mini|Jüdisches Museum am Untermainkai (2010) mini|Museum Judengasse am Börneplatz (2007) mini|Ausstellung zur Eröffnung (1988)
Das Jüdische Museum der Stadt Frankfurt am Main ist nach Augsburg das zweitälteste eigenständige Jüdische Museum der Bundesrepublik Deutschland. Es wurde am 9. November 1988, dem 50. Jahrestag des Novemberpogroms, von Bundeskanzler Helmut Kohl eröffnet und ist Bestandteil des Frankfurter Museumsufers. Es ist zudem nach dem Jüdischen Museum der Schweiz in Basel das zweitälteste Museum seiner Art nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschsprachigen Bereich.
Das Jüdische Museum sammelt, bewahrt und vermittelt die neunhundertjährige jüdische Geschichte und Kultur der Stadt Frankfurt am Main in einer europäischen Perspektive. Es umfasst eine Dauerausstellung an zwei Standorten mit ortsspezifischen Bezügen: Das Museum Judengasse in der Battonnstraße 47 thematisiert die Geschichte und Kultur von Juden in Frankfurt während der Frühen Neuzeit und bezieht dabei die Ruinen der ehemaligen Frankfurter Judengasse sowie den zweitältesten jüdischen Friedhof Deutschlands mit ein. Das Jüdische Museum im Rothschild-Palais am Untermainkai 14/15 widmet sich der jüdischen Geschichte und Kultur seit der Jüdischen Emanzipation.
Neben dem Museum Judengasse und seinem Hauptstandort am Untermainkai unterhält das Jüdische Museum gemeinsam mit dem Fritz Bauer Institut zur Erforschung der Geschichte und Rezeption des Holocaust das Pädagogische Zentrum Frankfurt am Main, das Bildungsarbeit an Schulen vornimmt. Das Museum verantwortet die Vermittlungsarbeit in der Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle neben und unter dem Gebäude der Europäischen Zentralbank, die im November 2015 eröffnet wurde. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt im Bereich der Zeremonialkultur, der Bildenden Kunst sowie der Familiengeschichte im Allgemeinen und des Ludwig-Meidner-Archivs und des Familie Frank-Zentrums im Besonderen. Daneben besitzt das Museum eine umfangreiche Dokumenten- und Fotosammlung zur deutsch-jüdischen Geschichte und Kultur.
Museumsgeschichte Museum Jüdischer Altertümer Schon vor der Gründung des heutigen Museums bestand in Frankfurt ein Museum Jüdischer Altertümer. Die 1922 eröffnete Schau gehörte zu den ersten ihrer Art in Deutschland und präsentierte vorwiegend jüdische Kultgegenstände. Sie war hervorgegangen aus der bereits 1897 mit Unterstützung des Frankfurter Mäzens Charles Hallgarten gegründeten Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler. Das Museum lag in der Fahrgasse im ehemaligen Bankhaus der Familie Rothschild, das der Jüdischen Gemeinde überlassen worden war. 1938 brachen im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom SA- und SS-Leute in das Gebäude ein, demolierten die Einrichtung und legten mehrere Feuer. Ein Großteil der Sammlung wurde zerstört, knapp 1.000 Objekte wurden in das Historische Museum Frankfurt gebracht, die übrigen metallenen Objekte eingeschmolzen.Linda Wiesner: Das Museum jüdischer Altertümer. Über die Geschichte des ersten Jüdischen Museums in Frankfurt
Nach Kriegsende wurden Bilder, Bücher und Zeremonialobjekte, die ursprünglich in jüdischem Besitz waren, von den alliierten Streitkräften im Rothschild-Palais und in einem ehemaligen Gebäude der I.G. Farben in Offenbach gesammelt und von der Commission on Jewish Cultural Reconstruction erfasst. Ein Großteil des geraubten jüdischen Kulturguts wurde an jüdische Einrichtungen und Museen in den USA und das heutige Israel-Museum in Jerusalem, ein geringfügiger Teil der soeben neu gegründeten Frankfurter Jüdische Gemeinde übergeben.Katharina Rauschenberger: Das Museum jüdischer Altertümer 1922–1938. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft und ihr gewaltsames Ende. In: Georg Heuberger (Hrsg.): Die Pracht der Gebote. 2006, S. 12–23.
Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden Nach dem Zweiten Weltkrieg regten ehemalige jüdische Bürger Frankfurts, die nach London emigriert waren, gemeinsam mit Rabbiner Georg Salzberger an, Material über die Geschichte der Frankfurter Juden zu sammeln und zu publizieren und insbesondere Schicksale zwischen 1933 und 1945 zu dokumentieren. Die Stadt unterstützte dieses Vorhaben. 1961 gründete sich eine eigene Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, die eine Reihe von Publikationen vorlegte. Ihr gehörten unter anderem der Rabbiner Kurt Wilhelm, der Philosoph Max Horkheimer, der Rabbiner Georg Salzberger, der Begründer der Wiener Library, Alfred Wiener und der Publizist Robert Weltsch an.Georg Heuberger: Zur Vorgeschichte der Gründung des Jüdischen Museum. In: Georg Heuberger (Hrsg.): Die Pracht der Gebote. 2006, S. 24–39.
Museumsgründung im Rothschild-Palais Ende der 1970er Jahre stieß der Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, Hilmar Hoffmann, das Projekt eines Museumsufers an. Neben einem Filmmuseum und einem Museum für Architektur war hierfür seit 1979 auch ein Jüdisches Museum im Rothschild-Palais und einem angrenzenden Gebäude am Untermainkai vorgesehen, was 1980 von der Stadtverordnetenversammlung bestätigt wurde.
Das Haus Untermainkai 15 war 1820, von Stadtbaumeister Johann Friedrich Christian Hess, für den Bankier Joseph Isaak Speyer, im klassizistischen Stil erbaut worden. 1846 wurde Speyers Haus von Mayer Carl von Rothschild als Wohnhaus erworben.Michael Lenarz: Das Rothschild-Palais. Ein jüdischer Ort im 19. und 20. Jahrhundert. In: Mirjam Wenzel, Sabine Kößling, Fritz Backhaus (Hrsg.): Jüdisches Frankfurt. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2020, S. 48–55. Aus dieser Zeit sind noch drei repräsentative Räume erhalten. 1895 eröffnete im Erdgeschoss die Freiherrlich Carl von Rothschild’sche öffentliche Bibliothek. Sie war 1887 als erste öffentliche Bibliothek Frankfurts von Hannah Louise von Rothschild zum Andenken an ihren 1886 verstorbenen Vater Mayer Carl von Rothschild gegründet worden. 1928 wurde das Haus zusammen mit dem daneben gelegenen Palais am Untermainkai 14, das der Bankier Simon Moritz von Bethmann ebenfalls von Johann Friedrich Christian Hess hatte erbauen lassen, in den Besitz der Stadt Frankfurt übergeben. 1933 wurde die Einrichtung umbenannt in „Bibliothek für neuere Sprachen und Musik (Freiherrlich Carl von Rothschild’sche Bibliothek)“, im November 1935 wurde auch der Klammerzusatz gestrichen und weitere Erinnerungen an die Stifterfamilie im Gebäude getilgt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Rothschild-Bibliothek in die Universitätsbibliothek eingegliedert. Seit 1967 diente das Palais als Dependance des Historischen Museums.
In den Jahren nach 1980 erarbeitete eine Historikerkommission ein Konzept für das Museum, das die Geschichte der Frankfurter Juden vom 12. Jahrhundert bis 1945 präsentieren sollte. Die Gebäude am Untermainkai wurden derweil ausgebaut. Durch Schenkungen konnte der Grundstock für eine eigene Sammlung geschaffen werden. Zum ersten Direktor des Museums wurde 1985 Georg Heuberger berufen. Die Eröffnung des ersten Jüdischen Museums der Bundesrepublik Deutschland erfolgte am 50. Jahrestag des Novemberpogroms, am 9. November 1988, durch Bundeskanzler Helmut Kohl und den Frankfurter Oberbürgermeister Wolfram Brück.
Brück sah in seiner Eröffnungsrede das Museum in der direkten Nachfolge des Museums jüdischer Altertümer. Er stellte den Beitrag des jüdischen Bürgertums für die städtische Gesellschaft heraus und betonte Emanzipation und Integration. Heuberger und seine Mitarbeiter Cilly Kugelmann, Susanna Keval und Hanno Loewy verwiesen dagegen in der Konzeption der ersten Dauerausstellung und auch der ersten Sonderausstellung auf den tiefen Bruch, den der Nationalsozialismus für das Judentum bedeutete. Dies verdeutlichten sie etwa durch die Ausstellung von Objekten, die sich ehemals im Besitz des Museums für jüdische Altertümer befunden hatten: Von 18 000 Stücken fanden nur 40 den Weg zurück nach Frankfurt. Auf diesem Weg erzählte die Ausstellung gerade auch von Ausgrenzung, Diskriminierung und Vernichtung.
