Der altägyptische Gott Apophis, auch Apep(i) (, ), ist die Verkörperung von Auflösung, Finsternis und Chaos (Isfet) und zugleich der große Widersacher von Maat, der Tochter des Sonnengottes Re.

Darstellung Apophis wird als wird als riesige Schlange oder Schildkröte dargestellt, zumeist von übernatürlicher Größe und mit zahlreichen Windungen. In den meisten Darstellungen wird die Schlangengottheit gebändigt, besiegt oder getötet, um den Sieg des Guten darzustellen. Eine der häufigsten Darstellungen beruht auf Spruch 17 des Totenbuches. Re selbst oder die Göttin Hathor in Gestalt der Katze des Re, auch genannt Katze von Heliopolis, tötet und verstümmelt die Schlange mit einem Messer. In einigen Tempelszenen wird auch der Pharao im Kampf mit einem runden Objekt abgebildet, welches das Auge des Apophis symbolisiert.

Kult Apophis wurde, da er das Böse symbolisierte, nicht in einem formellen Kult verehrt. In Form des antagonistischen Gottes oder Dämons fand er jedoch Eingang in die ägyptische Mythologie. Er wurde mit Naturphänomenen wie Stürmen und Erdbeben in Verbindung gebracht. Er stellte eine dauerhafte Gefahr für die kosmische Stabilität Maat dar, so dass man ihn mit magischen Ritualen zu besänftigen versuchte.

Das Buch des Apophis stellt eine aus dem Neuen Reich stammende Sammlung solcher Rituale und Texte dar. Der am besten erhaltene Text findet sich auf dem Papyrus Bremmer-Rhind, der sich heute im Britischen Museum befindet. Er entstand im 4. Jahrhundert v. Chr.Richard H. Wilkinson: Die Welt der Götter im alten Ägypten: Glaube – Macht – Mythologie. Stuttgart 2003, S. 223.

