Osrhoene, die schon zuvor unter römischem Einfluss gestanden hatten, endgültig unter die Kontrolle Roms.
mini|Belagerung von Ktesiphon am Septimius-Severus-Bogen
Nach dem Sieg über Albinus (siehe unten) wurden 197 für einen zweiten Partherkrieg drei neue Legionen ausgehoben (Parthica I, II und III).Birley, Septimius Severus, S. 129ff. Die römische Offensive richtete sich diesmal gegen das eigentliche Partherreich, das offenbar durch innere Wirren geschwächt war. So stießen die Römer auf keinen organisierten Widerstand, als sie in Mesopotamien flussabwärts vorrückten. Die parthische Hauptstadt Ktesiphon wurde wohl Ende 197 (oder Anfang 198) gestürmt und geplündert; der arsakidische Partherkönig Vologaeses V., der über kein nennenswertes stehendes Heer verfügte, hatte sich zuvor in das iranische Hochland zurückgezogen, um dort das Adelsaufgebot zu versammeln. Bevor es zu einem Gegenangriff kommen konnte, hatten sich die Römer aber bereits wieder flussaufwärts zurückgezogen. Nach Cassius Dio sollen dabei 100.000 Gefangene mitgeführt worden sein.Cassius Dio 76,9 Diese Erfolge im Osten wurden später auf dem Septimius-Severus-Bogen verewigt. Anfang 198 nahm Severus den Beinamen Parthicus maximus an, der auch auf Münzen geprägt wurde; diesen Titel hatte vor ihm bereits Trajan getragen, als dessen Nachfolger Septimius sich nun darstellte. Seinen Sohn Caracalla erhob er nun zum Augustus, Geta zum Caesar und somit zu (untergeordneten) Mitherrschern; Geta sollte erst 209 ebenfalls zum Augustus erhoben werden.
An eine Eroberung des Partherreichs war allerdings nicht zu denken; Severus hatte die königliche Armee ja gar nicht zur Schlacht gestellt. Stattdessen wandte er sich wieder Nordmesopotamien zu, doch zwei Vorstöße gegen das strategisch wichtige, mit den Parthern verbündete Hatra scheiterten, und der Kaiser musste sich geschlagen von der Stadt zurückziehen. Dennoch entschied man sich, Nordmesopotamien, das wohl bereits seit dem Feldzug des Lucius Verus unter römischem Einfluss gestanden hatte, nun offiziell in das Imperium Romanum einzugliedern. mini|hochkant|Denar des Septimius Severus mit Umschrift FVNDATOR PACIS (Begründer des Friedens)
Spätestens im Jahr 200 richtete Severus daher die neue Provinz Mesopotamia ein und belegte sie mit zwei neu aufgestellten Legionen. Damit reichte das Römische Reich im Osten nun bis an den Tigris.Vgl. Michael A. Speidel: Ein Bollwerk für Syrien. Septimius Severus und die Provinzordnung Nordmesopotamiens im dritten Jahrhundert. In: Chiron 37 (2007), S. 405–433. Die Einrichtung der beiden östlich des Euphrat gelegenen Provinzen Osrhoene und Mesopotamia stellte für die Arsakiden allerdings eine inakzeptable Provokation dar; in den folgenden vier Jahrhunderten sollten sie und ihre Nachfolger, das Sassanidenreich, immer wieder versuchen, die Römer aus Mesopotamien zu vertreiben und wieder den Euphrat als Grenze zu etablieren: Mit der relativen Ruhe an der römischen Ostgrenze war es daher fortan vorbei. Bereits Cassius Dio betrachtete die Einrichtung der mesopotamischen Provinzen daher als schweren Fehler.Cassius Dio 76,3,2
Im Anschluss an den Partherkrieg blieb Septimius Severus noch einige Zeit im Osten. Er besuchte im Winter 199/200 Alexandria und Ägypten. Anschließend begab sich der Kaiser 202 nach Rom. Auf einen Triumphzug verzichtete er demonstrativ, angeblich, da er nicht den Eindruck erwecken wollte, in Wahrheit über seine Bürgerkriegsgegner zu triumphieren. Einen Triumphbogen ließ er sich allerdings, wie erwähnt, trotzdem errichten.
Innenpolitik Die Beziehungen des Kaisers zum römischen Senat waren gespannt. Er machte sich dadurch unbeliebt, dass er die Kompetenzen des Senats, der zwar bereits seit Augustus die reale Macht verloren, aber formal noch immer die res publica regiert hatte (siehe Prinzipat), weiter beschränkte.
195 erhob sich Clodius Albinus, der sich offenbar mehr von seiner Vereinbarung mit Septimius versprochen hatte und über eine große Anhängerschaft im Senat verfügte, als deutlich wurde, dass Septimius nicht ihn, sondern seine beiden eigenen Söhne als Nachfolger vorgesehen hatte. Albinus wurde zum Staatsfeind (hostis publicus) erklärt und zog seinerseits mit einer Armee nach Gallien, wo er Anfang 197 jedoch in einer großen Schlacht in der Nähe von Lugdunum unterlag und Selbstmord beging. Hatte Severus nach dem Sieg über Niger noch die Senatoren unter dessen Anhängern geschont, ließ er nun viele nobiles töten. Mehrere Anhänger des Albinus, darunter Sulpicianus, verloren im Zusammenhang mit dessen Erhebung ihr Leben. Dies brachte Severus den Hass vieler Senatoren ein.
Fortan war Septimius Severus unangefochtener Alleinherrscher des Reiches.Zu den Jahren in Italien vgl. Birley, Septimius Severus, S. 155 ff. Nun gewann das consilium principis an Bedeutung, in welchem vor allem Juristen aus dem Ritterstand den Ton angaben. Fortan spielten die Ritter (equites) in Verwaltung und Militär eine zunehmend wichtige Rolle. Die Heranziehung von ritterlichen Juristen sollte auch für die Entwicklung des römischen Rechts von Bedeutung sein. Auffällig ist, das am Kaiserhof nun vermehrt Eunuchen für bestimmte Aufgaben eingesetzt wurden.