Unter Wortart – auch Redeteil oder lexikalische Kategorie – versteht man eine Klasse von Wörtern in einer bestimmten Sprache aufgrund der Zuordnung nach gemeinsamen Merkmalen.

Bei der Einteilung nach Wortarten geht es um Merkmale, die mit einem Wort fest verbunden sind und die das Wort bereits für sich allein hat (lexikalische Merkmale). Dies steht im Gegensatz zur grammatischen Funktion eines Ausdrucks im Satz wie Subjekt, Objekt, Adverbial, Attribut – also der Art der Beziehung zu anderen Satzteilen, die ein Ausdruck in einer bestimmten Verwendung aufweist. Beispielsweise ist das Wort „oben“ seiner Wortart nach ein Adverb, und als solches kann es verschiedene grammatische Funktionen haben: Ortsangabe im Satz (Lokaladverbial) („Oben wohnen jetzt Müllers“), Attribut zum Substantiv („die Wohnung oben“) usw.

Welche und wie viele Wortarten man ansetzt, unterscheidet sich je nach Sprache und ist in der Sprachwissenschaft oft Gegenstand von Kontroversen. Die Unterscheidung in Verben (Tätigkeitswörter) und Substantive (Gegenstandswörter) wird oft als universal angesehen. Aber bereits Wortarten wie Adjektiv (Eigenschaftswort) oder Präposition (Verhältniswort) werden nicht für alle Sprachen angesetzt bzw. sind nicht in allen Sprachen gleich wichtig. Das Adverb ist ein Beispiel für eine Wortart, die besonders viele Debatten auslöst.

Wörter können nach unterschiedlichen Arten von Merkmalen eingeteilt werden: nach Merkmalen der Bedeutung (semantisch), der Formenbildung (Flexion, also morphologisch) oder syntaktisch, d. h. danach, welche Verwendung im Satz sie prinzipiell erlauben. Für die Bestimmung von Wortarten werden in der Regel verschiedenartige Kriterien kombiniert. Beispielsweise zeichnen sich Adjektive im Deutschen dadurch aus, dass sie syntaktisch zwischen Artikel und Substantiv erscheinen können, dort Flexionsformen zeigen und typischerweise eine Eigenschaft angeben. Verben werden im Deutschen konjugiert, haben also verschiedene Zeitformen und Personalformen, fordern bestimmte Ergänzungen als Subjekt und Objekt im Satz und bezeichnen typischerweise Ereignisse oder Zustände.

In der Computerlinguistik werden Verfahren entwickelt, um Wörter eines Textes automatisch Wortarten zuzuordnen (Part-of-speech-Tagging).

Das Problem der Wortarten

Die Einteilung des Wortbestands einer Sprache in Klassen gehört zu den grundlegendsten Aspekten, die in jeder Grammatiktradition eine Rolle spielen, so auch seit den Anfängen der abendländischen Sprachwissenschaft im antiken Griechenland.

Die Wortarten gehören sowohl zum „Kerngeschäft“ der SchulgrammatikHennig & Langlotz (2020), S. 73. als auch zu den wesentlichen Fundamenten der wissenschaftlichen Grammatik und Grammatiktheorie. In der Grammatiktheorie sollen Wortarten die Eigenschaften erklären oder zumindest codieren, die Wörter und größere Einheiten (Phrasen) im Satz haben können. Auch die Flexion von Wörtern ist, vor allem in europäischen Sprachen, an bestimmte Wortarten gebunden (z. B. als Konjugation der Verben oder Deklination der Substantive).

Dennoch ist die Einteilung von Wortarten in der Sprachwissenschaft eine Frage, die nicht eindeutig und endgültig gelöst ist.Storrer (2009), S. 906. In der Praxis gelten Wortarten oft einfach als gegeben und durch die Autorität der grammatischen Tradition garantiert. Es werden aber unablässig neue Unterscheidungen vorgeschlagen. Spielräume und Unsicherheiten entstehen vor allem hinsichtlich der folgenden Fragen:Vgl. Clemens Knobloch, Burkhard Schaeder: Das Wort. In: Ludger Hoffmann (Hrsg.): Handbuch der deutschen Wortarten. Walter de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-021507-6, S. 21–50. Siehe S. 22 f. Welche Kriterien sollen für Wortarten herangezogen werden? Welche Unterschiede zwischen Wörtern sind für die Wortartenabgrenzung entscheidend, welche Unterschiede sind nicht entscheidend? Zu welchem Zweck soll klassifiziert werden? Wie können jemals alle vorhandenen Wörter in einer begrenzten (und kleinen) Anzahl von Klassen untergebracht werden?

