Die Daḫamunzu-Affäre war eine politische Affäre zwischen den Alten Ägyptern und den Hethitern am Ende der ägyptischen 18. Dynastie beziehungsweise der Amarna-Zeit (ca. 1330 v. Chr.). Sie ist eines der bemerkenswertesten und umstrittensten Ereignisse in der altorientalischen Geschichte.Francis Breyer: Ägypten und Anatolien. Politische, kulturelle und sprachliche Kontakte zwischen dem Niltal und Kleinasien im 2. Jahrtausend v. Chr. Wien 2010, S. 171.
Als der hethitische Großkönig Šuppiluliuma I. in das ägyptische Grenzgebiet Amka einfiel, gerieten die Ägypter in eine schwierige Lage, da der Pharao gerade gestorben war. In dieser Situation schrieb die kinderlose Königswitwe Ägyptens einen Brief an Šuppiluliuma I. mit der Bitte um einen Sohn als Gemahl, der über Ägypten regieren sollte. Dieses Angebot versetzte Šuppiluliuma in Erstaunen und er vermutete eine Intrige, schließlich ging er aber auf das Angebot ein. Er schickte seinen Sohn Zannanza nach Ägypten. Dieser starb allerdings, wobei Šuppiluliuma die Ermordung durch die Ägypter vermutete. Er startete als Reaktion einen Vergeltungsschlag. Gefangene aus diesem Feldzug schleppten eine Seuche – wahrscheinlich die Pest – nach Anatolien ein, der auch Šuppiluliuma erlag.
Überliefert ist die Angelegenheit aus den hethitischen Tontafel-Archiven der Hethiter-Hauptstadt Ḫattuša, insbesondere in den „Mannestaten Šuppiluliumas“. Diese Texte sind mit Keilschrift in hethitischer Sprache geschrieben. Daneben haben sich auch Fragmente eines Originalbriefes der ägyptischen Königin in akkadischer Sprache und der fragmentarische Entwurf eines Antwortbriefes des Šuppiluliuma auf die Nachricht von Zannanzas Tod erhalten.
Die ägyptische Königin wird keilschriftlich Daḫamunzu genannt, ein hethitischer Versuch, den ägyptischen Titel t3-ḥm.t-nsw (ta-hemet-nesu „die Gemahlin des Königs“) wiederzugeben. Der verstorbene ägyptische König wird als Nibḫururia wiedergegeben. Dabei kommen die Thronnamen Tutanchamuns (Nb-ḫprw-Rˁ – Neb-cheperu-Ra) und Echnatons (Nfr-ḫprw-Rˁ – Nefer-cheperu-Ra) in Frage. Vom philologischen Standpunkt ist die Identifizierung mit Tutanchamun unproblematischer, allerdings ergeben sich dadurch chronologische Probleme, weshalb einige Forscher doch für Echnaton plädieren. Geht man vom verstorbenen Pharao Echnaton aus, stehen für Daḫamunzu theoretisch die Witwen Nofretete, Kija und Meritaton zur Auswahl, bei Tutanchamun ist es dessen Witwe Anchesenamun.
Überlieferung Schriftquellen miniatur|Ruinen in Ḫattuša, wo die Tontafel-Archive der hethitischen Könige entdeckt wurden.
Im zentral-anatolischen Hochland liegen beim heutigen Dorf Boğazkale (früher Boğazköy) die Ruinen von Ḫattuša, der Hauptstadt des Hethiter-Reiches. Dort entdeckten Archäologen die Tontafel-Archive der hethitischen Könige. Darunter befanden sich die sogenannten „Mannestaten Šuppiluliumas“ (oft auch „Annalen Šuppiluliumas“ genannt), die Muršili II., ein Sohn und Nachfolger des hethitischen Großkönigs Šuppiluliuma I., verfasste.Einheitliche Edition, Transkription und Übersetzung: Hans Gustav Güterbock: The Deeds of Suppiluliuma as Told by his Son, Mursili II. In: Journal of Cuneiform Studies. Nr. 10, 1956, S. 41–130. Muršili schilderte diese in lebendiger Sprache und fügte immer wieder Zitate von mündlichen Reden, Briefen und Botenberichten ein. Von Interesse ist hier die siebte Tafel des Werks, ein literarisch hochstehendes Beispiel dieser Annalen, die die sogenannte Daḫamunzu-Affäre überliefert.Zusammenhängende deutsche Übersetzung: J. Klinger: Herrscherinschriften und andere Dokumente zur politischen Geschichte des Hethiterreiches. Kapitel 3: Der Tatenbericht des Šuppiluliuma I. – Auszug. In: Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Neue Folge. Band 2: Staatsverträge, Herrscherinschriften und andere Dokumente zur politischen Geschichte. Gütersloh 2005, S. 147–150. Daneben haben sich auch Fragmente des Originalbriefes der Daḫamunzu erhaltenE. Edel: Die Ägyptisch-hethitische Korrespondenz aus Boghazköi in babylonischer und hethitischer Sprache. Band I, Nr. 1, Opladen 1994, S. 14–15. und außerdem der fragmentarische Entwurf eines Antwortbriefes des Šuppiluliuma auf die Nachricht von Zannanzas Tod.Theo P. J. van den Hout: Der Falke und das Kücken: der neue Pharao und der hethitische Prinz? In: Zeitschrift für Assyriologie. Band 84, 1994, S. 64–70. Der Originalbrief der Daḫamunzu ist in akkadischer Sprache geschrieben, der damaligen Sprache der Diplomatie. In den Mannestaten Šuppiluliumas werden zwei Briefe der Daḫamunzu und der ägyptische Gesandte Ḫani zitiert. Diese Passagen sind einerseits sicher aus zweiter Hand und andererseits könnte es sich um Übersetzungen ins Hethitische handeln, da die ursprünglichen Fassungen in Akkadisch zu erwarten wären.F. Breyer: Ägypten und Anatolien. ... Wien 2010, S. 402–403.
