Bethlehem oder Betlehem (, ; biblisch auch Efrata) ist eine Stadt im Westjordanland in den Palästinensischen Autonomiegebieten. Sie liegt im Judäischen Bergland südlich von Jerusalem und hatte 2017 28.591 Einwohner.

Die Wirtschaft der Stadt stützt sich in wesentlichen Teilen auf den Tourismussektor, insbesondere während der Weihnachtszeit, in der Christen in die als Geburtsort Jesu anerkannte Geburtskirche pilgern. Die Stadt beherbergt zwei Universitäten. Bürgermeister der Stadt Bethlehem ist Maher Nicola Canawati.

Wortherkunft Die Bedeutung des Namens Bethlehem ist bisher ungeklärt. Während Beth sowohl im Hebräischen als auch im Arabischen mit „Haus“ zu übersetzen ist, ist der zweite Namensbestandteil unklar. steht im Hebräischen für „Brot“, im Arabischen dagegen für „Fleisch“, in manchen südarabischen Dialekten auch für „Fisch“. Die Wurzel bezeichnet somit ursprünglich ein Nahrungsmittel. Es ist entweder „Haus des Brotes“ oder „Haus des Fleisches“ zu übersetzen.

Möglich ist aber auch eine Ableitung des zweiten Wortbestandteils aus der homonymen Wurzel lḥm mit dem semantischen Feld „kämpfen“; Bethlehem hätte dann die Bedeutung „Haus des Kampfes“. Weitere Deutungen beziehen das Götterpaar Lahmu/Lahamu in ihre Überlegungen ein, Bethlehem wäre demnach das „Haus der Gottheit Lahmu/Lahamu“.Erasmus Gaß: Die Ortsnamen des Richterbuchs in historischer und redaktioneller Perspektive (APDV 35). Wiesbaden 2005.

In einem von mehreren in Amarna entdeckten Briefen des Abdi-Hepa, des Herrschers von Jerusalem im 14. Jahrhundert v. Chr., kommt der Ortsname Bit-Laḫmi vor. Es wird oft vertreten, dass dies die erste schriftliche Erwähnung von Bethlehem sei,Jerome Murphy-O’Connor: The Holy Land. An Oxford Archaeological Guide from Earliest Times to 1700. Oxford University Press, Oxford 2008, S. 229 f. was aber nicht unstrittig ist.vgl. die Hinweise von Lorenzo Nigro: Le necropoli di Betlemme e la storia della città nel II e I millennio a.C. In: Alessandro Coniglio, Amedeo Ricco (Hrsg.): Holy Land: Archaeology on Either Side. Archaeological Essays in Honour of Eugenio Alliata. Edizioni Terra Santa, Mailand 2020, ISBN 978-88-6240-818-9, S. 39., der der Gleichsetzung eher positiv geneigt zu sein scheint.

Biblische Überlieferung mini|links|Altar über dem Stern von Bethlehem in der Geburtsgrotte mini|Stern von Bethlehem in der Geburtsgrotte mini|Das Grab Rachels heute mini|Hauptsitz des Gouvernements Bethlehem

Der Ort wird in der Bibel erstmals in erwähnt. Dort heißt es, dass Jakobs geliebte Frau Rahel „an der Straße nach Efrata, das jetzt Betlehem heißt“, begraben wurde (vgl. auch Gen 48,7). Nach der Eroberung Kanaans durch die israelitischen Stämme fiel das Städtchen dem Stamm Juda zu (Jos 15,59; 1Chr 4,22). Auch das Geschehen aus dem Buch Rut spielt sich zu einem großen Teil in Betlehem ab und sowohl Ruts erster Schwiegervater Elimelech wie auch ihr späterer Mann Boas (Ruth 2,4) kamen aus diesem Ort . Ruth zieht mit ihrer ersten Schwiegermutter Noomi nach Bethlehem (Ruth 1,19.22), wo sie mit Boas eine Familie gründet (Ruth 4,11).

Betlehem war nach der Herkunftsort Davids, wo auch der erwartete Messias als Nachkomme („Sohn“) Davids zur Welt kommen sollte . In diesem Vers wird es als „Betlehem-Efrata“ bezeichnet, um es von einem anderen Ort mit Namen Betlehem zu unterscheiden, der im Stammesgebiet von Sebulon, ca. 11 km westnordwestlich von Nazareth, lag (Jos 19,15).