Vor allem im Umgang mit uneindeutigen Fällen, kleinen Restklassen und „Einzelgängern“ unter den Wörtern unterscheiden sich Wortartensysteme fast immer, selbst wenn besonders robuste Klassifikationen angestrebt werden. So gab es im Lauf der Zeit zwei Versuche, für den Schulunterricht im Bereich der deutschen Grammatik eine Vereinheitlichung herzustellen. In einer älteren Liste für die Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 1982 wurde ein System von 9 Wortarten verwendet: Nomen (= Substantiv), Artikel, Pronomen, Numerale, Adjektiv, Verb, Adverb, Präposition, Konjunktion (Anmerkung: Genannt wird hier „Nomen“, das Lemma der deutschsprachigen Wikipedia für dieselbe Klasse lautet auf Substantiv.) In einer durch eine Expertenkommission überarbeiteten Version für die KMK von 2019 sind es 15, teilweise anders zugeschnittene, WortartenVergleich der beiden Listen in Hennig & Langlotz (2020), S. 74.: Verb, Nomen/Substantiv, Verbaladjektiv (= Partizip), Adjektiv, Artikel, Pronomen, Konjunktionaladverb, Adverb, Kommentaradverb, Präposition, Adjunktor, Subjunktion, Konjunktion, Partikel, Interjektion Allerdings sind beide Einteilungen, auch die neuere,Vor allem Karin Pittner: Kommentare zum Kommentarglied. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik, 42-1 (2014). S. 50–57. doi:10.1515/zgl-2014-0007 in der Fachliteratur kritisiert worden.

Gängige Grammatiken des Deutschen weichen allesamt von diesen für die Schule erstellten Einteilungen ab (bzw. umgekehrt).Storrer (2009), S. 908, für den Stand bis dahin. Die Dudengrammatik (2022) verwendet beispielsweise 10 Wortarten (mit den sechs unflektierbaren Wortarten zusammengenommen als einer Zwischenebene der Einteilung):Dudengrammatik (2022), Übersicht im Inhaltsverzeichnis S. 15–18. Verb, Nomen/Substantiv, Artikelwort & Pronomen, Adjektiv, (Unflektierbare:) Adverb, Präposition, Adjunktor, Subjunktion, Konjunktion, Partikel. In einem auf die Frage spezialisierten „Handbuch der Deutschen Wortarten“Ludger Hoffmann (Hrsg.): Handbuch der deutschen Wortarten. Walter de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-021507-6. ist der Bestand in 24 Kapitel zu einzelnen Wortarten aufgeschlüsselt, wobei allerdings auch Funktionen von Wörtern thematisiert werden, die anderswo nicht als Wortart auftauchen (z. B. Anapher). Eine definitive Anzahl von Wortarten des Deutschen wird in diesem Werk ansonsten nicht genannt.

Alle diese Varianten bestehen also bereits innerhalb der deutschen Grammatik. Ein weiteres Problemfeld entsteht im Sprachvergleich: Wie sehr ist die Existenz bestimmter Wortarten davon abhängig, dass sie aus den Gegebenheiten einer Einzelsprache konstruiert werden, oder inwieweit können Wortarten aus verschiedenen Einzelsprachen als „dieselben“ Wortarten identifiziert werden? Unabhängig davon kann es sein, dass in manchen Sprachen manche Wortarten nicht vorkommen. Gibt es Wortarten-Unterscheidungen, die universal sind? Beispielsweise werden in der englischen Grammatik von Huddleston und Pullum (2002) 9 Wortarten angegeben:Rodney Huddleston, Geoffrey K. Pullum: The Cambridge grammar of the English language. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 2002, ISBN 978-0-521-43146-0. Siehe S. 22. Im Vergleich zu vielen deutschen Grammatiken fehlen also Partikel und Adjunktor. Partikeln spielen nur im Deutschen eine auffällige Rolle, die Unterscheidung Präposition/Adjunktor beruht auf der Eigenschaft der Kasuszuweisung, die im Englischen nicht relevant ist.

Geschichte der Wortartlehre

Sanskrit-Grammatik Die Klassifikation der Wörter in lexikalische Kategorien wird seit den frühesten Anfängen der Linguistik unternommen.R. H. Robins: General Linguistics. 4th ed., Longman, London 1989. In der Nirukta, im 5. oder 6. Jahrhundert v. Chr. geschrieben, definiert der Sanskrit-Grammatiker Yāska vier Wortarten. nāma – Nomen ākhyāta – Verben upasarga – Präverbien oder Präfixe nipāta – Partikeln (invariante Wörter, vielleicht auch Präpositionen)

Diese vier Gruppen wurden in zwei große Klassen eingeteilt: in beugbare (flektierbare) (Nomen und Verben) und unbeugbare Wörter (Präverbien und Partikeln).