Die historische Ausgangslage mini|Lage in der Levante am Ende der ägyptischen 18. Dynastie, nachdem Amurru zu den Hethitern überlief
Am Ende der Amarna-Zeit stritten die Hethiter, Mitanni und Ägypter um die Vorherrschaft im Gebiet des heutigen Syriens. Aziru, der Fürst der Provinz Amurru, die bis dahin zum ägyptischen Einflussgebiet gehört hatte, lief zu den Hethitern über und schloss mit diesen einen Vertrag.
Karkamiš konnte einem ersten Feldzug Šuppiluliumas widerstehen und blieb ein wichtiger Stützpunkt der Mitanni. Gleichzeitig versuchten die Ägypter, abgefallene Territorien in Vorderasien wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. So zogen ägyptische Truppen nach Kadeš (hethitisch: Kinza), das Šuppiluliuma erobert hatte: „Nach Kinza (Kadesch), das mein Vater (Šuppiluliuma I.) erobert hatte, kamen die Truppen und Streitwagen Ägyptens. Und Kinza griffen sie an.“J. Klinger: Herrscherinschriften und andere Dokumente zur politischen Geschichte des Hethiterreiches. In: Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. (TUAT) Neue Folge, Band 2, S. 148.
Von Šuppiluliuma war also eine Reaktion gefordert, gleichzeitig geriet er in einen Zwei-Fronten-Krieg. Er entsandte Truppen nach Kadeš und begab sich gleichzeitig selber nach Karkamiš. Während der Belagerung von Karkamiš schickte er die zwei Generäle Lupakki und Tarḫuntazalma ins Land Amka, ein ägyptisches Grenzgebiet. Als die Ägypter von der Eroberung Amkas erfuhren, gerieten sie in Schrecken und in eine schwierige Lage, da gerade der Pharao gestorben war. In dieser Situation erhielt der Hethiterkönig einen Brief der kinderlosen Königswitwe von Ägypten mit der Bitte um einen Sohn als zukünftigen Gemahl.
Brief der ägyptischen Königswitwe mit der Bitte um einen Sohn miniatur|Beispiel eines hethitischen Keilschrift-Fragments mit den „Mannestaten Šuppiluliumas“
In den Annalen Šuppiluliumas wird beschrieben, wie dieser vor der Eroberung von Karkamiš einen Brief der ägyptischen Königswitwe erhielt mit der Bitte um einen Sohn als Gemahl, der über Ägypten regieren sollte:
Vom zitierten Brief sind auch Fragmente des Originals erhalten:
Dieses Angebot versetzte Šuppiluliuma in Erstaunen: „So eine Sache ist mir noch niemals widerfahren!“ Er vermutete eine Täuschung und schickte umsichtig den Kämmerer Ḫattušazidi nach Ägypten, um das Angebot zu überprüfen, mit der Nachricht: „Einen Sohn ihres Herrn haben sie vielleicht. Mich täuscht man aber vielleicht, und meinen Sohn für die Königsherrschaft will man gar nicht.“J. Klinger: Herrscherinschriften und andere Dokumente zur politischen Geschichte des Hethiterreiches. In: TUAT. Neue Folge, Band 2, S. 149. Šuppiluliuma ließ auch in den Archiven nach früheren ägyptisch-hethitischen Beziehungen recherchieren. Man brachte ihm einen Vertrag, in welchem die Bewohner von Kuruštama eine wichtige Rolle spielen, weshalb er als Kuruštama-Vertrag bezeichnet wird.
