Zamonien ist ein von dem Schriftsteller Walter Moers erfundener Kontinent, der zum ersten Mal in seinem Roman Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär (1999) beschrieben wird. Die elf folgenden Romane von Walter Moers spielen ebenfalls in Zamonien, weshalb man diese Werke unter dem Begriff Zamonien-Romane oder Zamonien-Zyklus zusammenfasst. Walter Moers bevölkert seine Welt mit einer Vielzahl aus der Weltliteratur entliehener Geschöpfe und eigenen Daseinsformen (Fabelwesen) aller Art. Eine besondere Rolle nimmt hierbei seine Kunstfigur Hildegunst von Mythenmetz ein, welchen er für die meisten seiner Bücher als fiktiven Autor angibt; mehrere Bücher beschreiben auch biografisch sein Leben.

Mit stratifikatorischer Gesellschaftsorganisation, dem Fehlen von Industrie, der Dominanz des Handwerks, ritterähnlichen Kämpfern, Zauberern, Alchemie und Fabelwesen sowie einem âventiure ähnlichen Abenteuerbegriff wird dem Phantasiereich Zamoniens ein mittelalterliches bis frühneuzeitliches Setting zugeschrieben.

Der Kontinent Zamonien In einem Interview erläuterte Walter Moers die Bedeutung des Kontinents Zamonien für seine Romane.

Dass es der Autor dabei mit den Zusammenhängen zwischen den einzelnen Büchern nicht sonderlich genau nimmt, ist Programm.

Diesen Plan führt Moers so weit aus, dass es keine durchgehende, klare Zeitlinie gibt. Und immer wieder kann man Angaben finden, die einer Bemerkung in einem anderen Roman widersprechen. Oftmals treten auch verschiedene Schreibweisen der Namen und Bezeichnungen auf. Allen Romanen eigen ist die komplexe Detailfülle. Orte, Lebewesen, Figuren und andere Dinge werden je nach Bedarf neu eingeführt. Teilweise wird darauf zurückgegriffen, häufig aber etwas Neues hinzugefügt. Außerdem werden die physikalischen Gesetze großzügig ausgelegt und notfalls umgangen oder ignoriert.

Geografie Die genaue Lage Zamoniens spielt für die Romane keine Rolle. In Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär wird Zamonien als später untergegangener Kontinent in der Mitte des Atlantiks beschrieben. Offensichtlich um eine möglichst große Freiheit in der Fortführung der Zamonien-Romane zu haben, legte Moers seinen Kontinent als Zusammenfassung aller denkbaren Klimazonen und geographischen Strukturen an. Mit jedem neuen Roman kommen neue Orte und Landschaften hinzu.

Auf den Vorsatzblättern der Romane finden sich Landkarten von Zamonien oder Teilen davon.

Der Weltkarte aus den 13½ Leben des Käpt’n Blaubär zufolge befindet sich Zamonien im heutigen Atlantik, nördlich liegen Grünland und Kleintroll, nordöstlich Großtroll, östlich Eurasien, südöstlich Afrika, südlich der Kontinent Go, westlich Amerika und Urien, im Südosten Yhôll und im Südwesten Nafklathu.

Zamonien untergelagert befindet sich Untenwelt, welches in Rumo & Die Wunder im Dunkeln eine tragende Rolle spielt. Es handelt sich dabei um ein unterirdisches Höhlensystem. In einigen dieser Höhlen befinden sich Städte oder Siedlungen; andere sind von gefährlichen Daseinsformen bewohnt. Die Hauptstadt von Untenwelt ist Hel. Sie wird von dem verrückten König Gaunab 99. regiert. In Zamonien ist Untenwelt weitgehend unbekannt, während die Bewohner von Untenwelt dem Glauben verfallen sind, die Luft von Obenwelt sei ätzend und die Sonne würde einen verbrennen. Das Höhlensystem ist nur durch die Ausgänge in den drei sogenannten „Fallenstädten“ erreichbar: Wolperting, Schneeflock und Nebelheim.

Zamonische Daseinsformen Zamonien wird von den seltsamsten Lebewesen bevölkert; der Überbegriff lautet Daseinsformen. In Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär wird der Kontinent zum Rückzugsort der Fabelwesen erklärt. Menschen gibt es in Zamonien nur äußerst vereinzelt, weil sie nach den „Zamonischen Erbfolgerempeleien“, einem Machtkampf mit den Nattifftoffen, von dem Kontinent vertrieben wurden. Diese Erbfolgerempeleien begannen, als ein Nattifftoffe von Menschen aus dem Fenster gestoßen wurde, wobei er sich ein Ohr brach – eine Anspielung auf den Prager Fenstersturz.