Abendländische Geschichte der Wortartlehre Ein oder zwei Jahrhunderte später schrieb Platon im Dialog Kratylos, dass ein Satz eine Kombination von Verb [rhē̂ma] und Nomen [ónoma] sei.Platon: Cratylus 431b griechisch: bei – Κρατύλος (Wikisource [griechisch]) englische Übersetzung: bei , Perseus (Tufts University) Von Aristoteles wurde später als weitere Klasse [sýndesmos] („Verbindungswort“, das ist Partikel (unflektierbare Wortarten)) hinzugefügt.Wilhelm Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Braunschweig 1914, Band 2, S. 1006, Stichwort σύνδεσμοςAugust Matthiä: Ausführliche Griechische Grammatik. Erster Theil. Formenlehre. 3., verbesserte und vermehrte Auflage. Leipzig 1835, S. 176

Am Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. hatte sich das Klassifikationsschema auf acht Kategorien von Wortarten ausgeweitet, so in der Téchnē Grammatikḗ des Dionysios Thrax:Τέχνη Γραμματική Dionysios Thrax, Technē Grammatikē (Wikisource [griechisch]) Nomen: kasusflektierter Redeteil, der eine konkrete oder abstrakte Entität bezeichnet. Verb: nicht kasusflektierter Redeteil, der nach Zeit, Person und Zahl flektiert und eine Tätigkeit oder einen Prozess bezeichnet. Partizip: Redeteil, der an der Eigenart () sowohl von Verben als von Nomen teilhat. Artikel: kasusflektierter Redeteil, der einem Nomen vor- oder nachgestellt ist. Pronomen: durch ein Nomen ersetzbarer Redeteil, der für eine Person steht. Präposition: Redeteil, der vor anderen Wörtern in Zusammensetzungen und in der Syntax steht. Adverb: unflektierter Redeteil, der ein Verb modifiziert oder ihm hinzugefügt ist. Konjunktion: Redeteil, der den Diskurs zusammenhält und Lücken in seiner Interpretation füllt.

Die lateinischen Fachtermini für die Wortarten erscheinen als Lehnübersetzungen der griechischen.

Die lateinischen Grammatiker hatten keine Verwendung für die Wortart Artikel, brachten aber stattdessen die Wortart Interjektion hinzu, so dass es zunächst bei acht Wortarten blieb. Die Neuerung der Wortart Interjektion wird Quintus Remmius Palaemon zugeschrieben, der im ersten Jahrhundert n. Chr. das erste systematische grammatische Lehrwerk des Lateinischen verfasste.Robert H. Robins: [History of morphological research:] Classical Antiquity. In: Geert Booij, Christian Lehmann, Joachim Mugdan (Hrsg.): Morphologie / Morphology. Ein internationales Handbuch zur Flexion und Wortbildung / An International Handbook on Inflection and Word-Formation. Band 1 (= HSK, 17-1). Walter de Gruyter, Berlin 2000, ISBN 3-11-011128-4, S. 52–67. – Siehe S. 62.

Überblick Technē Grammatikē (etwa 100 v. Chr.) ónoma(Nomen (Substantiv oder Adjektiv)) epírrhēma(Adverb) rhē̂ma(Verb) metochḗ(Partizip) próthesis (Präposition) sýndesmos(Konjunktion) antōnymía(Pronomen) árthron(Artikel) (epítheton(Adjektiv)) (arithmētikón & taktikón(Grund- & Ordnungszahlwort)) Priscianus (etwa 500 n. Chr.) nomen interiectio aduerbium uerbum participium praepositio coniunctio pronomen — neulateinische Grammatik nomen interjectio adverbium verbum [temporale] participium praepositio conjunctio pronomen articulus [nomen] substantivum [nomen] adjectivum [nomen] numerale

Kritik der traditionellen Wortartlehre An der traditionellen Wortartlehre wird kritisiert, dass sie einige grundlegende Eigenschaften von Klassifizierungssystemen nicht erfülle. Es sei unklar, was sie überhaupt klassifiziere: Lexeme, syntaktische WörterVgl. auch George A. Miller: Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. 1996, S. 110–115 (Syntaktische Klassen). oder Wortformen. Die klassische Einteilung der Wortarten erfolge nicht nach einem „einheitlichen Gesichtspunkt“,Kutschera: Sprachphilosophie. 2. Aufl., 1975, ISBN 3-8252-0080-9, S. 211 sondern werde nach „sich widersprechenden oder überschneidenden Kriterien“Clément: Linguistisches Grundwissen. 2. Aufl., 2000, S. 34 vorgenommen.