mini|Textprobe aus dem Voynich-Manuskript mini|Illustrationsbeispiel mini|Aufgeschlagenes Manuskript (Nachbildung) mit ausgeklappter Seite Das Voynich-Manuskript (benannt nach Wilfrid Michael Voynich, der das Manuskript 1912 erwarb) ist ein handschriftliches mittelalterliches Schriftstück, das u. a. im Besitz Rudolfs II. war. Es ist seit 1969 mit der Signatur MS 408 im Bestand der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University in New Haven (Connecticut), Vereinigte Staaten. Das Manuskript ist in einer unbekannten Schrift verfasst. Es wurden im Lauf der Zeit vielfach Ansätze zu einer Entschlüsselung des Manuskripts vorgelegt, bislang konnte jedoch keiner davon einer fachlichen Untersuchung standhalten. Es ist unklar, ob der Text einen sinnvollen Inhalt transportiert. Im Manuskript vorhandene Abbildungen erinnern an botanische, anatomische und astronomische Zusammenhänge und wurden mit Sorgfalt gezeichnet, aufgrund des fehlenden Kontextes ist jedoch auch der Inhalt der Illustrationen Gegenstand von Spekulation.

Geschichte 1962 datierte ein Expertenteam die Handschrift aufgrund von Material und Schreibstil auf etwa 1500 n. Chr.,Peter James, Nick Thorpe: Keilschrift, Kompass, Kaugummi. Kap.11. Kommunikation, S. 366. die Provenienz (die Folge der Vorbesitzer) konnte jedoch bislang nur lückenhaft und nicht mit Sicherheit ermittelt werden. Da der Text bisher nicht entschlüsselt werden konnte, stützt die Datierung des Manuskripts anhand des Inhalts sich lediglich auf die Illustrationen. Aufgrund der Hinweise aus Kleidung und Haartracht sowie einiger weiterer Anhaltspunkte wird das Manuskript von den meisten Experten in den Zeitraum zwischen 1450 und 1520 datiert. Details in den Illustrationen, insbesondere die Schwalbenschwanzzinnen, ließen die Redakteure einer ORF-Sendung eine Entstehung der Handschrift in Oberitalien vermuten, da diese Zinnenform in der fraglichen Zeit nur dort belegt sei.Das Voynich-Rätsel – Die geheimnisvollste Handschrift der Welt. In: ORF 2. 10. Dezember 2009, 21:05 Uhr (Online bei YouTube) Die Frührenaissance Norditaliens war auch eine Hochzeit der frühneuzeitlichen Universalgelehrten und der Kryptologie.Klaus Schmeh: Neue Datierung des Voynich-Manuskripts sorgt für Aufsehen. In: Telepolis. 31. Januar 2010.

Erst 2009 wurden an Instituten in Chicago und Arizona kleinste Proben von vier verschiedenen Seiten untersucht. In einer RadiokarbonanalyseRoland Schulz: Das Rätselbuch. In: Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 17 vom 26. April 2013, S. 41. konnte das Alter des verwendeten Pergaments mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Zeitraum zwischen 1404 und 1438 bestimmt werden. Vermutlich sind alle Seiten gleichen Ursprungs.Ein Schleier weniger über dem Voynich-Manuskript. In: Der Standard. 4. Dezember 2009. Ferner haben Experten des McCrone-Forschungsinstitutes festgestellt, dass die Zusammensetzung der Farbe für die damalige Zeit typisch ist.

mini|Bildausschnitt von Seite 86v, der eine Burg mit Schwalbenschwanzzinnen zeigt. Aus dem kaum leserlichen und wohl nicht eigenhändigen Namenseintrag Jacobj ’a Tepenece auf der ersten Seite des Manuskripts lässt sich – falls sie echt ist – schließen, dass der böhmische Hofpharmazeut Jakub Horčický z Tepence das Exemplar zur Lektüre in Händen hatte oder sogar sein Eigentümer war. Da schon sein Adelstitel verwendet wird, müsste dieser Eintrag nach 1608 entstanden sein. In einem mit dem Manuskript gefundenen Brief schreibt dessen vermeintlicher Verfasser, der spätere Besitzer Johannes Marcus Marci, um jenen Zeitpunkt sei Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Gerüchten zufolge Besitzer des Manuskriptes gewesen, nachdem er es für die damals hohe Summe von 600 Dukaten einem unbekannten Händler abgekauft habe. Entweder war Jakub Horčický dieser Händler, oder – und diese Theorie gilt als wahrscheinlicher – das Manuskript wurde ihm von Rudolf II. für weitere Analysen anvertraut, da er als erfolgreicher Chemiker und Pharmazeut bekannt war. Eine in den Akten der kaiserlichen Hofkammer vermerkte Buchtransaktion in Höhe von 600 Gulden durch den Augsburger Arzt und Handschriftenhändler Carl Widemann könnte nach einer neueren Studie die Voynich-Handschrift meinen und damit einen weiteren Vorbesitzer identifizieren.

