Die Volkswirtschaftslehre (auch Nationalökonomie oder wirtschaftliche Staatswissenschaften kurz VWL) bezeichnet im deutschsprachigen Kontext ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaft. Sie untersucht Zusammenhänge bei der Erzeugung und Verteilung von Gütern und Produktionsfaktoren.

Die Volkswirtschaftslehre beschäftigt sich auch mit menschlichem Handeln unter ökonomischen Bedingungen, das heißt mit den Fragen, wie menschliches Handeln ökonomisch begründet werden kann und welches Handeln den größtmöglichen Nutzen für den Einzelnen oder eine Gemeinschaft bringt. Mit ihr wird nach Gesetzmäßigkeiten und Handlungsempfehlungen für die Wirtschaftspolitik gesucht; ferner werden einzelwirtschaftliche Vorgänge im Rahmen der Mikroökonomie und gesamtwirtschaftliche im Rahmen der Makroökonomie betrachtet.

Die Volkswirtschaftslehre widmet sich dem Zielkonflikt zwischen der Knappheit von Ressourcen und den Bedürfnissen von Wirtschaftssubjekten. Es wird in positive und normative Analyse unterschieden.

Einordnung der Volkswirtschaftslehre in den Wissenschaftskanon

Die Volkswirtschaftslehre ist ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaft und stellt eine Realwissenschaft dar. In deutschen Universitäten wird die Volkswirtschaftslehre als Sozialwissenschaft eingeordnet und innerhalb dieser stellen die Politikwissenschaft und die Soziologie verwandte Disziplinen dar.Christian-Uwe Behrens, Matthias Kirspel: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre: Einführung. S. 13.Ulrich Blum: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre. Die Abgrenzung der Volkswirtschaftslehre zu anderen Disziplinen bereitet Schwierigkeiten, da wirtschaftliche Phänomene komplex sind und viele Erkenntnisse aus anderen Wissenschaften benötigen, wie zum Beispiel Psychologie, Politik, Geschichte etc.Ulrich Blum: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre. Sie legt insbesondere große Bedeutung auf drei Faktoren, die sie letztendlich von anderen Sozialwissenschaften unterscheidet:

Die Volkswirtschaftslehre baut auf dem Axiom des rationalen Individuums auf.

Wirtschaftspolitische Implikationen betonen die Bedeutung von Gleichgewichten.

Ökonomische Theorien legen den Fokus auf das Effizienzkriterium als ein soziales Optimum.Wolfgang Leininger, Erwin Amann: Einführung in die Spieltheorie. S. 3.

Die strikte Betonung von Gleichgewichten resultiert aus der engen Verzahnung der Volkswirtschaftslehre und der Spieltheorie. Da die Spieltheorie zum großen Teil Rationalität und gegenläufige Abhängigkeiten zum Forschungsgegenstand hat, ordnen manche Autoren die Spieltheorie der Volkswirtschaftslehre zu, statt von einem Teilgebiet der Mathematik zu sprechen.

Teilgebiete und Themen der Volkswirtschaftslehre Mikroökonomie

mini|Die Mikroökonomie untersucht Handels-, Produktions- und Konsumentscheidungen, wie sie auf einem traditionellen Markt stattfinden.

Gegenstand der Mikroökonomie ist das wirtschaftliche Verhalten einzelner Wirtschaftssubjekte (Haushalte und Unternehmen). Sie analysiert Entscheidungsprobleme und Koordinationsvorgänge, die aufgrund der Arbeitsteiligkeit des Produktionsprozesses notwendig werden, und die Allokation knapper Ressourcen und Gütern durch den Marktmechanismus.Gabler Wirtschaftslexikon: Mikroökonomik. Insbesondere untersucht die Mikroökonomie Märkte, in denen Güter und Dienstleistungen gekauft und verkauft werden. Neben den Akteuren auf diesen Märkten werden auch die Marktstrukturen (Monopol, Oligopol, Polypol) berücksichtigt und die jeweiligen institutionellen Rahmenbedingungen. Ein zentrales Konzept ist das Marktgleichgewicht, welches sich durch die Preisbildung einstellt.

Wichtige Teilgebiete sind: Die Haushaltstheorie, die sich mit der Nachfrageseite beschäftigt (Präferenzen, Nutzenfunktion etc.) Die Produktionstheorie, die sich mit der Angebotsseite beschäftigt (Produktionsfaktoren, Angebotsfunktion etc.) Die Preistheorie, die sich mit Märkten und Preisen beschäftigt (Marktformen, Marktgleichgewicht, Marktversagen, Preisbildung etc.) Informationsökonomik, Wohlfahrtsökonomik, Institutionenökonomik, Spieltheorie Die Evolutionsökonomik betrachtet wirtschaftliche Prozesse aus der Sicht eines neuen, auf Mangel an Wissen basierenden, Paradigmas. Ob es sich um einen neuen mikroökonomischen Ansatz oder eine eigenständige Perspektive handelt, ist umstritten. Die Experimentelle Ökonomik beschäftigt sich mit der experimentellen Überprüfung theoretischer Verhaltensannahmen der Mikroökonomie.

