Als Zivilisation (von : ‚römischer Bürger‘, ‚Städter‘; seit dem Hochmittelalter ‚Bürger‘)Karl Dietrich Hüllmann: Städtewesen des Mittelalters. I–IV, Bonn 1826–1829, Band II, S. 245 f. und 467–469 wird eine komplexe menschliche Gesellschaft bezeichnet, bei der die sozialen und materiellen Lebensbedingungen durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt ermöglicht und von Politik und Wirtschaft geschaffen werden. Ein lediglich von der Geschichtswissenschaft für vergangene Zivilisationen verwendetes Synonym ist Hochkultur. Historisch diente der Begriff „Zivilisation“ in der Regel nämlich schlicht als Eigenbezeichnung größerer und „fortschrittlicherer“ Kulturen zwecks Abgrenzung jener Kulturen von kleineren, vermeintlich „primitiveren“ Kulturen wie Jäger-und-Sammler-Gesellschaften.

Allgemeingültige Kennzeichen für Zivilisationen sind die Bildung von Staaten inkl. Regierungen, soziale Schichtung, Spezialisierung/Funktionale Differenzierung und Arbeitsteilung, Urbanisierung und symbolische Kommunikationssysteme (z. B. eine Schrift). Weiter zeichnen Zivilisationen oft Expansionismus, Steuern, monumentale Architektur und eine gesamtgesellschaftliche Abhängigkeit von der Landwirtschaft aus. Fast alle Zivilisationen besitzen außerdem eine Ideologie, die Fortschrittsglaube beinhaltet sowie die Überzeugung, dass bestimmte soziale Gruppen anderen überlegen sind. Im Allgemeinen lässt sich feststellen, dass Zivilisation Macht auf wenige Menschen zentralisiert und damit deren Kontrolle über andere Menschen sowie über die Natur ausweitet.

Die ersten Zivilisationen entstanden mit dem Ende der Neolithischen Revolution. Seit einigen Jahrzehnten verbreitet sich die Ansicht, dass alle derzeit lebenden Menschen zusammen mittlerweile nur noch eine Gesellschaft und damit auch nur noch eine Zivilisation bilden. Daher wird heute in der Regel synonym zu Menschheit nur noch von der Zivilisation gesprochen (bzw. „unserer Zivilisation“, abgerufen am 5. September 2022.). Das Ende einer Zivilisation oder der menschlichen Zivilisation insgesamt wird als Zivilisationskollaps bezeichnet.

Begriff Der Begriff Zivilisation ist von dem im Deutschen seit dem 17. Jahrhundert belegten Adjektiv zivil (‚bürgerlich‘) abgeleitet. Im 18. Jahrhundert benutzte man im Französischen die Idee der Zivilisation als Gegensatz zum Begriff „Barbarei“. So konnten nichteuropäische Gesellschaften als unzivilisiert charakterisiert werden. In den romanischen und angelsächsischen Sprachen ist civilisation bzw. civilization synonym zu culture bzw. cultura, nur das Deutsche unterscheidet „Kultur“ und „Zivilisation“.

Die Geschichtswissenschaft versteht unter Kulturen großräumige und langlebige Gebilde, die eine große Prägekraft entwickeln, obwohl sie häufig eine Vielzahl von Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen aufweisen.

Die heutige Definition von Zivilisation in der internationalen Politik versteht diese bildlich vorgestellt als „Kulturdach“ für mehrere ähnlich gelagerte Kulturen, die geographisch nicht aneinander gebunden sein müssen. Staaten einer Zivilisation teilen eine Weltanschauung. Kultur wird in diesem Zusammenhang definiert als lokal begrenzte, Sinn stiftende Produktion von gemeinsamen Werten und Normen. Im Anschluss an den Sozialwissenschaftler Norbert Elias und dessen Theorie Über den Prozeß der Zivilisation wird der Begriff auch im Sinne von „Zivilisierung“ verwendet.

Geschichte Der Begriff civilisation, der sich im ausgehenden 18. Jahrhundert ursprünglich auf die französische Gesellschaft des Ancien Régime bezog und die positiven Erwartungen im Zeitalter der Aufklärung an den Fortschritt der Gesellschaft zum Ausdruck brachte, erfuhr im Zuge des Kolonialismus im 19. Jahrhundert eine Neubewertung. Es etablierte sich die Vorstellung von unzivilisierten außereuropäischen Gesellschaften, denen die eigene zivilisierte Gesellschaft gegenübergestellt wurde.