Eine Sammlung dieser Daseinsformen findet sich in dem Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller, das in den Zamonien-Romanen regelmäßig erwähnt und von Prof. Nachtigaller und anderen Charakteren oft zitiert oder als Nachschlagewerk verwendet wird.

Die Romane

Übersicht Die Romane, welche innerhalb von Zamonien spielen, können grob in zwei Kategorien unterteilt werden. Als erste gibt es die (auto)biographischen Werke. Diese Werke erzählen Geschehnisse, welche innerhalb der fiktiven Welt real sind und so eine Realität innerhalb des Fandoms schaffen. Ihre Schriftsteller und handelnden Figuren sind existent innerhalb von Zamonien, teilweise wird auf sie Bezug genommen. Obwohl jedes Buch, mit Ausnahme der Buchhaim-Werke, als Einzelwerk gesehen werden kann, wird an vielen Stellen mehr oder weniger offensichtlich auf die anderen Bücher und ihre handelnden Figuren verwiesen. Eine Unterkategorie bilden die Briefromane, welche eine ähnliche Wirkung haben und die fiktive Realität weiter bedienen. Als zweite Form treten die Kunstmärchen auf. Diese sind alle von Mythenmetz als fiktivem Autor verfasst und erzählen Geschehnisse, welche auch innerhalb des Fandom fiktiv sind.

Es kann davon ausgegangen werden, dass die Bücher, mit Ausnahme von Rumo & die Wunder im Dunkeln und Qwert, innerhalb der fiktiven Welt ebenfalls als solche existieren, teilweise werden sie auch in anderen Werken erwähnt.

Die folgende Tabelle veranschaulicht diese Kategorisierung:

Titel fiktiver Autor Kategorie Anmerkung Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär Blaubär Autobiographie   Ensel und Krete Hildegunst von Mythenmetz Kunstmärchen Das Buch enthält autobiographische Abschnitte in den mythenmetzischen Abschweifungen. Blaubär wird (nicht namentlich) als Lügengladiator erwähnt (s. Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär – Mein Leben in Atlantis). Am Ende hängt Moers noch eine halbe Biographie von Mythenmetz an, bei welcher er sich selbst als Autor angibt. Rumo & die Wunder im Dunkeln nicht angegeben Biographie Rumo, Volzotan Smeik und Nachtigaller tauchen zuvor in Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär auf. Da es sich nicht um eine Autobiographie handelt und kein fiktiver Autor angegeben ist, kann hier davon ausgegangen werden, dass dieses Buch innerhalb von Zamonien nicht existiert. Die Stadt der träumenden Bücher Hildegunst von Mythenmetz Autobiographie Es wird als Teil einer 25-bändigen Autobiographie angegeben. Professor Nachtigaller aus Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär wird als Autor und Wissenschaftler erwähnt, außerdem beginnt hier Mythenmetz’ Feindschaft mit Laptantidel Latuda, einem Literaturkritiker, welchen er auch schon in Ensel und Krete erwähnt. Der Schrecksenmeister Hildegunst von Mythenmetz Kunstmärchen Moers gibt an, das Buch um umfangreiche Abschweifungen gekürzt zu haben. Der fiktive Originalautor der Vorlage Gofid Letterkerl wurde bereits in die Stadt der träumenden Bücher erwähnt. Das Märchen wurde von Mythenmetz neu erzählt. Das Labyrinth der träumenden Bücher Hildegunst von Mythenmetz Autobiographie Fortsetzung von Die Stadt der träumenden Bücher Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr Hildegunst von Mythenmetz Kunstmärchen   Weihnachten auf der Lindwurmfeste Hildegunst von Mythenmetz Briefroman (autobiographisch) Der Brief ist an Hachmed Ben Kibitzer adressiert, welchen Mythenmetz in Buchhaim trifft (s. Die Stadt der träumenden Bücher). Der Bücherdrache Hildegunst von Mythenmetz Autobiographie/Kunstmärchen Es wird im Roman nicht klar gestellt, ob Mythenmetz das Geschehene erlebt oder nur erträumt hat. Den Buchling Hildegunst Zwei trifft er bereits in Die Stadt der träumenden Bücher.Die Insel der Tausend LeuchttürmeHildegunst von MythenmetzBriefroman (autobiographisch)Erneut ist der Brief an Hachmed Ben Kibitzer adressiert, wie bereits Weihnachten auf der Lindwurmfeste. Dort erwähnt Moers die Briefe auch schon in einer Fußnote. Außerdem begegnet er auf Eidernorn der Schreckse Izanea Anazazi, einer entfernten Verwandten und „Brieffeindin“ von Inazea, welche Mythenmetz in die Stadt der träumenden Bücher traf. Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte. Zwanzig zamonische Flabeln Hildegunst von Mythenmetz Kurzgeschichtensammlung (Kunstmärchen) Mythenmetz wird erneut als fiktiver Autor der Flabeln (Kurzgeschichten) angegeben. In einer der Geschichten tritt Echo erneut als Protagonist auf, darüber hinaus werden Phistomefel Smeik und Professor Nachtigaller erwähnt, und es gibt diverse Anspielungen an die anderen Bücher. Qwert nicht angegeben Biographie Qwert ist bereits aus Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär bekannt, sein Knappe Oyo ist der Küstenknom Queekwigg aus Die Insel der Tausend Leuchttürme. Die Prinz Kaltblut Romane und die Rostigen Gnome wurden bereits mehrfach in den Werken von Mythenmetz erwähnt, welcher wiederum in diesem Roman selber auftaucht.

