mini|Wernher von Braun im Marshall Space Flight Center, 1964 rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|180px|Unterschrift Wernher von Braun deutsch-US-amerikanischer Raketentechniker Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun (* 23. März 1912 in Wirsitz, Provinz Posen, Königreich Preußen, Deutsches Reich; † 16. Juni 1977 in Alexandria, Virginia, USA) war ein deutschamerikanischer Raketenpionier und Wegbereiter der Raketenwaffen und der Raumfahrt.
Von Braun wurde als Technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde durch die Entwicklung der ersten funktionstüchtigen Flüssigkeitsrakete Aggregat 4 („V2“) in der Zeit des Nationalsozialismus sowie der späteren leitenden Tätigkeit beim Bau von Trägerraketen für die NASA-Missionen berühmt. Seine Mitverantwortung für den Tod von mindestens 12.000 Zwangsarbeitern und weiterer 8.000 Menschen durch die Herstellung und den Einsatz der V2 hat im Zuge der Vergangenheitsbewältigung eine einseitig positive Würdigung von Brauns beendet.
Kindheit und Ausbildung Wernher von Brauns Vater war der ostpreußische Gutsbesitzer und spätere Reichsernährungsminister Magnus Freiherr von Braun. Seine Mutter war Emmy von Braun, Tochter Wernher von Quistorps (1856–1908), eines Gutsbesitzers und Mitglieds des Preußischen Herrenhauses. Wernhers älterer Bruder Sigismund (1911–1998) war ab 1936 im Dritten Reich und auch in der späteren Bundesrepublik im Auswärtigen Amt tätig. Der jüngere Bruder Magnus (1919–2003) wurde Ingenieur für organische Chemie.Hans Friedrich von Ehrenkrook, Friedrich Wilhelm Euler: Genealogisches Handbuch der Freiherrlichen Häuser / A (Uradel), Band III, Band 21 der Gesamtreihe GHdA, Hrsg. Deutsches Adelsarchiv, C. A. Starke, Limburg an der Lahn 1959, S. 65–67.
Schon als Kind interessierte sich von Braun für Musik und Naturwissenschaften. Zur Konfirmation schenkte ihm seine Mutter 1925 ein astronomisches Fernrohr, woraufhin er fasziniert den Weltraum betrachtete und eine Leidenschaft für Astronomie entwickelte.unter anderem: Michael J. Neufeld: Von Braun: Dreamer of Space, Engineer of War, Vintage Books, New York 2007, ISBN 978-0-307-38937-4, S. 21; nach Anfang des Kapitels 2 Sunny Boy „So when Wernher completed his confifmation Studies […] 23 March 1925, his parents gave him a present […] Instead, at the behest of his mother, they presented him with a telescope. ,This was a hit far beyond our expections‘, she said a quater century later; he took up observing with eager […]. In the year 1925 would prove to be the critical turing point in Wernher von Braun’s life […] a newfound fascination with the Moon, the planets, and the stars.“ Mit 13 Jahren experimentierte er im Berliner Tiergarten mit Feuerwerksraketen. Als er das Buch Die Rakete zu den Planetenräumen von Hermann Oberth in die Hände bekam, erlangten die Utopien, die er aus den Abenteuerromanen von Jules Verne und Kurd Laßwitz aufgenommen hatte, für ihn etwas Reales. Um das fachwissenschaftliche Buch verstehen zu können, strengte er sich an, seine bis dahin mäßigen Leistungen in Mathematik zu verbessern. Inspiriert wurde er ebenfalls durch das Buch Das Problem der Befahrung des Weltraums des slowenischen Astronomen und Astrophysikers Herman Potočnik.
mini|Von Brauns Abiturzeugnis, 1930 Er besuchte bis 1925 das Französische Gymnasium Berlin und wohnte anschließend im Internat der Hermann-Lietz-Schule auf Schloss Ettersburg bei Weimar. Ab 1928 besuchte er die gerade gegründete Hermann Lietz-Schule Spiekeroog.Michael J. Neufeld: Wernher von Braun. Visionär des Weltraums, Ingenieur des Krieges. Aus dem Englischen von Ilse Strasmann. Siedler, München 2009, ISBN 978-3-88680-912-7 Aufgrund guter Leistungen konnte er dort vorzeitig mit 18 Jahren im April 1930 die Abiturprüfung ablegen.
