mini|Blick auf St. Lamberti vom Prinzipalmarkt mini|Blick ins Kirchenschiff und auf die Kanzel
St. Lamberti ist eine römisch-katholische Pfarrkirche im Stadtkern von Münster (Westfalen). Sie wurde zwischen 1375 und 1525 als Markt- und Bürgerkirche erbaut und bildet den nördlichen Abschluss des Prinzipalmarktes; örtliche Kaufleute finanzierten den Bau. St. Lamberti ist das bedeutendste sakrale Gebäude der westfälischen Spätgotik. Namensgeber ist der heilige Lambert von Lüttich. Ihre Pfarrgemeinde gehört zum Stadtdekanat Münster des Bistums Münster.
Eine Besonderheit sind drei am Turm befestigte Eisenkörbe. In ihnen wurden 1536 die Leichname der drei Anführer des Täuferreichs von Münster Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling zur Schau gestellt, nachdem sie auf dem Platz vor der Kirche öffentlich gefoltert und hingerichtet worden waren.
Von 21 Uhr bis Mitternacht (außer dienstags) bläst halbstündlich ein Türmer oder eine Türmerin zur vollen und halben Stunde ein Horn. Das Amt besteht seit 1379. Seit 2014 übt es Martje Thalmann aus, als erste Frau in der Geschichte der Lambertikirche.Die Türmerin von Münster, stadt-muenster.de
Lage Die Lambertikirche steht am Kreuzungspunkt alter Straßen: Sie markiert das nördliche Ende des Prinzipalmarkts, weiter schließt sich nahtlos der Roggenmarkt an. In direkter Nachbarschaft der Kirche befand sich, inmitten des Roggenmarktes, bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Häuseransammlung des Drubbels. Nach Osten liegen der Alte Fischmarkt und die Salzstraße.
mini|Lambertibrunnen (2021) Zwischen der Kirche und der Salzstraße liegt der Lambertikirchplatz mit dem Lambertibrunnen.
Vorläufer des heutigen Brunnens war im Mittelalter auf dem Kirchplatz der Antoniusbrunnen, der als Münsters bekanntester Brunnen galt. Dieser wurde als „Swinetaeonken“, übersetzt „Schweinetürmchen“, bezeichnet. Er wurde 1833 abgerissen und später durch eine Schwengelpumpe ersetzt.sto-ms.de: Wassergeschichten, Henning Stoffers, abgerufen am 16. Oktober 2024 In einer Münsteraner Chronik aus dem Jahr 1836 ist zu lesen: „Das vor drei Jahren abgebrochene Schweinetürmchen an der südlichen Seite des Lambertikirchhofs war eigentlich ein Brunnenhaus, in dem eine Glocke hing, mit der bei außerordentlichen Gelegenheiten, insbesondere beim Beginn des Schweinemarktes geläutet wurde.“
Ein neuer Brunnen wurde an anderer Stelle auf dem Kirchhof 1909 vom Münsteraner Bildhauer Heinrich Bäumer errichtet und zeigt Reigen spielende Kinder.Münstersche Zeitung: Der Brunnen und das Unheil: MZ-Serie – Unsere interaktive Fotomontage zeigt den Lambertikirchplatz in der Zeit um 1920 und heute, Münster/Nachrichten, Münster, Martina Meißner, 27. Dezember 2012 Bäumer soll spielende Kinder, die sich häufig auf dem Kirchhof aufhielten, in seine Werkstatt gerufen haben, um sie zu modellieren.
Der Brunnen wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Bäumer modellierte erneut die bäuerliche Figurengruppe für den Mittelpunkt eines neuen Brunnens. Nach seinem Tod am 20. Dezember 1951 stellte sein Sohn Heinrich Bäumer bis 1956 die Nachbildung erneut in Form eines Schmuckbrunnens fertig. Der Sockel des Brunnens trägt als Inschrift den Text des Lambertusliedes: „Der Herr, der schickt den Jäger aus, er soll die Birnen schmeißen! Jäger will keine Birnen schmeißen, Birnen woll'n nicht fallen, der Jäger will nicht sammeln und kommt auch nicht nach Haus, und kommt auch nicht nach Haus!“
Der Brunnen stellte in den 1970er und 1980er Jahren einen Szenetreff für Jugendliche dar. Zunächst wurde er von Hippies aufgesucht, später von Punkern, im weiteren Verlauf vor allem mittags an Samstagen von Schülern aus dem gesamten Stadtgebiet. Der Treffpunkt verlor seinen Reiz, als er Ende der 1980er in einem Reiseführer als solcher ausgewiesen wurde und sich zur Touristen-Attraktion wandelte.
