Wendelin (lateinisch Wendelinus, auch Wendalinus, umgangssprachlich Wendel) ist ein katholischer Heiliger. Er soll im 6. Jahrhundert im Bistum Trier missionierend tätig gewesen sein. Das Grab Wendelins befindet sich in der Wendalinusbasilika in der nach ihm benannten Stadt St. Wendel. mini|hochkant|St. Wendelinus, Gemälde von Martin Schaffner, Staatsgalerie Stuttgart
Vita und Legenden mini|hochkant|Wendalinusbasilika in St. Wendel mini|hochkant|St. Wendelin, Bode-Museum Berlin, Franken 1770/80 Verschiedene Legenden ranken sich um Wendelin. Unter anderem wird er mit der heiligen Oranna in Verbindung gebracht, deren Bruder er gewesen sein soll. Auch soll er der Gründer und erste Abt der Abtei Tholey gewesen sein.
Wendelin soll aus königlichem Geschlecht stammen, sich jedoch für ein Leben im Dienste Gottes entschieden haben. Auf der Suche nach einem ungestörten Platz kam er bis in die Gegend von Blies und Saar. Dort traf Wendelin einen Edelmann, der ihn zu seinem Viehhirten machte. Wendelins Demut und Frömmigkeit beschämte den Edelmann, der dem Heiligen daraufhin in der Nähe eines Mönchsklosters eine Zelle erbaute.
Als Wendelin starb, so die Legende weiter, begruben ihn die Mönche. Am nächsten Morgen lag der Leichnam jedoch neben dem Grab. Man legte den Toten auf einen Ochsenwagen und ließ die Tiere den Weg suchen. Die Ochsen zogen den Wagen zu Wendelins alter Betstatt, wo er schließlich seine Ruhe fand.
Wendelins Herkunft
In der Überlieferung wird Wendelins als „Scotus“ bezeichnet. Mit diesem Begriff wurden bis ins 12. Jahrhundert auf dem europäischen Festland Bewohner Irlands bezeichnet (siehe auch Schottenklöster). Die eigentlichen Skoten, ansässig im Norden der Insel, siedelten sich im 6. Jahrhundert an der Westküste des heutigen Schottlands an und gaben dem Land schließlich seinen Namen.Manfred Peter: Der heilige Wendelin, 2005.
Die iroschottische Herkunft des Heiligen hinterfragte 1935 Alois Selzer. Er äußerte die Überlegung, dass Wendelin ein von der iroschottischen Missionsbewegung erfasster Franke gewesen sein könnte. Die aus den Gebeinen abzulesende Körpergröße von 1,85 Meter deute auf einen großwüchsigen Mann hin, eine Körpergröße, die bei Iren eher selten sei, der Name Wendelin scheine deutschen Ursprungs zu sein und es gebe keinen eindeutigen Beweis dafür, dass die Herkunft des Heiligen in Irland zu suchen sei.Alois Selzer: St. Wendelin – Leben und Verehrung eines alemannisch-fränkischen Volksheiligen. Mödling bei Wien, 1962.
Dem hält Manfred Peter entgegen, dass sowohl Columban der Ältere als auch Columban der Jüngere, beide Ikonen der irischen Mönchsbewegung, auffallend groß gewachsene Männer waren. Die Herkunft des Namens Wendelin aus dem Germanischen sei nirgends belegt worden, irischen Ohren bereite er keine Probleme. Dazu sei seine irische Abstammung nunmal in den Quellen bezeugt. Ende der 1980er Jahre hatte Manfred Peter Kontakt zu Kardinal Tomás Séamus Ó Fiaich in Dublin. Ó Fiaich, bis zu seinem Tod Primas der Katholischen Kirche Irlands, war nicht nur bedeutender Kirchenmann, sondern auch Historiker und eine Autorität in Sachen der mehr und mehr verschwindenden irischen Sprache. Ó Fiaich bringt den Namen Wendelin mit dem irischen Namen Fionnalán, in der alten Sprechweise Findalán, in Verbindung. Von diesem Namen komme der Familienname O'Fionnaláin (irisch: Ó Fionnaláin), Name der chieftains, also Stammeshäuptlinge, Clanführer, Gaukönige von Delvany. Diese regierten in der Grafschaft Westmeath, bis sie von den Normannen vertrieben wurden. Diese Landschaft heißt heute „Fenelon“ oder „Fenlon“. Wenn in Deutschland der Name Wendalin auch in einer Version „Vendalin“ vorkomme, würde das diese Theorie bestärken. Damit sieht Peter den Nachweis erbracht, dass der Name des Heiligen aus dem Irischen stammt. Er weist darauf hin, dass die im allgemeinen Sprachgebrauch dominierende Fassung Wendalinus den Namen dichter an die vom Kardinal Ó Fiaich zitierte Version Finalán heranbringt. Zum anderen werde die Aussage der Legende, es habe sich bei dem Heiligen um einen „Königssohn“ gehandelt, überzeugend untermauert.
