mini|hochkant|Theodor Eicke, hier im Range eines SS-Obergruppenführers und Generals der Waffen-SS (1942) Theodor Eicke (* 17. Oktober 1892 in Hampont, Lothringen; † 26. Februar 1943 bei Michailowka bei Losowaja, südlich von Charkiw) war ein deutscher SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Er war „Führer der SS-Totenkopfverbände und der SS-Wachverbände“ der Konzentrationslager. Eicke war für die Ermordung von Zehntausenden Menschen direkt verantwortlich, in etlichen Fällen wohl auch selbst der Mörder, gesichert bei der Erschießung von Ernst Röhm.

Als zweiter Kommandant des Konzentrationslagers Dachau (Juni 1933–Juni 1934) und im Anschluss daran als Inspekteur der Konzentrationslager war er zudem maßgeblich am Aufbau des deutschen Konzentrationslager-Systems beteiligt (längstens bis 15. November 1939).

Im Zweiten Weltkrieg war Eicke Kommandeur der SS-Division „Totenkopf“, die ursprünglich aus den Wachverbänden der Konzentrationslager gebildet wurde.

Herkunft und Berufstätigkeit Jugend und Militärlaufbahn Theodor Eicke wurde als jüngstes von elf Kindern eines Bahnhofsvorstehers im damals zum Deutschen Reich gehörenden Reichsland Elsaß-Lothringen geboren.Der Lebenslauf Eickes nach den weitgehend identischen Angaben bei Joachim Lilla, Martin Döring, Andreas Schulz: Statisten in Uniform. Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924. Droste, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-5254-4, S. 119 f., und Andreas Schulz, Günter Wegmann: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei. Band 1, Biblio-Verlag, Bissendorf, 2003. ISBN 3-7648-2373-9, S. 280 ff. Eickes Vater wird als deutscher Patriot beschrieben, seine Mutter soll häufig bei ihren Verwandten in Paris zu Besuch gewesen sein; Geschwister Eickes sollen im Ersten Weltkrieg auf französischer Seite gekämpft haben.Unter Berufung auf Angehörige bei Tom Segev: Die Soldaten des Bösen. Zur Geschichte der KZ-Kommandanten. Rowohlt, Reinbek 1992, ISBN 3-499-18826-0, S. 135. Eicke besuchte ab 1899 die Volks- und Realschule, verließ die Schule jedoch ohne Abschluss.

Am 23. Oktober 1909 trat Eicke als Zweijährig-Freiwilliger in das 23. Infanterie-Regiment der Bayerischen Armee in Landau ein. Im Oktober 1910 erfolgte die Beförderung zum Unteroffizier.Niels Weise: Eicke. Eine SS-Karriere zwischen Nervenklinik, KZ-System und Waffen-SS. Schöningh, Paderborn 2013, S. 31 Ab 1. Oktober 1913 war er Zahlmeisteraspirant beim 3. Chevaulegers-Regiment „Herzog Karl Theodor“ in Dieuze; bei Beginn des Ersten Weltkriegs wechselte er als Unterzahlmeister zum 22. Infanterie-Regiment „Fürst Wilhelm von Hohenzollern“. Im März 1916 wurde Eicke zur 4. Feldbatterie des 2. Fußartillerie-Regiments versetzt. Er war nun erstmals bei einer Einheit an der Front in Lothringen.Niels Weise: Eicke. Eine SS-Karriere zwischen Nervenklinik, KZ-System und Waffen-SS. Schöningh, Paderborn 2013, S. 32–33 Er diente ab 1917 in der 6. Ersatz-MG-Kompanie des II. Armee-Korps. Er wurde beschuldigt, sich bei seiner Entlassung 1919 4250 Mark als Vorschuss einer Entschädigung zu Unrecht ausgezahlt zu haben.Niels Weise: Eicke. Eine SS-Karriere zwischen Nervenklinik, KZ-System und Waffen-SS. Schöningh, Paderborn 2013, S. 37–38 Im Krieg erhielt er am 25. April 1916 das Eisernen Kreuz II. Klasse und am 23. August 1917 das König Ludwig-Kreuz. Zudem bekam er noch das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg. Auch diese Orden sprechen dafür, dass Eicke nicht an der Front eingesetzt war, obwohl er dies später immer behauptete. Die in der Literatur erwähnte Verleihung des bayerischen Militärverdienstorden III. Klasse lässt sich in Akten nicht nachweisen.Niels Weise: Eicke. Eine SS-Karriere zwischen Nervenklinik, KZ-System und Waffen-SS. Schöningh, Paderborn 2013, S. 34–35

Theodor Eicke heiratete am 26. Dezember 1914; aus der Ehe gingen eine Tochter und ein Sohn hervor. Sein Sohn Hermann Eicke fiel im Dezember 1941.Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. Abgerufen am 14. April 2019.

