mini|Animation des Musculus Sternocleidomastoideus|300x300px Der Musculus sternocleidomastoideus, kurz auch Sternocleidomastoideus (SCM; latinisierte Form aus dem Altgriechischen für Muskel zwischen Brustbein, Schlüsselbein und der Schädelbasis) oder deutsch KopfwendermuskelDetlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden. Verlag Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 40 (zu Regiones colli). ist ein Skelettmuskel der oberflächlichen Schicht der bauchwärts (ventral) gelegenen Halsmuskulatur.
Nach Entwicklung und Innervation gehört der Sternocleidomastoideus zur Muskelgruppe des Trapezius.
Terminologie Der Kopfwendermuskel bzw. Sternocleidomastoideus, umgangssprachlich auch „Sternocleido“ genannt, wird konventionell nach seinen beiden Ursprungsstellen (Sternum und Clavicula) und seinen Ansätzen am Processus mastoideus und dem Occiput benannt. Korrekter wäre laut Kapandji die Bezeichnung „M. sterno-cleido-occipito-mastoideus“Kapandji 2016: Konstitution und Funktion des Musculus sternocleidomastoideus. Band 3, Seite 246–247..
Im Deutschen wird auch vom „großen Kopfwender“ oder vom „Kopfnicker“ gesprochen, wobei „Kopfhalter“Sieglbauer 1963, S. 219. korrekter wäre.Hyrtl 1865, S. 435–437.
Embryologie (Entwicklungsgeschichte) Der Nervus accessorius war ursprünglich die hinterste Komponente des Nervus vagusBraus 1921, S. 750.. Folglich kann der Musculus sternocleidomastoideus zu den Vagusmuskeln bzw. zu den Muskeln des Kiemenbogens gezählt werden. Hierzu gehört auch der Musculus trapezius, „wie beim menschlichen Embryo zu sehen ist, wie aber auch aus gelegentlichen Verlagerungen von Hautnerven, die das Muskelblastem durchbohren, zeitlebens erhellt“. Ein weiterer Beleg dafür, dass der M. trapezius und der M. sternocleidomastoideus ursprünglich reine Kopfmuskeln und nur sekundäre Rumpfmuskeln sind, wird auch in dem Umstand gesehen, dass gelegentlich der Nervus occipitalis minor einen Umweg durch die vordere Randpartie des M. trapezius absolviertBraus 1921, S. 751.. zentriert|mini|Entwicklung des M. sternocleidomastoideus.
Deskriptive Anatomie Der Sternocleidomastoideus ist der für den Menschen charakteristische Halsmuskel, der in kontrahiertem Zustand die Seitenfläche des Halses diagonal kreuzend, als deutlicher Strang zu sehen ist. Dadurch, dass der Muskel an seinem Ursprung frontal, an seinem Ansatz dagegen annähernd sagittal gestellt ist, zieht er in einer halben Schraubenwindung – schief nach vorne, abwärts und innen – um die Seitenfläche des Halses.
Der Sternocleidomastoideus liegt in einem eigenen Faszienschlauch (Muskelloge), ähnlich dem Musculus sartorius am Bein und dem Musculus pronator teres am Arm.Hahn von Dorsche / Dittel 2006, S. 491.
Am Sternum liegen beide Musculi sternocleidomastoidei dicht beieinander, am Kopf liegen beide weit voneinander entfernt. Somit bilden beide Muskeln eine V-förmige Form.
Die Muskelfaszie wird von der Lamina superficialis der Fascia colli gebildet und ist zum einen mit der derben Fascia nuchae und zum anderen mit der Kapsel der Parotis verbunden, sodass der Muskel „am Lebenden vom Unterkiefer zu kommen scheint“.
mini|Bereits Leonardo da Vinci hat den M. sternocleidomastoideus korrekt dargestellt.
Der Muskel ist aus zwei übereinander gelegten Schichten/Köpfen zusammengesetzt: einen seitlichen (Caput laterale = Pars clavicularis) und einen zur Körpermitte hin gelegenen Kopf (Caput mediale = Pars sternalis). Die Pars clavicularis wird proximal von der medialen Partie überdeckt, kommt etwa auf halber Höhe als breites Band seitlich hervor und setzt distal mit einer kurzen Sehne am Brustbeinende des Schlüsselbeins an. Die oberflächlich gelegene Pars sternalis geht kurz vor ihrem Ansatz am oberen Rand des Brustbeins (Manubrium sterni medial vom Schlüsselbeingelenk) in eine kurze rundliche Sehne über.Mollier 1924, S. 286 Laut der Auffassung von Kapandji sind insgesamt vier Muskelbäuche zu unterscheiden, welche jedoch „in vivo weitgehend miteinander verwoben sind“ (siehe Ursprung und Ansatz).
Durch seine oberflächliche Lage tritt der Muskel bei vielfältigen Bewegungen und Haltungen hervor. Bereits Leonardo da Vinci hat die Struktur und Funktion des Sternocleidomastoideus detailliert wiedergegeben.
Ursprung Der Ursprung des seitlichen Kopfes (des zweiköpfigen Muskels) liegt an der Oberkante und Vorderfläche des zur Körpermitte gelegenen Drittels des Schlüsselbeines (Clavicula). Von dort laufen seine fleischigen und sehnenplattenartigen (aponeurotischen) Fasern fast vertikal nach oben.mini|Ursprung M. sternocleidomastoideusDer zur Körpermitte hin gelegene Muskelkopf entspringt an der Vorderfläche des so genannten Handgriffes (Manubrium sterni) des Brustbeines (Sternum). Von dort laufen seine Fasern nach kopfwärts (kranial), seitlich (lateral) und rückenwärts (dorsal).