Museum Judengasse mini|Blick ins Museum Judengasse (2016) 1987 wurden bei Bauarbeiten für ein Verwaltungsgebäude am Börneplatz Fundamente von 19 Häusern der Judengasse entdeckt. Es handelte sich um den bis dato größten archäologischen Fund einer jüdischen Siedlung aus der Frühen Neuzeit in Europa. Mit dem Fund entbrannte ein öffentlicher Konflikt von bundesweiter Bedeutung um die Frage, wie mit diesen Zeugnissen einer verdrängten jüdischen Geschichte umzugehen sei. Während seitens des Bauherrn, der Stadt Frankfurt, angestrebt wurde, die Überreste nur zu dokumentieren und für den Neubau zu beseitigen, protestierten zahlreiche Menschen gegen die Beseitigung als „Geschichtsentsorgung“. Am Ende des sog. Börneplatz-Konflikts, der zugleich ein Epochenkonflikt hinsichtlich des deutsch-jüdischen Verhältnisses war, stand ein Kompromiss: Fünf der entdeckten Hausfundamente wurden abgetragen und im Kellergeschoss des Verwaltungsgebäudes am originalen Platz wiederaufgebaut.
Die Frankfurter Judengasse war das erste jüdische Ghetto in Europa. Sie wurde 1460 an der alten stauferzeitlichen Stadtmauer errichtet; zwei Jahre später erfolgte die Zwangsumsiedlung der jüdischen Bewohner Frankfurts, die zuvor in unmittelbarer Nähe des Doms wohnten. Die Judengasse entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem kulturellen Zentrum, das weithin für seine Gelehrsamkeit bekannt war und von Studierenden von weither aufgesucht wurde. Seine Bevölkerung wuchs im 17. Jahrhundert auf über 3000 Menschen an, bis nach Ende der Napoleonischen Kriege die Anordnung für die jüdische Bevölkerung, sich in der Judengasse anzusiedeln, aufgehoben wurde. Das Ghetto wurde in den 1870er Jahren abgerissen; der unmittelbar benachbarte alte Jüdische Friedhof aber blieb erhalten, auch wenn zu diesem Zeitpunkt bereits keine Beerdigungen vor Ort mehr durchgeführt wurden. Unmittelbar neben dem Friedhof und am Südende der ehemaligen Judengasse entstand 1881/82 die Börneplatzsynagoge, die im Rahmen des Novemberpogroms zerstört wurde. 1942 erließ die nationalsozialistische Stadtverwaltung den Befehl, auch den alten jüdischen Friedhof abzutragen, was jedoch nicht vollständig umgesetzt wurde.
Das Museum Judengasse wurde 1992 als eine Dependance des Jüdischen Museums eröffnet. Es präsentiert die Geschichte und Kultur der Frankfurter Juden vom Mittelalter bis zur Emanzipation in den Fundamenten von 5 Häusern aus der Judengasse. Im März 2016 wurde das Haus mit einer neu gestalteten Ausstellung wiedereröffnet. Es grenzt an die Gedenkstätte Neuer Börneplatz, die an die im Holocaust ermordeten Frankfurter Juden erinnert, und an den alten Jüdischen Friedhof Battonnstraße, der in die Audioführung miteinbezogen ist.Felicitas Heimann-Jelinek: Ort der Erinnerung: Von der Judengasse zum Börneplatz. In: Fritz Backhaus, Raphael Gross, Sabine Kößling, Mirjam Wenzel (Hrsg.): Die Frankfurter Judengasse. Katalog zur Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt. Geschichte, Politik, Kultur. 2016, S. 41–42, 80–54.
Erweiterung mini|Die Palais-Nordseite mit der Erweiterungsfläche (2013) mini|Jüdisches Museum in Frankfurt a. M. (2025)
Im Dezember 2011 beschloss die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung eine bauliche und inhaltliche Erweiterung des Jüdischen Museums sowie die Sanierung des jetzigen Rothschild-Palais. Für das Vorhaben wurde 2012 ein zweistufiger Architekturwettbewerb mit 20 Teilnehmern durchgeführt, den 2013 das Büro Staab Architekten mit einem überarbeiteten Entwurf für sich entscheiden konnten. Als Baugrund war die nördlich an das Rothschild-Palais anschließende Grünanlage vorgesehen.