Stil Alle Romane von Moers sind umfassend illustriert, meistens vom Autor selber. Darüber hinaus arbeitet er viel mit unterschiedlichen Schriftarten und -größen, um beispielsweise verschiedene Stimmen oder Geräusche darzustellen. Hildegunst von Mythenmetz hat sich über die Jahre zum Alter Ego von Walter Moers entwickelt, so wird er wiederholt als fiktiver Autor genannt. Moers inszeniert sich nur als Übersetzer der Romane, wodurch der fiktive Übersetzer Moers in Abgrenzung zum realen Autor existiert und seine Romane somit als eine Form der Herausgeberfiktion betrachtet werden kann. Moers nutzt in seinen Romanen wiederholt Anagramme, Wortspiele und Wortneuschöpfungen. So sind viele fiktive Autorennamen aus den Namen berühmter, realer Schriftsteller entstanden. Wiederholt nutzt Moers literarische Vorlagen so wie Hänsel und Gretel bei Ensel und Krete oder Spiegel, das Kätzchen für der Schrecksenmeister.

Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär

Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär (Untertitel: „Die halben Lebenserinnerungen eines Seebären; mit zahlreichen Illustrationen und unter Benutzung des Lexikons der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller“) ist der erste Zamonien-Roman. Moers schildert hier das Leben seines Protagonisten Käpt’n Blaubär und wendet sich dabei im Gegensatz zu den Käpt’n Blaubär-TV-Episoden in der Sendung mit der Maus eindeutig an ein erwachsenes Publikum. Blaubär durchreist im Laufe des Buches den ganzen Kontinent Zamonien mit dem Ziel, Atlantis zu erreichen und sich dort niederzulassen.

Ensel und Krete

Vom Autor selbst als Märchenparodie bezeichnet, stellt Ensel und Krete eine Bearbeitung des Grimmschen Märchens Hänsel und Gretel mit zwei Fhernhachenkindern – äußerst liebenswürdigen und anständigen Halbzwergen – als Helden dar.

Auf der anderen Seite steht er in der Tradition romantischer Kunstmärchen; denn Moers setzt hier zum ersten Mal die Figur des zamonischen Dichterfürsten Hildegunst von Mythenmetz als fiktiven Autor des Buches, das man gerade zu lesen in Begriff ist, ein. Wie in bekannten Werken romantischer Literatur (vgl. dazu E.T.A. Hoffmanns Roman Kater Murr) fungiert der eigentliche Autor Walter Moers nur als Vermittler des Textes – in diesem Fall als „Übersetzer“ aus dem Zamonischen. Dieser übersetzt nicht nur, sondern greift zusätzlich in das angebliche Original ein, indem er es mit Erläuterungen aus dem Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung von Professor Dr. Abdul Nachtigaller, einigen Kommentaren zur Schwierigkeit des Übersetzens sowie der halben Biographie des Hildegunst von Mythenmetz ergänzt.

Mythenmetz, der eigentliche „Autor“ des Buches, kommentiert das Geschehen in seinem Werk auch ständig selbst, mit dem von ihm erfundenen Mittel der „Mythenmetzschen Abschweifung“. Dieses erlaubt ihm, die Geschichte zu unterbrechen und stattdessen irgendetwas anderes Wichtiges (oder Belangloses) einzuschieben.

Rumo & Die Wunder im Dunkeln