Makroökonomie

Die Makroökonomie betrachtet die Wirtschaft auf einer aggregierten Ebene im Gesamtzusammenhang. Sie untersucht damit gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge. Dies kann etwa auf der Ebene eines aggregierten Marktes, eines Landes, einer Staatengemeinschaft oder auch der Weltwirtschaft insgesamt geschehen.

Beispiele für Untersuchungsgegenstände sind gesamtwirtschaftliches Einkommen, Konsum und Investitionen, Arbeitsmarkt, Preisniveau, Inflation, Geldtheorie, Konjunkturtheorie und Wirtschaftswachstum.

Wirtschaftstheorie

Ökonometrie

Die Ökonometrie befasst sich mit der quantitativen, in der Regel empirischen Untersuchung des Wirtschaftsgeschehens. Hierbei werden mathematische Methoden der Statistik und Stochastik verwendet und Testhypothesen abgegeben.

Spezialdisziplinen Spezialdisziplinen befassen sich mit einzelnen Wirtschaftsbereichen unter makro- und mikroökonomischen Aspekten.

Beispiele sind Arbeitsökonomik Außenwirtschaftstheorie Bildungsökonomik Entwicklungsökonomie Familienökonomie Gesundheitsökonomie Industrieökonomik Innovationsökonomik Regionalökonomie Umweltökonomie Kulturökonomie Ökonometrie Spieltheorie Ökonophysik Experimentelle Ökonomik

Theorie der Wirtschaftspolitik

Die Wissenschaft der Wirtschaftspolitik hat als Gegenstand die Gestaltung der Wirtschaftsordnung und der wirtschaftlichen Abläufe. Bereiche der Wirtschaftspolitik sind die Ordnungspolitik (dazu gehört die Wettbewerbspolitik), die Strukturpolitik und die Prozesspolitik, wozu die Fiskalpolitik und die Geldpolitik gehören.

Finanzwissenschaft

Die Finanzwissenschaft hat als Gegenstand die wirtschaftlichen Aspekte der öffentlichen Haushalte und Staatsfinanzen.

Brückendisziplinen Die Wirtschaftsgeographie untersucht ökonomische Strukturen und Prozesse unter räumlichen Aspekten Die Wirtschaftsgeschichte untersucht die historische Wirtschaftsentwicklung

Werkzeuge der Volkswirtschaftslehre Ökonomische Modelle Die VWL erstellt zur Beschreibung und Untersuchung von ökonomischen Strukturen und Prozessen abstrakte Modelle. Dabei handelt es sich um Bündel von Annahmen, die so in der Realität nicht zutreffen, aber eine wichtige Erkenntnisfunktion bei der Entwicklung ökonomischer Theorien erfüllen.

Zu den wichtigsten Modellen in der VWL gehören der vollkommene Markt und der Homo oeconomicus. Im Modell des vollkommenen Marktes bilden sich Preise, und somit auch die Nachfrage nach Gütern, immer in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage (siehe Marktgleichgewicht). Im Modell des homo oeconomicus handelt der Mensch stets rational in dem Sinne, dass er unter verschiedenen Handlungsoptionen aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Information stets diejenige Handlung wählt, welche ihm den größten Nutzen verschafft.

Komplexere Modellierungsansätze sind beispielsweise Partialmarktmodelle, allgemeine Gleichgewichtsmodelle, dynamische stochastische allgemeine Gleichgewichtsmodelle (DSGE-Modelle), Stock-Flow Consistent Models oder agentenbasierte Modellierung.

In der Spieltheorie werden die strategischen Interaktionen zwischen Menschen betrachtet. Hier muss der Handelnde nicht nur die ihm zur Verfügung stehenden Optionen kennen, sondern auch Erwartungen bezüglich des Verhaltens seines Gegenübers bilden. Dieses wiederum gründet sich auf dessen Erwartungen. Es droht ein unendlicher Regress. Ein grundlegendes Konzept zur Lösung dieser Zirkularität ist das strategische Gleichgewicht (Nash-Gleichgewicht).

