Die Illenau ist ein markantes Gebäude in Achern in Baden. Es war ursprünglich als Heil- und Pflegeanstalt konzipiert und wurde 1842 erbaut. Initiator dieser, so hießen sie damals, Irrenanstalt (heute wäre es eine psychiatrische Klinik oder Pflegeeinrichtung) war der badische Arzt Christian Friedrich Wilhelm Roller. Die staatliche Anstalt war bis 1940 in Betrieb und wurde dann von den Nationalsozialisten im Rahmen der Krankenmord-Aktion T4 aufgelöst und als Reichsschule für Volksdeutsche verwendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Anlage bis 1994 eine Kaserne für die französischen Streitkräfte. Nach einigen Umbaumaßnahmen nutzt die Stadt Achern seither die Gebäude als RathausDie Illenau - Vollkommene Symmetrie (bei www.achern.de). mini|Hauptgebäude (2011)

Gründung Das Buch „Die Irrenanstalt in all ihren Beziehungen“ Christian Friedrich Wilhelm Roller verfasste, beeindruckt durch die mangelhafte Unterbringung in den vorhandenen Irrenanstalten, nach Studien ausländischer Fachliteratur und einer Studienreise zu europäischen Anstalten, ein Buch über seine Vorstellungen einer Muster-Irrenanstalt mit dem Titel Die Irrenanstalt in all ihren Beziehungen. Die Arbeit erschien 1831, ein Jahr nach der Thronbesteigung von Großherzog Leopold von Baden, der den Gedanken Rollers sehr aufgeschlossen gegenüberstand.

Auswahl des Ortes Im Land Baden wurde nach einem geeigneten Gelände für eine neue Landesirrenanstalt gesucht. Nach langem Suchen fand man bei Ottersweier und bei Heitersheim in der Nähe von Freiburg im Breisgau zwei mögliche Standorte. Doch sowohl das Hubbad in Ottersweier, 1811/1812 von Badens klassizistischen Architekten Friedrich Weinbrenner umgebaut, als auch das leer stehende Schloss der Malteserritter in Heitersheim wiesen gewisse Mängel auf. Da bot die Stadt Achern dem Ministerium des Innern ein großes Gelände am Rande der Stadt zum Verkauf an. Nach eingehender Besichtigung waren alle Zweifel beseitigt. Die Wahl stand fest, das Gelände in Achern bot alles, was man fordern und wünschen konnte.

Entscheidung für einen Neubau Roller konnte hier seinen Traum einer modernen Heilanstalt verwirklichen. Es sollte auch die Zeit vorbei sein, in der man Geisteskranke als vom Teufel Besessene ansah und im Irrsinn keine Krankheit, sondern eine Strafe Gottes zu erkennen glaubte. Vorbei die Zeit der dunklen Verliese, der Ketten, der Prügel und der gesellschaftlichen Stigmatisierung. Roller wollte mit seiner Anstalt neue Maßstäbe setzen für eine bessere, humanere Zukunft auf dem Gebiet der Psychiatrie. Somit begann die Planung einer Heilanstalt für 410 Kranke auf dem 39 Morgen (ca. 14 ha) großen Gelände.

Ein Neubau ermöglichte die räumliche Trennung von männlichen und weiblichen Kranken. Aber es sollte nicht nur nach Geschlecht, sondern auch nach dem Grad der Erkrankung unterschieden werden. Die Unheilbaren bedurften besonderer Überwachung und ausbruchsicherer Räumlichkeiten, während nur leicht Gemütskranke ein relativ normales Leben führen sollten und keinerlei Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit unterlagen. Der junge Christian Roller forderte unter anderem den Ankauf von viel freiem Gelände um die Anstalt herum. Es sollten Nutzgärten für die Kranken angelegt werden; man wollte auf den Feldern nahe der Anstalt einen Teil des Obstes und des Gemüses selber anbauen, um zur Versorgung der Anstalt beizutragen. Auch die Stadtnähe und die im Bau befindliche Eisenbahnlinie waren wichtig für eine Anstalt im geplanten Ausmaß.

