mini|Dekalog-Pergament von Jekuthiel Sofer, 1768 (heute in der Bibliotheca Rosenthaliana, Amsterdam) mini|Zehn-Gebote-Tafel in der Danziger Marienkirche (1480–1490)Viola Hildebrand-Schat: Die Danziger Gebote-Tafeln als Spiegel ihrer Zeit. Acta Universitatis Nicolai Copernici (2011) Die Zehn Gebote, auch die Zehn Worte () oder der Dekalog () genannt, sind eine Reihe von Geboten und Verboten (hebr. Mitzwot) des Gottes Israels, JHWH, in der Tora, den fünf Büchern Mose der Hebräischen Bibel. Die Tora enthält zwei leicht unterschiedliche Fassungen. Sie sind als direkte Rede Gottes an sein Volk, die Israeliten, formuliert und fassen seinen Willen für das Verhalten ihm und den Mitmenschen gegenüber zusammen. Sie besitzen im Judentum und Christentum zentralen Rang für die theologische Ethik und haben die Kirchen- und Kulturgeschichte Europas und des außereuropäischen Westens mitgeprägt.

Der Dekalog in der Tora Wortlaut Vom Dekalog gibt es je eine Fassung im 2. Buch Mose (Exodus) und im 5. Buch Mose (Deuteronomium), die in Details voneinander abweichen:

Thema Wortlaut Selbstvorstellung JHWHs Fremdgötter­verbot Bilder­verbot Namensmissbrauchs­verbot Sabbat­gebot Eltern­gebot Tötungsverbot manchmal auch mit „Du sollst nicht morden“ übersetzt. Dazu: Elieser Segal: Das Sechste Gebot: Du sollst nicht morden … Jüdische Allgemeine, 9. November 2006, abgerufen am 9. November 2015. Ehebruchs­verbot Diebstahls­verbot Falschzeugnis­verbot Begehrens­verbot

Narrativer Kontext Mit beginnt in der Tora die Sinai-Erzählung: Nach der Ankunft der aus Ägypten befreiten Israeliten am Berg Sinai beansprucht JHWH sie als sein erwähltes Bundesvolk, worauf sie Mose versprechen, alle Gebote Gottes zu erfüllen. Nach seiner Theophanie redet Gott auf dem Berg mit Mose. Davor und danach beauftragt er ihn, das Volk vom Betreten des Berges abzuhalten und so vor seinem tödlichen Anblick zu schützen. Zum Schluss richtet Mose die Warnung dem Volk aus („… und sagte es ihm.“). Der Satz lässt sich auch objektlos übersetzen („und sagte ihm:“): Dann würde Mose dem Volk die folgende Dekalogrede mitteilen, die er zuvor von Gott empfangen hätte.

beginnt jedoch mit dem unadressierten Satz „Dann sprach Gott alle diese Worte.“ Nach der Dekalogrede reagiert das Volk nicht darauf, sondern auf die vorherige Theophanie: Es sei vom Berg geflohen und habe Mose um Vermitteln der Worte Gottes gebeten. Er allein habe sich Gott genähert; das Volk habe nur sein Reden vom Himmel her „gesehen“. Demnach nahm es Gottes Stimme wahr, verstand aber nicht ihren Inhalt. Daraufhin verkündet Mose die Einzelbestimmungen des Bundesbuchs (Ex 20,23 – 23,33). Das Volk antwortet wie zu Beginn einmütig, alle Gebote Gottes erfüllen zu wollen .

mini|hochkant|Mose und die Zehn Gebote(von Jusepe de Ribera) Nach dem Bundesmahl der siebzig Ältesten redet erstmals von steinernen Tafeln, die Gott Mose allein übergeben werde. Nach den Anweisungen zum Bau der Stiftshütte (–) nennt zwei Steintafeln, die Gott mit seinem Finger beschrieben habe. Diese enthalten nach dem Kontext alle zuvor ergangenen Gebote, nicht nur den Dekalog. Nach habe Gott selbst die Tafeln gemacht und sie mit der Schrift Gottes beidseitig beschrieben. Mose habe diese Tafeln im Zorn über Israels Abfall zerbrochen und in seinem Auftrag neue angefertigt, von denen es heißt ():

Die Zehnzahl findet sich im Buch Exodus nur an dieser Stelle und bezieht sich im literarischen Kontext nicht auf Ex 20, sondern auf die Texteinheit , oft Kultischer Dekalog genannt.

Vor der Landnahme der Israeliten kommt Mose in darauf zurück: Nach der Sinai-Theophanie habe Gott ihnen den Bund offenbart und sie verpflichtet, diesen in Form der „Zehn Worte“ zu halten. Dazu habe Gott diese auf zwei Steintafeln geschrieben. Das stellt erstmals die Identität von mit den „Zehn Worten“ und zwei Gebotstafeln heraus und betont ihren Rang als von Gott selbst geoffenbarte und aufgeschriebene Bundesurkunde.

