Ferrara ([ferˈraːra], auf ferraresisch: Frara) ist eine Stadt in Norditalien in der östlichen Po-Ebene in der Region Emilia-Romagna und Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Ferrara. Sie liegt am rechten Ufer des Po, dessen Altarm, der Po di Volano, das historische Stadtzentrum durchquert.

Entstanden im frühen Mittelalter im Grenzgebiet zwischen Langobardenreich und byzantinischem Exarchat, entwickelte sich Ferrara im frühen Mittelalter zur Residenz der Familie Este und wurde Hauptstadt des gleichnamigen Herzogtums. Heute gilt sie als bedeutendes Wirtschafts- und Kulturzentrum sowie als traditionsreiche Universitätsstadt. Die Universität Ferrara, gegründet 1391, gehört zu den ältesten akademischen Einrichtungen Europas.

Die Geschichte der Stadt ist untrennbar mit dem Fluss verbunden: als Handelsweg, Schutzlinie und Lebensader war der Po die Voraussetzung für ihre Entstehung. Die urbane Struktur Ferraras wurde im 15. Jahrhundert unter der Herrschaft der Este maßgeblich geprägt: die vom Hofarchitekten Biagio Rossetti entworfene Addizione Erculea gilt seit Jacob Burckhardt als erste moderne Stadtplanung Europas.Bruno Zevi: Saper vedere la città. Ferrara di Biagio Rossetti, «la prima città moderna europea». Biblioteca Einaudi, Turin 2006, ISBN 88-06-18259-5.Der Staat als Kunstwerk. In: Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien. Philipp Reclam jun., 1994, 1. Abschnitt; Der nahezu vollständig erhaltene mittelalterliche Stadtwall und der weitgehend unveränderte Stadtkern, der das Erbe des Mittelalters und der Renaissance zugleich aufzeigt, zählen seit 1995 zum UNESCO-Welterbe.

Ferrara gilt als eine der fahrradfreundlichsten Städte Italiens.Ferrara Città delle Biciclette. ferrarainbici.it; abgerufen am 25. Juli 2025. Der Fahrradanteil in der Bevölkerung zählt seit Jahrzehnten zu den höchsten Europas und prägt das Stadtbild.

Geschichte mini|Corso Ercole I d’Este in der Renaissance-Altstadt

Ferrara ist eine der wenigen großen Städte Italiens, die nicht römischen Ursprungs sind. Der Ort wurde wahrscheinlich als Siedlung der Anwohner der Lagunen an der Po-Mündung gegründet. Er wurde erstmals in einem Dokument König Aistulfs von 753 oder 754 erwähnt und war ein Teil des Exarchats von Ravenna. Nach 984 war es ein Lehen Tedaldos, des Grafen von Modena und Canossa, eines Neffen des römisch-deutschen Kaisers Otto I. Danach wurde Ferrara selbstständig und 1101 nach einer Belagerung von Markgräfin Matilda eingenommen. Zu dieser Zeit wurde die Stadt von einer kleinen Gruppe bedeutender Familien dominiert, darunter den Adelardi.

1146 starb Guglielmo, der letzte der Adelardi. Sein Eigentum ging, wie die Mitgift seiner Nichte Marchesella, an Azzolino d’Este über. An der Schlacht von Legnano 1176 gegen den römisch-deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa nahm Ferrara mit einem eigenen Truppenkontingent teil. Es gab eine Feindschaft zwischen der neu dazugekommenen Familie und den Sailinguerra, aber nach ausgedehnten Kämpfen wurde Azzo Novello 1242 zum ständigen Podestà ernannt. 1259 nahm er Ezzelino III. da Romano von Verona in einer Schlacht gefangen. Sein Enkel Obizzo II. folgte ihm nach, und der Papst ernannte ihn zum Generalkapitän und Verteidiger des Kirchenstaats. Das Haus Este war von da an in Ferrara eingenistet.Die Geschichte der Familie Este in Ferrara ist unter Verwendung zahlreicher Quellen zu einer historischen Erzählung verarbeitet worden: Casimir von Chłedowski: Der Hof von Ferrara. Verlag Georg Müller, München 1934, 547 Seiten (mit bis auf den Anfang des 15. Jh. zurückreichender Stammtafel der Familie Este auf S. 546/547). Der Po, der im 12. Jahrhundert unmittelbar an Ferrara vorbeigeflossen war, bahnte sich im Jahr 1155 nördlich der Stadt einen neuen Weg, wodurch das alte Flussbett immer seichter wurde.Johann Jacob Volkmann: Historisch-kritische Nachrichten von Italien. Leipzig 1778, S. 548; .J. F. Birnbaum: Der Po und das Tal der Lombardei – Eine hydrographisch orographische Skizze mit historischen Notizen. Kaiserslautern 1837, 2. Teil, S. 9; . 1391 wurde die Universität Ferrara gegründet. Niccolò III. empfing mehrere Päpste mit großem Prunk, insbesondere Eugen IV., der hier 1438 ein Konzil abhielt. Niccolòs Sohn Borso erhielt 1452 (in diesem Jahr wurde Girolamo Savonarola hier geboren) von Kaiser Friedrich III. als erster Herzog die Lehen Modena und Reggio. 1471 wurde er von Papst Paul II. zum Herzog ernannt, womit das Herzogtum Ferrara begründet wurde.