Weitere Belege im Tanach sind die folgenden:

Der Richter Ibzan (siebenjähriges Richteramt) stammt aus Bethlehem und ist dort begraben (Ri 12,8.10) Ein junger Levit aus Bethlehem wird bei Micha als Priester eingestellt (Ri 17,7–13) Eine erzürnte Nebenfrau eines Leviten in Ephraim läuft ihm davon zu ihrem Vater nach Bethlehem, woher sie stammt; der Levit zieht ihr hinterher und versöhnt sich mit ihr; auf ihrer Rückreise übernachten sie in Gibea, wo dem Leviten Schlimmes angetan werden soll; stattdessen kann aber die Nebenfrau herausgegeben werden, die dann zu Tode vergewaltigt wird; der Levit teilt die Leiche in zwölf Stücke, je eines für die zwölf Stämme, um alle Stämme über die Schandtat zu informieren (Ri 19) Samuel kommt nach Bethlehem, die Heimatstadt Isais und Davids (1Sam 17,12; 20,6.28), wo David die Schafe seines Vaters hütet (1Sam 17,15), um Gott zu opfern und den neuen König – letztendlich David – zu salben (1Sam 16,4) Asaël wird im Grab seines Vaters in Bethlehem begraben (2Sam 2,32) Jair-Ogrim, aus Bethlehem hat einen Sohn namens Elhanan, der in der Auseinandersetzung mit den Philistern Lachmi, den Bruder Goliats aus Gat, erschlägt (2Sam 21,19 1Chr 20,5) Drei Helden Davids riskieren ihr Leben, um Wasser aus Bethlehem zu holen, das zu dem Zeitpunkt von den Philistern besetzt ist (2Sam 23,14–17; 1Chr 11,17–19) Nach dem Exil kehren 123 Männer von Bethlehem zurück (Esr 2,21); deren Anzahl zusammen mit Netofa beträgt 188 (Neh 7,26) Jismael ermordet Gedalja, den Statthalter des Königs von Babel, und flieht deshalb mit seinen Leuten nach Ägypten, wobei er in Bethlehem eine Zwischenstation einlegt (Jer 41,17) Im Zwölfprophetenbuch findet sich eine Verheißung des Propheten Micha über Bethlehem als Geburtsort eines Hoffnungsträgers, die im NT als Jesus gedeutet wird (Mi 5,1)

Nach und , implizit auch , wurde Jesus Christus in Betlehem geboren. Der angenommene Geburtsort in einer Höhle wird wohl schon ab dem 2. Jahrhundert verehrt.Justin »der Märtyrer«, Dialog mit Trypho (ca. 155–161 n. Chr.) Kap. 78, in: Joan E. Taylor: Christians and the Holy Places. Oxford University Press, Oxford 1993, S. 99–100. Origenes, schreibt 248 n. Chr. über die Geburtshöhle in Bethlehem (Contra Celsum, Buch I, Kap. 51). Seit dem Jahr 333 steht an der Stelle die Geburtskirche. Am 29. Juni 2012 wurde die Geburtskirche in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen.FAZ.net Umstritten ist, ob Betlehem tatsächlich der Geburtsort Jesu ist. Stattdessen gilt heute Nazareth als der wahrscheinlichste Geburtsort, siehe Geburtsort von Jesus von Nazaret.

Geschichte

mini|Passierpunkt der Mauer von Bethlehem Feuersteine aus der Jungsteinzeit, die an verschiedenen Stellen der heutigen Stadt entdeckt wurden, sind die frühesten Zeugnisse menschlicher Besiedlung.Lorenzo Nigro: Le necropoli di Betlemme e la storia della città nel II e I millennio a.C. In: Alessandro Coniglio, Amedeo Ricco (Hrsg.): Holy Land: Archaeology on Either Side. Archaeological Essays in Honour of Eugenio Alliata. Edizioni Terra Santa, Mailand 2020, ISBN 978-88-6240-818-9, S. 38 (PDF-Version bei Academia.edu). Die frühesten archäologischen Belege für dauerhafte Besiedlung während der späten Kupfersteinzeit (ca. 3800–3400 v. Chr.) fanden sich in den Höhlen bei der Ortschaft Bait Sahur, etwa 2,4 Kilometer von der Geburtskirche entfernt. Künstliche Terrassen in der Nähe, sowie Gräber bezeugen dort auch eine Siedlung zu Beginn der Frühbronzezeit (ca. 3400–3200 v. Chr.). Letztere bezeugen auch eine Siedlung für die späteren Phasen der Frühbronzezeit (bis ca. 2300 v. Chr.) besiedelt war. Dabei wurden in einem Grab u. a. 160 Gefäße entdeckt. Der Ausgräber vermutet, dass auch während der mittleren Bronzezeit Siedlungskontinuität bestand, deren Traditionen sogar noch bis in die frühe Eisenzeit reichten.Lorenzo Nigro: Le necropoli di Betlemme e la storia della città nel II e I millennio a.C. In: Alessandro Coniglio, Amedeo Ricco (Hrsg.): Holy Land: Archaeology on Either Side. Archaeological Essays in Honour of Eugenio Alliata. Edizioni Terra Santa, Mailand 2020, ISBN 978-88-6240-818-9, S. 39.

In der Zeit von Kaiser Konstantin wurde eine erste Kirche über der Geburtsgrotte errichtet. Später wurde sie unter Kaiser Justinian um das Jahr 540 wieder aufgebaut.

