Der Sozialdarwinismus ist eine sozialwissenschaftliche Theorie,Lenzen 2003, S. 137. deren Weltbild auf einem biologistischen Determinismus beruht und in der Politik meist der Begründung rechtsextremen oder extrem (wirtschafts-)liberalen Gedankenguts dient. Sie überträgt Teilaspekte des Darwinismus missbräuchlich auf menschliche Gesellschaften, deren Entwicklung sie von der natürlichen Selektion im „Kampf ums Dasein“ geprägt sieht.Peter Emil Becker: Zur Geschichte der Rassenhygiene: Wege ins dritte Reich. Thieme Verlag 1988, S. 9.Dieter Kreft: Wörterbuch soziale Arbeit. Juventa Verlag 2005, S. 759. Sozialdarwinistische Anschauungen waren vor allem von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg weit verbreitet.Arno J. Mayer: Adelsmacht und Bürgertum, 1848 bis 1914. 1986.

Nach Franz M. Wuketits stimmen die unterschiedlichen Spielarten des Sozialdarwinismus in drei Kernaussagen überein:Franz M. Wuketits: Eine kurze Kulturgeschichte der Biologie: Mythen, Darwinismus, Gentechnik. Primus, 1998, S. 115, zitiert nach Norbert Walz: Kritische Ethik der Natur: ein pathozentrisch-existenzphilosophischer Beitrag zu den normativen Grundlagen der kritischen Theorie. Königshausen & Neumann, 2006, S. 57. Die Theorie der biologischen Selektion sei vollständig auch auf soziale, ökonomische und moralische Verhältnisse anwendbar und daher maßgeblich für die menschliche Entwicklung. Es gebe gutes und schlechtes Erbmaterial. Gute Erbanlagen sollen gefördert, schlechte ausgemerzt werden.

Gegner des Sozialdarwinismus bemängeln unter anderem die unkritische und fehlerhafte Übertragung von biologischen Gesetzmäßigkeiten auf menschliche Gesellschaften.Vgl. Heinz Schott: Zur Biologisierung des Menschen. In: Rüdiger vom Bruch, Brigitte Kaderas (Hrsg.): Wissenschaften und Wissenschaftspolitik: Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Franz Steiner Verlag, 2002, S. 99. Zudem sind mehrere seiner Grundannahmen nicht von Charles Darwins Theorie gedeckt und werden von der modernen Wissenschaft als überholt angesehen. Diese unter anderem auf einem naturalistischen Fehlschluss beruhende Übertragung von Darwins Theorien lässt sich weder zwangsläufig aus Darwins Werk ableiten noch entspricht sie im Entferntesten Darwins Welt- und Menschenbild.Eve-Marie Engels: Charles Darwin. C.H. Beck, München 2007, S. 199 f.; Franz Wuketits: Darwin und der Darwinismus. C.H Beck, München 2005, S. 93–96.

Begriffsgeschichte Eine frühe bekannte Erwähnung des Begriffs „Sozialdarwinismus“ findet sich in einem 1879 erschienenen Artikel von Eduard Oscar Schmidt in Popular Science. Bereits im Jahr darauf, also 1880, verwendete Émile Gautier den Begriff in einer in Paris veröffentlichten anarchistischen Schrift Le darwinisme social. In Italien wurde der Begriff 1882 durch Giuseppe Vadalà-Papale in seiner Schrift Darwinismo naturale e darwinismo sociale verwendet.D. C. Bellomy: “Social Darwinism” Revisited. In: Perspectives in American History. Vol. 1, 1984, S. 1–129. Die erste Verwendung im deutschen Sprachraum war vermutlich 1899 in Ludwig Woltmanns Werk Die Darwinsche Theorie und der Sozialismus.Uwe Puschner: Sozialdarwinismus als wissenschaftliches Konzept und politisches Programm. In Gangolf Hübinger (Herausgeber): Europäische Wissenschaftskulturen und politische Ordnungen in der Moderne (1890–1970). (Schriften des Historischen Kollegs 87) Oldenbourg/De Gruyter, Berlin und Boston 2016. ISBN 978-3-11-044678-4 Bis in die 1930er Jahre wurde der Begriff nur vereinzelt verwendet; nicht als Selbstbezeichnung der heute als Sozialdarwinisten eingeordneten Personen oder ihnen zugeordneten Strömungen, sondern ein normalerweise von weltanschaulichen Gegnern polemisch genutztes Label.G. M. Hodgson: Social Darwinism in Anglophone Academic Journals: A Contribution to the History of the Term. In: Journal of Historical Sociology. 17, 2004 (PDF)

