mini|hochkant|Jacques Derrida Jacques Derrida [] (* 15. Juli 1930 als Jackie Derrida in El Biar bei Algier;Vgl. Peeters, Benoît: „Derrida. Eine Biographie“, aus dem Frz. von Horst Brühmann, Suhrkamp: Berlin 2013, S. 26. † 8. Oktober 2004 in Paris) war ein französischer Philosoph, der als Begründer und Hauptvertreter der Dekonstruktion gilt. Sein Werk beeinflusste maßgeblich die Philosophie und Literaturwissenschaft in Europa und den USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu seinen Hauptwerken zählen Die Stimme und das Phänomen 1967, Grammatologie 1967, Die Schrift und die Differenz 1967 und Randgänge der Philosophie 1972.
Er wirkte während seiner akademischen Laufbahn vornehmlich an der Elite-Hochschule École des hautes études en sciences sociales in Paris.
Leben Derrida wurde in Französisch-Algerien geboren und lebte dort bis zu seinem 19. Lebensjahr. Als Sohn einer sephardisch-jüdischen Familie wurde ihm 1942 entsprechend einer Verordnung des Vichy-Regimes der Schulbesuch untersagt (die Quote für jüdische Schüler wurde von 14 auf 7 Prozent gesenkt). Die antisemitischen Diskriminierungen haben insofern Spuren in vielen seiner Schriften hinterlassen, als er sich in ihnen mit dem Anderen und Fremden befasst. Auch die Figur des Ankommenden ist ein zentrales Element seines Denkens. Schließlich fühlte er angesichts seiner virtuosen Beherrschung der französischen Sprache doch seine „Sprachlosigkeit“ in den anderen für ihn wichtigen Sprachen, dem Hebräischen und dem Arabischen.
Seit 1949 in Frankreich lebend, besuchte er das Lycée Louis-le-Grand in Paris und studierte nach dem dritten Versuch der Eintrittsprüfung schließlich von 1952 bis 1954 an der École Normale Supérieure, wo er Vorlesungen bei Louis Althusser besuchte und sich mit Pierre Bourdieu anfreundete. Mit einer Arbeit zur Philosophie Edmund Husserls schloss er das diplôme d’études supérieures ab, 1956 bestand er die Agrégation (Staatsprüfung für das höhere Lehramt) im Fach Philosophie. Im selben Jahr gewann Derrida ein Stipendium für einen Studienaufenthalt an der Harvard University. Während seines Militärdienstes (von 1957 bis 1959, zur Zeit des Algerienkrieges) unterrichtete er Soldatenkinder in Algerien, das damals noch eine Kolonie Frankreichs war, in englischer und französischer Sprache. Nach einem Jahr als Lehrer am Lycée in Le Mans war er von 1960 bis 1964 wissenschaftlicher Assistent an der Sorbonne. Uwe Dreisholtkamp: Jacques Derrida. C.H. Beck, München 1999, S. 17.
mini|Während seines akademischen Wirkens war Jacques Derrida vornehmlich mit der Pariser Elite-Hochschule École des hautes études en sciences sociales (EHESS) verbunden.
Ab 1965 (bis 1983) bekleidete er eine Dozentur („Maître-Assistant“) für Geschichte der Philosophie an der École Normale Supérieure. Den Durchbruch erlangte Derrida im Jahr 1967, als er nahezu zeitgleich in drei bekannten Verlagen drei wichtige Schriften veröffentlichte: De la grammatologie (Les Éditions de Minuit, dt. Grammatologie 1974), La Voix et le phénomène (Presses Universitaires de France, dt. Die Stimme und das Phänomen 1979) sowie L’écriture et la différence (Éditions du Seuil, dt. Die Schrift und die Differenz 1972). Auf Vortragsreisen in den USA lernte er Paul de Man und Jacques Lacan kennen. 1977 unterschrieb er wie etwa sechzig andere Intellektuelle auch einen Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie, der in den Zeitungen Libération und Le Monde erschien. Initiator des Appells war der pädophile Schriftsteller Gabriel Matzneff.Un appel pour la révision du code pénal à propos des relations mineurs-adultes: In: Le Monde vom 23. Mai 1977, https://www.lemonde.fr/archives/article/1977/05/23/un-appel-pour-la-revision-du-code-penal-a-propos-des-relations-mineurs-adultes_2873736_1819218.html. Im Juni 1980 legte er an der Sorbonne kumulativ seine Thèse d’État ab (entspricht etwa einer Habilitation).