640 nahmen in der Islamischen Expansion Truppen des Kalifen ʿUmar ibn al-Chattāb Bethlehem ein. Die südliche Apsis der Geburtskirche ließ er als Gebetsraum für Muslime einrichten und förderte den Zugang für christliche Pilger. Die Lage der Christen verschlechterte sich ab 1071 unter den Seldschuken. Pilgerreisen waren in dieser Zeit mit großer Unsicherheit verbunden. 1099 zogen die Kreuzritter des Ersten Kreuzzugs in Bethlehem ein. Auf sie folgten 1244 die Ayyubiden, sodann die Mamluken, die wenig auf den Unterhalt der christlichen Bauten gaben, und ab 1516 die Osmanen, die in den weitgehend verlassenen Ort mit rund 100 Einwohnern einzogen und Elemente der Geburtskirche als Spolien für Bauten in Jerusalem abtransportierten.

Bis ins 13. Jahrhundert beherbergte der Ort viele Nestorianer, bis ins Jahr 1616 waren sie vollständig in der lateinischen Gemeinde aufgegangen. 1555 entstand zwischen griechischen und lateinischen Christen ein Streit über einen angeblich 30 km langen Tunnel, den die Lateiner bis in die Hafenstadt Jaffa gegraben hätten, um Kreuzritter nach Bethlehem zu schaffen. Griechisch-orthodoxe und Lateiner stritten sich um die Geburtskirche, für die den Griechen dank einem 1566 erlassenen und 1568 bereits wieder aufgehobenen osmanischen Ferman ein Schlüssel zugestanden worden war. 1598 gründeten die Franziskaner die erste ihrer Terra-Santa-Knabenschulen im Heiligen Land und betrieben Proselytismus zum Ärger der griechisch-orthodoxen Gläubigen. 1632 wurden in Bethlehem rund 300 Haushalte gezählt, darunter befanden sich etwa 20 lateinische Familien. Die lateinische katholische Gemeinde wuchs auf rund 1000 Personen um 1761.

Bis 1629 dominierten die Lateiner die Heiligen Stätten. 1630 gelang es den Griechen, die Lateiner auszuschließen. Von 1690 bis 1757 waren es wiederum die Lateiner, die in den Heiligen Stätten das Sagen hatten, ab 1757 wiederum – mit Einschränkungen – erneut die Griechen. Auf den 2. Februar 1852 wurde der Status Quo für die Heiligen Stätten festgelegt. 1872 wurde die Kapelle der Milchgrotte errichtet. 1904 waren laut einer Zählung des griechisch-orthodoxen Patriarchats von Jerusalem 3600 der in Bethlehem lebenden Christen griechisch-orthodox.

Ibrahim Pascha ließ unter der ägyptischen Herrschaft (1831–1841) das muslimische Viertel 1834 zerstören, weil sich dessen Bewohner gegen die Zwangsrekrutierung gewehrt hatten. Die Christen, denen er dies nicht abverlangt hatte, blieben verschont, ihre Wohnhäuser beschädigte jedoch im selben Jahr ein Erdbeben, dabei wurde das Mar-Saba-Kloster fast vollständig zerstört. Nach 1834 lebten ausschließlich Christen in Bethlehem.Edward Robinson, Eli Smith: Tagebuch einer Reise im Jahre 1838 in Bezug auf die biblische Geographie unternommen von E. Robinson und E. Smith. Buchhandlung des Waisenhauses, Halle 1841, S. 381. Der britische Jude Sir Moses Montefiore finanzierte indes die Restaurierung des Rahelgrabs, für das er 1841 den Schlüssel erhielt und das er zum Pilgerort für Juden und Muslime ausbaute, wobei er einen Mihrāb einbauen ließ. Die Protestanten unter der Leitung des Schweizer Missionars Samuel Gobat eröffneten 1850 eine Schule in Bethlehem, ab 1886 war sie lutherisch.

1963 hatte Bethlehem rund 60.000 Einwohner. Zwischen 1948 (Palästinakrieg) bis 1967 (Sechstagekrieg) war Bethlehem jordanisch. Infolge des Krieges von 1967 verringerte sich die Einwohnerzahl auf 14.000, der überwiegende Teil der Menschen floh nach Jordanien. Aida (arabisch: ), auch 'Ayda, ist ein palästinensisches Flüchtlingscamp rund 2 Kilometer nördlich des historischen Zentrums. Das Camp entstand 1950 für Nakba-Flüchtlinge aus der Gegend von Jerusalem. 1125 Personen lebten in 94 Zelten. Im Jahr 2014 lebten rund 5498 Menschen im Camp.

Am 21. Dezember 1995 übergab Israel Bethlehem im Rahmen des Oslo-II-Abkommens an die Palästinensische Autonomiebehörde. Nördlich der Stadt verläuft seit 2002 die israelische Sperranlage, die mit einer bis zu acht Meter hohen Mauer Bethlehem von Jerusalem und kleineren palästinensischen Dörfern wie Walaja und Jaba trennt. Die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Bewohner der Stadt Bethlehem wird dadurch eingeschränkt.