1928 wurde er Mitglied des Vereins für Raumschiffahrt. Nach seinem Abitur arbeitete er in seiner Freizeit gemeinsam mit Hermann Oberth und Mitgliedern dieses Vereins auf dem Raketenflugplatz Berlin in Reinickendorf an Raketen mit Flüssigkeitstriebwerken. 1926 hatte Robert Goddard bereits erfolgreich eine Flüssigkeitsrakete gestartet.
Nach seiner Schulzeit verbrachte er ein sechsmonatiges Praktikum bei der Lokomotivfabrik Borsig in Berlin, das für ein Ingenieurstudium gefordert war. Dort habe er gelernt, „dass es absolut nichts gibt, was präzise und vollendete und gründliche Arbeit übersteigt“, wie er sich Jahrzehnte später erinnerte..
Von Braun studierte ab 1930 an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg und im ersten Halbjahr 1931 für ein Semester an der ETH Zürich. An der Segelflugschule Grunau, deren Leitung Wolf Hirth innehatte, lernte er 1931 das Segelfliegen. Im November 1932 legte er seine Prüfung zum Vordiplom im Fach Maschinenbau an der TH Berlin ab. Danach wechselte er das Studienfach und immatrikulierte sich zum 30. November an der Universität Berlin im Fach Physik. Am 1. Dezember 1932 trat er, auf Initiative des Abteilungsleiters der Abteilung 1 des Heereswaffenamts Prüfwesen, Ernst Ritter von Horstig, als Zivilangestellter in das Raketenprogramm des Heereswaffenamtes ein. Im selben Jahr wurde er in den Vorstand des Vereins für Raumschiffahrt gewählt. Seine Experimente führte er auf dem Gelände der Heeresversuchsanstalt Kummersdorf etwa 30 Kilometer südlich von Berlin durch. 1934 wurde er an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin zum Dr. phil. mit einer Arbeit über „Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete“ promoviert. Die Dissertation und deren Originaltitel waren geheimPhilipp Aumann: Rüstung auf dem Prüfstand: Kummersdorf, Peenemünde und die »totale Mobilmachung« erschienen im Ch. Links Verlag 2015, ISBN 978-3-86153-864-6, Seite 53 und wurden erst 1959/1960 durch die Publikation eines Sonderhefts der Deutschen Gesellschaft für Raketentechnik und Raumfahrt e.V (DGRR) allgemein zugänglich.Geheimdissertationen in Kummersdorf am 6. Februar 2020 abgerufen Im selben Jahr 1934 erreichte das von Wernher von Braun konzipierte Aggregat 2, gestartet von der Nordseeinsel Borkum aus, eine Höhe von 2200 Metern. In den Jahren 1935–1937 entwickelte er in enger Zusammenarbeit mit dem Team Ernst Heinkels und dem Testpiloten Erich Warsitz ein Raketentriebwerk, das zuerst in Kummersdorf und später in Neuhardenberg an einem Flugzeug, einer Heinkel He 112, erprobt wurde.
Karriere in der NS-Zeit Peenemünde mini|A4-Rakete auf dem Gelände der HVA Peenemünde, März 1942 mini|Gedenktafel für getötete Häftlinge des KZ-Außenlagers Peenemünde, Neuer Friedhof Greifswald. Mindestens 171 Häftlinge, die zwischen November 1943 und September 1944 starben, wurden im Krematorium Greifswald verbrannt, andere Leichen wurden vor Ort verscharrt. Ende 1935 wurde mehr und mehr klar, dass das Gelände in Kummersdorf ungeeignet war, das stark expandierende Raketenprogramm weiterhin zu beherbergen. Zum Test der neuen, deutlich größeren Raketen brauchte man eine mehrere hundert Quadratkilometer große Testzone, wofür nur die Ostsee infrage kam. Luftwaffe und Heer einigten sich darauf, eine gemeinsame Versuchsanstalt auf der Insel Usedom zu errichten.
