Unter der Bezeichnung Operation Gomorrha (engl.: Operation Gomorrah) wurde die Luftschlacht um Hamburg im Rahmen der Combined Bomber Offensive geplant und nach der Luftschlacht um die Ruhr vom 24. Juli bis zum 3. August 1943 von britischen und erstmals gemeinsam mit US-amerikanischen Luftstreitkräften ausgeführt. Dabei verursachte der zweite Großangriff der Royal Air Force, in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 als Flächenbombardement durchgeführt, begünstigt durch mehrere Faktoren, einen verheerenden Feuersturm ungekannten Ausmaßes. Den bis dahin schwersten Angriffen in der Geschichte des Luftkrieges fielen schätzungsweise 34.000 Menschen zum Opfer. Ein Großteil Hamburgs wurde zerstört, etwa 900.000 Einwohner flohen oder wurden evakuiert.

Der Name der Operation bezieht sich auf die biblische Geschichte von Sodom und Gomorrha, in der Gott beide Städte zur Strafe für ihre Sündhaftigkeit durch einen Regen aus „Schwefel und Feuer“ vernichtet. mini|Luftlagekarte der Hamburger Zeitung, ausgestellt im Technikmuseum Stade

Vorgeschichte

Nachdem im Juni 1941 die Wehrmacht die Sowjetunion angegriffen hatte, erhielt das britische Bomber Command den Auftrag ergänzend zu den bisherigen Zielen, also militärische Ziele, Rüstungsbetriebe und Verkehrsinfrastruktur, auch die deutsche „Moral“ zu zerstören.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 2004 S. 112 Der ehemalige Chef des Luftstabes der RAF, Lord Trenchard, hatte im Mai 1941 ein geheimes Memorandum verfasst, in welchem er die These darstellte, dass durch Bombardements in Deutschland eine niederschmetternde moralische Wirkung erreichbar sei, was bereits zu den Angriffen auf die Verkehrsinfrastruktur geführt hatte.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 2004 S. 113 Der geringe Erfolg der Angriffe auf die bisherigen Ziele ließ das Bomber Command im Winter 1941/42 eine Liste von 19 mittelgroßen und großen Städten erstellen, welche als besonders brandempfindlich galten und als Ziele für konzentrierte Brandbombenangriffe geeignet waren.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 2004 S. 114

Am 14. Februar 1942 erhielt das RAF Bomber Command die General Directive No.5 (S.46368/111. D.C.A.S), welche als Area Bombing Directive bekannt geworden ist. Dies kam vom Air Ministry, einer britischen Behörde, welche unter der Führung eines Staatssekretärs für die Angelegenheiten der britische Luftstreitkräfte zuständig war.Jörg Friedrich: Der Brand · Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945. S. 83. Ziel war die Fokussierung der Angriffe auf die Moral der zivilen Bevölkerung und insbesondere der Industriearbeiter, auch um einen Abnutzungskrieg gegen die deutsche Wirtschaft zu gewinnen.

Am 23. Februar 1942 wurde Air Marschall Arthur Harris Befehlshaber des britischen Bomber Commands. Er wusste, dass Flächenbombardements während der ersten beiden Kriegsjahre viel effektiver gewesen waren als gezielte Angriffe auf einzelne Objekte. Unter seiner Führung baute die Royal Air Force die Fähigkeiten zu großen Luftangriffen mit vielen Flugzeugen aus. Anfang 1943 verfügte er nur über 483 Nachtbomber, von denen aber mittlerweile 70 Prozent viermotorig waren.Middlebrook: Hamburg Juli '43 1983 S. 21–22 und 27

Die Ziele der Einsätze des Bomber Command änderten sich ab März 1942: Am 8. März wurde die Krupp-Stadt Essen angegriffen sowie in der Nacht des 29. März die kriegswirtschaftlich unbedeutende Stadt Lübeck, die deshalb wenig verteidigt war und als geeignet für die Erprobung von Brandbomben auf Städte gesehen wurde. Der Luftkriegshistoriker Horst Boog sieht dies als den britischen Übergang zum regulären Terrorbombenkrieg an.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 2004 S. 115–117

Grundlage dieser Überlegungen bildeten die Erkenntnisse der Royal Air Force durch die Auswertung der deutschen Bomberoffensive „The Blitz“, bei der sich gezeigt hatte, dass die unpräzisen deutschen Angriffe immer dann besonderen Schaden verursacht hatten, wenn Brandbomben statt auf den industriellen Zielen letztlich auf Wohngebieten landeten.Middlebrook: Hamburg Juli '43 1983 S.19 Die Erkenntnis, dass die Moral der britischen Bevölkerung nicht gebrochen war, sondern das Gegenteil erreicht wurde, war ein weiteres Ergebnis.