1981 reiste er für die „Jan Hus Educational Foundation“,www.vnjh.cz (nur tschechisch) siehe auch z. B. englische Wikipedia. eine 1980 gegründete Hilfsorganisation für verfolgte tschechoslowakische Intellektuelle, nach Prag, um dort ein Seminar zu halten. Am 28. Dezember 1981 wurde er dort unter Vorwänden festgenommen, kam nach Intervention der französischen Regierung einige Tage später aber wieder frei und wurde des Landes verwiesen.New York Times / AP 1. Januar 1982: French Philosopher Is Seized in Prague.
Im Jahr 1983 wurde er zum „directeur de recherche“ an der Elite-Hochschule École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris ernannt. Auf dieser Position wirkte er bis an sein Lebensende. Derridas Interesse an den institutionellen Aspekten der Philosophie, von Anfang an ein wesentliches Moment der Dekonstruktion, das ihn schon 1979 zu einem wichtigen Akteur der États généraux de la philosophieVgl. États généraux de la philosophie (16 et 17 juin 1979), Paris: Flammarion, 1979. werden ließ, führte 1983 zu seiner maßgeblichen Beteiligung als Gründungsdirektor des Collège international de philosophie in Paris. Derrida bekleidete Gastprofessuren an der University of California, Irvine, an der Johns Hopkins University, der Yale University, der New York University, der Stony Brook University und der The New School for Social Research. 1985 wurde Derrida in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen.
Auf Einladung von Bernard Tschumi arbeitete Derrida von 1985 bis 1987 eng mit dem Architekten Peter Eisenman an Konzepten für ein Teilareal des Parc de la Villette in Paris.Vgl. Gerrit Wegener: Philosophisches Entwerfen. Jacques Derrida und die Architektur, Berlin 2020, ISBN 978-3-86922-385-8.
1988 war er (zusammen mit Karl Popper und Carlo Sini) Preisträger des 10. Premio Internazionale Federico Nietzsche der italienischen Nietzsche-Gesellschaft. 2001 erhielt Derrida den Theodor-W.-Adorno-Preis.
1957 heiratete Derrida die Französin Marguerite Aucouturier (1932–2020). Das Paar bekam zwei Söhne, darunter den Schriftsteller Pierre Alféri (1963–2023). Mit der Philosophin Sylviane Agacinski hatte Derrida einen weiteren Sohn.
Zu Derridas Freunden zählten Paul de Man, Jean-Luc Nancy, Avital Ronell, Emmanuel Levinas, Sarah Kofman, Samuel Weber, Peter Engelmann, Hélène Cixous, Geoffrey Bennington, Rodolphe Gasché (* 1938), Pier Aldo Rovatti, Gianni Vattimo und Mario Kopić. Eine enge Freundschaft verband Derrida auch mit dem italienischen Maler Valerio Adami, der ihn porträtierte, und dessen Werk er zum Gegenstand seiner philosophischen Reflexion machte, so in La vérité en peinture.
Derrida starb im Oktober 2004 im Alter von 74 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs in einem Pariser Krankenhaus. Kurz vor seinem Tod hörte er von Gerüchten, er werde für den Literaturnobelpreis gehandelt. Er ist in Ris-Orangis beerdigt.Jacques Derrida: Eine Biographie; Benoit Peeters (Autor), Horst Brühmann (Übersetzer) Suhrkamp Verlag, 2013.
Philosophie Einflüsse Derrida wird den poststrukturalistischen Denkern zugerechnet, er ist also von Strukturalisten wie Ferdinand de Saussure und der Prager Schule (Roman Jakobson u. a.) beeinflusst, mit deren Theorien über die Natur und den Gebrauch von Worten (oder Zeichen) er sich auseinandersetzte.Vgl. dazu Derridas Auseinandersetzungen mit dem Strukturalismus in Grammatologie und Schrift und Differenz.
