Der Historienfilm Iwan der Schreckliche I (Originaltitel Иван Грозный, transkribiert nach Duden-Regeln Iwan Grosny, wissenschaftliche Transliteration , wörtlich „Iwan der Gestrenge“Eckhard Weise: Sergej M. Eisenstein in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975, ISBN 3-499-50233-X, S. 137, Anm. 331.) von Sergei Michailowitsch Eisenstein umfasst das Leben des Zaren Iwan IV. von Russland (1530–1584) von seiner Selbstkrönung im Alter von 16 Jahren am 16. Januar 1547 bis zu seinem zeitweiligen Amtsverzicht im Herbst 1575 und der triumphalen Rückkehr auf den Thron Ende 1576.
Der Monumentalfilm besteht aus zwei Teilen. Der erste porträtiert Iwan „als begnadeten Volksführer“,Uwe Klußmann: Der zornige Zar. Er war belesen und extrem jähzornig: Iwan IV., „der Schreckliche“, schuf als Gewaltherrscher die Grundlagen des russischen Imperiums. In: Uwe Klußmann (Redakteur): Das Russland der Zaren (= Der Spiegel Geschichte. Heft 1/2012). Spiegel-Verlag, Hamburg [31. Januar] 2012, , S. 14–21, abgerufen am 11. Januar 2021. „als selbstbewußten Monarchen, als siegreichen russischen Helden“;Dieter Krusche unter Mitarbeit von Jürgen Labenski: Reclams Film-Führer. 5., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Reclam, Stuttgart 1982 [1. Auflage 1973], ISBN 3-15-010205-7, S. 259–261, hier 260. diese Darstellung seines „Aufstieg[s]“ – gipfelnd in seiner Legitimation als Alleinherrscher durch das Volk – wurde von Stalin gelobt und 1946 mit dem Stalinpreis erster Klasse ausgezeichnet. Der zweite Teil – teilweise in Farbe gedrehtDieter Krusche unter Mitarbeit von Jürgen Labenski: Reclams Film-Führer. 5., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Reclam, Stuttgart 1982 [1. Auflage 1973], ISBN 3-15-010205-7, S. 259–261, hier 261. – zeigt Iwans „Niedergang“ und seine „Schrecklichkeit“; dieser Teil wurde von Stalin verboten. Vom geplanten dritten Teil wurden nur vier Filmrollen gedreht,Eckhard Weise: Sergej M. Eisenstein in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975, ISBN 3-499-50233-X, S. 124. die bis auf einige (erst 1988 veröffentlichteÜber den Regisseur. In: [Beiheft zu] Panzerkreuzer Potemkin (= Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung). Bonn 2012, S. 8 f., hier 9 (Digitalisat als PDF-Datei).) Fragmente verloren gingenEckhard Weise: Sergej M. Eisenstein in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975, ISBN 3-499-50233-X, S. 125. oder vernichtet wurden.
Handlungsabriss Der 16-jährige Iwan, Großfürst von Moskau, krönt sich am 16. Januar 1547 zum Zaren. Zum Entsetzen der meisten Anwesenden – der Bojaren, seiner intriganten Tante Jefrossinija (die ihren schwachsinnigen Sohn Wladimir auf den Thron bringen will), den Gesandten europäischer Höfe, den kirchlichen Würdenträgern – kündigt er ein Drittes Rom an und Stärke nach innen und außen. Ein stehendes Heer soll aufgestellt werden, die Bojaren sollen dem Land dienen als Soldaten oder Geldgeber, die reiche Kirche soll ihren Teil beitragen für die ‚große Sache‘,Hier und sonst im Abschnitt Handlungsabriss in einfachen Anführungszeichen Wörter, die in der deutschen Synchronisation der DEFA von 1973 verwendet werden; vgl. Iwan der Schreckliche 1. In: Sergej M. Eisenstein: Meisterwerke. Icestorm Entertainment, [Berlin 2012], DVD 4. das russische Territorium soll vor Einfällen gesichert und vergrößert werden. Als innere Feinde wird er also die Bojaren und die Kirche bekämpfen müssen, als äußere das Khanat Kasan, die Krimtartaren, Livland, das Königreich Polen, das Großfürstentum Litauen (später Polen-Litauen) und die ‚ränkesüchtigen Deutschen‘.
Iwans Jugendfreund Fjodor Kolytschow zieht sich nach Iwans Hochzeit mit Anastassija als Mönch in ein Kloster zurück, Iwans Freund Andrei Kurbski (welcher Anastassija begehrt) kämpft als Feldherr im erfolgreichen Krieg gegen Kasan.
