mini|Überreste einer antiken Ehreninschrift für Plinius den Jüngeren in der Basilica di Sant’Ambrogio in Mailand, 2. Jahrhundert
Gaius Plinius Caecilius Secundus, auch Plinius der Jüngere, lateinisch Plinius minor (* zwischen 25. August 61 und 24. August 62 in Novum Comum, jetzt Como, Oberitalien; † um 113 oder 115 wahrscheinlich in der Provinz Bithynia et Pontus), war Anwalt und Senator in der römischen Kaiserzeit unter den Herrschern Domitian, Nerva und Trajan. Wie sein Onkel, der Naturforscher Plinius der Ältere, ist er für die Nachwelt vor allem wegen seines teilweise überlieferten schriftstellerischen Werkes, hauptsächlich der Plinius-Briefe, bedeutsam geblieben.
Die von Plinius dem Jüngeren zu Lebzeiten herausgegebenen Briefe stellen ein wichtiges Zeugnis für das Leben und Denken in führenden Kreisen Roms während dieser Phase des Prinzipats dar. Größere Bekanntheit erlangte neben seiner Schilderung des Vesuvausbruchs im Jahr 79 (daher der geologische Begriff Plinianische Eruption) auch sein postum erschienener Briefwechsel als Statthalter der Provinz Bithynien-Pontus mit Kaiser Trajan. Diese Korrespondenz ist eine erstrangige historische Quelle zu Aspekten der damaligen römischen Provinzverwaltung.
Neffe des älteren Plinius Plinius wurde wahrscheinlich im Jahr 61 oder 62 als Gaius Caecilius in Novum Comum, dem heutigen Como, in Oberitalien geboren, das zu Zeiten Gaius Iulius Caesars zur Kolonie römischer Bürger (colonia civium Romanorum) erhoben worden war. Seine Mutter war die Schwester des Älteren Plinius, sein Vater wahrscheinlich der in einer Inschrift. aus Como genannte Lucius Caecilius Secundus. Die dem Ritterstand angehörige Familie besaß rund um den Comer See (Larius Lacus) eine Reihe von Landgütern und Villen (siehe Villen Plinius’ des Jüngeren am Comer See).
Nach dem wahrscheinlich frühen Tod des Vaters nahm der Onkel den Sohn der Schwester unter seine Obhut. Der prägende Eindruck, den dieser Verwandte bei dem Heranwachsenden hinterließ, geht aus seinen publizierten Briefen deutlich hervor. Plinius der Ältere war bereits in jungen Jahren nach Rom und in Kontakt mit den führenden Familien der Metropole gekommen, hatte sich dem Studium vor allem der stoischen Philosophie gewidmet und bei häufigen Besuchen im botanischen Garten eines griechischen Arztes ein nachhaltiges Interesse an naturkundlichen Fragen entwickelt.Roderich König, Gerhard Winkler: Plinius der Ältere. Leben und Werk eines antiken Naturforschers. München 1979, S. 10. Nach dem Jahr 52 trieb er ausgiebige Studien und verfasste mehrere Werke, darunter die das verfügbare Wissen seiner Zeit zusammentragende Naturkunde in 37 Büchern. Arbeitseinsatz und Zeiteinteilung des Onkels schildert Plinius der Jüngere detailliert und nach Art eines unerreichbaren Vorbilds:
Einen scharfen Geist, großen Fleiß und ein hohes Maß an Wachheit bescheinigt der Jüngere dem Onkel. Für Ortswechsel in Rom riet Plinius der Ältere seinem Neffen, eine Sänfte zu nutzen, statt sich auf Fußwege einzulassen, weil sonst Zeit für Studien verloren ginge. Auf Reisen hatte der Naturforscher stets einen Stenographen mit Buch und Schreibtafel zur Seite.Plinius: Briefe 3.5.
Die Nähe zu Kaiser Vespasian verband sich für Plinius den Älteren mit der Übernahme diverser höherer Stellen in der Provinzverwaltung seit Anfang der 70er Jahre. Zuletzt wurde er im Jahre 77 Präfekt der kaiserlichen Flotte im westlichen Mittelmeer. In das zugehörige Hauptquartier von Misenum begleiteten ihn die Schwester und der Neffe.Roderich König, Gerhard Winkler: Plinius der Ältere. Leben und Werk eines antiken Naturforschers. München 1979, S. 19 f.
