mini|Wiener Musikverein mini|Der Große Saal im Wiener Musikvereinsgebäude (rund 2 Stunden nach Ende des Neujahrskonzertes 2015)
Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist das bekannteste Neujahrskonzert der Welt und ist vor allem den Werken der Strauss-Dynastie gewidmet, vorrangig Kompositionen von Johann Strauss (Sohn). Das Konzert findet seit 1941 alljährlich am späten Vormittag des Neujahrstags im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins statt. Es wird seit 1941 im Rundfunk und seit 1959 auch im Fernsehen live übertragen – nach Angaben der Wiener Philharmoniker in mehr als 150 Länder, mit mehr als 50 Millionen Zusehern.
Geschichte Ursprünge Die Tradition der Neujahrskonzerte im Goldenen Saal des Musikvereins begann im Grunde im Jahr 1871, als Eduard Strauß dort mit der Strauß-Kapelle, einem 60-Mann-Orchester, ein Konzert zu Neujahr gab, wobei nicht nur Walzer und Polkas, sondern auch Auszüge aus Opern und Liedern aufgeführt wurden. Topos konnotiert dies so: „Diese Form der populären Unterhaltungsmusik trug durchaus etwas Revolutionäres durch ihre Ausgelassenheit und die Körpernähe der neuen Tanzformen in sich.“ Neujahrskonzerte geleitet von Eduard Strauß gab es auch 1875 und 1900.Wiener Philharmoniker: Vom Konzert zu Neujahr zum Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, Artikel von Ernst Theis, abgerufen am 10. Jänner 2025
Fünfzig Jahre später, am 21. April 1921, begann am selben Ort auch die Tradition der philharmonischen Johann-Strauss-Konzerte bzw. Konzerte, die ausschließlich Werken der Strauss-Familie gewidmet sind. Die Wiener Philharmoniker ehrten an diesem Tag gemeinsam mit dem Wiener Männergesang-Verein den Komponisten. Es sangen Berta Kiurina und Albin von Rittersheim, es dirigierten Rudolf Nilius, Karl Luze und Viktor Keldorfer.Wiener Philharmoniker: Johann-Strauß-Konzert, abgerufen am 2. Jänner 2025 Am 26. Juni 1921 wurde im Wiener Stadtpark das goldene Johann-Strauß-Denkmal enthüllt. Wieder spielten die Wiener Philharmoniker auf, nunmehr unter Leitung von Arthur Nikisch. Gegeben wurden drei Walzer – Künstlerleben, An der schönen blauen Donau und Wein, Weib und Gesang.Wiener Philharmoniker: Enthüllung Johann Strauß Denkmal, abgerufen am 5. Jänner 2025
Seither pflegen die Wiener Philharmoniker mit einer gewissen Regelmäßigkeit die Werke von Johann Strauss im Konzertsaal. Nachgewiesen sind reine Strauss-Konzerte in den Jahren 1925 (einmal geleitet Felix Weingartner, einmal von Franz Schalk), 1928 (geleitet von Erich Kleiber) und 1931 (geleitet von Clemens Krauss). Bei den Salzburger Festspielen gaben die Wiener Philharmoniker von 1929 bis 1933 alljährlich ein solches Konzert, jeweils geleitet von Clemens Krauss, dann wieder im Sommer 1939. Benefizkonzerte mit Werken des sogenannten Walzerkönigs gab es 1926 im Musikverein (geleitet von Felix Weingartner) und 1934 bei den Salzburger Festspielen (geleitet von Bruno Walter). Auch ein Johann Strauß Fest-Konzert im Schlosspark Schönbrunn (geleitet 1925 von Franz Schalk)Wiener Philharmoniker: Johann Strauß Fest-Konzert, abgerufen am 2. Jänner 2025 und ein Ravag-Konzert (geleitet 1934 von Oswald Kabasta)Wiener Philharmoniker: Rundfunk Konzert, abgerufen am 2. Jänner 2025 finden sich in den Annalen der Philharmoniker. Bei der Deutschland-Tournee der Wiener Philharmoniker des Jahres 1925, die u. a. nach Berlin, Hamburg und München führte, wurde jedes der sieben Konzerte mit dem Donauwalzer beendet.Wiener Philharmoniker: Konzertarchiv, abgerufen am 10. Jänner 2025
Von 1928 bis 1932 dirigierte Johann Strauss III. alljährlich ein im Radio übertragenes Neujahrskonzert im Goldenen Saal des Musikvereins. Es spielte das Wiener Sinfonieorchester. Diese Reihe kann als direkter Vorläufer der philharmonischen Neujahrskonzerte gelten.Ernst Theis: Ernst Theis on his Findings, abgerufen am 6. Jänner 2025