Die Pflasterung des Kirchplatzes wurde Ende Juli 1965 zwischen Brunnen und Altem Steinweg erneuert.Westfälische Nachrichten: Erinnerung an ehemaligen Friedhof: Neues Pflaster im Schaufenster Stadtgeschichte, Münster, Münster, 5. August 2024 Dabei wurde das ursprüngliche Kreuzmuster wiederhergestellt, das an den ehemaligen Friedhof erinnert, der sich an dieser Stelle befand.
Geschichte Vorgängerbauten Um 1000 gab es unweit des damaligen (ersten) Münsteraner Paulusdoms in der Kaufmannssiedlung vor der Domburg eine Holzkirche. Kurz vor 1100 entstand eine Steinkirche, die wohl 1125 zerstört wurde, und um 1150 eine einschiffige gewölbte romanische Kirche. Um 1170 erhielt Münster das Stadtrecht. 1189 erfolgte die Aufteilung der Pfarrei der bestehenden Stadt- und Marktkirche, indem St. Ludgeri und St. Aegidii und vielleicht auch schon St. Martini von ihr abgetrennt wurden. Im Jahr 1270 wurde eine gotische, dreischiffige Hallenkirche errichtet.Gabriele Isenberg: Zur Baugeschichte der St. Lamberti-Kirche in Münster. In: Westfalen 55, 1977, S. 450–480; Lamberti-Kirche – Die Geschichte Von den beiden steinernen Vorgängerbauten aus romanischer Zeit blieb bis ins 19. Jahrhundert der Westturm erhalten. Zunächst nur 17 m hoch und mit einfachen Klangarkaden ausgestattet, wurde er um 1150 um zwei gegliederte Geschosse auf 21 m erhöht. Mit dem Hallenkirchenneubau ab 1270 verband sich eine weitere Turmerhöhung, nun schon auf 40 m, mit architektonisch klar gegliederten Außenflächen. In diesem, dem vorletzten Geschoss des alten Turms fand sich eingemauert ein jüdischer Grabstein von 1302, der während des Pogroms von 1350 abgeräumt worden war.Diethard Aschoff: Das Pestjahr 1350 und die Juden in Westfalen. In: Westfälische Zeitschrift 129, 1979, S. 57–67.
Heutige Kirche Die Errichtung des heutigen Kirchengebäudes erstreckte sich über die Zeit von 1375 bis 1525. Baumaterial war der in den benachbarten Baumbergen anstehende Baumberger Sandstein. Der jetzige Bau wurde nach Grundsteinlegung im Jahr 1375 mit dem 1422 fertiggestellten Chorbau begonnen, bis 1448 folgte die südliche Chorkapelle als ein achteckiger Zentralbau mit eigenem Portal. Das Hallenlanghaus entstand in mehreren Ausbaustufen ab 1450. Von den drei spätgotischen Portalen ist das hohe Südwestportal mit seiner Reliefdarstellung der Wurzel Jesse das aufwendigste (Original in der Skulpturensammlung in Berlin). Das großzügig angelegte Kirchenschiff wurde erst 1525 zusammen mit dem Chorraum mit spätgotischen Netz- und Sterngewölben eingewölbt. Das Netz- und Sterngewölbe „wächst aus den schlanken Pfeilern wie das Wipfelgeäst aus glatten Baumstämmen.“Hans Thümmler: Kirchen in Münster. Langewiesche, Königstein im Taunus 1959, S. 5–6.
Zunächst war vorgesehen, zusammen mit dem spätgotischen Kirchenneubau anstelle des mehrfach erhöhten Westturms einen der neuen Kirche angemessenen Turm zu errichten, aus Kostengründen kam dies jedoch nicht mehr zustande. Der Turm erhielt stattdessen um 1500 ein weiteres Glockengeschoss, das den Turm nun auf 50 m Mauerhöhe brachte, sowie seinen charakteristischen Spitzkuppelabschluss, der bis ins 19. Jahrhundert erhalten blieb. mini|Gemälde von Isaac van Ostade (um 1645) St. Lamberti gilt nach der Wiesenkirche in Soest als Höhepunkt in der Entwicklung der westfälischen Hallenkirche in der Spätgotik.Elisabeth Fink: Die gotischen Hallenkirchen in Westfalen. Emsdetten 1934. Ein entscheidender Einfluss ging von der konservativen Bauhütte des Kölner Doms unter Michael von Savoyen aus, wobei die hochgotischen Formen im Maßwerk mit den modernen spätgotischen Fischblasenfigurationen aus der Bauhütte Peter Parlers am Prager Veitsdom kombiniert wurden.Hans J. Böker: Prag oder Köln? Das architektonische Beziehungsfeld der südniedersächsischen Stadtpfarrkirchen zu Beginn der Spätgotik. In: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte, 23, 1984, S. 9–27.
