Dame Jean Iris Murdoch DBE (* 15. Juli 1919 in Dublin; † 8. Februar 1999 in Oxford) war eine irisch-britische Schriftstellerin und Philosophin. Sie ist insbesondere für ihre Romane bekannt, in denen sie sich mit Themen wie Gut und Böse, sexuellen Beziehungen, Moral und der Macht des Unbewussten auseinandersetzt.Murdochs erster Roman Unter dem Netz wurde 2001 von der Redaktion des amerikanischen Verlags Modern Library, einem Tochterunternehmen von Random House, als einer der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts ausgewählt. Das bekannteste philosophische Werk von Murdoch ist Die Souveränität des Guten. Sie hat als Philosophin einen maßgeblichen Einfluss auf die Moralphilosophie.

Leben Murdoch wurde während des irischen Unabhängigkeitskrieges in Phibsborough, Dublin, Irland, als Tochter und einziges Kind von Irene Alice Murdoch geboren. Ihr Vater, ein Beamter, stammte aus einer presbyterianischen Schafzüchterfamilie aus Hillhall in Ulster. Im Jahr 1915 trat er seinen Dienst als Soldat an und diente während des Ersten Weltkriegs in Frankreich, bevor er zum Leutnant befördert wurde. Ihre Mutter hatte vor Iris’ Geburt eine Gesangsausbildung absolviert und stammte aus einer bürgerlichen Familie der Church of Ireland in Dublin. Iris Murdochs Eltern lernten sich in Dublin kennen, als ihr Vater dort im Urlaub war, und heirateten 1918. mini|Somerville College Als Murdoch erst ein paar Wochen alt war, zog die Familie nach London um. Sie wurde auf Privatschulen geschickt: 1925 in die Froebel Demonstration School in Roehampton im London Borough of Wandsworth, ab 1932 in die Badminton School in Westbury-on-Trym bei Bristol.

Murdoch schrieb sich danach am Somerville College der Universität Oxford ein, einer Hochschule, die damals ausschließlich Frauen zuließ. Die Fördermittel waren im Vergleich zu den Männeruniversitäten zwar geringer, ihr ermöglichten sie jedoch den Abschluss des Studiengangs Honour Moderations Literae Humaniores. Dieser fokussierte sich auf die griechische und lateinische Sprache und Kultur und umfasste Kurse in Geschichte, Archäologie, Kunst und Philosophie. Gleichzeitig nutzte sie ihre Ankunft in Oxford, um sich der Kommunistischen ParteiJustin Broackes (Hrsg.): Iris Murdoch, Philosopher: a collection of essays. Oxford University Press, Oxford 2012, ISBN 978-0-19-928990-5. anzuschließen, und beteiligte sich auf dem Campus aktiv an zahlreichen Aktionen.

Der Zweite Weltkrieg (1939–1945) schuf an der Universität Freiräume, weil viele männliche Studenten und Dozenten zum Dienst eingezogen wurden. Während ihres Studiums in dieser Zeit schlossen sich ihr zwei weitere Studentinnen an: Philippa Foot und Mary Midgley. Später spezialisierten sich alle drei auf Philosophie. Darüber hinaus lernten sie Elizabeth Anscombe kennen, die ebenfalls eine zukünftige Philosophin war. Heute wird die Gruppe als „Oxford-Quartett“ bezeichnet. In diesem Kontext ist festzustellen, dass alle vier darum bemüht sind, sich einen Platz an der Universität zu sichern, an der Frauen zu dieser Zeit kaum berücksichtigt werden. In diesem anspruchsvollen und teilweise sexistischen Umfeld war ihre Position nicht gesichert, insbesondere im Fach Philosophie, das nach wie vor hauptsächlich von Männern vertreten wurde.

Im Jahr 1942 schloss sie ihr Studium mit der Note „sehr gut“ ab und unterbrach daraufhin ihre akademische Laufbahn, um sich an den Kriegsanstrengungen zu beteiligen. Im Rahmen des Zivildienstes wurde ihr eine Stelle im Finanzministerium in London zugewiesen. Gemeinsam mit ihrer Mitstreiterin Philippa Foot zogen die beiden Frauen in die Hauptstadt und wohnten gemeinsam in einer Wohngemeinschaft. Nach ihrer Ankunft in London, das sich gerade von den Bombardements erholte, trafen die beiden Frauen auf zahlreiche Flüchtlinge unterschiedlicher Herkunft. Diese multikulturellen Begegnungen inspirierten Iris Murdoch, neue Bekanntschaften zu schließen, und in dieser Zeit begann sie, sich besonders für die französische Literatur zu interessieren.

