400px|mini|Aaron, gekennzeichnet durch einen roten Umhang und griechische Beischrift (ΑΡωΝ), tritt aus dem Allerheiligsten des Mischkan.Shulamit Laderman: Art. Holy of Holies VI Visual Arts. In: Encyclopedia of the Bible and Its Reception Band 12, Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2016, Sp. 181. (abgerufen über De Gruyter Online) (Wandgemälde der Synagoge von Dura Europos, Nationalmuseum Damaskus) Der Mischkan (), auch Stiftshütte, Offenbarungszelt oder Zelt der Begegnung () genannt, ist ein in der Bibel beschriebenes transportables Heiligtum. Im Buch Exodus (), wird die Anfertigung des Mischkan in Kapitel 25–31 erklärt. Als Gottesreden an Mose haben diese Anordnungen innerhalb der Tora große Relevanz, zumal Mose auch himmlische Modelle des Zelts und seines Inventars gezeigt werden (). Es folgt die Episode mit der Anfertigung des Goldenen Kalbs (Klaus Koenen: 2. Der Terminus עֵגֶל ‘egæl „Kalb / Jungstier“. In: WiBiLex, Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, Artikel Goldenes Kalb vom Oktober 2018, zuletzt aktualisiert am 25. November 2024.)(Kapitel ) und die von Mose erwirkte Versöhnung. Daran schließt sich in Kapitel 35–40 die Anfertigung der einzelnen Objekte genau nach der vorausgegangenen Beschreibung an. Mit freiwilligen Gaben und mit handwerklicher und künstlerischer Aktivität sind die Israeliten hier beteiligt. Abschließend baut Mose das Heiligtum auf und richtet es mit den Kultgeräten ein; darauf nimmt JHWH vom Heiligtum Besitz.

Zentral für das Verständnis des Mischkan ist die Anweisung JHWHs an die Israeliten : „Sie sollen mir ein Heiligtum machen! Dann werde ich in ihrer Mitte wohnen.“ Der Ausdruck „in ihrer Mitte“ lässt nach der jüdischen Tradition darauf schließen, dass das Heiligtum nicht als Wohnsitz Gottes zu verstehen ist, sondern als ein Symbol für die Heiligkeit Gottes, dem das Volk nachzuleben hatte, wenn sein Geist in ihrer Gemeinschaft weilen sollte.Pentateuch und Haftaroth mit Kommentar von Dr. Hertz, Verlag Morascha Zürich 1984, Band II, S. 296 Dort, wo das Zelt aufgebaut wird, entsteht heiliger Raum, aber einen heiligen Ort gibt es während Israels Wüstenwanderung nicht.Shubert Spero: From Tabernacle (Mishkan) and Temple (Mikdash) to Synagogue (Bet Keneset), 2004, S. 66–68.

Namen Mischkan () ist nur eine von mehreren Bezeichnungen für das transportable Heiligtum. „Mischkan“ bedeutet „Wohnung“, sowohl Gottes als auch der Menschen.Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 754. Das Wort ist von der Verbalwurzel , „wohnen“, „sich niederlassen“, abgeleitet, die im Exodusbuch im Kontext der Heiligtumstexte in unterschiedlicher Weise verwendet wird: Nach lässt sich die Herrlichkeit (der Kabod) JHWHs auf dem Berg Sinai nieder; nach () will JHWH selbst im Heiligtum wohnen, und nach lässt sich schließlich die Wolke auf dem Mischkan nieder. An einigen Stellen ist auch von der „Wohnung des Zeugnisses“ (Mischkan haEdut) die Rede, damit wird es als Wohnort der Bundeslade bezeichnet (). Der Begriff Mischkan sagt etwas über die Funktion des Heiligtums aus, nichts über die Baugestalt. Dennoch wird auch ein konkreter Bestandteil im engeren Sinne als „Wohnung“ (Mischkan) bezeichnet: die aus zwei Teilen mit je fünf Bahnen bestehende kerubenbestickte Prachtdecke (, ).