Auf britischer Seite wurden das neue Instrument der vernichtenden Luftschläge gegen Deutschland auch als politisches Signal an die Sowjetunion verwendet.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 2004 S. 115 Stalin hatte immer wieder eine Zweite Front in Europa gefordert. Die Westalliierten wollten diesen Angriff mit Bodentruppen allerdings noch nicht einleiten und hatten als Kompromiss Luftangriffe auf deutsche Städte angeboten, doch lagen 1942 bei weitem nicht alle deutschen Städte in der Reichweite ihrer Bomberverbände. Hingegen gaben diese Einsätze die Möglichkeit, eine Theorie zu prüfen, die seit Ende des Ersten Weltkrieges immer wieder von der Royal Air Force (RAF) vertreten wurde: den Gegner ohne Einsatz von Bodentruppen zu besiegen.

Das taktische Ziel, als „dehousing“ bezeichnet, bestand in der planmäßigen Vernichtung von Wohnraum in dicht bebauten Stadtzentren, um das deutsche Rüstungspotenzial zu verringern. Der erste große Test mit einer konzentrierten Bomberflotte gelang mit dem 1000-Bomber-Angriff auf Köln (Operation Millennium) in der Nacht zum 31. Mai 1942, bei dem rund 13.000 Gebäude beschädigt und zerstört wurden und etwa 45.000 Menschen obdachlos wurden.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 2004 S. 120 Allerdings waren bei diesem Angriff aus RAF-Sicht „nur“ etwa 470 Tote und 5.000 Verletzte zu verzeichnen. In den Folgemonaten wurden immer wieder neue Munition und neue Verfahren getestet.

mini|Nachtjagdzonen im Himmelbett-Verfahren 1941/42 Am 17. August 1942 erfolgte der erste Luftangriff der 8th US Air Force von England aus auf dem europäischen Kontinent. Ziel war der große Verschiebebahnhof von Rouen. Die schweren US-Bomber griffen in den folgenden Monaten bei Tageslicht − anders als die Bomber der Royal Air Force − gezielt die Rüstungsindustrie, militärische Stützpunkte und die Infrastruktur in Frankreich, Belgien und Holland an.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 2004 S. 124Middlebrook: Hamburg Juli'43 1983 S.28

Vom 5. März bis Ende Juli 1943 wurden fast alle größeren Städte des Rhein-Ruhr-Gebiets während der Schlacht um die Ruhr mit schweren Luftangriffen überzogen, die seine Infrastruktur erheblich schädigten.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 1939–1945. S. 157.

Im Sommer 1943 verfügte auf der deutschen Seite die Reichsluftverteidigung in Summe über rund 300 Jagdflugzeuge und ca. 450 Nachtjäger.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 2004 S. 148 Die deutsche Nachtjagd war radargestützt und führte innerhalb eines bestimmten Gebietes im Himmelbett-Verfahren immer nur einen Nachtjäger an ein einzelnes einfliegendes Flugzeug heran. Dies beschränkte die Möglichkeit, die immer größer werdenden alliierten Angriffsgruppen tatsächlich so stark zu treffen, dass die Luftangriffe aufgegeben hätten werden müssen. Ein 1943 in der Einführung befindliches neues Verfahren der deutschen Jagdflieger, die „Wilde Sau“ war riskant für die deutschen Jäger, die vor und über den Abwurfzonen auf Sichtkontakt in der Dunkelheit aus größerer Höhe die gegnerischen Flugzeuge beschossen und, wenn sie zu tief flogen, dabei teils auch in den Bereich des eigenen Flugabwehrfeuers kommen konnten.Middlebrook: Hamburg Juli '43 1983 S. 59–67

Hamburg Die drittgrößte Stadt Deutschlands (nach Berlin und Wien) war von 1940 bis Ende 1942 mehr als 100 kleineren Bombenangriffen ausgesetzt. Sie galt mit ihrer Werft- und Flugzeugindustrie und der räumlichen Nähe zu den britischen Bomberstützpunkten als hochpriorisiertes Angriffsziel sowohl im britischen Luftfahrtministerium als auch im Ministerium für Wirtschaftskriegsführung. Im Mai 1942 war sie das Primärziel des geplanten ersten Tausend-Bomber-Angriffs (Operation Millennium). Wetterbedingt wurde dann aber das Ersatzziel Köln bombardiert.Richard Overy: Der Bombenkrieg – Europa 1939–1945. Rowohlt 2014, ISBN 978-3-87134-782-5, S. 476 f.Martin Middlebrook: Hamburg Juli'43. S. 86. Nach Bombenangriffen ersuchte der Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann schon im September 1941 – also noch vor dem Beginn der reichsweiten Deportationen – zur Linderung der Wohnungsnot der arischen Mitbürger, die Juden der Stadt ins Generalgouvernement deportieren zu dürfen.Hilde Michael: Das Leben der Hamburger und Altonaer Juden unter dem Hakenkreuz. LIT-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-643-10417-5, S. 146. Am 3. März verfehlte ein schwerer Angriff durch falsche Markierung Hamburg und traf nur die schwach besiedelten Vororte Rissen und Wedel.Hans Brunswig: Feuersturm über Hamburg. S. 160.