Augenzeuge des Vesuv-Ausbruchs mini|Schema einer plinianischen Eruption.1: Aschewolke2: Schlot3: Aschenfall4: Aschen- und Lavaschichten5: Gesteinsschicht6: Magmakammer
Der Vesuvausbruch des Jahres 79 wurde für Plinius den Jüngeren, der ihn als Augenzeuge aus der Nähe erlebte, zu einem biographischen Wendepunkt. Im Verlauf dieses mehrtägigen Ereignisses kam sein Onkel ums Leben, als er auf dem Seeweg versuchte, von der Eruption bedrohte Hilfesuchende zu evakuieren. Da Plinius der Ältere seinen Neffen testamentarisch adoptiert hatte, übernahm dieser fortan mit dem Namen Gaius Plinius Caecilius Secundus auch das Vermögen des Verstorbenen, seine Klientel und die von ihm gebahnten Zugänge zu den führenden Kreisen des Reiches.
Noch in anderer Hinsicht war sich Plinius später bei der Abfassung seiner Briefe der Bedeutung dieses Geschehens und der eigenen Rolle dabei im Hinblick auf die Mit- und Nachwelt bewusst. Dem befreundeten Historiker Tacitus schrieb er:
Die Schilderung der Ereignisse setzt ein am frühen Nachmittag des 24. Augusts, als der Naturforscher von seiner Schwester auf eine Wolke ganz ungewöhnlicher Art und Größe aufmerksam gemacht wird. Er beschließt, sich ihr mit Hilfe eines Schnellseglers zu Untersuchungszwecken zu nähern, und lädt den Neffen dazu mit ein; der aber zieht die Fortsetzung seiner Studien vor. Als eine am Fuß des Vesuvs wohnende Bekannte brieflich um Rettung auf dem Seeweg bittet, ändert Plinius der Ältere seinen Plan und steuert mit einem Vierruderer unmittelbar auf das Katastrophengebiet zu. Seine Beobachtungen des sich immer bedrohlicher darstellenden Naturphänomens diktiert er unter zunehmender Hitze, bei niedergehender Asche und von herabfallenden schwarzen Bimssteinbrocken bedroht, seinem Schreiber.
Der vorgesehene Landeplatz erweist sich als bereits verschüttet. Statt der erwogenen Umkehr weicht die Rettungsexpedition nun auf einen anderen erreichbaren Landungsplatz aus, wo Plinius der Ältere auf seine Umgebung mit beruhigenden Erklärungen einzuwirken sucht, badet, speist, dann auf vorteilhafteren Wind wartend sich demonstrativ gelassen schlafen legt – und stirbt.Plinius: Briefe 6.16. Als Idealbild des stoischen Weisen habe der Neffe den Onkel dargestellt, so Bütler: furchtlos und vernunftgeleitet; in menschlicher Solidarität und Hilfsbereitschaft der Pflicht gehorchend bis in den Tod.Bütler 1970, S. 80.
Plinius der Jüngere war nach der Abfahrt des Onkels bei seinen Studien geblieben, hatte gebadet, gegessen und sich zur Ruhe gelegt, wird aber bald von Erdstößen geweckt, die weit über das in Kampanien schon gewohnte Maß hinausgehen. Mit der beunruhigten Mutter setzt er sich in den Vorbereich zwischen Haus und Meer und nimmt zu nächtlicher Stunde seine Studien mit einem Livius-Buch wieder auf. Als nach 6 Uhr morgens bei nur fahlem Licht allenthalben die Gebäudeeinsturzgefahr vor Augen tritt, entschließt man sich, Misenum zu verlassen, um sich außerhalb in Sicherheit zu bringen. Inmitten eines gefahrvollen Massengedränges, die Mutter mit sich ziehend, beobachtet Plinius ungekannte Phänomene wie das vom Erdbeben gleichsam aufgeschluckte, zurückgewichene Meer und eine Vielzahl auf dem Strand zurückgebliebener Meerestiere. Trotz Bitten der Mutter, sie zurückzulassen und allein so schnell wie möglich zu fliehen, weigert sich Plinius und zieht sie bei immer stärkerer Himmelsverfinsterung aus der Menge heraus und von der Straße weg, um nicht womöglich in der Dunkelheit mit ihr unter die Füße der panisch erregten Menge zu geraten. Plinius zieht hier eine Parallele zu Vergils Aeneis, in der Aeneas’ Vater Anchises darum bittet, im brennenden Troja zurückgelassen zu werden, damit Aeneas sich rette.Vergil, Aeneis 2, 634–670; vergleiche Woldemar Görler: Kaltblütiges Schnarchen. Zum literarischen Hintergrund der Vesuvbriefe des jüngeren Plinius. In: Glen W. Bowersock u. a. (Hrsg.): Arktouros. Hellenic Studies presented to Bernard M. W. Knox. De Gruyter, Berlin u. a. 1979, S. 427–433.