Kirchengeschichtlicher Hintergrund Nach einer Bronzetafel in Trier war Magnerich von 566 bis 586 Bischof in Trier. Wie sein Vorgänger Nicetius, der dieses Amt in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts innehatte, sah er es als seine Hauptaufgabe an, die Folgen des Zusammenbruchs des Römischen Reiches und der Völkerwanderung zu überwinden und dem sich langsam wieder entwickelnden kirchlichen Leben eine innere Struktur zu geben. Die von Bischof Nicetius geförderte kirchliche Erschließung des ländlichen Raumes vertiefte er durch die Schaffung eines ausgeformten Systems der Landseelsorge, wobei er sich nicht zuletzt auf die Eremiten stützte, deren (Anton Hubert).
In den Gesta Treverorum (12. Jahrhundert) sowie aus der von Abt Eberwein abgefassten Vita St. Magnerici wird berichtet, dass in der Amtszeit des Bischofs Magnerich (566–586/588) im Bistum Trier zahlreiche ‚heiligmäßige Männer‘ (magnae sanctitatis viri) gelebt hätten. Genannt werden Paulus (ab 627 Bischof von Verdun, † um 642/645), Ingobertus († um 650, Saargebiet), Disibodus († 700, mittlere Nahe), Wandalinus († 617/614, Saargebiet), Carilefus (Carilefus von Le Mans, † um 590?), Wulfilaicus († kurz vor 600, Ardennen), Bantus († nach 634, Trier) und Beatus († vor 634, Trier). Die Todesdaten der ersten drei Genannten lassen allerdings erkennen, dass die Praxis der Ansiedlung von Eremiten wohl über die Zeit des Bischofs Magnerich hinaus bis in das 7. Jahrhundert andauerte. Alois Selzer kommt auf der Grundlage umfangreicher Studien zu dem Ergebnis, dass der bei Abt Eberwein genannte Wandalinus identisch mit dem Wendelinus oder Wendalinus ist.
Wendelins Ausbildung Die Legende bezeichnet Wendelin als „sehr gelehrt“ und darin allen anderen überlegen. Dies kann nicht verwundern, denn als Königssohn hat er mit Sicherheit die bestmögliche Ausbildung erhalten. Im Irland des 6. Jahrhunderts bedeutet dies eine Ausbildung in einem der im 5., 6. (und 7.) Jahrhundert zahlreich gegründeten Klöster, die in ihrem Charakter stellenweise regelrechten Universitäten gleichkamen und damit neben der Führung eines religiösen Lebenswandels einen wichtigen Bildungsauftrag zum Ziel hatten. Es war allgemein üblich, dass die Adligen ihre Kinder in diese Klosterschulen bzw. Klosteruniversitäten schickten.
Das 6. Jahrhundert hatte in Irland eine explosionsartige Entwicklung im Bereich der Gründung von Klöstern erlebt (bis zu 4000 Klöster sollen es in den drei Jahrhunderten – 5., 6. und 7. Jahrhundert – gewesen sein). Die Klöster hatten alle auch das Ziel der Vermittlung von Bildung an ihre Schüler hatten. Die irischen Klosteruniversitäten standen in hohem Ansehen nicht nur in Irland und auf den britischen Inseln, sondern auch auf dem Kontinent. Einige dieser Universitäten hatten zeitweilig bis zu 3000 Studenten, von denen ein großer Teil vom Festland kam. Die Gründe für diese Entwicklung sind folgende: Anders als die Länder des Kontinents war Irland vom Zusammenbruch des römischen Imperiums und der Völkerwanderung nicht direkt betroffen. Das Land konnte sich daher in verhältnismäßig friedlichen und stabilen Verhältnissen weiterentwickeln. Außerdem suchten viele Wissenschaftler des Festlands vor den Wirren des Umbruchs auf dem Kontinent Zuflucht in Irland. Des Weiteren erfolgte die Christianisierung des Landes in verhältnismäßig geordneten Bahnen, wenn nicht sogar in einem harmonischen Übergang. Nach anfänglichem Widerstand öffnete sich der Orden der Druiden – gleichzeitig Priester- und Gelehrtenstand in der keltischen Welt – der neuen Religion. Viele Druiden übernahmen Ämter in dieser neuen kirchlichen Ordnung, bei der die Klöster im Mittelpunkt standen, und brachten ihr über Jahrhunderte gesammeltes und mündlich überliefertes Wissen mit ein. Dieses Wissen beschränkte sich nicht auf