Der Kinderkreuzzug () soll laut verschiedener Überlieferungen ein Ereignis gewesen sein, in dem sich im Frühsommer 1212 Tausende Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus Deutschland und aus Frankreich veranlasst sahen, unter der Leitung visionärer Knaben in einem unbewaffneten Kreuzzug ins Heilige Land zu ziehen. Der Zug hatte sich teilweise schon vor Erreichen der Ufer des italienischen Mittelmeers aufgelöst; der Teil, der das Ufer trotzdem erreichte, wurde an sarazenische Sklavenhändler verkauft.Für viele endete das Himmelfahrtskommando auf den Sklavenmärkten des Orients. Auf: welt.de; abgerufen am 16. August 2021.
Begrifflichkeit: Der Name Kinderkreuzzug ist eine Übersetzung des in den Quellen oft verwendeten Begriffes . Sowohl peregrinatio (Kreuzzug) wie puer (Kind) lassen jedoch mehrere Deutungsmöglichkeiten zu.
mini|Die für ihre Zeit (13. Jahrhundert) charakteristische Darstellung der Hirten während der Geburt Jesu am Westportal der Kathedrale von Chartres. Zur selben Zeit soll der Hirte Stefan in Cloyes seine Vision erhalten haben.
Die Teilnehmer des Kinderkreuzzugs waren nicht, wie der Name impliziert, ausschließlich Kinder, sondern zu einem großen Teil Jugendliche und Gruppen von Erwachsenen. In: Chronica Regia Coloniensis continuatio IIa. In: . Auf Deutsch: …viele Tausend Kinder, im Alter von sechs Jahren bis zum Mannesalter… Es handelte sich bei ihnen überwiegend um Angehörige niederer sozialer Schichten.
Eventuell beruht die Vorstellung eines Kinderkreuzzuges auf einem sprachlichen Missverständnis. Das lateinische Wort „puer“ kann nicht nur als „Kind“ oder „Knabe“ übersetzt werden, sondern auch als „Knecht“. Damit waren vor allem jüngste Kinder von Bauernfamilien bezeichnet, die oft höchstens eine Arbeit als Hirten oder Taglöhner fanden und so eine arme ländliche Unterschicht bildeten.Georges Duby: Les pauvres des campagnes dans l’occident médiéval jusqu'au XIIIe siècle. In: Revue d’histoire de l’eglise de France. 1968 S. 23–32.Philippe Ariès: Geschichte der Kindheit. Hanser, München/Wien 1975, ISBN 3-446-12015-7. Diese Interpretation des Namens ist von mehreren neueren Forschungen zum Teil bestätigt worden.G. Miccoli: La Crociata dei Fanciulli del 1212. In: Studi Medievali. 3. Serie, Band 2, 1961.P. Raedts: The Children’s Crusade of 1212. In: Journal of Medieval History. Band 3, 1977.C. Roeder: Der Kinderkreuzzug von 1212 in Deutschland in der Sicht der Zeitgenossen. In: Geschichte in Köln. Band 34, 1993.G. Dickson: La Genese de la Croisade des Enfants (1212). In: Bibliothèque de l’École des Chartes. Revue d’Érudition. Band 153, Nr. I, 1995.
Andere Forscher weisen auf eine Bedeutungsverschiebung des Begriffes puer hin, die im 13. Jahrhundert eingesetzt hatte und in Beziehung zu der neuentstandenen freiwilligen Armutsbewegung steht.M. Menzel: Die Kinderkreuzzüge in geistes- und sozialgeschichtlicher Sicht. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters. Band 55, 1999, S. 154f.
Weniger umstritten als der Begriff Kind ist die Bezeichnung Kreuzzug. Der Begriff Kreuzzug wird im Deutschen erst ab dem 17. Jahrhundert verwendet. In den Quellen zum Kinderkreuzzug werden die Begriffe peregrinatio (Pilgerfahrt), iter (Weg) und expeditio (Feldzug) verwendet. Diese Begriffe mit der Angabe des Zieles Jerusalem und dem Hinweis auf das Tragen des Kreuzzeichens (crucisignati) ist durchaus die gängige zeitgenössische Bezeichnung für Kreuzzug. Obwohl die Teilnehmer des Kinderkreuzzuges unbewaffnet waren und kein päpstlicher Kreuzzugsaufruf vorhergegangen war, wird die Bezeichnung Kreuzzug in der Forschung als zutreffend betrachtet.P. Raedts: The Children’s Crusade of 1212. In: Journal of Medieval History. Band 3, 1977, besonders den Abschnitt The “Crusade”, S. 300–310.
Auch hat der Begriff peregrinatio einen Deutungswandel von der ursprünglichen Bezeichnung einer Lebensform (Leben in der Fremde) zur Bezeichnung der christlichen Wallfahrt erfahren.