Die Stadt verfügte unter dem Oberbefehl von SS-Gruppenführer Graf von Bassewitz-Behr – wie man annahm – über eine der fortschrittlichsten und stärksten Luftschutzorganisationen des Reichs. Die Zivilverteidigung mit Polizei und Feuerwehr unterstand dem Polizeipräsidenten Hans Kehrl und war mit Hilfskräften und Hitlerjugend verstärkt. Die Zivilbevölkerung war mit Luftschutzwarten für jedes Büro, jede Fabrik und jeden Laden auf Luftangriffe vorbereitet.Martin Middlebrook: Hamburg Juli'43. S. 87 f. In der Stadt befand sich das Luftgaukommando XI unter General Ludwig Wolff. Um die Zielfindung aus der Luft zu erschweren, gab es Scheinanlagen vor der Stadt, Feuerstellungen zur Vortäuschung irreführender Zielmarkierungen, Anlagen zur Vernebelung und Vortäuschung von Großbränden. Die Binnenalster als markante Wegmarke und einzelne Zielobjekte wie Tanklager waren unter Tarnnetzen und Holzkonstruktionen versteckt worden (dies erwies sich während der Angriffe als verhängnisvoll, weil die hölzernen Stützpfähle wegen der Carbolineum-Beschichtung im auslaufenden Öl wie Zündschnüre wirkten und Löschkräfte auch unter zusammenbrechende Tarnnetze gerieten).Hans Brunswig: Feuersturm über Hamburg. S. 176 u. 178 f.

Im Mai 1943 teilte Harris in der streng geheimen Order Nr. 173 des Bomber Command seinen sechs Geschwaderkommandeuren mit, dass er Hamburg in einer mehrtägigen Schlacht mit der Unterstützung der amerikanischen Bomberflotte angreifen und zerstören wolle.Martin Middlebrook: Hamburg Juli'43. S. 99 f.

Die Bombardierungen / Schlacht um Hamburg Die Angriffsserie auf Hamburg wird als Schlacht um Hamburg (engl. „Battle of Hamburg“) bezeichnet, da man wie bei der zuvor stattgefundenen Schlacht um das Ruhrgebiet (engl. „Battle of the Ruhr“) vom 5. März bis zum 31. Juli 1943 die Erkenntnis zugrunde legte, dass ein großes Flächenziel wie eine einzelne Großstadt oder mehrere aneinandergrenzende Städte nur mit einer Serie von Luftangriffen nachhaltig zerstört werden konnte.Middlebrook: Hamburg Juli'43 1983 S.28 Bei den Angriffen sollten die aus zahlreichen vorausgegangenen Angriffen angewandten und eingespielten Methoden verwendet werden. Es gab nur zwei bedeutende Neuerungen: Den Einsatz von „Windows“ (Stanniolstreifen), um die deutsche Radartechnik auszuschalten, und die Kombination von amerikanischen Tag- und britischen Nachtangriffen (round the clock) auf ein Zielgebiet.Martin Middlebrook: Hamburg Juli'43. S. 101–103.

Die Wetteraufklärung führte zu Änderungen im Angriffsplan für die NächteMartin Middlebrook: Hamburg Juli'43. S. 109 f. 23./24. Juli: Angriff auf Hamburg (Primärziel) und auch Bremen (Ausweichziel) abgesagt. 24./25. Juli: Angriff auf Hamburg (Primärziel) und auch Mönchengladbach (Ausweichziel) abgesagt.

Ausgangslage Die Hafenstadt Hamburg lag von Beginn des Krieges an innerhalb der Reichweite der alliierten Bomberverbände. Der erfolgreiche alliierte Luftangriff auf Lübeck hatte die Verwundbarkeit der deutschen Städte gezeigt. Einzig das Vertrauen auf eine massive Verteidigung mit Flugabwehrgeschützen und Jagdflugzeugen blieb der Bevölkerung in der Hansestadt.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 2004 S. 164

mini|Flakturm IV in Hamburg-St. Pauli bei Kriegsende 1945