religiöse Dinge, wo es ohnehin wegen der Übernahme der neuen Religion keine allzu große Bedeutung mehr hätten haben können. Es betraf vielmehr alle Wissensgebiete von der Philosophie über die Dichtkunst, die Musik, fremde Sprachen und Geschichte bis zu den klassischen naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathematik und Physik, vor allem aber Biologie und Medizin (Pflanzen- und Heilkunde). Es umfasste ein Spektrum, wie wir es von unseren Gymnasien und Universitäten her kennen und das in die Klosteruniversitäten miteingebracht und dort weiter vermittelt wurde. Schließlich hat Irland im 6. Jahrhundert eine Reihe charismatischer Männer und Frauen hervorgebracht, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, den neuen Glauben nicht nur anzunehmen, sondern ihn auch zu leben und dabei das Ideal der Vollkommenheit oder – mit anderen Worten – der Heiligkeit anzustreben. In Anlehnung an östliche Praktiken suchten sie ihr Ziel auf dem Weg des Einsiedler- oder Eremitentums zu erreichen, indem sie sich von der Welt zurückzogen, auf alle Annehmlichkeiten bewusst verzichteten, um so der „Seele die Priorität vor dem Leib“ einzuräumen. Bald sammelte sich um sie ein Kreis von Schülern, mit denen zusammen sie ihre Klöster gründeten, welche schon früh eine geordnete Struktur erhielten: Die Mönche lebten in Zellen, die zumeist aus Steinen und oft in der Form von Bienenkörben erstellt waren. Die Klosteranlagen selbst waren häufig von einem Steinwall umgeben. Innerhalb des Steinwalls befanden sich neben den Zellen für die Mönche und den Abt, die Kirche, die meist reichhaltige Bibliothek sowie die Werkstätten. Außerhalb des Steinwalls gab es die bewirtschafteten Ländereien mit den Farmhäusern und landwirtschaftlichen Betrieben, die der Selbstversorgung der Klöster dienten.
Die Prinzipien, an die sich die Mönche in ihrer Lebensführung zu halten hatten, lauteten: . Ihre asketische Haltung zeigte sich auch in der Kleidung, die aus einer weißen Tunika als Untergewand und darüber aus Cape und Kapuze bestand. Die irischen Klöster, die im religiösen, im geistigen wie auch im öffentlichen Leben eine große Rolle spielten, wurden wegen ihrer Ausrichtung und der von ihnen erreichten Wirkung später als (Kardinal Newman) bezeichnet.
Die Klöster Clonfert (Gründer: St. Brendan der Seefahrer), Clonmacnoise (Gründer: St. Kieran), Clonard (Gründer: St. Finnian) und Glendalough (Gründer: St. Kevin) sind geographisch eng mit dem County Westmeath und damit der Heimat des hl. Wendelin verbunden. Daher kann man davon ausgehen, dass er diese Klöster und wohl auch ihre Gründer gekannt hat. Vor allem zum hl. Kieran, dem Gründer des Klosters Clonmacnoise, könnte eine Verbindung bestanden haben, da man bestimmte Elemente in der Lebenseinstellung des hl. Kieran beim hl. Wendelin wieder zu finden glaubt.
Wendelins erster Kontakt mit der Saar-Mosel-Region Was die Begegnung des hl. Wendelin mit der Region an Saar und Mosel betrifft, so berichtet die Legende, dass er bei der Rückkehr von einer Pilgerfahrt nach Rom Trier besucht habe. Beides lässt sich sehr gut in den historischen Hintergrund einordnen: Es war im irischen Adel üblich, dass die jungen Männer und Frauen, nachdem sie ihre Ausbildung in den Klosteruniversitäten abgeschlossen hatten (diese dauerte insgesamt 16 Jahre: 8 Jahre Grundausbildung und wiederum 8 Jahre für die Aufnahme in den Gelehrtenstand) und bevor sie ein wichtiges kirchliches (z. B. Abt eines Klosters) oder auch weltliches Amt antraten, sich die äußeren Weihen durch eine Pilgerfahrt nach Rom einholten. Man kann davon ausgehen, dass dies bei Wendelin ebenfalls der Fall war, wobei wir durch diesen Teil der Legende – ergänzt durch die historischen Fakten – erfahren, dass auf Wendelin nach seiner Rückkehr aus Rom ein wichtiges Amt wartete.