mini|George Martin, 2006

Sir George Henry Martin, CBE (* 3. Januar 1926 in Holloway, jetzt: London Borough of Islington, England; † 8. März 2016 in Swindon, Wiltshire), war ein britischer Musikproduzent. Er war zudem musikalischer Arrangeur, beeinflusste maßgeblich die Karriere der Band The Beatles und schuf für sie und andere Bands trendsetzende Aufnahmen. Deswegen gehört er zu den Personen, denen die Medien den Status „fünfter Beatle“ zuerkannt haben. Er gilt als einer der bedeutendsten Musikproduzenten.

Werdegang Im Jahr 1942 gründete er eine Schul-Tanzband, die er George Martin & The Four Tune TellersGeorge Martin, Jeremy Hornsby: Es begann in der Abbey Road. 2013, S. 20. nannte. Zwischen 1943 und 1947 war er beim Fleet Air Arm der Royal Navy als Beobachter in Flugzeugen eingesetzt, danach studierte er ab September 1947 drei Jahre an der berühmten Guildhall School of Music and Drama Komposition und klassische Musikorchestration. Zunächst ging er Anfang 1950 zum BBC-Musikarchiv. Auch für den Radiophonic Workshop der BBC war er tätig, für den er dessen erste kommerzielle Veröffentlichung, den Song Time Beat (erschienen unter dem Pseudonym Ray Cathode), betreute.Paul McCartney: Lyrics. 1956 bis heute. Hrsg. mit einer Einleitung von Paul Muldoon. Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösche. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-77650-2, S. 841. Im Oktober 1950 kam Martin zum Schallplattenkonzern EMI und wurde dort beim Plattenlabel Parlophone als Assistent des Labelchefs Oscar Preuss eingestellt.

Erste Aufgaben Parlophone war eigentlich ein Klassik-Label und galt neben seinen Schwester-Labels HMV, Columbia und Regal Zonophone als unbedeutend, doch unter Martin entwickelte es sich zunächst zu einem bedeutenden Jazz- und Comedy-Label. Die erste selbstständige Produktion Martins entstand mit Humphrey Lytteltons Jazzband, die am 25. Oktober 1950 die Titel Trouble in Mind / Panama Rag (Parlophone #R3346) einspielten. Es folgten am 22. November 1950 Get Out of Here And Go On Home, am 24. Januar 1951 wurden der Trog’s Blues und der Wolverine Blues aufgenommen. Im August 1951 entstanden für Sidney Torch & Orchestra La Muse Legere / Barwick Green (#R3418). Dann produzierte Martin im Jahr 1951 Klassik-Aufnahmen vom London Baroque Ensemble (Dirigent: Karl Haas) mit Mozart-Kompositionen,Peter Martland: Since Records Began – EMI: The First 100 Years. 1997, S. 216 veröffentlicht auf einer LP im Oktober 1952. Es folgte im August 1952 für Eve Boswell Sugar Bush / I’m Yours (#R3561), im Dezember 1952 wurde die Single I Went to Your Wedding / I Will Never Change von Dick James veröffentlicht. James sollte später zu einem der einflussreichsten und erfolgreichsten britischen Musikverleger und -unternehmer werden, der die Kompositionen der Beatles verwaltete und Elton John entdeckte. George Martins erste Produktion, die in die britischen Charts gelangte, war Pickin’ A Chicken, wiederum von Eve Boswell, entstanden im Oktober 1955 und mit Rang neun der britischen Charts belohnt.

mini|Peter Ustinov – Mock Mozart

Als weiterer wichtiger Zweig des Parlophone-Katalogs entwickelten sich Comedy-Aufnahmen, die maßgeblich durch Martin produziert wurden. Erster namhafter Titel war die Satire-Platte Phoney Folk Lore / Mock Mozart von Peter Ustinov, entstanden im Dezember 1952. Hinzu kam Filmkomiker Peter Sellers, der unter Regie von Martin am 10. November 1953 die Single Jakka And The Flying Saucers herausbrachte. Spike Milligans erste Single You Gotta Go Oww! entstand am 19. November 1956. Sellers und Milligan gehörten zu den Autoren und Stars der BBC-Radiosendung Goon Show, mit denen Martin gearbeitet hat.Paul McCartney: The Lyrics: 1956 to Present. W. W. Norton & Company, New York 2021; deutsch: Lyrics. 1956 bis heute. Hrsg. mit einer Einleitung von Paul Muldoon. Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösche. C. H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-77650-2, S. 147. Messbare Hitparadenerfolge waren das nicht, erst die im November 1960 veröffentlichte Humorplatte Goodness, Gracious Me mit Peter Sellers und Sophia Loren brachte es auf den vierten Rang.