Als der Zar nach dem Feldzug lebensgefährlich erkrankt und sich dem Tode nahe glaubt, bittet er die Bojaren, seinem vor Kurzem geborenen Sohn Dmitri die Treue zu schwören; nicht seines oder seines Sohnes wegen, sondern damit die ‚Einheit des Reiches nicht leichtfertig gefährdet‘ werde. Alle wenden sich ab und wollen Wladimir zum Zaren bestimmen; nur Andrei Kurbski erkennt, dass Iwan überleben wird und bekennt sich scheinheilig zu Dmitri. Iwan wähnt nun, Kurbski sei sein einziger Freund und beauftragt ihn mit dem Krieg gegen Livland. Dabei wird Kurbski zum Verräter und läuft zum Feind über.
Anastassija wird von Jefrossinija vergiftet. Iwan erkennt den Mord nicht und zweifelt an seiner Sendung, wird aber von seinen Getreuen aus dem einfachen Volk, Maljuta Skuratow sowie Aleksei und Fjodor Basmanow wieder aufgerichtet. Auf ihren Rat hin rekrutiert Iwan die Opritschniki, Soldaten von niederer Herkunft, die ihm blind ergeben sind.
Iwan beschließt, sich zurückzuziehen und wieder auf den Thron zurückzukehren, wenn das gesamte Volk ihn zurückruft. Das Volk erscheint in einer langen Bittprozession und legitimiert Iwan somit als Alleinherrscher, der die ‚große‘ und ‚gnadenlose Sache‘ um des ‚russischen Reiches willen‘ fortsetzen wird.
Entstehungsgeschichte Zeitgenössischer Hintergrund: Die ‚patriotische Wende‘ der sowjetischen Politik Von den 1920er bis 1930er Jahren erfuhr die Sowjetunion einen ‚großen Umbruch‘: Die Diktatur einer Partei und Stalins konsolidierte sich, eine imperialistische Großmachtspolitik setzte ein, die Doktrin vom ‚Aufbau des Sozialismus in einem Lande‘ kam auf.Lilia Antipow: Sergej Eisenstein, „Iwan der Schreckliche [Teil I und II]“, Mosfil'm 1943/45 [24. Juli 2018] (= 100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte. Nr. 81). In: 1000dokumente.de, abgerufen am 11. Januar 2021, PDF-Datei, S. . Dementsprechend wandte sich die staatliche Führung ideologisch vom ‚proletarischen Internationalismus‘ ab und dem ‚Sowjetpatriotismus‘ zu und erschloss die russische Nationalgeschichte als Reservoir für Identifikationsangebote an die Gesellschaft: russische ‚Helden‘ wie Alexander Newski und Iwan IV. wurden neu entdeckt.
Vorproduktion, Szenarium und Drehbuch Eisenstein war Künstlerischer Leiter der Mosfilm-StudiosEckhard Weise: Sergej M. Eisenstein in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975, ISBN 3-499-50233-X, S. 121. und Lehrer am Moskauer Filminstitut, als ihm 1941 der führende Kulturfunktionär Andrei Schdanow Stalins Auftrag überbrachte,Lilia Antipow: Sergej Eisenstein, „Iwan der Schreckliche [Teil I und II]“, Mosfil'm 1943/45 [24. Juli 2018] (= 100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte. Nr. 81). In: 1000dokumente.de, abgerufen am 11. Januar 2021, PDF-Datei, S. .O. B. [Oksana Bulgakowa]: Iwan der Schreckliche I und II. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker. Beschreibungen und Kommentare. Band 1: 1913–1946. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009416-X, S. 490–494, hier 491. einen Film über Iwan Grosny zu drehen. Der Film sollte nach einer Darstellung „das Streben des russischen Volkes unter Iwan IV. nach einem zentralistischen, nationalen Staat [thematisieren] und damit“ zeigen, wie der „in Alexander Newski erfolgreich dargestellte[] Kampf[] für die Einheit und Unabhängigkeit des Volkes“ fortgesetzt wurde, nach einer anderen „eine Allegorie des sowjetischen Führers [Stalin] und des ‚sozialistischen Übermenschen‘ [bieten]“ und nach einer dritten „ein Alibi für den politischen Terror [liefern]“.
Zuvor hatte man Eisenstein zwei Mal angeboten, „Stalins Biographie zu verfilmen, nun sollte er Stalin nicht direkt, sondern vermittelt über den Zaren Iwan porträtieren“.
Für Eisenstein war Iwan Grosny allerdings kein bloßes Auftragswerk. Schon in den 1920er Jahren hatte die Figur ihn beschäftigt. Nun fielen für ihn in diesem Filmprojekt das „Interesse der Epoche“ und das „Interesse eines einzelnen Menschen“ zusammen.