Marci berief sich bei dieser Geschichte auf seinen Freund Rafael Mišovský, einen Rechtsanwalt und Dichter, der unter Rudolf II. an den Prager Hof gekommen war, wo er den späteren Kaiser Ferdinand II. unterrichtete. Marci berichtete auch, Kaiser Rudolf habe geglaubt, der Autor des Manuskripts sei der franziskanische Universalgelehrte des 13. Jahrhunderts Roger Bacon gewesen. Der nächste bekannte Besitzer war nach dem Begleitbrief der böhmische Gelehrte und Alchemist Georg Baresch, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Prag lebte. Baresch hatte versucht, den Text zu entschlüsseln, war jedoch damit gescheitert. Er wandte sich daher an Athanasius Kircher, einen jesuitischen Universalgelehrten und seinerzeit eine Berühmtheit, dem es angeblich gelungen war, die Hieroglyphenschrift der alten Ägypter zu lesen. Dass die kirchersche Lesung völlig irrig war, stellte sich erst nach der erfolgreichen Entschlüsselung der Hieroglyphen durch Champollion heraus. Zu seiner Zeit galt Kircher jedoch als Kapazität im Dechiffrieren rätselhafter Texte, weshalb Baresch ihm eine Kopie der Manuskripttexte zusammen mit der Bitte um eine Expertise zusandte. Kircher scheint darauf jedoch nie reagiert zu haben. Der erste Brief Bareschs scheint verloren, ein weiterer Brief Bareschs an Kircher vom 27. April 1639 konnte jedoch von René Zandbergen im Archiv der Korrespondenz Kirchers gefunden werden.René Zandbergen: Voynich Manuskript. Als nächster Besitzer erbte der bereits erwähnte Johannes Marcus Marci das Manuskript von dem mit ihm befreundeten Baresch (kurz vor 1666). Marci war der Autor des dem Manuskript beigelegten Briefes an Kircher, in dem er Kircher erneut um Hilfe bei der Entschlüsselung der Geheimschrift bat. Zu diesem Zweck wollte er diesmal keine Kopie senden, sondern das Manuskript selbst. Es ist jedoch nicht belegt, dass das Manuskript je in Kirchers Hände gelangte, denn in keinem der nach Kirchers Tod angefertigten Kataloge über seinen wissenschaftlichen Nachlass wird etwas von jenem Manuskript erwähnt.

Was in den über 200 Jahren zwischen 1666 und 1870 mit dem Manuskript geschah, ist bislang unbekannt. Doch da es (nach Aussage Voynichs) Teil einer Bibliothek des Jesuitenordens war, kann vermutet werden, dass das Manuskript sich zusammen mit dem Nachlass Kirchers im Besitz des Jesuitenordens befand, also zunächst der Bibliothek des Collegium Romanum (heute die Päpstliche Universität Gregoriana) gehörte.

Dort blieb es vermutlich, bis der Kirchenstaat im Zuge des Risorgimento von den Truppen Viktor Emanuels II. 1870 annektiert wurde und kirchliches Eigentum von Konfiskation bedroht war. Die Bestände der päpstlichen Universitätsbibliothek wurden eilig den Mitgliedern der Fakultät übertragen, da privater Besitz nicht vom Zugriff des italienischen Staates bedroht war. Darunter befand sich auch der Nachlass Kirchers, der dem damaligen Ordensgeneral Pierre Jean Beckx übergeben wurde. Das Voynich-Manuskript gehörte ausweislich eines Exlibris von Beckx zu diesem Bestand. Beckx’ „Privatbibliothek“ ging schließlich in die Bücherbestände des 1865 gegründeten Jesuitenkollegs Nobile Collegio Mondragone in der Villa Mondragone bei Frascati ein.