Als fernes Feuer wieder etwas Licht spendete, der Ascheregen nachließ und der Qualm sich in Rauch und Nebel auflöste, kehrte man nach Misenum zurück, wo unterdessen alles hoch mit Asche bedeckt war und auf Plinius wie eine dicke Schneeschicht wirkte. „Die Furcht behielt allerdings die Oberhand; denn das Erdbeben dauerte an, und sehr viele Leute, die den Verstand verloren hatten, trieben mit schrecklichen Weissagungen über ihr eigenes und fremdes Unglück ihr Spiel.“ Trotz der erlebten und weiter anhaltenden Gefahr harrten Plinius und seine Mutter in Misenum aus, solange das Schicksal des Onkels bzw. Bruders noch ungeklärt war.Plinius: Briefe 6.20.
Anwalt und Richter Mit 18 Jahren (etwa im Jahr 80) trat Plinius bereits als Gerichtsredner auf. Seine Schulausbildung hatte er in Rom erhalten. Unter seinen Lehrern war der berühmte Rhetoriklehrer Quintilian. Als fertiger Jurist heiratete er seine erste Frau, deren Name nicht bekannt ist. Seine zweite Frau war die Tochter der reichen Pompeia Celerina, aber bereits unter Nerva (96–98) war er wieder Witwer. Die dritte Ehe ging Plinius etwa im Jahr 100 mit Calpurnia ein, an die mehrere seiner Briefe gerichtet sind.Judith Hindermann: similis excluso a vacuo limine recedo – Plinius’ Inszenierung seiner Ehe als elegisches Liebesverhältnis. In: M. Formisano, T. Fuhrer (Hrsg.): Gender-Studies in den Altertumswissenschaften: Gender-Inszenierungen in der antiken Literatur. Trier 2010, S. 45–63 (Iphis 5). Etwa gleichzeitig mit seinen Anfängen als Gerichtsredner gelangte Plinius als decemvir stlitibus iudicandis in sein erstes öffentliches Amt und war dadurch auch mit der Schlichtung zivilrechtlicher Streitfragen befasst.Etienne Aubrion: La ‚correspondance‘ de Pline le jeune. Problèmes et orientation actuelle de la recherche, in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Teil II, Band 33, 3, De Gruyter, Berlin und New York 1989, S. 306. Wie die anderen Ämter des Vigintivirats stand es üblicherweise am Beginn der Laufbahn eines späteren Senators.
Auf seine Erfahrungen im Rechtswesen geht Plinius in den publizierten Briefen mehrfach ein. Bei den eigenen Plädoyers kam es ihm vornehmlich darauf an, durch Gründlichkeit und Ausführlichkeit in der Behandlung der Materie zu überzeugen. „Denn um zu gefallen und zu überzeugen, braucht es rednerische Fülle und Zeit; den Stachel im Herz der Hörer aber zurücklassen kann nur der, welcher nicht nur ritzt, sondern tief einbohrt.“Plinius: Briefe 1.20; zitiert nach: C. Plinius Secundus: Sämtliche Briefe. Herausgegeben von Walter Rüegg. Eingeleitet und übersetzt von André Lambert. Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg (Originalausgabe: Artemis Verlag, Zürich und München 1969), S. 59. Pflichtvergessen handle, wer nur oberflächlich und kurz berühre, was eingeprägt, festgehalten und wiederholt werden müsse. Zwar gelte es auch dabei, Maß zu halten, aber in beiden Richtungen: Wer hinter seinem Gegenstand zurückbleibe, ihn nicht ausschöpfe, halte das Maß ebenso wenig wie der darüber Hinausgehende, den Stoff Aufbauschende.Plinius: Briefe 1.20.
Höchst unzufrieden zeigt sich Plinius mit einem Trend, die Redezeit vor Gericht immer stärker zu verkürzen auf zwei, eine oder gar nur eine halbe Wasseruhr:
Verbunden mit dem Hinweis darauf, öfter als Richter denn in anwaltlicher Funktion tätig zu sein, betont Plinius, er selbst bewillige stets das Höchstmaß der verlangten Redezeit. Man könne doch die Dimensionen eines Falls vor der Anhörung gar nicht abschätzen. Geduld sei die wichtigste Eigenschaft des Richters und ein grundlegender Bestandteil der Gerechtigkeit.Plinius: Briefe 6.2.
Das seinerzeitige Prozesswesen lag aber für Plinius insgesamt sehr im Argen. Viele seiner jüngeren Kollegen bezeichnet er als „obskure Jüngelchen“ (adulescentuli obscuri), die nicht, wie die vornehmsten jungen Leute früher, würdig in die Gerichtssphäre eingeführt würden, sondern ohne jeden Respekt dort einbrächen. Eine entsprechende Atmosphäre herrsche in der Gerichtshalle, wo Claqueure gekauft würden und von Verhandlung zu Verhandlung weiterzögen.