Der ganze Bau wird im Pentateuch meist als Ohel Moed () bezeichnet. Das bedeutet „Zelt der Begegnung“ (so die Zürcher und die Elberfelder Bibel) und wird in der Einheitsübersetzung mit „Offenbarungszelt“, in der Lutherbibel mit „Stiftshütte“ wiedergegeben. Der Begriff „Stiftshütte“ ist eine Wortprägung Martin Luthers, die er in einer Randglosse der Biblia Deudsch (1545) so begründete: „Das Ebreisch Wort Moed / haben wir nicht anders wissen noch wollen deudschen. Es sol aber so viel heissen / als ein gewisser ort oder stete / wie eine Pfarrkirche oder Stifft / Dahin das Volck Jsrael komen vnd Gottes wort hören sollten […]“D. Martin Luther: Die gantze heilige Schrifft Deudsch, Wittenberg 1545. Letzte zu Luthers Lebzeiten erschienene Ausgabe, hrsg. von Hans Volz. Rogner & Bernhard, München 1972, Band 1, S. 174.

Durch Ohel () wird deutlich zum Ausdruck gebracht, dass es sich um kein ortsfestes Haus, sondern ein transportables Gebilde handelt. Moed ist von der Verbalwurzel ‚sich treffen‘, ‚begegnen‘ abgeleitet und bezeichnet damit einen zweiten funktionalen Aspekt des Heiligtums: die Begegnung JHWHs mit Mose () bzw. mit den Israeliten (), die jeweils mit diesem Verb ausgedrückt wird. Der gesamte Bau wird gelegentlich auch als „Zelt des Zeugnisses“ (Ohel haEdut) bezeichnet (). Während „Zelt der Begegnung“ (Ohel Moed) nicht für ein einzelnes Bauteil, sondern immer für das gesamte Bauwerk steht, bezeichnet einfaches „Zelt“ (Ohel), ähnlich wie „Mischkan“, in den Heiligtumstexten auch einen konkreten Bestandteil des Heiligtums, nämlich die aus Ziegenhaar oder Ziegenfellen gefertigte, ebenfalls aus zwei Teilen bestehende Decke ().

Zur Schilderung des Heiligtumsbaus in Exodus 35–40 in Spannung steht, dass nach der Erzählung in Mose schon vorher außerhalb des Lagers ein Zelt aufgeschlagen und ebenfalls „Zelt der Begegnung“ genannt habe, in dem JHWH zu ihm redete und zu dem auch Josua Zutritt hatte (). Das kann als Hinweis auf eine nicht-priesterliche Tradition eines Zeltheiligtums gedeutet werden; der Widerspruch wird üblicherweise mit der Verwendung unterschiedlicher Quellen erklärt.

Eine weitere, bereits in verwendete Bezeichnung ist „Heiligtum“ (, „heiliger Ort u[nd] die zugehörigen Einrichtungen“).Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 728. Dabei handelt es sich um den Oberbegriff, der in anderen Büchern des Tanach für den Tempel zu Jerusalem, aber auch für Heiligtümer anderer Kulte verwendet wird.

Die Septuaginta hat Mischkan und Ohel mit dem gleichen Wort σκηνή (skēnḗ, „Zelt“) übersetzt, das inhaltlich Ohel entspricht, aber zugleich lautlich an miškan anklingt.Vgl. Wilhelm Michaelis: Zelt und Hütte im biblischen Denken. In: Evangelische Theologie 14 (1954), S. 29–49, hier S. 46: „Es handelt sich hierbei weder um eine zufällige noch um eine aus Unkenntnis oder Verlegenheit entstandene, sondern um eine sehr absichtsvoll gewählte Wiedergabe nach dem Gleichklang.“ Ohel Moed wird ebenso wie Ohel haEdut als ἡ σκηνὴ τοῦ μαρτυρίου (hē skēnḕ toũ martyríou), „Zelt des Zeugnisses“, wiedergegeben, das übernehmen auch Autoren des Neuen Testaments (, ). Diesem Vorbild folgte Hieronymus in seiner lateinischen Übersetzung, indem er sowohl Ohel als auch Mischkan mit tabernaculum übersetzte. Daran schloss sich später unter anderem die King James Version an, die ebenfalls beides mit tabernacle wiedergibt.