Planung des Neubaus mini|Gesamtansicht der Heil- und Pflegeanstalt Illenau 1865 Der großherzogliche Baurat Hans Voß wurde beauftragt, nach Rollers Gedanken die bautechnischen Plänen zu fertigen. In Anlehnung an den Architekten Friedrich Weinbrenner entstand Rollers Konzept eines wohlproportionierten, symmetrischen Gebäudekomplexes im klassizistischen Baustil. Hier sind besonders der systematische Aufbau der einzelnen Gebäudekomplexe und die Reinheit der Formensprache in der Fassadengestaltung zu erwähnen. Durch gut proportionierte Gebäude- und Fassadensprünge gelang es dem Architekten, eine feine Gliederung ohne Verwendung aufwendiger Ornamentik zu schaffen. Mit der Gestaltung der Arkadengänge im Zentrum der Anlage wird das antike Element am deutlichsten sichtbar. In ihrer Gesamtkonzeption stellt die Illenau, welche vielleicht als eines der letzten echten Bauwerke des Klassizismus zu bewerten ist, durch die Vereinigung der essentiellen Merkmale verschiedener klassizistischer Richtungen ein baugeschichtlich wertvolles Dokument dar.

Genehmigung und Fortschreiten des Neubaus Am 29. März 1836 wurden die Pläne unter Berücksichtigung der Änderungsvorschläge eines Oberbaurats Hübsch genehmigt. Der feierlichen Grundsteinlegung am 9. Juni 1839 gingen notwendige Geländearbeiten voraus. In den drei Jahren Bauzeit hielten sich bis zu 400 in- und ausländische Arbeiter in der Illenau auf. Das nötige Bauholz war im Schwarzwald vorhanden, und auch der Lehm für Backsteine fehlte nicht. In Oberachern wurden noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts der Lehm aus demselben Hügel wie damals abgebaut und zu Ziegeln gebrannt. Die Kosten für den Bau einer Straße von der Stadt zur Baustelle teilten sich die Staatskasse und die Stadt Achern. Es wurden zu dieser Zeit auch Pläne für den Gartenbau sowie die landwirtschaftliche Nutzung entworfen. Bei der Grundsteinlegung gab Großherzog Leopold von Baden dem ganzen Projekt in Anlehnung an den vorbeifließenden Illenbach den Namen Illenau.

Anstaltsbetrieb Karl Hergt und Christian Friedrich Wilhelm Roller Am 23. September 1842 eröffnete die Illenau. Unter Aufsicht des Assistenzarztes Karl Hergt kamen zunächst 49 Patienten aus einer Heidelberger Klinik nach Achern. Es folgten 242 weitere Kranke ebenfalls aus Heidelberg und auch aus Pforzheim. So entstand die sog. Illenauer Familie: eine besondere Gemeinschaft aus Kranken, Ärzten, Pflegenden, Geistlichen, Verwaltern, Handwerkern und Ökonomen. Roller legte großen Wert darauf, dass das Personal die Kranken vorbildlich behandelte. Die Patienten mit leichteren Krankheitsverläufen konnten in den Gärten und in der näheren Umgebung spazieren gehen oder auch leichte Arbeit verrichten. Jede Abteilung hatte ihren eigenen Garten mit Blumenbeeten, die von den Kranken selbst gepflegt wurden. Für die als unheilbar Angesehenen gab es einen Spazierhof, der nach allen Seiten von hohen Mauern umgeben war. Im Sommer kam es auch des Öfteren vor, dass einer der Ärzte zusammen mit einigen Pflegern eine Gruppe Kranker zu Ausflügen mitnahm. Es fanden Wanderungen zu den Allerheiligen-Wasserfällen, zum Mummelsee und zu anderen Naherholungszielen statt. Roller erzielte mit dieser Methode große Erfolge. Das Krankenhaus Illenau gewann immer mehr Ansehen, da viele der Kranken als geheilt entlassen werden konnten. Bald kamen aus ganz Europa nach Genesung Suchende nach Achern; auch Mitglieder des in- und ausländischen Adels wurden hier von ihren psychischen Erkrankungen geheilt.

Das Einzugsgebiet der Illenau vergrößerte sich ständig, und wieder stand man dem Problem des Platzmangels gegenüber. Daher wurde die Anstalt ständig umgebaut, erweitert und den Bedürfnissen angepasst. In den Jahren 1902/1903 errichtete man etwas außerhalb gelegen zwei Landhäuser im Villenstil. Sie dienten der Unterkunft derer, die kurz darauf als geheilt entlassen werden sollten. Man unterschied zwischen dem Männer- und dem Frauen-Landhaus. Einige Jahre zuvor wurden der Rollerbau (1882) und der Hergtbau (1901) errichtet.