In erinnert Mose das versammelte Volk daran, dass Gott seinerzeit auf dem Sinai (hier Horeb genannt) das Volk zwar laut und direkt angesprochen, dieses den Berg aber aus Furcht gemieden habe. Deshalb verkünde er, Mose, dem Volk seither Gottes Worte. Darauf wiederholt er die Dekalogrede als Vollzitat und bekräftigt dann, Gott selbst habe ebendiesen Wortlaut damals verkündet, unverändert auf die Gebotstafeln geschrieben und diese ihm gegeben . Nun erst erfuhr das Volk nach dem Gesamtduktus des Pentateuch also mündlich den Inhalt des schon offenbarten und verschrifteten Dekalogs.Michael Konkel: Was hörte israel am Sinai? Methodische Anmerkungen zur Kontextanalyse des Dekalogs. In: Michael Konkel, Christoph Dohmen und andere (Hrsg.): Die zehn Worte: Der Dekalog als Testfall der Pentateuchkritik. Freiburg im Breisgau 2005, S. 19–30. Nach legte Mose beide Steintafeln in die Bundeslade, die als bewegliches Heiligtum Gottes rettende Präsenz bei seinem Volk bis zur Zeit König Davids verbürgte (–; ).

Aus dieser erzählerischen Situierung ergaben sich Hauptfragen der Auslegung und Forschung: Wem gilt der Dekalog? Wie verhalten sich die beiden Fassungen zueinander? Welche ist älter und ursprünglicher? Wie verhält sich der Dekalog zur übrigen Tora?

Selbstvorstellung JHWHs Die Reihung wird in Ex 20,2 mit der im Tanach häufigen Theophanieformel „Ich bin JHWH“ eröffnet, die hier um die Zusage „dein Gott“ erweitert und auf die Tradition vom Auszug (Exodus) der Israeliten aus Ägypten (Ex 2–15) bezogen ist. Gott erscheint seinem Volk demnach nicht als Unbekannter, sondern erinnert es mit seinem Namen an seine frühere Befreiungstat, die seinen Willen bereits ausdrückte.

Gottes „Ich“ (hier in der betonten hebräischen Form Anochi) erscheint als einzigartiger, alle anderen Ansprüche ausschließender Rechtsanspruch auf ein kollektives „Du“. Die Anrede gilt dem ganzen im Exodus aus Ägypten erwählten Gottesvolk Israel und jedem einzelnen Angehörigen dieses Volkes. Gottes Selbstoffenbarung in der Geschichte der Hebräer begründet hier sein Recht auf alle ihre Nachfahren. Darum schärft die Haggada zum Pessach dem gläubigen Juden ein: „In jeder Generation betrachte sich der Mensch, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen.“Zitiert bei Schalom Ben-Chorin: Betendes Judentum: Die Liturgie der Synagoge. Mohr Siebeck, Tübingen 1980, ISBN 3-16-143062-X, S. 159 Diese Exklusivität Gottes, die das angeredete Volk zu seinem Gegenüber macht und an seine Befreiungsgeschichte erinnert, ist eine Besonderheit des Judentums unter den altorientalischen Religionen. Damit ist das Volk Israel und sein Gottesverhältnis zugleich von allen anderen Völkern unterschieden, so dass der Fortsatz „Du sollst keine Götter neben mir“ [wörtlich: vor meinem Angesicht] „haben“ als logische Folgerung erscheint: „Nur für den, dem Gott sich so offenbart hat, gilt auch das folgende Gesetz.“Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1996, ISBN 3-7887-1263-5, S. 61.

Der im Exodushandeln JHWHs für Israel implizierte Ausschluss fremder Götter ist im Alten Orient einmalig.

Bilderverbot Das biblische Fremdgötterverbot wird sogleich im Bilderverbot konkretisiert, das nach beiden Dekalogversionen sowohl Abbildungen fremder wie des eigenen Gottes verbietet.In der Zeit um 1550 kamen in calvinistisch geprägten Gebieten Norddeutschlands Schriftaltäre auf, auf denen biblische und liturgische Texte künstlerisch gestaltet und anstelle von Bildern in Kirchen angebracht wurden. Damit wird JHWHs Verehrung endgültig von allen anderen Kulten unterschieden. Denn dort wurden auch höchste und einzige Götter immer in Bildern dargestellt und verehrt, die ihre Kräfte vergegenwärtigten.