Der Ansatz der begrenzten Rationalität, der maßgeblich von Herbert A. Simon geprägt wurde, geht davon aus, dass menschliches Handeln aufgrund begrenzter kognitiver Kapazitäten der Akteure und der Komplexität des sozialen Geschehens nie vollkommen rational sein kann. Der Mensch verhält sich zielorientiert, ist allerdings aufgrund seiner Einschränkungen nicht immer in der Lage, die objektiv beste Handlung zu wählen.

Quantitative Methoden Mathematische Modelle spielen eine wesentliche Rolle in der VWL, da sie eine klare Beweisführung und eindeutig definierte Annahmen verlangen und in der Regel nicht zu vieldeutigen oder „weich“ interpretierbaren Ergebnissen führen. In den letzten Jahren zeigt sich eine zunehmende Tendenz hin zu ökonometrischen Arbeiten.

Geschichte

Antike mini|Ibn Chaldūn: Joseph Schumpeter sieht in ihm den wichtigsten Vorläufer der modernen Ökonomie.

Die frühesten erhaltenen ökonomischen Schriften stammen aus Mesopotamien, Griechenland, Rom, Indien, China, Persien und arabischen Zivilisationen. Wirtschaftsvorschriften kommen in den Schriften des böotischen Dichters Hesiod vor. Andere bemerkenswerte Autoren der Antike bis zum Mittelalter waren Aristoteles, Xenophon, Chanakya und Qin Shi Huang.

Mittelalter Über wirtschaftliche Zusammenhänge wurde im Mittelalter vor allem von Theologen wie Thomas von Aquin oder Ibn Chaldūn nachgedacht.

In seiner Summa Theologica untersucht Thomas von Aquin viele Fragen ökonomischer Natur, einschließlich der Gründe für Privateigentum, Handel und Profit.

Die Denker der Scholastik argumentierten im Rahmen des Naturrechts. Laut Joseph Schumpeter nahmen sie bereits Überlegungen der modernen Ökonomie auf den Gebieten der Geldpolitik, des Zinses und der Werttheorie vorweg.

Frühe Neuzeit

mini|Jean-Baptiste Colbert, Vertreter des Merkantilismus in Frankreich.

Die moderne ökonomische Wissenschaft in Europa entwickelte sich im Ausgang der Renaissance und frühen Neuzeit.Vgl. auch Heinrich Lutz (Hrsg.): Humanismus und Ökonomie (= Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 8). Weinheim 1983. Zwei theoretische Schulen, die Merkantilisten und Physiokraten, beeinflussten die weitere Entwicklung des Fachs. Beide Schulen wurden mit dem Aufkommen des wirtschaftlichen Nationalismus und des modernen Kapitalismus in Europa in Verbindung gebracht und können als Vorläufer der modernen Wirtschaftswissenschaft angesehen werden.

Der Merkantilismus bezeichnet eine Wirtschaftslehre, die vom 16. bis 18. Jahrhundert in einer Flugschriftenliteratur von Kaufleuten oder Staatsmännern aufblühte. Die Grundthesen waren: Der Reichtum einer Nation hängt von ihrem Anhäufen von Gold und Silber ab. Nationen ohne Zugang zu Minen konnten Gold und Silber aus dem Handel nur durch den Verkauf von Waren im Ausland und die Beschränkung der Einfuhr anderer als von Gold und Silber erhalten. Die Doktrin forderte daher den Import billiger Rohstoffe für die Herstellung von Waren, die exportiert werden könnten, sowie eine staatliche Regulierung, um Schutzzölle auf ausländische Fabrikate zu erheben und die Herstellung in den Kolonien zu verbieten.mini|François Quesnay, einer der führenden Vertreter der Physiokratie.Die Physiokratie bezeichnet eine Gruppe französischer Denker und Schriftsteller des 18. Jahrhunderts und deren Idee, die Wirtschaft als Kreislauf von Einkommen und Produktion zu denken. Die Physiokraten glaubten, dass nur die landwirtschaftliche Produktion einen deutlichen Ertragsüberschuss erwirtschafte, so dass die Landwirtschaft die Grundlage allen Reichtums sei. So widersetzten sie sich der merkantilistischen Politik der Förderung von Produktion und Handel auf Kosten der Landwirtschaft, einschließlich der Einfuhrzölle. Ferner plädierten sie dafür, die administrativ aufwendigen Steuererhebungen durch eine einzige Steuer auf das Einkommen der Landbesitzer zu ersetzen. Als Reaktion auf die umfangreichen merkantilistischen Handelsbestimmungen befürworteten die Physiokraten eine Politik des Laissez-faire, die minimale staatliche Eingriffe in die Wirtschaft forderte.

19. Jahrhundert