Weitere Jazzbands mini|links|Johnny Dankworth – Experiments With Mice

Martin produzierte auch die Jazzband Johnny Dankworth Seven, deren erste Parlophone-Single Honeysuckle Rose am 10. Februar 1953 entstand. Durch diese und andere Jazzbands wie Freddy Randalls Band (beginnend ab April 1951), Jack Parnells Band (ab Juli 1951), Sidney Torch & His Orchestra (ab August 1951) oder Joe Daniels & His Jazz Group (ab Dezember 1952) folgten Produktionen für weitere Jazzbands. Hierdurch verwandelte sich das Repertoire des Parlophone-Labels allmählich zu einem Jazzlabel, während die Bedeutung der Klassik kontinuierlich abnahm. George Martin produzierte inzwischen ausnahmslos alle Jazzbands des Labels.George Martin, Jeremy Hornsby: All You Need Is Ears. 1979, S. 56 Es bedurfte noch einer Vielzahl von Produktionen, bis am 10. Mai 1956 der Titel Experiments With Mice für Johnny Dankworth entstand, der mit einer ersten Hitparadennotiz – Rang sieben – belohnt wurde. Inzwischen wurde Martin durch Pensionierung seines Vorgängers Oscar Preuss im April 1955 zum Chef von Parlophone Records ernannt und war damit der jüngste Labelchef im EMI-Konzern.

Als Lytteltons Saturday Jump am 9. Dezember 1958 aufgenommen wurde, hatten die britischen Plattenfirmen bereits die Suche nach britischen Rock-’n’-Roll-Interpreten begonnen. Denn zwischen Juli 1957 und November 1958 dominierten die amerikanischen Hits die britische Hitparade so stark, dass für lediglich zwei Wochen ein britischer Hit die Spitzenposition der Charts übernehmen konnte.Tim Rice, Joe Rice, Paul Gambaccini: The Guinness Book of Number One Hits. 1982, S. 11 Den hausinternen, unausgesprochenen Wettbewerb hatte hierbei der Produzentenkollege Norrie Paramor für sich entschieden, denn mit Cliff Richard und seiner Begleitband Shadows waren außergewöhnliche Hitlieferanten für das Schwesterlabel Columbia entdeckt worden. Paramor war es auch, der mit Eddie Calverts Oh mein Papa dem EMI-Konzern im Jahr 1954 den ersten Tophit und Millionenseller beschert hatte. George Martins erster Tophit wurde das am 30. Mai 1961 veröffentlichte You’re Driving Me Crazy von den Temperance Seven im Vaudeville-Stil, das bei EMI zunächst auf große Skepsis stieß.George Martin, Jeremy Hornsby: All You Need Is Ears. 1979, S. 100 Martins Produzentenkollege Walter J. Ridley hatte beim Schwesterlabel HMV ebenfalls die Nase vorn, als er am 18. April 1959 mit Please Don’t Touch die erste Single für Johnny Kidd & the Pirates aufnahm. Martin nahm im März 1960 Matt Monro unter Vertrag, die britische Antwort auf Frank Sinatra.

Im Juli 1961 verfasste George Martin für die EMI-Hauszeitung unter dem Titel „Nun ja, es ist wirklich ein ziemlich komischer Job““You Know, It’s Really A Quite Funny Job” einen Artikel über die Aufgaben eines Musikproduzenten und Labelchefs.Brian Southall, Peter Vince, Allan Rouse: Abbey Road: The Story of the World’s Most Famous Recording Studios. 1997, S. 64 „Ich muss den richtigen Künstler finden, ihm das richtige Songmaterial verschaffen, dazu die richtige musikalische Begleitung arrangieren, ihn ins Tonstudio führen und einen Hit produzieren“.Brian Southall, Peter Vince, Allan Rouse: Abbey Road: The Story of the World’s Most Famous Recording Studios. 1997, S. 65