In der Weimarer Republik Im Zivilleben nahm Eicke ein Maschinenbaustudium am Technikum im thüringischen Ilmenau auf, das er im August 1919 abbrach. Eicke fehlten die Zulassungsvoraussetzungen des Technikums, möglicherweise entzogen seine Schwiegereltern ihm die finanzielle Unterstützung.Weise, Eicke, S. 39 f. Die folgenden Jahre versuchte Eicke, im Polizeidienst verschiedener Städte unterzukommen: von Dezember 1919 bis Juni 1920 absolvierte er ein unbezahltes Praktikum bei der Polizei in Ilmenau, nach einer dreimonatigen Ausbildung an der Polizeischule in Cottbus hatte er eine kurzfristige Beschäftigung als Offiziersanwärter bei der Schutzpolizei in Weimar, im Herbst 1921 vorübergehend als Kriminalhilfsbeamter in Sorau und dann bis Februar 1923 als Polizeihilfsmeister in Ludwigshafen am Rhein, das damals von alliierten Truppen besetzt war.Weise, Eicke, S. 40–46.

In späteren, in der Zeit des Nationalsozialismus entstandenen Lebensläufen führte Eicke seine mehrfachen Entlassungen aus dem Polizeidienst auf seine „aktive Bekämpfung der Novemberrepublik“ zurück oder sah sich „durch roten Terror hinausgedrängt“. Angesichts der Verhältnisse bei der Polizei in den Anfangsjahren der Weimarer Republik ist dies nicht sehr plausibel; „Eickes persönliches Verhalten muß immer mit ein ausschlaggebender Grund gewesen sein“, so der Politikwissenschaftler Johannes Tuchel.Tuchel, Konzentrationslager, S. 130, ähnlich Segev, Soldaten, S. 136 f. Zudem war Eicke im Gegensatz zu vielen anderen bedeutenden Nationalsozialisten in dieser Zeit weder Mitglied in einer rechtsradikalen oder völkischen Organisation noch in einem der zahlreichen Freikorps.

Am 1. März 1923 fand Eicke eine Beschäftigung als kaufmännischer Angestellter bei der BASF in Ludwigshafen. 1925 wurde er als „Sicherheitskommissar“ stellvertretender Leiter des Sicherheitsdienstes in dem Chemieunternehmen, das 1926 Teil der I.G. Farben wurde. Nach eigenen Angaben war Eicke als Sicherheitskommissar für die Abwehr von Industriespionage zuständig.Weise, Eicke, S. 48–50.

Frühe politische Betätigung Aufbau der SS in der Pfalz Eickes SS-RängeLilla: Statisten. S. 119 f. Vom 3. April bis zum 26. Juni 1933 aus der SS ausgeschlossen, dann mit altem SS-Rang wieder aufgenommen. Nach Tuchel: Konzentrationslager. S. 181. ist der genaue Termin der Beförderung zum Gruppenführer nicht festzustellen. Am 14. November 1939 wurde Eicke zum „Generalleutnant der SS-Totenkopfverbände“ ernannt, in der Gesamtdienstzeitbescheinigung vom 30. April 1943 wird er als „Generalleutnant der Waffen-SS“ bezeichnet. Dieser Rang wurde erst im Herbst 1940 eingeführt. Ernennung SS-Mann 29. Juli 1930 SS-Oberscharführer 27. November 1930 SS-Sturmbannführer 15. Februar 1931 SS-Standartenführer 15. November 1931 SS-Oberführer 21. Oktober 1932 SS-Brigadeführer 30. Januar 1934 SS-Gruppenführer 11. Juli 1934 SS-Gruppenführer undGeneralleutnant der Waffen-SS 14. November 1939 SS-Obergruppenführer undGeneral der Waffen-SS 20. April 1942 Zum 1. Dezember 1928 trat Eicke der NSDAP in Frankenthal bei (Mitgliedsnummer 114.901);Bundesarchiv, R 9361-IX KARTEI/7541712. vermutlich am gleichen Tag schloss er sich der SA an.Weise, Eicke, S. 65. Am 29. Juli 1930 wechselte Eicke von der SA zur SS (SS-Nummer 2.921).

Eicke führte ab 27. November 1930 den SS-Sturm 147 in Ludwigshafen, dem er schon vorher angehört hatte. Im Frühjahr 1931 erhielt Eicke von Sepp Dietrich den Befehl, die SS in der Vorderpfalz neu aufzubauen. Eicke führte diesen Auftrag „schnell und erfolgreich“Lothar Meinzer: Stationen und Strukturen der nationalsozialistischen Machtergreifung: Ludwigshafen am Rhein und die Pfalz in den ersten Jahren des Dritten Reiches (=Veröffentlichungen des Stadtarchivs Ludwigshafen am Rhein, Band 9). Stadtarchiv Ludwigshafen am Rhein, Ludwigshafen am Rhein 1983, S. 57. aus und übernahm die Führung des Sturmbanns II/10 der 10. SS-Standarte in Neustadt an der Haardt. In der Folgezeit trat Eicke als Organisator der SS auch in der Westpfalz in Erscheinung, so dass ein dritter Sturmbann der Standarte in Kaiserslautern gegründet wurde. Die Ernennung zum SS-Standartenführer im November 1931 nahm Himmler persönlich vor.Tuchel, Konzentrationslager, S. 131. Dies auch das erste belegbare Treffen zwischen Eicke und Himmler; frühere Treffen sind wahrscheinlich. Im April 1932 zählte die 10. SS-Standarte, deren Führung Eicke am 21. Dezember 1931 übernommen hatte, rund 900 Mann; dies waren 3,6 Prozent der gesamten SS.Weise, Eicke, S. 83.