Dort wurde es vermutlich 1912 von Wilfrid Michael Voynich entdeckt, der es zusammen mit etwa 30 anderen wertvollen Manuskripten den Jesuiten abgekauft haben will. Dazu Voynichs Fundbericht:

Nach Voynichs Tod im Jahre 1930 erbten seine Frau Ethel und Anne Nill, seine langjährige Sekretärin, das Manuskript. Nach dem Tod von Voynichs Witwe Ethel Lilian Voynich 1960 war Anne Nill seine alleinige Besitzerin. 1961 verkaufte sie es für 25.000 US-$ an den Buchhändler Hans Peter Kraus. Dieser wollte es gewinnbringend weiterverkaufen, fand jedoch keinen Käufer und stiftete das Manuskript schließlich 1969 der Yale-Universität, wo es heute zum Bestand der Beinecke Rare Book & Manuscript Library gehört. Es ist umstritten, auf welche Weise das Manuskript in Voynichs Besitz überging. Voynich selbst schwieg sich zeitlebens über die genaue Herkunft des Manuskripts aus. Erst durch einen nach ihrem Tode zu öffnenden Brief Ethels an ihre Erbin und Lebensgefährtin Anne Nill wurde die Herkunft des Manuskripts aus dem Mondragone-Kolleg bekannt.Churchill Kennedy, S. 279.

Inhalt Umfang und Foliierung Das Voynich-Manuskript hat die Form eines Kodex, also eines Buches, das aus mehreren Lagen von Pergament-Blättern auf drei Bünde aus Pergamentstreifen gebunden ist. Das Manuskript bestand ursprünglich aus (mindestens) 20 Lagen, von denen zwei (16 und 18) heute verloren sind. Die meisten Lagen sind Quaternionen, umfassten also ursprünglich acht Blätter, entsprechend 16 Seiten. Die Blätter wurden (vermutlich später) mit einer handschriftlichen Zählung (Foliierung) versehen, die von 1 bis 116 läuft. Ausgehend von dieser Foliierung kann ein seither eingetretener Verlust von Lagen und Blättern (nicht alle Lagen sind vollständig) festgestellt werden. Zum heutigen Zeitpunkt besteht der Kodex nicht mehr aus 116, sondern nur noch aus 102 Blättern. Verweise auf Teile des Manuskripts beziehen sich im Allgemeinen auf diese alte Blattzählung. Einzelne Blätter wurden wegen ihrer Größe mehrfach gefaltet, wodurch sich Unterseiten ergeben (zum Beispiel ist „f. 67r2“ die zweite Unterseite auf der Vorderseite (recto) von Blatt 67). Das Manuskript umfasst gegenwärtig 102 Blätter, darunter fünf Doppel-, drei Dreifach-, ein Vierfach- und ein Sechsfach-Blatt. Das Seitenformat ist ca. 225 mal 160 mm. Das Manuskript ist in Pergament gebunden. Der Einband trägt weder Titel noch Autorenvermerk.

Gliederung Da der Text nicht gelesen werden kann, lässt sich eine Gliederung des Inhalts nur auf die Art der Illustrationen stützen. Das Manuskript enthält eine große Zahl von Abbildungen, die in Tinte ausgeführt und nachträglich koloriert wurden. Die Abbildungen entstanden offenbar vor der Niederschrift des Textes, der sich der Form der Abbildungen anpasst und sie umfließt. Vermutungen über den Inhalt der Abschnitte sind insofern mit Unsicherheiten behaftet, als der kontextuell-ideengeschichtliche Hintergrund unsicher bis unbekannt ist. Die Abbildung eines Löwen in einem Buch über Tierkunde ist beispielsweise ganz anders zu deuten als in einer Sammlung von Fabeln oder in einem alchemistischen Werk. Der sogenannte „balneologische“ Abschnitt etwa enthält zahlreiche Abbildungen nackter Frauen in Wannen (oder vielleicht auch Teichen), die durch komplexe Röhrensysteme miteinander verbunden sind. Je nach Kontext könnten hier dargestellt sein: schlicht badende Frauen, menschliche (Fortpflanzungs-)Organe, Wein kelternde Frauen, Seelen auf Wanderschaft

oder etwas anderes.

Entsprechend der offensichtlichen Gruppierung einander ähnlicher Illustrationen wird das Manuskript üblicherweise wie folgt in Abschnitte gegliedert:

„Kräuterkundliche“ Sektion (f. 1r–66v) mini|Abbildung aus der „kräuterkundlichen“ Sektion (f. 34r)

Der Abschnitt enthält vorwiegend ganzseitige Abbildungen einzelner Pflanzen, die zwar uns bekannten Pflanzen ähneln, sich jedoch häufig durch entscheidende Details von diesen unterscheiden. Einige Abbildungen erscheinen als größere und genauere Versionen von Abbildungen aus dem Abschnitt „Pharmazie“. Die Gestaltung der Seiten entspricht der von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kräuterbüchern bekannten Gestaltung.

„Astronomische“ Sektion (f. 67r–73v) mini|Abbildung aus der „astronomischen“ Sektion (f. 68r)