Etymologisch stammt das Wort Zivilisation vom französischen civilisation. Es kann weiter verfolgt werden über das lateinische civilis und seine Wurzel im Begriff civis. Dieser bezeichnet die Bürger (anfangs spezifisch Stadtbewohner) Roms. Dort tritt eine Verwandtschaft mit dem lateinischen Begriff civitas auf, welcher Städte und Stadtstaaten bezeichnet. Eine Rückführung des Begriffs auf eines der entscheidenden Merkmale von Zivilisationen, den Bau von Städten, ist somit belegbar.Larry E. Sullivan: The SAGE glossary of the social and behavioral sciences. Editions SAGE, 2009, S. 73.

Wortgebrauch Umgangssprache Zivilisation, einem Volk oder einer bestimmten Menschheit zugesprochen, umreißt: Lebensbedingungen, die gekennzeichnet sind durch: arbeitsteilige Wirtschaft Städtebau ein gewisses technisch-mechanisches Entwicklungsniveau eine hierarchisch geordnete Verwaltungs- und Machtstruktur gewisse hochkulturelle Genauigkeit institutionalisierte Rechtsprechung einen gewissen materiellen Wohlstand Mitunter versteht man unter dem Begriff eine wertende Definition: positiv im Sinne von Gesittung und Lebensverfeinerung im Gegensatz zur „Barbarei“, Brutalität und Gesetzlosigkeit oder im Sinne eines, als überlegenen empfundenen, Zustandes einer Gesellschaft. negativ abgesetzt von Kultur, historisch Anfang des 20. Jahrhunderts, um „deutsche Kultur“ gegen „welsche (französische) Zivilisation“ auszuspielen, in jüngerer Zeit dann, wenn eine Gesellschaft nur noch auf Funktionalismus, Nützlichkeitsdenken, Komfort und übertriebene Technisierung ausgerichtet ist. Der Beginn der Zivilisation wird oft in den frühen Hochkulturen gesehen. Die Landwirtschaft erfordert Sesshaftigkeit, somit waren nun mehr Menschen als jemals zuvor an einem Ort über längere Zeit gebunden. Hieraus ergab sich einerseits eine Abneigung gegen das Nomadentum, andererseits kam es zu neuen Regelungen für das Zusammenleben in den neu entstandenen Städten: Religion, Herrschaft, Kultur etc., welche die Wiege der Zivilisation bilden.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, auf die sich die UNO 1948 als verbindlich für alle Menschen und Staaten geeinigt hat, wird umgangssprachlich als Zeichen der Zivilisation bezeichnet.

Kolonialismus mini|American Progress („amerikanischer Fortschritt“), Gemälde von John Gast, 1872: Allegorische Darstellung des Manifest Destiny mini|School begins („Schulanfang“). Karikatur aus der amerikanischen Satirezeitschrift Puck, 1899. Dargestellt ist Uncle Sam, der als Lehrer vier neue Schüler, nämlich die im Spanisch-Amerikanischen Krieg erworbenen Territorien Philippinen, Puerto Rico, Kuba und Hawaii, in seinen Unterricht aufnimmt. Im Legitimierungsdiskurs zum Kolonialismus der europäischen Großmächte spielte die Aufgabe, die unterworfenen Völker zu „zivilisieren“, eine zentrale Rolle.Auch zum Folgenden Jürgen Osterhammel: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen. C.H. Beck, München 20065, S. 112–115 Dies zeigte sich bereits im Missionierungsauftrag, mit dem die Spanier nach der Entdeckung Amerikas 1492 ihre Eroberungen in der Neuen Welt rechtfertigten. Später trat der christliche Bezug in den Hintergrund. In jedem Fall wurde die indigene Bevölkerung rassistisch als unterlegen angesehen, ob nun im Bild des „Edlen Wilden“, der zwar naiv und unzureichend bekleidet sei, aber zentrale Werte bereits von Natur aus in sich trage und dazu der Erziehung und Bildung durch die Europäer bedürfe, oder im Schreckbild des „Kannibalen“, der mit allen Mitteln, auch mit Gewalt, von seinem grässlichen Tun abzubringen sei.Iris Gareis: Von „grimmigen Menschenfressern“ und „Edlen Wilden“. Kannibalismus in frühen Reiseberichten aus Amerika zwischen Alteritätsdiskurs und Kulturkritik. In: Robert Rebitsch, Friedrich Pöhl und Sebastian Fink (Hrsg.): Die Konstruktion des Kannibalen zwischen Fiktion und Realität. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2017, S. 127–154. Dies wurde nicht nur als Recht der europäischen Mächte angesehen, sondern regelrecht als deren Verpflichtung. Ein klassisches Beispiel hierfür ist Rudyard Kiplings Gedicht The White Man’s Burden aus dem Jahr 1899, in dem der Kolonialismus nicht als profitables Unternehmen, sondern als eine „Last“ der Weißen dargestellt wurde, die zu tragen und der seine besten Söhne zu opfern moralisch geboten sei. Der Chefideologe des britischen Kolonialismus Lord Lugard räumte ein, dass Kolonialbesitz auch Vorteile für die Kolonialmächte bot, und sprach von einem „doppelten Mandat“: Zum einen gehe es darum, den Wohlstand der Metropole zu sichern, zum anderen aber auch, in den Kolonien die Segnungen des materiellen und zivilisatorischen Fortschritts zu verbreiten.Sönke Kunkel und Christoph Meyer: Dimensionen des Aufbruchs. Die 1920er und 1930er Jahre in globaler Perspektive. In: dieselben (Hrsg.): Aufbruch ins postkoloniale Zeitalter. Globalisierung und die außereuropäische Welt in den 1920er und 1930er Jahren. Campus, 2012, S. 7 –36, hier S. 24. Der angebliche Zivilisierungsprozess wurde dabei aber nie als abgeschlossen imaginiert, denn dies hätte ja das Ende der Kolonialherrschaft impliziert.