Besonders wichtig für Derridas Denken und ein Verständnis seiner Terminologie und Argumentation ist der Einfluss von Edmund Husserl und Martin Heidegger. Weitere Einflüsse stammen von französischen Denkern wie Maurice Blanchot, Emmanuel Levinas und Georges Bataille.
Dekonstruktion
Derrida gilt als Begründer der Philosophie der Dekonstruktion.
Historisch knüpft der Begriff der Dekonstruktion an Martin Heidegger an. Dieser hatte von einer „Destruktion“ der abendländischen Tradition der Metaphysik gesprochen:
Auch hatte Heidegger von einer methodischen Verschränkung von Konstruktion und Destruktion gesprochen.U. a. in Grundprobleme der Phänomenologie, GA 24, S. 31 und passim. Diese betraf drei Momente: „Erfassung des Seienden auf das Verstehen von dessen Sein (phänomenologische Reduktion)“ „Entwerfen des vorgegebenen Seienden auf sein Sein und dessen Strukturen (phänomenologische Konstruktion)“ „kritischer Abbau überkommener Begriffe (Destruktion)“Jeweils Zitate der Paraphrase durch R. Capurro, Art. „Die Grundprobleme der Phänomenologie“, in: Lexikon philosophischer Werke, 322.
In Aufnahme dieser Verschränkung von Destruktion und Konstruktion meint Dekonstruktion nicht einen Angriff auf die Legitimität oder Sinnhaftigkeit von Texten oder Thesen, sondern die sinnkritische Analyse ihrer Verstehens- und Geltungsbedingungen.
Praktische Philosophie Derrida kritisiert zahlreiche traditionelle Entwürfe ethischer Theorien, insbesondere weil darin Personen als metaphysische Gegenstände behandelt werden und deren Wert ausgehend von einer Reflexion auf die Natur eines Subjekts bestimmt wird, das den Status einer substantiellen anthropologischen Universalie hat und das Ich zum Maßstab des Angemessenen und des Unangemessenen, des Gerechten und des Ungerechten wird. Von besonderem Einfluss ist für Derrida die Levinas’sche Ersetzung der Ontologie als traditioneller erster Philosophie durch eine proto-ethische Inpflichtnahme durch „den Anderen“. Gegenüber dieser Inpflichtnahme sind die Konstitution eines Subjekts und ethische Abwägungsfragen sekundär. (Vgl. dazu den Hauptartikel Emmanuel Levinas.)
In einer derartigen Umkehr der Ordnung zwischen dem „Subjekt“ der ersten und der zweiten Person ist letztere – darum die Wortwahl „der Andere“ – in ihrem Wesen und ihrer Würde uneinholbar. Diese Vorgegebenheit und Uneinholbarkeit trifft für alles Singuläre zu, es ist prinzipiell nicht adäquat in Allgemeinheit überführbar (etwa auf Begriffe zu bringen, in Theorien zu verrechnen). Insbesondere betrifft dies alle moralisch einschlägigen Begriffe, etwa auch den Begriff der Gerechtigkeit,Vgl. etwa Derrida: Gesetzeskraft und Das andere Kap. der Politik oder auch des Bildungsideals der UniversitätVgl. etwa Derrida: Die unbedingte Universität. und auch die „eigentliche Bedeutung“ einer sinnvollen Äußerung ist in ganz strukturanaloger Weise nicht auf sicher handhabbare allgemeine Begriffe zu bringen. Die Unmöglichkeit der Überführung des Singulären in ein Allgemeines kennzeichnet auch die Ästhetik Derridas.Vgl. dazu Christoph Menke: Die Souveränität der Kunst: ästhetische Erfahrung nach Adorno und Derrida. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991. Entgegen verbreiteten Vereinfachungen weist Derrida den Subjektbegriff nicht zurück. Er führt stattdessen die transzendentalphilosophischen Debatten um dessen Konstitutionsbedingungen fort und bindet diese an materielle Ermöglichungsbedingungen zurück. Insbesondere löst Derrida das Subjekt nicht in ein Bündel äußerer (etwa sprachlicher) Faktoren auf, sondern betont, dass das Subjekt von diesen nicht eindeutig abgehoben werden kann.