Die Wissenschaftstheorie (auch Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftslehre) ist ein Teilgebiet der Philosophie, das sich mit den Voraussetzungen, Methoden und Zielen von Wissenschaft und ihrer Form der Erkenntnisgewinnung beschäftigt.„Die Wissenschaftstheorie beschäftigt sich mit den Voraussetzungen und Grundlagen der Erkenntnis in den Einzelwissenschaften. Dabei werden deren Methoden, Grundsätze, Begriffe und Ziele geklärt und einer kritischen Prüfung unterzogen.“ Seite 13 in P. Kunzmann, F.-P. Burkart, F. Wiedmann (Hrsg.), Philosophie. (dtv) München 71998.
In Abgrenzung zur Logik und Erkenntnistheorie wird Wissenschaftstheorie gelegentlich zu derjenigen philosophischen Disziplin erklärt, die sich mit den Erkenntnissen der empirischen Wissenschaften beschäftigt.Siehe etwa Franz von Kutschera, Wissenschaftstheorie und Logik. Teil IV in Orientierung durch Philosophie : ein Lehrbuch nach Teilgebieten, hrsg. v. Peter Koslowski, S. 263–275, darin insbes. S. 272, Abschnitt III: Vom Nutzen der Wissenschaftstheorie. (Mohr) Tübingen 1991. Online verfügbar: epub.uni-regensburg.de . Seit dem 20. Jahrhundert umfasst sie vor allem die einheitliche Strömung der so genannten Wissenschaftslogik,Der Terminus – eine Provokation - entstammt dem, in wissenschaftstheoretischer Hinsicht grundlegenden Werk Logische Syntax der Sprache von Rudolf Carnap. (Springer) Wien, New York 1934 (zweite Auflage 1968). Das Vorwort (S. III. f.) eröffnet gleichsam das Programm zu Carnaps eigener formalsprachlicher Darstellung, wie auch zu sämtlichen nachfolgenden Tendenzen, die sich (wenn auch mittelbar) darauf beziehen mussten: »Philosophie wird durch Wissenschaftslogik, d. h. logische Analyse der Begriffe und Sätze der Wissenschaft ersetzt. Wissenschaftslogik ist nichts anderes als logische Syntax der Wissenschaftsprache«. die versucht, wissenschaftlich genannte Ansichten als formallogische Theorien oder Begriffssysteme zu rekonstruieren, und sie umfasst die Auflösung und Kritik an diesem Unternehmen.Wolfgang Stegmüller, Wissenschaftstheorie. In: A. Diemer, I. Frenzel (Hrsg.), Philosophie. (Fischer) Frankfurt am Main (19S8): Seite 327 (Allgemeines).Martin Carrier, Wege der Wissenschaftsphilosophie im 20. Jahrhundert. In A. Bartels, M. Stöckler (Hrsg.), Wissenschaftstheorie. (mentis) Paderborn 2007: Abschnitt 2 (Sprache und Wissenschaft: Wiener Kreis und Logischer Empirismus), S. 22; sowie Seite 44, worin es zum aktuellen Status heißt: „Insbesondere hat die Wissenschaftsphilosophie wirksam die stets drohende Gefahr der Ausbildung einer neuen Scholastik gebannt“.Siehe dazu auch Friedrich Stadler, History of the Philosophy of Science. From Wissenschaftslogik (Logic of Science) to Philosophy of Science: Europe and America 1930–1960, S. 577–658, in: Theo A. F. Kuipers (Hrsg.), General Philosophy of Science. In der Reihe Handbook of Philosophy of Science. In: Science Direct, North-Holland 2007. Darin (S. 577 u. 590) verortet Stadler den Beginn einer vielfältigen Forschung auf dem Gebiet der Wissenschaftsphilosophie historisch erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts und stellt zugleich fest, dass die ursprüngliche Idee der Einheitswissenschaft und die Idee der strukturellen, formgebenden Vorgaben einer Wissenschaftslogik die dafür wichtigsten Grundlagen bildeten. Der internationale Einfluss der ersten, von Carnap mitgegründeten Erkenntnis-Bände habe besonders zu der einseitigen Aufmerksamkeit auf Wissenschaftslogik geführt. Als weiterer, prägender Faktor für die zentrale Behandlung der Wissenschaftslogik ist die enge, auch migrationsbedingte Beziehung zwischen der zentraleuropäischen und der amerikanischen Wissenschaftsphilosophie seit den 1930ern zu nennen (ebd., S. 647).