Gottesbilder wurden auch in Israels Nachbarschaft nicht mit dem abgebildeten Gott identifiziert und oft verhüllt, um die Transzendenz zu wahren. Doch das Bilderverbot stellt den unsichtbaren Gott gegen die im Bild greifbaren Götter, weil er für Israel der Schöpfer aller Dinge ist und sich vorbehält, wem und wie er sich offenbart. Diese Unabhängigkeit korrespondiert mit der Selbstbindung JHWHs an die Befreiung seines Volkes. Die Erinnerung an den Exodus sperrt sich dagegen, ihn nach Art fremder Götter zu verehren, die in der Regel Herrschaftsverhältnisse absegneten. Israels Gott will nicht im Kult repräsentiert, sondern im Sozialverhalten in allen Lebensbereichen verehrt werden.

In beiden Versionen erstreckt sich der Verbotsbereich auf Himmel, Erde und Unterwelt, also alle „Stockwerke“ des damaligen Weltbilds. Die deuteronomische Auslegung in bekräftigt das Verbot, Gott weder als Mann noch Frau noch Tier noch Gestirn darzustellen, wie es in den kanaanäischen Fruchtbarkeitskulten und babylonischen Astralkulten üblich war. Gläubige Juden können daher nichts in der Welt der geschaffenen Dinge als göttlich betrachten. Sie wurden darum im Hellenismus später als „Atheisten“ bezeichnet.

Da Gott sich für Juden von Beginn an durch sein – ebenfalls exklusiv gedachtes – Wort offenbarte , betrifft das Bilderverbot im Tanach nur optische und gegenständliche Abbilder, nicht Sprachbilder. Diese zeigen eine große Vielfalt an Metaphern, Vergleichen und Anthropomorphismen.

Ältere Vorformen wie gebieten mit dem Ausschluss anderer Götter zugleich die Zerstörung ihrer Kultstätten in Israel. Dies reagierte eventuell auf Gleichsetzungen JHWHs mit dem kanaanäischen Baal im Bild des Stiers , die hinter der Erzählung vom Goldenen Kalb in steht. Dieser Synkretismus wurde wohl seit dem Auftreten des Propheten Elija im Nordreich Israel als Übernahme von Wesenszügen Baals aufgefasst und abgelehnt . Auch Hosea kämpfte für das erste Gebot gegen die „Hurerei“ des Baalskultes (; ; ; ). Doch nach vergeblichen Anläufen von Hiskijas ließ erst König Josia die noch bestehenden Baalkultorte um 620 v. Chr. zerstören (). So wurde die alleinige Verehrung JHWHs innenpolitisch durchgesetzt.

Um sein Gewicht zu unterstreichen, wird das Bilderverbot nochmals mit einer ähnlichen Gottesrede wie der Präambel bekräftigt. Es bildet daher mit der exklusiven Selbstvorstellung JHWHs eine unauflösbare Einheit. Erst dadurch wird der indikativisch formulierte Zuspruch („Ich bin…“) zum ebenso verbindlichen Anspruch („Du sollst…“, wörtlich „Du wirst…“).Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte, Neukirchen-Vluyn 1996, S. 83 ff.

Apodiktische Rechtssätze Auf die Gebote der Sabbat-Heiligung und des Ehrens der Eltern folgen eine Reihe von apodiktisch – begründungslos und kategorisch – formulierten Einzelverboten. Sie schließen ein bestimmtes Verhalten generell aus, ohne das positiv intendierte Verhalten festzulegen, erheben also Anspruch auf kollektive und zeitübergreifende Geltung. Dabei sind sie wörtlich als ermutigender Zuspruch formuliert („Du wirst nicht …“), drücken also ein unbedingtes Zukunftsvertrauen in den Adressaten aus.Georg Fischer, Dominik Markl: Das Buch Exodus. Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-460-07021-9, S. 220.

Das unterscheidet sie von einer Vielzahl aus der alltäglichen Rechtsprechung stammender Gebote zu bestimmten Einzelfällen (Kasuistik). Solche „Wenn-dann“-Bestimmungen haben Vorbilder und Parallelen in der altorientalischen Umgebung Israels, beispielsweise im Codex Hammurapi.

Vertragsform William Sanford LaSor deutet die Sinaiperikope (Ex 20–24) als Gründungsurkunde des Bundes zwischen JHWH und dem Volk Israel. Der Dekalog ähnele einem damals üblichen Vertrag zwischen einem Großkönig und seinem Vasallen. Auch Lothar Perlitt sieht Parallelen zu hethitischen Staatsverträgen, die von den Israeliten nachgeahmt worden seien. Er schließt daraus ein hohes Alter des Textes.

Folgende Ähnlichkeiten findet LaSor:William Sanford LaSor u. a.: Bund und Gesetz am Sinai. In: Das Alte Testament. Brunnen, Gießen 1989; S. 167–172.

Die Präambel nennt den Bundesstifter mit seinen Titeln.