Der Aufbau der SS in der damals bayerischen Pfalz war von Konflikten mit Gauleiter Josef Bürckel begleitet. Bürckel, der als Eicke in „Selbstbewußtsein und Skrupellosigkeit“Meinzer, Stationen, S. 56. Zu Bürckel und dem Konflikt mit Eicke S. 52–58. ebenbürtig geschildert wird, leitete seit 1926 den Gau Pfalz. Bürckel gelang es rasch, nicht nur die NSDAP, sondern auch die SA und die SS in seinem Gau unter Kontrolle zu bekommen. Letzteres änderte sich mit Eickes Aufstieg in der SS: Eicke betonte die Eigenständigkeit der SS und widersetzte sich den Anordnungen und Befehlen des Gauleiters.

Pirmasenser Bombenaffäre und Flucht nach Italien Ende August 1931 erhielt Eicke über SS-Standartenführer Fritz Berni den vermutlich von Gauleiter Bürckel stammendenWeise, Eicke, S. 135f. Befehl, Sprengkörper herzustellen. Eicke fertigte die Sprengsätze zusammen mit weiteren SS-Mitgliedern an; das Material für die Bomben stammte aus einem Teil des Ludwigshafener I.G.-Farbenwerks, in dem besonders viele NSDAP-Mitglieder beschäftigt waren. Mitte Oktober 1931 brachte Berni rund die Hälfte der Sprengsätze nach Pirmasens. Die Existenz der Sprengkörper wurde Bernis innerparteilichen Gegnern in Pirmasens bekannt; am 7. November wurde Berni vorübergehend aus Partei und SS ausgeschlossen. Die Herstellung der Bomben stand im Widerspruch zu Hitlers damaliger Strategie, die Macht auf legalem Wege zu erobern, wie er sie im Ulmer Reichswehrprozess im September 1930 bekundet hatte. Als Folge des Ausschlusses Bernis aus der SS übernahm Eicke die Führung der 10. SS-Standarte.Weise, Eicke, S. 91, 102f, 109, 117–119.

Ermittlungen der Ludwigshafener Polizei führten am 6. März 1932 zur Verhaftung Eickes. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung wurden ein Teil der Sprengkörper und die Mitgliederliste seiner SS-Standarte gefunden. Wegen seiner Verhaftung wurde Eicke von der I.G. Farben entlassen. Am 15. Juli 1932 wurde Eicke vom Amtsgericht Pirmasens wegen eines Verbrechens gegen das Sprengstoffgesetz zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Verteidigt von Philipp Jung deckte Eicke im Prozess die Parteileitung und erklärte, die NSDAP habe vom Bombenbau nichts gewusst. Einen Tag nach der Urteilsverkündung wurde Eicke ein sechswöchiger Hafturlaub gewährt: Er hatte seine Haftunfähigkeit wegen angeblicher Nervenstörungen vorgetäuscht. Er kehrte zunächst nach Ludwigshafen zurück, wo es zu neuen Konflikten mit Gauleiter Bürckel kam.Weise, Eicke, S. 121, 125, 127f, 147f.

Prozess und Urteil in der „Pirmasenser Bombenaffäre“ gelten als Skandal,Weise, Eicke, S. 129; Eginhard Scharf: NS-Justiz und Politische Polizei am Beispiel der Pfalz. In: Hans-Georg Meyer, Hans Berkessel (Hrsg.): »Eine nationalsozialistische Revolution ist eine gründliche Angelegenheit.« (Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, Band 1). Schmidt, Mainz 2000, ISBN 3-87439-451-4, S. 357–368, hier S. 359. als symptomatisch für das Versagen weiter Teile der Justiz in der Endphase der Weimarer Republik. Im Urteil suche das Gericht, so der Historiker Niels Weise, „gleichsam händeringend Argumente“, die für die Angeklagten sprachen; relevante Ermittlungsergebnisse seien nicht berücksichtigt worden. Es bestehen erhebliche Zweifel, ob die Sprengsätze – wie von Eicke behauptet und im Urteil dargestellt – nur für defensive Zwecke gebaut wurden, so Weise.Weise, Eicke, S. 126, 129, 141.