Anders gesagt, reflektiert Wissenschaftstheorie den Prozess der Theoriebildung (der ein sachlicher, ein logischer und ein historischer Prozess sein kann) wie auch den strukturellen Aufbau von wissenschaftlichen Theorien selbst.Frederick Suppe beginnt die übersichtsartige und umfassende Einleitung seines Standardwerks The Structure of Scientific Theories (Illinois Univ. Press, Urbana 21977) mit den Worten: „Wenn irgendein Problem in der Wissenschaftsphilosophie mit Fug und Recht zum zentralsten und bedeutendsten erklärt werden kann, so ist es die Natur und Struktur von wissenschaftlichen Theorien, einschließlich der Frage nach den unterschiedlichen Rollen, welche Theorien in wissenschaftlichen Unternehmungen spielen.“ (S. 3). Der historische Hintergrund geht hierbei allerdings nur bis zum Logischen Positivismus im 19. Jahrhundert zurück, versucht dafür aber den gesamten wissenschaftstheoretischen Bereich als »Überlieferte Sicht« (Received View) bis Mitte des 20. Jahrhunderts zusammenzufassen.Siehe auch Franz von Kutschera, Wissenschaftstheorie und Logik. Teil IV in Orientierung durch Philosophie : ein Lehrbuch nach Teilgebieten, hrsg. v. Peter Koslowski, (Mohr) Tübingen 1991. S. 272 f., Abschnitt III: Vom Nutzen der Wissenschaftstheorie: „Man kann also auch sagen: Der Gegenstand der Wissenschaftstheorie sind empirische Theorien, ihre Struktur und ihre Überprüfung“.
Historischer Überblick Die Beschäftigung mit wissenschaftstheoretischen Problemen, vor allem solchen, die die Struktur und Entwicklung wissenschaftlicher Kenntnisse und Methoden betreffen, reicht in ihren Anfängen bis in die Antike zurück (Aristoteles). Weiterführende Untersuchungen zu Teilproblemen der Wissenschaftstheorie finden sich bei Philosophen wie Francis Bacon, René Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz, Jean Baptiste le Rond d’Alembert, Denis Diderot, Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, später Bernard Bolzano. Wissenschaft wird in diesen Untersuchungen vorwiegend als System wissenschaftlicher Erkenntnisse verstanden und Wissenschaftstheorie ist in diesem Sinne eng mit Erkenntnistheorie und Methodologie verbunden, also der Reflexion der konkret verwendeten Methoden.
Die allgemeine Wissenschaftstheorie stützt sich auf die formale LogikVgl. z. B. Rudolf Carnap: Der logische Aufbau der Welt. Berlin-Schlachtensee 1928. Neuaufl. Hamburg 1998. ISBN 978-3-7873-1464-5.Karl R. Popper: Logik der Forschung. Zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft. Wien 1934. 11. Aufl. 2005, ISBN 3-16-148410-X. und auf die Ergebnisse von Untersuchungen zur Entwicklung der Wissenschaft,Z. B. Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967; 2. Auflage 1976. die auch aus der Sicht der einzelnen Disziplinen gewonnen wurden, z. B. aus der Ökonomie, Soziologie, Psychologie u. a. Dieser Prozess wird etwa von Ernst Mach, Karl Popper und Stephen Toulmin in Anlehnung an die Mechanismen der biologischen Evolutionstheorie als evolutionärer Prozess betrachtet.Kurt Bayertz: Evolutionäre Konzeptionen wissenschaftlichen Wandels bei Ernst Mach, Karl Popper und Stephen Toulmin. Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie, Vol. 18, Nein. 1/2 (1987), Springer, /stable/25170765 online abgerufen am 22. Oktober 2023., S. 61–91.
Die Wissenschaftstheorie erarbeitet ihr eigenständiges Begriffssystem, verallgemeinert auf dieser Grundlage disziplinäre Erkenntnisse und versucht so ihrerseits zu einem einheitlichen theoretischen Fundament aller einzelner Forschungsdisziplinen zu werden.