Ercole I. führte Krieg mit Venedig und trug sehr zur Blüte der Stadt bei. Sein Sohn Alfonso I. heiratete Lucrezia Borgia und setzte den Krieg gegen Venedig erfolgreich fort. 1510 wurde er von Julius II. exkommuniziert und griff die päpstliche Armee 1512 außerhalb Ravennas an, das er dann einnahm. Gaston de Foix (Nemours) fiel in der Schlacht, in der er Alfonso unterstützte. Mit den nachfolgenden Päpsten konnte Alfonso Frieden schließen. Er war ab 1518 der Patron Ariostos.

Sein Sohn Ercole II. heiratete Renata, eine Tochter Ludwigs XII. von Frankreich. Auch er verschönerte während seiner Regierungszeit (1534–1559) die Stadt. Er bot ab 1536 den aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden eine neue Heimat, weil das den Handel und somit den Wohlstand Ferraras beförderte. So wurde die Stadt von 1536 bis 1554 zur wichtigen Anlaufstelle der sefardischen Juden. 1554 fand in Ferrara ein rabbinischer Kongress statt, zwei Jahre später konnte eine jüdische Universität gegründet werden. Die Gesetze, die Ercole zum Schutz der Juden einführte, galten als die fortschrittlichsten in Italien.

Seine Frau war dagegen Anhängerin der Reformation und mit dem evangelischen Lehrer Fulvio Pellegrino Morato und seiner Tochter Olympia Morata (1526–1555) befreundet. Sie öffnete den Hof von Ferrara für religiös verfolgte Intellektuelle aus Mitteleuropa, vor allem aus Frankreich. So kamen 1535 der französische Dichter Clément Marot, 1536 Johannes Calvin, 1537 Vittoria Colonna und Bernardino Ochino und um 1540 Celio Secondo Curione, Camillo Renato und Aonio Paleario. Renées Sympathien für den Protestantismus führten zum Bruch mit Ercole, dessen Herzogtum in seinem ferraresischen Teil de jure zum Kirchenstaat gehörte und der naturgemäß eine vorsichtige Politik gegenüber dem Papst treiben musste. 1554 ließ er deswegen seine Frau im Castello Estense (Pareschi) unter Hausarrest stellen. Weitere Schritte in seiner prokatholischen Parteinahme waren 1556 ein Bündnisvertrag mit Frankreich und 1558 ein Friedensvertrag mit Spanien.Martina Mangels: Renée de France. „Menschlichkeit zwischen den Fronten“: die Königstochter, die den Bäcker retten wollte. In: 500 Jahre Reformation - von Frauen gestaltet (Website Frauen und Reformation).

mini|Historischer Stadtplan von 1907 mini|Südöstlicher Abschnitt der 9 Kilometer langen frühneuzeitlichen Stadtbefestigung

Sein Sohn Alfonso II. heiratete Barbara von Österreich, eine Schwester von Kaiser Maximilian II. Unter ihm erreichte Ferrara seinen wirtschaftlichen und kulturellen Höhepunkt. Er war ein Patron von Tasso und Guarini. Wie die Fürsten seines Hauses es immer getan hatten, förderte er Kunst und Wissenschaften. Er hatte keinen legitimen männlichen Erben, 1597 wurde Ferrara daher von Clemens VIII. als vakantes Lehen beansprucht, ebenso Comacchio. Die Estes mussten daraufhin 1598 die Stadt verlassen. Um die Integration der Ferraresen in das päpstliche Herrschaftssystem zu ermöglichen, wurden von Clemens VIII. Carlo Emanuele Pio di Savoia und Bonifazio Bevilacqua als Mitglieder der Ferrareser Familie in den Kardinalsstand erhoben. An der Stelle der Burg Tedalfo an der Westseite der Stadt baute Clemens VIII. eine Festung. 1627 mussten die etwa 2000 jüdischen Einwohner in einen nachts abgeriegelten Stadtteil, ein Ghetto, ziehen. 1636 wurde unter der Leitung des Architekten Alfonso Rivarola, genannt il Chenda, ein Schüler Giovann Battista Aleottis, das Theaterhaus der Sala dello Stallone errichtet. Später folgte der Bau des Teatro del’Accademia degli Intrepidi. Ferrara blieb mit Ausnahme der napoleonischen Periode Teil des Kirchenstaates, auch als zwischen 1832 und 1859 die Österreicher die Festung besetzten. Danach wurde die Stadt Teil des Königreichs Italien.