Die während der Täuferunruhen in den 1530er-Jahren vernichtete liturgische Ausstattung der Lambertikirche wurde nach 1535 erneuert. 1550 wurde die Neuerrichtung eines (nicht erhaltenen) Sakramentshauses an Johann Brabender in Auftrag gegeben, der bereits die Kreuzigungsgruppe am Nordwestpfeiler des Turms ausgeführt hatte. Die eigentliche Neuausstattung der Kirche im Sinne der Gegenreformation erfolgte unter dem Münsteraner Weihbischof und Pfarrer an St. Lamberti Nikolaus Arresdorf, der während seiner Amtszeit als Weihbischof bischöfliche Amtshandlungen bevorzugt in der Lambertikirche ausübte. Zwischen 1602 und 1609 schuf der Münsteraner Bildhauer Johann Kroeß den Zyklus der Chorfiguren. Wie im Chor des Kölner Doms wurde eine Folge der zwölf Apostel dargestellt, im Zentrum standen die (zerstörten) Statuen von Maria und Christus. Der Oktogonraum der südlichen Chorkapelle erhielt die Statuen der vier lateinischen Kirchenväter: Ambrosius, Augustinus, Hieronymus und Papst Gregor der Große. 1603 gab Arresdorf das Mittelfenster des Chores mit einer Kreuzigungsdarstellung in Auftrag. 1613 errichtete Gerhard Gröninger einen neuen Hauptaltar. Von den Statuen an den Strebepfeilern am Außenbau der Kirche (darunter die beiden Kaiser Karl der Große und Heinrich II.) ist nichts erhalten.Hans J. Böker: Die Marktpfarrkirche St. Lamberti zu Münster. Die Bau- und Restaurierungsgeschichte einer spätgotischen Stadtkirche. Bonn 1989, S. 107–114. mini|Fotografie aus den 1870er-Jahren, St. Lamberti noch mit dem alten Turm. Schiff ohne Fialen und Maßwerkbalustrade. Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich durch Baumängel an den Fundamenten und die zwischenzeitliche Erhöhung auf das Dreifache der ursprünglichen Höhe der alte Turm nach Westen geneigt und drohte einzustürzen. Denkmalpflegebemühungen zu seiner Rettung scheiterten infolge des einsetzenden Kulturkampfes zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat. Mit dem Teilabbruch und Wiederaufbau des Turmes war zunächst 1865 Arnold Güldenpfennig seitens des Bischofs Johann Georg Müller beauftragt worden, doch kam es nicht zu dem Baubeginn. Aus einem Wettbewerb im Jahr 1870 ging zunächst das Projekt von August Rincklake als Sieger hervor. Sein Projekt wie auch die Projekte seiner Konkurrenten hatten sich um die Erhaltung der gewohnten historischen Ansicht bemüht und waren nur in der Frage des oberen Turmabschlusses voneinander abgewichen. 1871 wurde schon mit Hinblick auf einen Turmneubau ein Umbau des Kirchendaches in Angriff genommen. 1887 wurde dann der alte Turm vollständig niedergelegt und ab 1888 der Bau eines neugotischen Turms nach einem Entwurf des Diözesanbaumeisters Hilger Hertel begonnen, der sich ganz bewusst von dem historischen Turm unterscheiden sollte. Bis zu Hertels Tod im Jahr 1890 (eine vollplastische Figur Hertels steht als Konsolfigur im Innern des Turmbaus) erreichte der Turm Kirchenhöhe. Von 1895 bis 1898 vollendete sein Sohn Bernhard Hertel den Turmbau.Hans J. Böker: Die Marktpfarrkirche St. Lamberti zu Münster. Die Bau- und Restaurierungsgeschichte einer spätgotischen Stadtkirche. Bonn 1989, S. 138–148. Der 90,5 Meter hohe Turm mit durchbrochenem Maßwerkhelm gilt als eine verkleinerte Kopie des Turms des Freiburger Münsters. Es gibt auch Ähnlichkeiten mit den 1880 fertiggestellten Türmen des Kölner Doms.
1910/11 schuf Anton Rüller elf am Westportal aufgestellte Statuen. Zwei von ihnen, die Statuen der Evangelisten Lukas und Johannes, haben die Gesichtszüge von Goethe und Schiller.
Bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg wurden ein Pfeiler des Turmoktogons, das Kirchendach und die Gewölbe der Ostpartien zerstört. Die Glocken waren im Juni 1942 abgehängt worden. Nach Sicherung der Kirche durch ein Notdach 1946 wurden die Kriegsschäden bis 1959 beseitigt. Der Wiederaufbau der Kirche durch Hans Ostermann erfolgte rekonstruierend; nur die neugotische Sakristei wurde in modernen Formen errichtet. Anstelle des stark gegliederten neugotischen Kirchendachs wurde das mittelalterliche Hochdach rekonstruiert.