Zeitgenössische Wissenschaftstheorie misst der Tatsache, dass das Betreiben von Wissenschaft eine soziale Aktivität ist, zunehmende Bedeutung bei – im Gegensatz zur traditionellen Wissenschaftstheorie, welche sich vorrangig auf das Wissenschaft betreibende Individuum fokussierte. Beigetragen haben hierzu etwa soziale Bewegungen wie Umweltaktivismus und Feminismus sowie Bedenken zu sozialen Folgen von durch Wissenschaft ermöglichte Technologien.
Im Rahmen dieses Wandels haben zusätzliche Fragen in der Wissenschaftstheorie an Bedeutung gewonnen: Inwiefern beeinflussen ethische (und nicht nur epistemische) Werte und soziale Normen die Wissensfindung bzw. -produktion? Welche Rolle können und sollten sie spielen? Welche Auswirkungen auf die Inhalte der Wissenschaften sowie auf das Verständnis von Wissen und wissenschaftlicher Praxis hatte es, dass bis vor historisch betrachtet sehr kurzer Zeit die Wissenschaftsgemeinschaft fast ausschließlich männlich war? Wie beeinflusst die soziale Organisation einer Wissenschaftsgemeinschaft das von ihr produzierte Wissen? (soziale Epistemologie der Wissenschaft) Inwiefern fließen gesellschaftliche Strukturen – wie etwa die privilegierte Position mancher Gruppen – in wissenschaftliche Zielsetzungen und Ideale ein? Wie genau verliefen in der Vergangenheit Prozesse in den Wissenschaften (z. B. die Lösung von wissenschaftlichen Kontroversen, die Ursachen bahnbrechender Entdeckungen, die Bewertung bestimmter Ideen als implausibel, die Häufigkeit von Replizierbarkeitsstudien) tatsächlich, oft in Kontrast zu formulierten Idealen der Wissenschaft? Welche Rolle spielt das soziale Element in den Wissenschaften: Verzerrt es die Wissensproduktion, ist es für Wissensfragen nebensächlich, aber in Hinblick auf bestimmte Tendenzen in der Wissenschaftsgemeinschaft aussagekräftig, oder ist es gar für menschliche Rationalität wesentlich, da kognitive Prozesse selbst soziale Prozesse seien? Sollte Verantwortlichkeit in den Wissenschaften mitgedacht werden? Wie kann mit Risiken und Unwägbarkeiten in Hinblick auf Folgen von Forschung umgegangen werden? (Diskutierte Lösungsvorschläge beinhalten z. B. Risikoanalysen und Kosten-Nutzen-Analysen). Sollten in die Entscheidung, ob eine Hypothese abgelehnt oder akzeptiert wird, auch die Risiken einer falschen Entscheidung mit hineinspielen? Ist eine Pluralität an wissenschaftlichen Methoden günstig oder sollte sie langfristig überwunden werden? (Pluralismus vs. Monismus) Gibt es eine einheitliche wissenschaftliche Methode oder ist es zutreffender, von einer Vielzahl von Wissenschaften zu sprechen, die lediglich Familienähnlichkeit aufweisen? (Abgrenzungsproblem) Sollte Wissenschaft nach Idealen wie Wertfreiheit und klassisch gedachter Objektivität streben oder versperren diese Ideale die Sicht darauf, dass in Wissenschaften inhärent Werturteile getroffen werden sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von ihren persönlichen Einstellungen und Erfahrungen stets beeinflusst sind? Welche Alternativen zum Ideal der wertfreien Wissenschaft gibt es? Wie können Rationalität und Objektivität alternativ gedacht werden?
Infolge dieser Diskurse sind Moralphilosophie, Politische Philosophie, Wissenschaftssoziologie und Ethik der Wissenschaften in der Wissenschaftstheorie relevanter geworden.
Realistische Theorien
Wissenschaftlicher Realismus
Hauptvertreter sind Ernan McMullin und Stathis Psillos, ihrem Selbstverständnis nach auch Hilary Putnam und Richard Boyd, obwohl Putnams interner Realismus und Boyds Konstruktivismus bezüglich natürlicher Arten etwas von den klassischen Doktrinen abweichen.
Der Wissenschaftliche Realismus lässt sich auf zwei Hauptaussagen bringen: Die Begriffe einer wissenschaftlichen Theorie beziehen sich auf reale Entitäten, das heißt auf Objekte, die in der Wirklichkeit existieren. Die Geschichte der Wissenschaften ist als eine Annäherung an die Wahrheit zu verstehen. Wissenschaftliches Arbeiten bestätigt im Erfolgsfall die entsprechenden Theorien.