Wenn in der Folge weiterhin von „Kinderkreuzzug“ die Rede ist, muss dies immer in der erweiterten Bedeutung von und verstanden werden.
Quellenlage mini|300px|Selbstporträt des Chronisten Matthäus Paris (1200–1259) in seiner Chronica Majora
Die Quellenlage zu den Kinderkreuzzügen ist insofern dürftig, als kein einziger Augenzeugenbericht eines Teilnehmers erhalten geblieben ist. An die 50 zeitgenössische Quellen, vornehmlich Einträge in Kloster-Annalen, sind zu finden. Gemäß Peter Raedts können von diesen allerdings nur die 20 als relevant betrachtet werden, die vor 1220 entstanden sind.Ulrich Gäbler will die Zahl der zuverlässigen Quellen sogar auf fünf beschränkt sehen. Gäbler (1978) Die Autoren der Quellen, die zwischen 1220 und 1250 entstanden sind, können immerhin noch als Zeitgenossen betrachtet werden. Die Quellen, die nach 1250 entstanden sind, stammen jedoch vorwiegend aus zweiter oder dritter Hand.Die ausführlichste Darlegung der Quellenlage bei P. Raedts: The Children’s Crusade of 1212. In: Journal of Medieval History. Band 3, 1977.
Manche Historiker nahmen an, dass die Pastorellen-, die Flagellantenbewegung und die Kinderwallfahrten nach Mont-Saint-Michel mit dem Kinderkreuzzug in Verbindung stehen; aufgrund anderer Entstehungsbedingungen und abweichender Jahreszahlen gelten diese Zusammenhänge aber als wenig plausibel, auch weil diese Bewegungen nie die Befreiung Jerusalems zum Ziel hatten.M. Menzel: Die Kinderkreuzzüge in geistes- und sozialgeschichtlicher Sicht. 1999, S. 149f.
Die Sage vom Rattenfänger von Hameln gehört in den Kontext der Ostkolonisation und hat vermutlich mit dem Kinderkreuzzug nichts zu tun (vgl. Interpretation der Rattenfängersage).
Die Sagen- und Legendenbildung zum Kinderkreuzzug hat schon sehr früh eingesetzt. In dieser Hinsicht sind vor allem drei Chronisten aus dem dreizehnten Jahrhundert von Bedeutung. Es handelt sich um Alberich von Trois-Fontaines,Albrici monachi Trium-Fontium Chronicon. edition P. Scheffer-Boichorst. In: Matthäus ParisHenry Richard Luard (Hrsg.): Matthaei Parisiensis Chronica Majora. In: Rolls Series. (RS) London 1874. und Vinzenz von Beauvais.Bibliotheca mundi: Vincentii Bellovacensis speculum quadruplex; naturale, doctrinale, morale, historiale.… ExOfficina Typographica Baltazaris Belleri, Douai 1624; Neudruck: Akademische Druck- und Verlaganstalt, Graz 1964–1965. Ihre Berichte zum Kinderkreuzzug sind sehr mythenumwoben und wurden in der späteren Historiographie stark rezipiert. Da sie als „Zeitzeugen“ gelten, wurden ihre Einträge bis weit ins 19. Jahrhundert als glaubwürdig betrachtet und oft unbesehen kopiert.G. Dickson: The Children’s Crusade. Medieval history, modern mythistory. Palgrave Macmillan, Basingstoke u. a. 2008; besonders das Kapitel Mythistory: The Shape of a Story, S. 131–157.
Anhand der als glaubwürdig eingestuften Quellen können die Chronologie und der Weg des Kinderkreuzzuges annähernd rekonstruiert werden. Gleichzeitig deutet das Fehlen von Quellen auf unplausible Interpretationen hin. So wurde für den französischen Zug, der laut Alberich von Trois-Fontaines von der Île-de-France nach Marseille geführt hatte, südlich der Loire kein einziger Chronikeintrag gefunden.Dana Carleton Munro, George C. Sellery: A syllabus of medieval history, 395-1500. Department of history of the University of Pennsylvania, Philadelphia (Pa) 1913.G. Dickson: The Children’s Crusade. Medieval history, modern mythistory. Palgrave Macmillan, Basingstoke u. a. 2008.
Kontext mini|300px|Saladin erobert das Wahre Kreuz. Darstellung in der Chronica majora von Matthäus Paris, 13. Jahrhundert.