Bei Einführung der Rassengesetze im Jahr 1938 sank die Zahl der jüdischen Einwohner auf etwa 700. Am Abend des 13. November 1943 wurde der faschistische Segretario federale Igino Ghisellini auf dem Heimweg in seinem Auto erschossen; als Repressalie wurden am Morgen des Folgetags 11 unschuldige Zivilisten vor der Mauer des Castello Estense umgebracht. Die Leichen blieben zunächst öffentlich zur Schau gestellt und wurden erst auf Drängen des Bischofs Ruggero Bovelli entfernt.Mimmo Franzinelli: Storia della Repubblica Sociale Italiana 1943–1945. Laterza, Rom/Bari 2020, S. 50–61.

Am 20. und 29. Mai 2012 verursachte ein Erdbeben der Stärke 6,0 in der Stadt Ferrara und im Umland schwere Schäden. Das Erdbeben hat kulturhistorisch bedeutende Bauten und Kunstwerke schwer in Mitleidenschaft gezogen. In Ferrara wurde der „Löwenturm“ des Castello Estense schwer beschädigt. Auch das Museo Giovanni Boldini und die Kirche San Carlo erlitten schwere Zerstörungen. Acht tragende Säulen der Kathedrale wurden instabil, so dass eine längere Instandsetzung nötig wurde.

Kultur

Literatur Ferrara wurde durch das literarische Werk von Giorgio Bassani, dem Lehrer der Ex Scuola Ebraica, literarisch bekannt. Sein Werk setzt den jüdischen Bewohnern, die zum Teil 1943 von den Nationalsozialisten deportiert wurden, ein Denkmal. Der Film Der Garten der Finzi Contini, nach dem Roman Die Gärten der Finzi-Contini von Giorgio Bassani, spielt in Ferrara.

Architektur mini|Castello Estense mini|Die Kathedrale San Giorgio mini|Dommuseum mini|Piazza Savonarola mini|Palazzo dei Diamanti

Im Zentrum der von Befestigungsmauern umgebenen Altstadt sticht insbesondere das Castello Estense hervor, eine viertürmige Wasserburg, die 1385 begonnen und nach 1554 teilweise erneuert wurde. Südöstlich des Castello steht die romanisch-gotische Cattedrale di San Giorgio mit ihrem unvollendet gebliebenen Kampanile (begonnen 1135). Über der Vorhalle der Kathedrale befindet sich das Dommuseum. An der Südecke des Castello schließt die Piazza Savonarola mit dem Denkmal des großen Sohnes der Stadt an. Dahinter folgt der Palazzo Comunale, das ehemalige Residenzschloß der Este, ab 1243 errichtet und im 14./15. Jahrhundert umgebaut.

Des Weiteren gibt es mehrere Adelspaläste vor allem aus der Renaissance. Einer der berühmtesten ist der Palazzo dei Diamanti mit seiner Marmorfassade aus stark pointierten Diamantquadern, die dem 1492 von Biagio Rossetti entworfenen Bau ihren Namen gaben. In ihm finden heute Kunstausstellungen von internationalem Rang statt. Außerdem der benachbarte Palazzo Prosperi-Sacrati mit seinem monumentalen Portal im venezianischen Stil oder der Palazzo Schifanoia mit seinen Fresken in der Sala dei Mesi (Monatssaal). Südlich des Schifanoia steht der unvollendet gebliebene Palazzo Costabili, in dem sich heute das Museo Archeologico Nazionale befindet.

Erwähnenswert ist auch der Komplex des Cimitero monumentale della Certosa di Ferrara mit der Kirche San Cristoforo alla Certosa. 1452 wurde er als Kartäuserkloster außerhalb der Stadtmauern gegründet, nach Vertreibung der Mönche als Kaserne genutzt und 1813 zu einem städtischen Friedhof umgestaltet und sukzessive erweitert. Die ehemaligen Klosterzellen wurden im Laufe der Zeit zu Kapellen für den Adel.

Die Ex Caserma del Littorio entstand in den 1920er Jahren.

Palio