Der Regisseur bereitete den Film vor, indem er „Chroniken, Geschichtsdarstellungen, Volkslieder und Legenden – das gesamte über Iwan verfügbare Material [studierte]“. Die Planungen sahen zuerst zwei Teile vor: der erste sollte sich konzentrieren auf „die Ereignisse um die Besiegung der Tataren in Kasan und damit die Befreiung von über zweihundertjähriger Fremdherrschaft“ und der zweite auf den Livländischen Krieg. Erst 1945 beschloss Eisenstein, den Krieg in einem dritten Teil darzustellen und den zweiten Teil zu fokussieren auf den Kampf Iwans und „seiner neugegründeten Leibgarde […] gegen die Intrigen der Bojaren“.
Eine Absicht Eisensteins war es, das gängige Bild Iwans als einer „wilden Bestie“ zu korrigieren. „[D]ie strengen Maßnahmen Iwans und seine unnachgiebige Festigkeit zum Schutze der Interessen des Reiches gegen die Eigeninteressen und die unabhängige Macht der Bojaren“ seien von diesen „bedrängten Feudalherren […] als übernatürliche Bosheit und krankhaftes Verlangen nach Blut“ geschmäht worden und Iwans Widersacher hätten sich „nicht [gescheut], ihre Zuflucht zu Verrat und Verschwörung zu nehmen“.Sergei Eisenstein: Unsere Arbeit am Film. In: Iswestija, 4. Februar 1945. Deutsche Übersetzung in: Fritz Puhl: Iwan der Schreckliche. [Erster Teil] (= Die kleine Filmkunstreihe. Heft 62). Neue Filmkunst Walter Kirchner, Göttingen 1967, . Hier zitiert nach: Eckhard Weise: Sergej M. Eisenstein in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975, ISBN 3-499-50233-X, S. 121. Eisenstein wollte Iwans „historische Rolle von Grund auf neu [sehen]“ und nannte ihn „mit den Worten des russischen Historikers Kavelin einen ‚Dichter der staatlichen Idee‘“.Evgenij Margolit: Der Film unter Parteikontrolle. In: Christine Engel (Hrsg.): Geschichte des sowjetischen und russischen Films. Metzler, Stuttgart/Weimar 1999, ISBN 3-476-01546-7, S. 68–108, hier 103.
Damit entsprach Eisensteins Konzeption der Darstellung Iwans IV. in dem Werk Iwan Grosny des Historikers Robert Wipper (ursprünglich 1922, 2. Auflage Taschkent 1942).Lilia Antipow: Sergej Eisenstein, „Iwan der Schreckliche [Teil I und II]“, Mosfil'm 1943/45 [24. Juli 2018] (= 100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte. Nr. 81). In: 1000dokumente.de, abgerufen am 11. Januar 2021, PDF-Datei, S. .Deutsche Übersetzung: R[obert] J. Vipper: Iwan Grosny. [Nach der 3. russischen Auflage, diese ist gegenüber der 2. Auflage 1942 teilweise ergänzt. Übertragen von Maximilian Schick und E. Sokolowa.] Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1947, . Bei Wipper „dominierte die Würdigung des Zaren als eines [der] ‚hervorragendsten Politiker[] de[r] europäischen Geschichte des 16. Jahrhunderts‘“, was „in der Stalin-Zeit offiziell [als] mustergültig[]“ galt.
Im Sommer 1941, kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, wurden die Mosfilm-Studios und das Filminstitut ins zentralasiatische Alma-Ata evakuiert. Dort stellte Eisenstein im Sommer 1942 sein Szenarium fertig.Eckhard Weise: Sergej M. Eisenstein in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975, ISBN 3-499-50233-X, S. 122.
Zuvor hatten seine Ideen vor allem in „Stöße[n] von Zeichnungen Gestalt“ angenommen,Sergei Eisenstein: Aus der Werkstatt eines Regisseurs. In: Ders.: Vom Theater zum Film. [Berechtigte Übersetzung nach der amerikanischen Ausgabe von Marlis Pörtner.] Arche, Zürich 1960, , S. 101. Hier zitiert nach: Eckhard Weise: Sergej M. Eisenstein in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975, ISBN 3-499-50233-X, S. 121. in über 2.000 Skizzen. Eisenstein verwendete und „verwandelt[e]“O. B. [Oksana Bulgakowa]: Iwan der Schreckliche I und II. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker. Beschreibungen und Kommentare. Band 1: 1913–1946. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009416-X, S. 490–494, hier 492. in ihnen „Formen der abendländischen Malerei (El Greco, Piranesi), des russischen und japanischen Theaters, des deutschen expressionistischen Films (auch Paul Lenis Wachsfigurenkabinett […], in dem Conrad Veidt den Zaren Iwan spielte)“.