Roller leitete die Anstalt bis zu seinem Tod 1878. Sein langjähriger Freund und Kollege Karl Hergt übernahm daraufhin die Leitung der Anstalt. 1807 in Tauberbischofsheim geboren, kam der gelernte Apotheker 1835 als Assistenzarzt an die Heidelberger Anstalt. Zusammen mit Roller übersiedelte er 1842 in die Illenau. Während Roller als großer Organisator galt, übernahm Hergt die Aufgabe des Therapeuten. Hingebungsvoll kümmerte er sich um die Kranken, achtete auf jedes ihrer Worte und bemühte sich mit Liebe und starkem persönlichen Engagement um ihre Heilung. Er war für alle Ärzte der Illenau ein Vorbild an Geduld und Güte. Auch er blieb bis zu seinem Lebensende im Jahre 1889 der Illenau treu.

Die Zeit von Heinrich Schüle Die Reihe bedeutender Ärzte und Direktoren wurde von Heinrich Schüle fortgesetzt. Er wurde 1840 in Freiburg geboren und kam 1863 als Hilfsarzt in die Illenau. 1890 wurde ihm die Leitung der Anstalt übertragen. Im Vergleich zu seinen Vorgängern war er ein großer Wissenschaftler. Er wollte den Geist der Illenau bewahren und trotzdem die neuesten psychiatrischen Erkenntnisse und Heilmethoden einbeziehen. Auf dem Gebiet der Psychiatrie galt er im In- und Ausland als Kapazität. Zahlreiche Universitäten boten ihm Lehrstühle an und viele Irrenanstalten den Direktorensessel, aber Schüle war vollauf zufrieden mit seinem Platz in der „Illenauer Familie“. Er wurde zum Ehrenmitglied vieler europäischer wissenschaftlicher Gesellschaften ernannt. Sein Ruhm breitete sich über Belgien, Frankreich, Österreich, England bis nach Russland aus. Den jüngeren Ärzten imponierte sein reges Interesse an den jeweils jüngsten Forschungsergebnissen, die auf dem Gebiet der Psychiatrie erzielt wurden, und seine Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Methoden. Trotz seiner intensiven wissenschaftlichen Arbeit hatte er ein Herz für die Kranken. So erreichte er 1906 die Neugründung des Hilfsvereins für entlassene Geisteskranke. Schüle starb 1916.

Auch noch ein anderer junger, später bekannter Arzt entstammte dieser Illenauer Schule: Bernhard von Gudden. Er übernahm 1855 die Leitung der neu gegründeten bayerischen Irrenanstalt in Werneck. Zusammen mit seinem berühmtesten Patienten, König Ludwig II. von Bayern, ertrank er unter ungeklärten Umständen im Starnberger See.

Ernst Thoma und Hans Roemer, die Zeit von 1917 bis 1940 Die nächsten beiden Direktoren, Ernst Thoma (1917–1929) und Hans Roemer (1929–1940), leisteten keine Pionierarbeit auf dem Gebiet der Psychiatrie, und es war für sie sicher nicht leicht, im Schatten ihrer berühmten Vorgänger zu stehen. Dennoch kann man Thoma die Leistung zuschreiben, die Illenau heil durch die Jahre des Ersten Weltkrieges geführt zu haben. Auch die Zeit danach, die von wirtschaftlicher Unbeständigkeit und Lebensmittelknappheit geprägt war, wurde von Thoma und seinen Mitarbeitern vorbildlich gemeistert. Sein Nachfolger Hans Roemer aber hatte eine noch weitaus schwierigere Aufgabe. Er musste den Kampf um das Überleben der Illenau als Heil- und Pflegeanstalt führen. Hitlers Euthanasieerlass und der Zweite Weltkrieg bedeuteten jedoch sowohl für Roemer als auch für die Illenau das Ende ihrer Wirkungszeit. Als Roemer die Ausweglosigkeit der Situation erkennen musste, ließ er sich vorzeitig pensionieren. Er wollte selbst nicht aktiv an der Auflösung der Illenau und dem planmäßig herbeigeführten Tod von Patienten beteiligt sein.

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