Erneuter Brief der Königin und Unterredung mit einem ägyptischen Boten In der Zwischenzeit konnte Šuppiluliuma Karkamiš erobern, und nachdem er die dortigen Verhältnisse geordnet hatte, zog er ins Land Ḫatti zurück. Im darauf folgenden Frühling kam Ḫattušazidi aus Ägypten zurück, zusammen mit einem ägyptischen Boten namens Ḫani, der einen weiteren Brief der ägyptischen Königin überreichte:
Nach einer Lücke in der Überlieferung folgt die Schilderung eines Gesprächs mit dem Boten Ḫani:
Zannanzas Tod und Šuppiluliumas Reaktion Šuppiluliuma gab schließlich dem Begehren der ägyptischen Königswitwe nach und wählte einen Sohn aus. Er setzte einen Vertrag auf, der die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Ägypten und Ḫatti regeln sollte. Die schlecht erhaltene Tafel KUB 19.4 lässt erkennen, dass er seinen Sohn Zannanza nach Ägypten schickte, dieser aber möglicherweise ermordet wurde. Zumindest wird in den Šuppiluliuma-Annalen berichtet, dass irgendwelche Leute sagten „Sie haben den [Zannanza] getötet“ und die Nachricht brachten „Zannanza [ist gestorben]“.van den Hout: Der Falke und das Kücken. In: Zeitschrift für Assyriologie. Band 84, 1994, S. 82.
Immerhin ist der fragmentarische Entwurf eines Briefes Šuppiluliumas erhalten, der als Reaktion auf den offiziellen Bericht von ägyptischer Seite anzusehen ist, hier auszugsweise wiedergegeben:
Ein Vergeltungsschlag Šuppiluliumas war die zu erwartende Reaktion, hatten sich doch schon vor der Daḫamunzu-Affäre die ägyptisch-hethitischen Beziehungen mit dem Angriff auf Amka deutlich verschlechtert. Der Kronprinz Arnuwanda überschritt die ägyptische Grenze und machte Tausende von Kriegsgefangenen. Diese schleppten die Pest in Anatolien ein, an der auch Šuppiluliuma starb.F. Breyer: Ägypten und Anatolien. ... Wien 2010, S. 196.
Philologische Bemerkungen Daḫamunzu Der Name der ägyptischen Königin ist nicht bekannt. Der lange als ägyptischer Eigenname aufgefasste Ausdruck „Daḫamunzu“ ist nichts anderes als ein hethitischer Versuch, das Ägyptische t3-ḥm.t-nsw (ta-ḥemet-nesu „die Gemahlin des Königs“) wiederzugeben.Walter Federn: Daḫamunzu (= KBo V 6 III 8). In: Journal of Cuneiform Studies. Nr. 14, 1960, S. 33. Offensichtlich hatten die Hethiter einen Titel als Namen missverstanden.
Nibḫururia und Bibḫururia miniatur|hochkant|Echnaton und Nofretete, könnten Nibḫururia und Daḫamunzu sein. miniatur|hochkant|Tutanchamun ist ein anderer vorgeschlagener Kandidat für Nibḫururia.
Die Interpretation des Königsnamens bereitet ebenfalls gewisse Schwierigkeiten. Der König ist unter der Bezeichnung Bibḫururia (KBo V, 6, III, 7) und Nibḫururia (KBo XIV, 12, IV, 18) bekannt. Aus dem historischen Kontext kommen die folgenden Könige in FrageRegierungsdaten nach Jürgen von Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Die Zeitrechnung der ägyptischen Geschichte von der Vorzeit bis 332 v. Chr. Mainz 1997. Transkription der Thronnamen: Rainer Hannig: Grosses Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch (2800-950 v. Chr.). Die Sprache der Pharaonen. Mainz 2000. Übersetzung der Thronnamen: Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002.:
Amenophis IV./Echnaton, ca. 1351–1334 v. Chr., Thronname: Nfr-ḫprw-Rˁ (Nefer-cheperu-Ra), „Mit vollkommenen Gestalten, ein Re“ Semenchkare, ca. 1337–1333 v. Chr., Thronname: ˁnḫ-ḫprw-Rˁ (Anch-cheperu-Ra), „Mit lebendigen Gestalten, ein Re“ Tutanchamun, ca. 1333–1323 v. Chr., Thronname: Nb-ḫprw-Rˁ (Neb-cheperu-Ra), „Herr an Gestalten, ein Re“ Eje, ca. 1323–1319 v. Chr., Thronname: Ḫpr-ḫprw-Rˁ (Cheper-cheperu-Ra), „Der an Gestalt gestaltete, ein Re“