Krise der Kreuzzugsbewegung Im Jahr 1187 erlitten die Kreuzfahrer bei der Schlacht von Hattin eine massive Niederlage. Saladin eroberte das Königreich Jerusalem zurück und es gelang ihm, das Wahre Kreuz Christi zu erbeuten. Im darauf folgenden Dritten Kreuzzug (1189–1192) wurde zwar die Stadt Akkon zurückerobert, eine Rückgewinnung Jerusalems misslang jedoch. Der Vierte Kreuzzug von 1204 wurde zu einem völligen Misserfolg, da er nach dem christlichen Konstantinopel umgeleitet wurde und mit der Eroberung und Plünderung der Stadt endete. In dieser Krise des Kreuzzuges entstand im Norden Frankreichs eine Bewegung der freiwilligen Armut. Prediger wie Petrus von Blois, Alain de Lille, Fulko von Neuilly und andere vertraten die Ansicht, dass nur eine Bewegung von Unschuldigen und Armen fähig sein werde, das Grab Christi zurückzuerobern.
Kreuzzug gegen die Albigenser Am Ende des 11. Jahrhunderts war die Laienbewegung der Katharer entstanden, die besonders in Okzitanien (Südfrankreich) große Verbreitung fand. Als alle Gegenmaßnahmen der Kirche gegen die Ketzer wenig fruchteten, rief Papst Innozenz III. 1208 nach der Ermordung von Pierre de Castelnau zum Kreuzzug gegen die Albigenser auf. Eine große Anzahl adliger und nichtadliger Leute aus dem Gebiet der Île-de-France folgte dem Aufruf und schloss sich unter dem Bischof von Chartres 1210 dem Kreuzzugsheer an.
Schlacht bei Las Navas de Tolosa 1211 überquerte ein Almohaden-Heer unter Sultan Muhammad an-Nasir die Straße von Gibraltar und eroberte christliche Gebiete Spaniens zurück, so unter anderem die Ordensburg des Ordens von Calatrava in Salvatierra (eine mittelalterliche Burg in der Provinz Ciudad Real in Spanien, um 1199–1211 Sitz des Ordens). Daraufhin rief Papst Innozenz III. zu einem Kreuzzug auf. Gleichzeitig forderte der Papst die ganze Christenheit auf, in Prozessionen für den Sieg gegen die inimicos Christianitatis (Feinde der Christenheit) zu beten. Das Unternehmen endete schließlich am 16. Juli 1212 mit dem Sieg der Christen über die Muslime in der Schlacht bei Las Navas de Tolosa.Zum Kontext vergleiche G. Dickson: The Children’s Crusade. Medieval history, modern mythistory. Basingstoke u. a. 2008, besonders das Kapitel Birthpangs of the Children’s Crusade, S. 36–58.
Entstehung: Étienne de Cloyes (Stefan von Cloyes) mini|Kathedrale von Chartres, Bauzeit von 1194 bis 1260
Als in der Oktave nach Pfingsten 1212 Papst Innozenz III. auch Prozessionen im Raume von Chartres angeordnet hatte, schienen einige dieser Prozessionen sich der Kontrolle des Klerus entzogen und verselbstständigt zu haben. Mit Fahnen, Kreuzen, Kerzen und Weihrauchfässern seien diese Prozessionen durch verschiedene Städte des Pariser Beckens gezogen und hätten gesungen: Domine deus, exalta Christianitatem et redde nobis veram crucem (Herr Gott, erhöhe das Christentum und gib uns das wahre Kreuz zurück).Auctarium Mortui Maris. edition L. Bethmann. In: . Ein Chronist aus Laon berichtet, dass fast gleichzeitig ein junger Hirte namens Étienne (deutsch: Stefan) in Cloyes, einem Dorf in der Nähe von Vendôme, aufgetreten sei, der behauptet habe, Jesus sei ihm in der Gestalt eines armen Pilgers erschienen und habe ihm einen Brief für den französischen König gegeben. Von ganz Frankreich seien ihm Anhänger zugeströmt. Die bis auf 30.000 Personen angewachsene Schar sei Étienne nach St. Denis gefolgt, wo dieser etliche Wunder gewirkt habe und als Anführer anerkannt worden sei. Doch der König Philippe Auguste habe die Bewegung aufgelöst, nachdem er die Magister von Paris befragt habe. Étienne de Cloyes habe ihm gehorcht und die große Menge habe sich zerstreut.Chronicon universale anonymi Laudunensis. edition A. Cartellieri und W. Stechele, in: .
Das ist die letzte Nachricht von Étienne de Cloyes. Doch nicht alle Teilnehmer scheinen nach Hause gegangen zu sein. Ende Juni, Anfang Juli 1212 war eine Gruppe von pueri in Rocourt nahe bei Saint-Quentin anzutreffen. Sie waren dort an sozialen Unruhen beteiligt oder sogar deren Auslöser (occasione puerorum). Es ging in dieser Auseinandersetzung zwischen dem Klerus und den Laien offenbar um die Verteilung der Almosen.G. Dickson: The Children’s Crusade. Medieval history, modern mythistory.