Außerordentliches Konzert zu Silvester 1939 Am 13. August 1939 leitete Clemens Krauss bei den Salzburger Festspielen ein reines Johann-Strauss-Sohn-Programm, darin enthalten auch die Pizzicato-Polka, welche gemeinsam mit dem Bruder Josef Strauss komponiert worden war. Eine Reprise dieses Konzerts mit exakt demselben Programm wurde am 31. Dezember 1939 im Wiener Musikverein gegeben, nunmehr als Benefizveranstaltung für das Kriegswinterhilfswerk (Kriegs-WHW). Der Historiker Fritz Trümpi stellte später in den Raum, dass das Konzert Bestandteil von Joseph Goebbels’ Propagandamaschinerie gewesen sei.Fritz Trümpi: Politisierte Orchester: Die Wiener Philharmoniker und das Berliner Philharmonische Orchester im Nationalsozialismus. Böhlau Verlag, Wien 2011, S. 257.Rubrik Von Tag zu Tag. In: Tageszeitung Wiener Neueste Nachrichten, 22. Dezember 1939, S. 4; anno.onb.ac.atRubrik Kleiner Kunstspiegel. In: Wiener Neueste Nachrichten, 28. Dezember 1939, S. 5; anno.onb.ac.atDas Neujahrskonzert und so manch unhaltbare Legende. diepresse.com, 29. Dezember 2015; abgerufen am 1. Jänner 2016. Ein Jahr später fand das Nachfolgekonzert erstmals am Neujahrstag statt. Die Liebe des Dirigenten Clemens Krauss zur Walzermusik, insbesondere der der Familie Strauss – „und wohl auch sein Drang zu großen Auftritten“ Fono Forum; abgerufen am 1. Jänner 2016. – verbanden sich in seiner Person mit Goebbels’ Absicht, Wien als Stadt „des Optimismus, der Musik und der Geselligkeit“ zu inszenieren. Die ersten sechs Neujahrskonzerte – und nach dem Untergang des NS-Regimes weitere sieben – standen unter der Leitung von Clemens Krauss.
Weitere Konzerte zu Neujahr während der NS-Herrschaft Trümpi belegt in seinem Buch Politisierte Orchester, dass in der Zeit des Nationalsozialismus – außerhalb der der Tradition verpflichteten Abonnement-Konzerte – die Zahl der Aufführungen von Werken der Strauss-Familie durch die Wiener Philharmoniker sprunghaft zunahm. Das Orchester war nach der Annexion Österreichs zwar Goebbels zugeordnet worden, diesem aber, anders als die Berliner Philharmoniker nicht unterstellt: Das Engagement für den NS-Staat war also von den Wiener Philharmonikern weitestgehend eigenbestimmt und eigenverantwortet. Trümpi zitiert aus einem Vertrag zwischen den Wiener Philharmonikern und der Reichsrundfunkgesellschaft:
Die NS-Machthaber hatten bereits vor der Zeit des Zweiten Weltkriegs die Idee entwickelt, „mittels so genannter ‚leichter Musik‘, die ‚Volksgemeinschaft‘ zu stärken“. Die „Moral an der Front und in der Heimat“ aufrechtzuerhalten, trat historisch erst ab etwa 1940/41 (also erst nach dem ersten Neujahrskonzert) dazu: Das erste Neujahrskonzert – noch nicht so bezeichnet – fand also in Wien zugunsten des Winterhilfswerkes des Deutschen Volkes statt, dem sich Zehntausende Wiener auch innerlich verpflichtet fühlten.
Seit dem 1. Jänner 1941 findet das Konzert am Neujahrstag statt und wird im Radio übertragen. Bis 1945 war es ein Benefizkonzert zugunsten der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“.Rubrik Kunst und Kultur. In: Tageszeitung Neuigkeits-Welt-Blatt, Wien, 22. Dezember 1940, S. 11. Die Zählung der Wiener Philharmoniker beginnt mit dem Konzert am Neujahrstag 1941.
Eine kritische Aufarbeitung der Geschichte des Konzerts und Orchesters fand ab 2013 statt.
Kontinuität nach 1945 Erst seit dem Dirigat von Josef Krips am 1. Jänner 1946 heißt dieses Konzert tatsächlich „Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker“. Josef Krips dirigierte bereits während der Direktion Clemens Krauss’ (1929–1934) an der Wiener Staatsoper. Als sogenannter „Halbjude“ durfte er während der NS-Zeit nicht mehr auftreten. Er übernahm die Neujahrskonzerte in den Jahren 1946 und 1947, danach dirigierte wieder Clemens Krauss.
In einer nach 1945 bisher einzigen Ausnahme fand das traditionelle Neujahrskonzert nicht am 1. Jänner statt: 1951 wurde es auf Grund des Todes von Bundespräsident Karl Renner am 31. Dezember 1950 auf den 14. Jänner 1951 verschoben. musikverein.at Seit 31. Dezember 1952 wird das Programm des Neujahrskonzerts am Silvesterabend als Silvesterkonzert voraufgeführt. Am 30. Dezember 1962 wurde erstmals eine zweite Voraufführung angesetzt; diese war bis 1997 jeweils eine geschlossene Veranstaltung für Angehörige des österreichischen Bundesheeres, seit 1998 wird ein Teil der Karten verkauft.Neujahrskonzert – Tradition und Geschichte des Neujahrskonzerts. Wiener Philharmoniker; abgerufen am 9. Jänner 2022.