Im Juni 1944 verließ sie das Finanzministerium und ging zur Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen (UNRRA). Zunächst war sie in London im europäischen Regionalbüro der Behörde tätig. 1945 wurde sie zunächst nach Brüssel, dann nach Innsbruck und schließlich nach Graz in Österreich versetzt, wo sie in einem Flüchtlingslager arbeitete. 1946 verließ sie die UNRRA. In Österreich lernt sie den französischen Dichter Raymond Queneau kennen, mit dem sie einen Briefwechsel begann und eine langjährige Freundschaft aufbaute.

Als sie 1945 in Brüssel ür die UNRRA tätig war, lerne Murdoch Jean-Paul Sartre kennen. Sie zeigte sich beeindruckt von seiner existentialistischen Philosophie sowie von der Tatsache, dass er auch Romanautor und Dramatiker war.

Mit der allmählichen Rückkehr zu einem Leben ohne Krieg hatte Iris Murdoch wieder Zeit, sich der Philosophie zu widmen. Sie beschloss, ihr Studium wieder aufzunehmen, um sich mit dem Gebiet der Ethik zu befassen. Sie erhielt ein Stipendium für ein Doktoratsstudium am Vassar College in New York, doch aufgrund ihrer Vergangenheit als Aktivistin der Kommunistischen Partei wurde ihr ein Visum verweigert. Zur gleichen Zeit wurden ihre Übersetzungen von Queneau nicht veröffentlicht, und sie kehrte zu ihren Eltern zurück, ohne eine Vorstellung von ihrer Zukunft zu haben. Sie nahm den Kontakt zu ihren ehemaligen Freundinnen wieder auf, die ihr Doktorat in Cambridge fortgesetzt hatten. Schließlich wurde auch sie an der Universität in Cambridge angenommen. Im Jahr 1947 nahm sie das Doktoratsstudium am Newnham College auf, der Frauenuniversität von Cambridge. Zu dieser Zeit wurden an dieser Universität jedoch noch keine Abschlüsse an Frauen verliehen. Im Jahr 1948 wurde sie Mitglied (Fellow) des St Anne’s College der Universität Oxford.

Murdoch entdeckte Anfang der 1950er Jahre die Schriften Simone Weils und rezensierte 1956 ihre „Notizbücher“ (französisch: „Cahiers“). Obwohl Weil in der britischen Philosophie zunächst kaum bekannt war, prägte sie Murdochs Denken stark. Murdochs Interpretation von Platons Lehren, die Stärkung christlicher Elemente sowie ihr wachsendes Interesse an Mystik in moralischen Fragen waren dabei von besonderer Relevanz. Darüber hinaus wirkte sich Weil Murdochs Auffassung von psychischer Energie als etwas Mechanisches sowie ihr Konzept der „Leere“ auf ihre moralphilosophischen Überlegungen aus.

Ihr erstes Werk, Sartre: Romantic Rationalist (Romantischer Rationalist) erschien 1953. Murdoch hatte Jean-Paul Sartre kennengelernt, nachdem sie 1945 in Brüssel einen seiner Vorträge besucht hatte, als sie für die UNRRA arbeitete, und war damals von seiner existentialistischen Philosophie beeindruckt, auch wenn sie später das ablehnte, was sie als „luziferische“ Vision einer Moral bezeichnete, die eher auf Freiheit und individuellem Willen als auf Liebe und Güte beruhte. In ihrem Erstlingswerk analysierte sie die Romane Sartres als Ausgangspunkt für die Untersuchung seines Denkens. Sie charakterisierte es als von „drei“ posthegelianischen Strömungen – der marxistischen, der existentialistischen und der phänomenologischen – beeinflusst, während es zugleich „zutiefst und selbstbewusst zeitgemäß“ sei.Sartre: Romantic Rationalist (1953) (englisch)

Ein Jahr später (1954) schrieb sie ihren ersten Roman Unter dem Netz (engl.: Under the Net). Sie lernte 1956 in Oxford ihren späteren Ehemann John Bayley (1925–2015) kennen, einen Professor für Englische Literatur und ebenfalls Schriftsteller, und beschloss, ihr Leben mit ihm zu teilen. Sie widmete sich verstärkt der Literatur, veröffentlichte jährlich einen Roman und gab schließlich 1964 ihre Stelle in Oxford auf, um an das Royal College of Art zu wechseln. Ihr Ansehen in der Literaturszene wuchs zunächst dank des James-Tait-Black-Preises für ihr Gesamtwerk, den sie 1973 erhielt, und anschließend dank des Booker-Preises für ihren Roman The Sea, the Sea im selben Jahr. Ihre Romane, die dem Genre des philosophischen Romans zugeordnet werden, haben ihr internationale Anerkennung eingebracht. Im Jahr 1980 erweiterte sie ihr literarisches Schaffen und verfasste zwei Theaterstücke, die im Wesentlichen philosophischer Natur sind. Sie sind in Form platonischer Dialoge verfasst und unter dem Titel Acastos zusammengefasst. Die Stücke wurden am renommierten National Theatre in London aufgeführt.