Die Zivilisierung, mit der die Kolonialmächte ihre außereuropäische Herrschaft rechtfertigten, wurde auch als Argument eingesetzt, sie anderen Ländern propagandistisch abzusprechen: So veröffentlichte Großbritannien während des Ersten Weltkriegs ein Blue Book, um nachzuweisen, dass das Deutsche Reich seinen Kolonien keinen Fortschritt, sondern Krieg, Zwangsarbeit und Völkermord gebracht habe.Mads Bomholt Nielsen: Delegitimating Empire. German and British Representations of Colonial Violence, 1918–19. In: The International History Review (2019), S. 1–18. Dies bildete dann die Begründung, mit der ihm im Vertrag von Versailles 1920 alle Kolonien abgenommen wurden.Caroline Authaler: Das völkerrechtliche Ende des deutschen Kolonialreichs. Globale Neuordnung und transnationale Debatten in den 1920er Jahren und ihre Nachwirkungen. in: Aus Politik und Zeitgeschichte 69, Heft 40–42 (2019), S. 4–10, hier S. 4 f.

Entgegensetzung von Kultur und Zivilisation In Deutschland entstand im Anschluss an Immanuel Kant eine Tradition, die Kultur und Zivilisation begrifflich und normativ unterschied: Diese wurde als rein technisch oder politisch verstanden, als „allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit“, während jene eine tiefer gehende Moral umfasse. Kultur ist für Kant das Mittel, mit dem der Mensch erst eigentlich zum Menschen werde, gleichzeitig auch dessen Zweck und der Prozess der so verstandenen Menschwerdung.Michael Fischer: Was wird aus der Kultur? Kulturphilosophie nach Kant. In: Ian Kaplow: Nach Kant: Erbe und Kritik. LIT Verlag Münster, 2005, S. 136–158, hier S. 138 ff.

Auch Richard Wagner benutzte das Wort pejorativ: Er polemisierte gegen die Zivilisation, die die Wissenschaft als Abgott eingesetzt habe, die Demokratie und Mammonismus verbreite. Die Verantwortung für diese von ihm negativ bewerteten Erscheinungen wies er als Sündenbock dem Judentum zu. In diesem Sinne definierte er Zivilisation als „barbarisch-judaisches Gemisch“.Hildegard Châtellier: Wagnerismus in der Kaiserzeit. In: Uwe Puschner, Walter Schmitz und Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918. Κ. G. Saur, München/New Providence/London/Paris 1996, ISBN 3-598-11241-6, S. 575–612, hier S. 579 f. (abgerufen über De Gruyter Online).

mini|Destroy this mad brute („Zerstört dieses wahnsinnige Scheusal“). Amerikanisches Plakat aus dem Jahr 1917.