Der Sozialdarwinismus spaltete sich vom Evolutionismus ab, der eine sich zwangsläufig vollziehende Höherentwicklung menschlicher Gesellschaften von den so genannten primitiven „Naturvölkern“ zu den voll entwickelten „Kulturvölkern“ voraussetzt (siehe auch: Vergleich der soziokulturellen Evolutionsmodelle). Die klassischen Vertreter dieser Richtung – Herbert Spencer, Edward Tylor und Lewis Henry Morgan – gingen davon aus, dass menschliche Gesellschaften und biologische Arten einer sukzessiven Evolution unterliegen, die sich über mehrere Entwicklungsstufen erstreckt.Borsos Balázs: Warten auf den neuen Steward. Ökologische Anthropologie und der Neoevolutionismus. In: Acta Ethnologica Danubiana 7 (2005), S. 23–42. Volltext online Der britische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer, von dem der Ausdruck survival of the fittest stammt, hatte bereits 1852 in A Theory of Population die natürliche Auslese als Faktor der Evolution antizipiert, in: H. Spencer: A Theory of Population, Deduced from the General Law of Animal Fertility. S. 499ff. und auf die menschliche Population angewandt, aber erst Darwin weitete das Prinzip der natürlichen Auslese auf die gesamte Biologie aus. Anders als bei Darwin, für den Vielfalt durch Mutation und natürliche Auslese die wesentlichen Bestandteile der Evolution sind, spielt die natürliche Auslese bei Spencer nur eine untergeordnete Rolle innerhalb eines Kontextes, der durch evolutionären Fortschritt und Lamarckismus gekennzeichnet ist.David Weinstein: Herbert Spencer. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. (Fall 2008 Edition), Edward N. Zalta (Hrsg.), URL = https://plato.stanford.edu/archives/fall2008/entries/spencer/die Bedeutung, die der Lamarckismus für Spencer hatte, lässt sich z. B. in seinem 1886 publizierten Essay „The Factors of Organic Evolution“, – einer Verteidigungsschrift des Lamarckismus – sowie seiner Auseinandersetzung mit August Weismann (David Duncan: The Life and letters of Herbert Spencer. D. Appleton & Co, New York 1908) erkennen. Weismann hatte durch seine Forschung den Darwinismus von den letzten verbleibenden lamarckistischen Vorstellungen befreit. In Bezug auf den Sozialdarwinismus findet sich bei Darwin eine große Übereinstimmung mit Spencer.Gereon Wolters: Sozialdarwinismus. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 3, 1995, S. 852.

Die Idee der evolutionären Höherentwicklung findet sich bei Spencer (“the law of organic progress is the law of all progress”)Herbert Spencer in Progress: Its Law and Cause. 1857. und vielen anderen Sozialdarwinisten. Darwin meinte am Ende seines Hauptwerkes, dass „aus dem Kampf der Natur“ „die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Wesen“ hervorgehe, während die Selektion gleichzeitig „das Aussterben der minder verbesserten Formen veranlaßt“.Charles Darwin: Die Entstehung der Arten. Reclam, Stuttgart 1976 (Übersetzung der 6. Auflage von 1872), S. 678 (am Ende von Kap.15: Zusammenfassung und Schluß). In Bezug auf den Menschen bespricht Darwin die Eigenschaften, die eine Verheiratung und Fortpflanzung begünstigen, und bedenkt dann die möglichen Folgen für die Gesellschaft:

Den Begriff Überlebenskampf entliehen Spencer und Darwin von Thomas Robert Malthus.Zur Rolle von Malthus vgl. G. Claeys: The “Survival of the Fittest” and the Origins of Social Darwinism. In: Journal of the History of Ideas. 61 (2000), S. 223, 229. Spencer war es, der den Begriff Evolution populär machte, und das berühmte Survival of the Fittest verwendete er als erster. Darwin benutzte es als Synonym für seine „natürliche Selektion“.Catherina Diethelm: Vergleich der klassischen Evolutionstheorien des 19. Jh. von Spencer, Morgan und Tyler. (PDF; 32 kB)

Über die positive Auswirkung der natürlichen Zuchtwahl auf die zivilisierten Völker schrieb Darwin in Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl:

Und er ergänzt:

Als Begründer des eigentlichen Sozialdarwinismus wird der britische Anthropologe und Begründer der Kulturanthropologie Edward Tylor gesehen. Tylor beschrieb, wie sich kulturelle Veränderungen durch natürliche Selektion durchsetzten. Auch der US-amerikanische Anthropologe und Mitbegründer der Ethnologie Lewis Henry Morgan verwendete in seinen Werken den Begriff der natural selection.

Ludwig Gumplowicz als Vorläufer der Konfliktsoziologie sah den „Kampf der Rassen“ (später der sozialen Gruppen) als einen natürlichen Bestandteil des sozialen Lebens und als treibende Kraft der Geschichte.Vgl. F. Thieme: Rassentheorien zwischen Mythos und Tabu: Der Beitrag der Sozialwissenschaft zur Entstehung und Wirkung der Rassenideologie in Deutschland. P. Lang, 1988, S. 58.