Ihre literarische Karriere kam jedoch allmählich zum Erliegen, als sich die ersten Anzeichen der Alzheimer-Krankheit zeigten, an der sie litt und die ihre Mutter einige Jahre zuvor dahingerafft hatte, obwohl es damals noch keine Diagnose für diese Erkrankung gab. Mit Mühe vollendet sie 1995 ihren letzten Roman, Jackson’s Dilemma, und verliert nach und nach, zusammen mit ihren Erinnerungen, ihre Denkfähigkeit und die Fähigkeit, zusammenhängende Sätze zu formulieren. Daraufhin erklärt sie sich bereit, an Studien und Forschungen teilzunehmen, um mehr über diese neu entdeckte Krankheit zu erfahren. Ihr Mann steht ihr zur Seite und berichtet von ihren letzten Lebensjahren, in denen er das allmähliche Verschwinden der Identität seiner Frau miterlebte:

„Sie weiß nicht mehr, dass sie sechsundzwanzig bemerkenswerte Romane sowie philosophische Werke geschrieben hat, dass sie mehrere Ehrendoktorwürden von den renommiertesten Universitäten erhalten hat und dass sie Dame des Britischen Empire ist …“

Murdoch und Brigid Brophy verband eine lange romantische und intellektuelle Beziehung, die etwa von Ende 1954 bis 1967 andauerte. Sie führten einen intensiven Briefwechsel, der für Murdoch von großer Bedeutung war. Die Beziehung war nicht nur freundschaftlich, sondern auch zeitweise sexuell und emotional eng.

Prägungen 1976 nannte sie Simone Weils Attente de Dieu (Das Warten auf Gott) als eines von nur drei philosophischen Werken, die sie tief geprägt hätten. Die anderen sind Platons Gastmahl (Symposion) und Søren Kierkegaards Furcht und Zittern. Kierkegaard bekräftigt in dieser Schrift, dass der Mensch, indem er aus dem ethischen Stadium heraus- und in das religiöse Stadium eintritt, als der Einzelne höher steht als das Allgemeine, also das Ethische. Er betont, dass der Glaube die Fähigkeit verleiht, Herausforderungen zu meistern und Ziele zu erreichen.

Die zentralen Themen des Symposion von Platon sind die Liebe als (Eros) Streben, die Stufen des Eros und der Aufstieg vom Körperlichen zum Geistigen. Im Mittelpunkt steht nicht die romantische Liebe im modernen Sinn, sondern Eros als eine Kraft, die Menschen dazu anregt, das Schöne, Wahre und Gute zu schätzen und zu fördern.

Der Kern von „Das Warten auf Gott“ ist Weils Idee, dass der Mensch Gott in Aufmerksamkeit, Loslassen und Erwartung erfahren muss. Der Mensch soll sich innerlich leeren, damit er für die Wirklichkeit empfänglich wird. Es geht also um die Offenheit für Gott, der nicht durch Willen, sondern durch Aufmerksamkeit, Demut und innere Erwartung erfahren wird.

Auszeichnungen Murdoch erhielt 1978 den Booker Prize für Das Meer, das Meer (engl.: The Sea, the Sea), einen äußerst detailreichen Roman über die Kraft der Liebe und des Verlustes: Ein ehemaliger Theaterregisseur wird von Eifersucht überwältigt, als er seine ehemalige große Liebe nach mehreren Jahrzehnten wieder trifft. 1975 wurde sie in die American Academy of Arts and Letters und 1982 in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen.

Im Jahre 1987 wurde sie zur „Dame Commander“ (DBE) des britischen Ritterordens Order of the British Empire, vorrangig für ihr Engagement während der Kriegsjahre, ernannt. Die Universität Cambridge verlieh ihr 1993 die Ehrendoktorwürde. Zu ihren weiteren prestigeträchtigen Auszeichnungen zählen die Mitgliedschaft in der American Academy of Arts and Sciences sowie die Ehrendoktorwürde der Universität Hongkong.