Ein „Heiligtum im Kopf der Leser“ (Franziska Bark) Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Neubabylonier (587/586 v. Chr.) erschütterte die bisherige Tempeltheologie. Der Berg Zion konnte nicht mehr so selbstverständlich als Ort der Wohnung JHWHs gesehen werden, wie es der Tempelweihspruch formuliert hatte. Eine Möglichkeit, damit umzugehen, war, JHWH „in der Mitte“ der Israeliten gegenwärtig zu denken.Michael Emmendörffer: Gottesnähe: Zur Rede von der Präsenz JHWHs in der Priesterschrift und verwandten Texten (= Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament. Band 155). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, S. 171. In diesen Zusammenhang gehören auch die Texte im Buch Exodus, die den Bau des Mischkan beschreiben: JHWH ist mit seinem Volk unterwegs; am Lagerplatz scharen sich die Stämme nach einer bestimmten Ordnung um das Zelt JHWHs in ihrer Mitte. Nach Franziska Bark entfaltet sich der heilige Raum des Mischkan beim Akt des Lesens: „Als textuelles Konstrukt ist der miškan ahistorisch und unabhängig von den jeweiligen Umständen transportabel. So verstanden ist das Zeltheiligtum im Blick auf die vermutete existentielle Situation der Redaktoren eine Weise, wie dem Verlust von Ort und Tempel, Land und Leuten beigekommen wird.“Hier zitiert nach: Bernd Janowski: Das Geschenk der Versöhnung. Leviticus 16 als Schlussstein der priesterlichen Kulttheologie. In: Thomas Hieke, Tobias Nicklas (Hrsg.): The Day of Atonement. Its Interpretation in Early Jewish and Christian Traditions. Brill, Leiden / Boston 2012, S. 3–32, hier S. 25 Anm. 56. (PDF) Vgl. ebenso: Reinhard Gregor Kratz: Gottesräume: Ein Beitrag zur Frage des biblischen Weltbildes. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 102/4 (2005), S. 419–434, hier S. 429f.

Das im Buch Exodus beschriebene Zeltheiligtum bezieht sich sowohl auf den Ersten (Salomonischen) Tempel als auch auf den Zweiten Tempel und schafft Kontinuität. Es verbindet die Bundeslade, die nur im Ersten Tempel vorhanden war und mit dessen Zerstörung verloren ging, mit dem Siebenarmigen Leuchter (Menora), einem neuartigen Kultgerät, das es im Ersten Tempel noch gar nicht gab,Rachel Hachlili: The Menorah, the Ancient Seven-armed Candelabrum: Origin, Form, and Significance. Brill, Leiden 2001, S. 9: „… the seven-armed menorah does not antedate the Second Temple period“, und S. 36: „The record in Exodus of the tabernacle menorah is a retrojection of the Second Temple type“. das aber im Kult des Zweiten Tempels von hervorragender Bedeutung war (für den Schaubrottisch und die Priestergewänder gilt das in ähnlicher Weise). Nach Dominik Markl überbrücken die Heiligtumstexte „die Kluft des Exils und die fehlende Identität zwischen vor- und nachexilischem Tempel, indem auch der letztere hinsichtlich zentraler Objekte an das Ursprungsheiligtum anknüpfen kann.“Dominik Markl: Zur literarischen und theologischen Funktion der Heiligtumstexte im Buch Exodus, Stuttgart 2016, S. 77f.

Bauanweisungen Das Kapitel Ex 24 endet mit einer besonders hervorgehobenen Theophanie. Die Herrlichkeit JHWHs bedeckt den Berg Sinai, und Mose wird in diese Wolke gerufen. Er verweilt dort 40 Tage und Nächte. Es folgen ab Ex 25,1 sieben Gottesreden zum Bau des Heiligtums, die in einen knappen narrativen Rahmen eingebunden sind:Helmut Utzschneider: Tabernacle, Leiden 2014, S. 268–271.

Erste Rede (Ex 25,1–30,10): Gaben für den Bau des Heiligtums; Bundeslade; Schaubrottisch; Leuchter (Menora); Zeltdecken und hölzerne Wände für das transportable Heiligtum; Kupferner Altar; Säulen und Behänge zur Abgrenzung des Hofs, in dessen Mitte sich das Zeltheiligtum befindet; Öl für den Leuchter; Priestergewänder; Weihe der Priester; tägliche Liturgie (Tamidopfer morgens und abends); Weihrauchaltar. Zweite Rede (Ex 30,11–16): Abgabe für das Heiligtum. Dritte Rede (Ex 30,17–21): Kupfernes Becken. Vierte Rede (Ex 30,22–33): Rezeptur des Salböls. Fünfte Rede (Ex 30,34–38): Rezeptur des Räucherwerks. Sechste Rede (Ex 31,1–11): Beauftragung der Kunsthandwerker Bezalel und Oholiab. Siebte Rede (Ex 31,12–17): Befolgung des Schabbats als dauerhaftes Zeichen und Bund zwischen JHWH und den Israeliten.