Internationalisierung 1959 fand die erste Fernsehübertragung statt, und damit setzte auch die Internationalisierung des Konzerts durch Eurovision ein, wobei es ab 1966 ebenfalls durch Intervision übertragen wurde und ab 1972 sich die regelmäßige Übertragung nach Übersee etablierte.
Der Blumenschmuck für das Neujahrskonzert war von 1980 bis 2013 traditionell ein Geschenk der italienischen Stadt Sanremo. 2014 wurden die Blumen erstmals von den Wiener Philharmonikern zur Verfügung gestellt.Neujahrskonzert 2014: Floristen-Team begeisterte mit Frühlingsblumenschmuck. ots.at, APA-Meldung, 2. Jänner 2014: abgerufen am 5. Jänner 2015. Der Konzertsaal wird von den Floristen jedes Jahr mit rund 30.000 Blumen dekoriert, 2015 erstmals in Kooperation mit den Wiener Stadtgärten.Neujahrskonzert 2015: Blumenschmuck von den Wiener Stadtgärten. ots.at, Pressemeldung der Stadt Wien über APA, 22. Dezember 2014; abgerufen am 2. Jänner 2015.
2008 wurde erstmals live im Goldenen Saal getanzt, ebenso wieder 2011, als 15-jährige Eleven (Mädchen und Burschen) der Ballettschule der Wiener Staatsoper auftraten. 2014 haben Kathrin Menzinger und Vadim Garbuzov nach ihrer eigenen Choreographie im Saal zum Walzer An der schönen blauen Donau live getanzt.„Neujahrskonzert 2014“ live im ORF: Michael Beyer setzt Wiener Philharmoniker und Wiener Staatsballett in Szene. APA-Meldung, 7. Dezember 2013; abgerufen am 5. Jänner 2015.
Anlässlich des 75-Jahre-Jubiläums des Konzertes wurde 2015 die Edition Neujahrskonzert: Die gesamten Werke veröffentlicht, eine aus 23 Compact Discs bestehende Sammlung aller 319 Werke, die seit 1941 bei der Veranstaltung gespielt wurden.Neujahrskonzert „fast etwas Heiliges“. orf.at, 29. Dezember 2015; abgerufen am 29. Dezember 2015.
Musikprogramm
Der Löwenanteil der im Lauf der Jahrzehnte aufgeführten Kompositionen stammt von Johann Strauss (Sohn) (167 Opuszahlen), gefolgt von Werken seines Bruders Josef Strauss (87). Alle Angaben beziehen sich auf die Konzerte bis 2026. Es folgen Johann Strauss (Vater) (29) und der dritte der Brüder, Eduard Strauß (25). Während Johann d. J. und Josef Strauss seit 1941 im Musikprogramm präsent sind, werden die Werke des Vaters seit 1946, die von Eduard erst seit 1964 gespielt. Werke anderer Walzerkomponisten, wie Joseph Hellmesberger junior (16), Joseph Lanner (11) oder Carl Michael Ziehrer (10), werden seit dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 1961 regelmäßig ins Programm aufgenommen. Zusätzlich finden sich seit 1978 auch Werke musikalischer Jahresregenten, in diesem Jahr beginnend mit dem 150. Todestag von Franz Schubert, im Programm des Neujahrskonzertes. Seit 2025 stehen auch Werke weiblicher Komponisten auf dem Programm. Das erste Werk einer Frau beim Neujahrskonzert war der Ferdinandus-Walzer von Constanze Geiger.
In der Regel werden in einem Konzert nicht nur bekannte, sondern auch bis dahin in einem Neujahrskonzert nicht gespielte Werke in das Programm eingebunden. Bis in die 1980er-Jahre wurden sie nach Wiener Tradition auch als „Novitäten“ (bezogen auf das Neujahrskonzert) bezeichnet, dies ist seitdem unüblich geworden. Ausnahmen davon bilden die Neujahrskonzerte 1986 und 1987, in denen nur bereits aufgeführte Stücke auf dem Programm standen. Die bisher höchste Zahl von solchen „Novitäten“ bot das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2023 mit dreizehn (nach Angabe der Wiener Philharmoniker: vierzehn, was allerdings nicht zutrifft, siehe dort) neu aufgeführten Werken; dies ist allerdings auch der Tatsache geschuldet, dass die Neujahrskonzerte der 1940er und der frühen 1950er Jahre zehn, höchstens zwölf Musikstücke im gesamten Programm vorsahen. mini|Der Große Saal