Die Beatles werden entdeckt Am 13. Februar und 9. Mai 1962 empfing George Martin Brian Epstein, den Manager der Beatles, die zuvor bereits von Decca, Pye, Philips, Oriole und sogar EMI (Tochterlabels Columbia und HMV) abgelehnt worden waren. Martin hörte sich die abgelehnten Decca-Aufnahmen an: „[…] ziemlich lausig, schlecht balanciert, keine guten Songs von einer sehr ungeschliffenen Gruppe. […] Aber irgendetwas klang interessant“, ließ Martin durchblicken.Mark Lewisohn: The Beatles Recording Sessions. Hamlyn, London 1988, S. 16. Am 4. Juni 1962 versendete Martin einen Plattenvertrag, den er selbst am 6. Juni 1962 unterzeichnete.

mini|The Beatles und George Martin (rechts), 1963 mini|The Beatles – Love Me Do mini|EMI Recording Studios, 1969

Am 6. Juni 1962 fand das einschneidendste Ereignis in George Martins Karriere und der Wendepunkt in der bisherigen Popmusik statt. In den Abbey Road Studios tauchten erstmals die Beatles zu Probeaufnahmen auf, vier pilzköpfige junge Männer aus Liverpool, von deren musikalischen und gesanglichen Fähigkeiten Martin zunächst nicht überzeugt war. Lediglich ihr Humor und ihre Persönlichkeit schienen ihm zu imponieren. Den damaligen Schlagzeuger der Gruppe Pete Best befand er als zu schwach, und er informierte Brian Epstein darüber, Best nicht bei Studioaufnahmen einsetzen zu wollen.Philipp Norman: Shout! 2003, S. 170. „Pete Best war nicht der akzentuierte und nachhaltig spielende Schlagzeuger, den dieser Musikstil erforderte“.Debbie Geller: The Brian Epstein Story. 2000, S. 47 Am 4. September 1962 fanden sich die Beatles zur Aufnahmesitzung für ihre erste Single Love Me Do erneut in der Abbey Road ein. Am Schlagzeug hatte Ringo Starr mittlerweile Pete Best ersetzt. Mit dem Ergebnis der Aufnahmen nicht zufrieden, beraumte Martin für den 11. September 1962 eine weitere Sitzung an. In Abwesenheit von Martin setzte dessen Vertreter Ron Richards bei dieser Session alternativ den Studio-Schlagzeuger Andy White ein. Als die Single Love Me Do / P.S. I Love You am 5. Oktober 1962 auf den Markt kam, gelang ihr der Sprung bis auf Rang 17 der britischen Charts. Dabei verstummten die Gerüchte nie, dass Beatles-Manager Brian Epstein 10.000 Exemplare als Inhaber seines Plattenladens zur Verbesserung der Chart-Platzierung geordert habe.Mark Lewisohn: The Beatles Recording Sessions. Hamlyn, London 1988, S. 22.

Nun begann die in der Popmusikgeschichte einzigartige Karriere der Beatles, die auch ihren Produzenten George Martin als einen der wenigen Produzenten beinahe ebenso berühmt machte. Waren die ersten Alben der Beatles noch relativ unspektakulär – zumindest, was die eingesetzte Studiotechnik und Instrumentation betrifft – so revolutionierte George Martin bei Alben wie Rubber Soul, Revolver, Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band oder Abbey Road die Aufnahmetechnik und Soundgestaltung grundlegend. Er avancierte vom bloßen Produzenten zum Arrangeur und Ideengeber. Ihm war der – für Abbey-Road-Standards – spät vollzogene Wechsel zur Vierspurtechnikam 17. Oktober 1963 bei der Aufnahme zu I Want to Hold Your Hand ebenso zu verdanken wie die Streicherbegleitung bei Yesterday. Der ersten LP Please Please Me ging eine produktive Studioarbeit voraus, denn am 11. Februar 1963 entstanden zwischen 10:30 und 23 Uhr insgesamt zehn Titel. Hier setzte Martin bei A Taste of Honey erstmals Overdubbing ein, indem er Paul McCartneys Stimme zweimal aufnahm und übereinander kopierte. Aber auch instrumental hatte sich Martin eingebracht: so spielte er bei Misery Klavier und Celesta bei Baby, It’s You.