Ab 1937 war von Braun technischer Direktor der neuen Heeresversuchsanstalt Peenemünde (HVP). Hier leitete er unter anderem die Entwicklung des Aggregats 4, kurz A4 genannt, der ersten Großrakete mit Flüssigtreibstoff. Ab August 1943, nach dem Bombenangriff der Operation Hydra auf Peenemünde, wurde die Serienfertigung der Rakete an andere Orte im Deutschen Reich verlagertRainer Eisfeld: Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. Zu Klampen Verlag, Springe 2012, ISBN 978-3-86674-167-6 und nach ihren ersten Einsätzen auf London im September 1944 V2 (Vergeltungswaffe 2) genannt. Das Aggregat 4 war die erste einsatzfähige Boden-Boden-Rakete mit Flüssigkeitstriebwerk überhaupt. Neu war an dieser Rakete auch die Möglichkeit, die Flugbahn mit einem Kreiselsystem zu verfolgen und durch aktiv gesteuerte Strahlruder und Luftruder zu stabilisieren und Abweichungen automatisch auszugleichen.
Im Jahr 1942 überschritt ein Prototyp erstmals eine Gipfelhöhe von mehr als 80 km, 1945 wurden um 200 km erreicht. Die Rakete Aggregat 4 war damit nach Definition der Internationalen Aeronautischen Vereinigung (FAI) das erste von Menschen geschaffene Objekt im Weltraum, indem es eine Höhe von über 100 km erreichte.
In Peenemünde existierte ab Juni 1943 ein KZ-Außenlager. Zusätzlich gab es ein zweites KZ, ein Kriegsgefangenenlager in Karlshagen und die Lager bei Trassenheide,Matthias Schulz: Raketen-Dschungel: Himmelfahrt auf Usedom. In: Spiegel Online. 28. Mai 2001. in denen insgesamt 1400 Häftlinge untergebracht waren. Dazu kamen über 3000 „Ostarbeiter“ aus Polen und der Sowjetunion. Von Braun selbst wird im Protokoll zu einer Besprechung vom 25. August 1943 zitiert: „Die Belegschaft für […] Mittelteile- und Heckfabrikation könnte aus dem Häftlingslager F1 gestellt werden.“
In einer Aktennotiz vom 16. April 1943 erwähnte der Verantwortliche für den Bau der A4-Fabrik, Arthur Rudolph, später Direktor des Entwicklungsprogramms der Saturn V, die äußerst schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter, darunter viele Ostarbeiter und Franzosen. HVP-Leiter Walter Dornberger ließ zum Umfang an beschäftigten HVP-Zwangsarbeitern im von ihm unterzeichneten Besprechungsprotokoll vom 4. August 1943 festhalten: „Das Verhältnis der deutschen Arbeiter zu den KZ-Häftlingen soll 1:15, höchstens 1:10 betragen“.
Die Briten versuchten, die HVP mit der „Operation Hydra“ in der Nacht vom 17. zum 18. August 1943 zu zerstören. Zu den Hauptzielen gehörte auch die Tötung der Wissenschaftler in ihren Unterkünften. Von Braun konnte sich jedoch in einen Bunker retten.
Verstrickung in die nationalsozialistische Politik mini|Wernher von Braun (in Zivil) in Peenemünde, März 1941. V. l.: Walter Dornberger (tlw. verdeckt), General Friedrich Olbricht, Major Heinz Brandt Am 12. November 1937 beantragte Wernher von Braun die Aufnahme in die NSDAPZukunft braucht Erinnerung: Wernher von Braun (1912–1977), Biographie, abgerufen am 19. Mai 2018 und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.738.692).Bundesarchiv, R 9361-IX KARTEI/4270923.