Mythen

Der Name und Glaube an Apophis ist zuerst in einer Inschrift des Grabes des Anchtifi von Mo’alla, des Burggrafen und Gaufürsten von Hierakonpolis und Edfu namentlich bezeugt. Datiert wird sie von der Forschung in die 9.=10. Dynastie der sogenannten Erste Zwischenzeit der Herakleopolitendynastie etwa 2150 v. Chr.Von „9. Dynastie“ sprechen D. Spanel: The Date of Ankhtifi of Mo´alla. In: Göttinger Miszellen. Nr. 78, 1084, S. 87-94; E. Brovarski: The Inscribed Material of the First Intermediate Period from Naga es-Deir. Dissertation, Universität Chicago 1984, S. 1013-1024: Appendix C:The date of Ankhtifi of Mo´alla. und im Anschluss an sie Francis Breyer: Die Inschrift des Anchtifi aus Mo´alla (= Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Neue Folge, Band 2 [TUAT NF 2]). Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, S. 187. Dabei ist die Korrektur von W. Kosack: Die Lehre für König Merikarê. 2005, S. 535 mit A.1 zu beachten. Der ptolemäische Priester Manetho (um 280 v. Chr.), auf den unsere Ordnung der ägyptischen Könige zu Dynastien zurückgeht, zählt die der Herakleopoliten als 9. und 10. Dynastie: W. G. Wadell: Manetho. With an english Translation, History of Egypt and Other Works. Loeb Classical Library, Cambridge (Mass.) / London 1940, S. 60 f.: Frg. 27-28 a-b. Er schreibt frg. 27 (aus Syncellus ) zur „Neunten“ Dynastie: „Sie besteht aus 19 Königen der Stadt Herakleopolis, die 409 Jahre als Könige geherrscht haben. Der erste von ihnen war Achthoes.“ Doch es muss „Zehnte“ Dynastie heißen, da Manetho die Herakleopolitendynastie doppelt zählt: Kosack: a. O. S. 535 mit A. 1. Vgl. zur Datierung der ältesten namentlichen Erwähnung des Apophis auch H. Kockelmann: Artikel Apophis. In: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet. (Auf: wibilex.de), 2009, S. 2: Wesen und Ikonographie: „1. Zwischenzeit, Ende drittes Jahrtausend v. Chr.“ Anchtifi rühmt sich, bei einer schweren Hungersnot, der schon viele Menschen mit ihrem Leben zum Opfer gefallen waren, neben seinen eigenen Gauen nicht nur Elephantine und Wawat mit Getreide versorgt und vom drohenden Hungertod gerettet zu haben, sondern auch Oberägypten bis hinauf nach Ombos und Abydos. Freilich konnte er den Erfolg nur dadurch erzielen, dass er mit seinen Soldaten die Nachbargaue plünderte.W. Wolf: Kulturgeschichte des Alten Ägypten (= Kröners Taschenausgabe. Band 321) Stuttgart 1962, S. 205. Er erklärt die schweren Naturkatastrophen der ungenügenden Nilüberschwemmungen, die mit ihren Ernteausfällen schlimmste Hungersnöte zur Folge hatten, auf der mythischen Ebene mit den erfolgreichen Angriffen des Chaosdrachens Apophis. Es sei diesem gelungen, durch Ausschlürfen des Wassers auf seiner „Sandbank“ die nächtliche Fahrt der Sonnenbarke des Götterkönigs und Sonnengottes Re immer wieder zum Stillstand gebracht und nicht nur den täglichen Aufgang der Sonne, sondern auch die Nilschwellen des Neujahrbeginns verhindert zu haben. Dem Grabinhaber Anchtifi von Mo'alla war also der Mythos von der Sandbank des Apophis bestens vertraut. Das muss auch schon für die Pharaonen des Alten Reichs vor dessen Zusammenbruch gegolten haben. Doch als „Ma'at'“-Verwirklicher und „Isfet“-Vernichter par excellence hätten sie nie Apophis in ihren Inschriften mit Namen genannt. Das hätte ihm eine personale Quasi-Existenz verliehen. Ihm, dem größten Gefährder der göttlichen Schöpfungsordnung überhaupt. Da war es ein Gebot der sprachlichen Kommunikation, die tödlichen Gefahren, mit denen Apophis im ewigen Kreislauf von Angriff und Vernichtung den Bestand und Erhalt der göttlichen Schöpfungsherrschaft des Sonnengottes Re, seiner Tochter Ma’at und des Pharaos als der irdischen Erscheinungsform und Inkarnation des Sonnengottes Horus aus der feindlichen Unwelt des Nicht-Seins bedrohte, nicht durch Nennen seines personalen Namens zu legitimieren, sondern vielmehr durch diskretes Verschweigen zu delegitimieren. Neuartig war nun, dass sich Anchtifi an dieses Tabu nicht mehr gebunden fühlte: Die Inschrift des Anchtifi aus Mo´alla.:

Der Tabubruch des Anchtifi ist Kennzeichen eines völlig neuartigen Menschenbildes, das generell die Erste Zwischenzeit und speziell die mächtigen Gaufürsten und Warlords dieser Epoche prägte: Untereinander verfeindet kämpften sie mit ihren Truppen eigenverantwortlich, autonom, selbstherrlich und eigennützig um die Vormachtstellung im Staate. Es ist die universalhistorisch bedeutsame Zeitenwende der „Geburt des Individuums“D. Wildung (Hrsg.): Ägypten 2000 v. Chr. Die Geburt des Individuums mit Beiträgen von G. Burkard, E. Delange, A. Grimm, S. Schoske und D. Wildung. Aus Anlass der Sonderausstellung. Residenz Würzburg, 10. Februar bis 21. Mai 2000. 2., überarbeitete Auflage, München 2000, 12 und passim. oder „Entdeckung der Individualität“ bzw.„Schöpfung des inneren Menschen“Jan Assmann: Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten (= Beck Paperback.). Beck, München 1990, S. 26 und 114. Dahinter steht die Erkenntnis von der Individualität des einzelnen Menschen und Absage an alle Bindungen. Der Mensch schafft sich seine Welt „aus eigener Kraft“, wie die Texte der 1. Zwischenzeit immer wieder betonen.W. Helck: Menschenbild. In: Lexikon der Ägyptologie. (LÄ) Band IV, Wiesbaden 1982, Spalte 56. Urbild des so denkenden Individuums ist der mächtige Warlord und Gaufürst von Hierakonpolis und Edfu, Anchtifi von Mo´alla. Aus der Unabhängigkeit und erfolgreichen Bewältigung von Krisensituationen in seinem begrenzten Herrschaftsbereich bezieht er ein bis zur Selbstherrlichkeit gesteigertes Selbstbewusstsein. So lobt er sich in seiner Grabinschrift wie folgt:

Am Schluss des Selbstlobes betont er zusammenfassend: „Ein Mannsbild (ohne)Gleichen bin ich,“ um den Satz im Text stereotyp zu wiederholen.F.Breyer: Die Inschrift des Anchtifi aus Mo´alla. Gütersloh 2005, S. 191: (46=II.γ.2 und 46=II.γ.3). Sein übersteigertes Selbstbewusstsein artet am Schluss der Grabinschrift in Hybris aus, wenn er sich mit zahlreichen Göttern und Göttinnen gleichsetzt.F. Breyer: Die Inschrift des Anchtifi aus Mo´alla. Gütersloh 2005, S. 196: (Pfeiler V.γ.1- V.γ.3, ehemals Inschrift 13):

Hier bekennt er sich eindeutig zur Sache der Ma'at, vermeidet aber das Wort. Das gilt generell für die zahlreichen biographischen Inschriften der Ersten Zwischenzeit. Das zeugt von einer bewussten Abkehr von der Ma'at als der zentralistischen Staatslehre des Alten Reichs. Erstmals stellt sich damit das Wesen der nun strittig und dadurch zuallererst überhaupt erst thematisierbar gewordenen Ma'at überhaupt.J. Assmann: Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten. München 1990, S. 55. Die Abkehr von der Ma'at des Alten Reichs korrespondiert bei Anchtifi mit der erstmaligen Betonung der personalen Entität von Apophis und der Aufhebung des Tabus seiner Namensnennung. Das Mittlere Reich ab 2000 v. Chr. legitimierte sich im Rückgriff auf die Erfahrung der Ersten Zwischenzeit als neue Heilsepoche, in der mit der Reichseinheit und Zentralregierung (mit Sitz in einer einzigen Reichshauptstadt) Friede, Gerechtigkeit und Ordnung nach Zerfall, Krieg, Gewalt und Chaos wiederhergestellt wurden. Das eigenmächtige und selbstherrliche Handeln der gegeneinander um die Vorherrschaft kämpfender Warlords und Gaufürsten hatte zum Zusammenbruch der Zentralmacht am Ende des Alten Reichs geführt. In der Erinnerung der frühen Herrscher der 12. Dynastie verfestigten sich die Erfahrungen mit den Zuständen dieser Ersten Zwischenzeit zu einem Bild des Chaos, dessen Überwindung zum Gründungsmythos des Mittleren Reichs wird.J. Assmann: Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten. München 1990, S. 57. Das Urbild dieses Typus von Gaufürst und Warlord Anchtifi agierte im historischen Rückblick geradezu als menschlicher Doppelgänger des Apophis, der Personifikation von Isfet. Sein übersteigerter Anspruch auf königliche und göttliche Ehren erschien jetzt als jene Hybris, die in dem berühmten Sargtext-Spruch 1130 (um 2000 v. Chr.) angesprochen wird. Dort begründet der Schöpfergott das Gemetzel auf Erden mit der alleinigen Schuld der Menschen, seiner Geschöpfe, die er mit der Freiheit der Willensentscheidung, gleicher Würde, gleichen Rechten und Lebenschancen geschaffen habe:

In dieser ältesten Kundmachung einer allen Menschen als Geschöpfen Gottes gleichen unantastbaren Menschenwürde, verbunden mit gleichen Rechten ist Isfet als Ungleichheit unter den Menschen definiert.