Die Ursprünge beider Muskelköpfe sind durch einen dreieckigen Spalt voneinander getrennt (Fossa supraclavicularis minor), der beim Menschen zwischen den beiden Köpfen zu tastenDetlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden. Verlag Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 44 (zur Regio sternocleidomastoidea). ist. Im weiteren Verlauf vereinigen sie sich etwa in der Mitte des Halses zu einem dicken, rundlichen Muskelbauch.
Ansatz Der Ansatz des großen Kopfwenders liegt zum größten Teil an der Außenseite des – beim Menschen prominent ausgebildeten – Warzenfortsatz (Processus mastoideus) des Schläfenbeines (Os temporale). Über eine dünne Sehnenplatte setzt er weiterhin an der seitlichen Hälfte der oberen Nackenlinie (Linea nuchae superior) des Hinterhauptbeines (Os occipitale) an.mini|Ansatz der Pars clavicularis des M. sternocleidomastoideusIm Ansatzbereich strahlt inkonstant der M. transversus nuchae in den Muskel hinein.
Topographische Anatomie Der Muskel in der Regio sternocleidomastoides ist am gestreckten Hals durch die Haut sichtbar, da er alle unter ihm liegenden Halsmuskeln umgurtet. Er wird vom Platysma überlagert und kreuzt sich mit folgenden, unter ihm verlaufenden, Muskeln, wie u. a.: Splenius capitis, Digastricus, Levator scapulae, Scaleni und Omohyoideus. In der Tiefe liegt u. a. der M. longus colli.
Das über dem M. sternocleidomastoideus liegende Halsgebiet wird als Regio sternocleidomastoidea bezeichnet und trennt seitliche (Regio colli lateralis) und vordere Halsgegend (Regio colli anterior).Vgl. auch Detlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden. Verlag Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 40 (Regiones colli). mini|Topographie schematisch. Der Muskel bedeckt und schützt den Plexus cervicalis und die großen Gefäße des Halses.
Am Übergang vom oberen zum mittleren Drittel des Muskels liegt der Eintritt (Hilus), wo der N. accessorius durch den Sternocleidomastoideus hindurchtritt und dann weiter zum M. trapezius zieht.
Auf der Hälfte seiner Länge ist am Vorderrand die A. carotis gelegen (dort, wo man den Puls tasten kann!). Auf der Hälfte seiner Länge ist am Hinterrand das Punctum nervosum (Erbscher Punkt) zu finden. Von dort aus zweigen sich sternförmig die sensiblen Äste des Plexus cervicalis ab: N. occipitalis minor, N. auricularis magnus, N. transversum colli und Nn. supraclaviculares.
Zudem überlagert der Muskel die seitlichen Abschnitte der SchilddrüsenlappenHyrtl 1865, S. 437.. mini|Topographische Anatomie des M. sternocleidomastoideus. Beachte den faserhaften Ansatz der Pars sternalis („Sehnenzwickel“).
Versorgung Die Innervation erfolgt durch den Nervus accessorius und Rr. ant. des Plexus cervicalis aus den Segmenten (C1) C2 - 4.
Die Blutversorgung erfolgt über den Ramus sternocleidomastoideus.
Funktionelle Anatomie Die statische Aufgabe des Sternocleidomastoideus ist es, den Kopf zu halten„Ist der Sternocleidomastoideus durchschnitten, so hat der Kopf seinen Halt verloren. Er taumelt [dann] auf der Wirbelsäule [...]“ aus: Hyrtl 1865, S. 437. bzw. „zusammen mit den Nackenmuskeln den Kopf in seinem labilen Gleichgewicht auf der lordotischen Halswirbelsäule ausbalanciert und am Vornüberfallen hindert“. Zudem spielt er zusammen mit den prävertebralen Halsmuskeln, v. a. dem M. longus colli.
Darüber hinaus bewirkt bei einseitiger Kontraktion eine seitliche Neigung (Lateralflexion) des Kopfes in Richtung der Schulter zur gleichen Seite. Gleichzeitig findet – v. a. durch die Wirkung der Pars clavicularis – eine Drehung (Rotation) zur Gegenseite statt.Mollier 1924, S. 288 Folglich dreht der rechte M. sternocleidomastoideus den Kopf nach links und neigt den Kopf etwas rechts („Kopfnicker“). Zudem wird eine leichte Streckung (Extension beziehungsweise Reklination) nach hinten durchgeführt; diese – in der Sagittalebene (d. h. bei Streckung und Beugung des Kopfes) – Wirkung fällt in Neutral-Null-Stellung aber nur gering aus.Hoepke 1961, S. 110–112
In Bezug auf die Halswirbelsäule führt der Muskel in Neutral-Null-Stellung eine Extension in der oberen Halswirbelsäule und eine Flexion in der unteren Halswirbelsäule durch. Bei reklinierter Halswirbelsäule-Stellung verstärkt sich die extendierende Wirkung, wobei die vordersten Muskelanteile auch dann noch eine Flexion durchführen. Andersherum findet bei flektierter Halswirbelsäule-Stellung vor allem eine flektierende Wirkung statt, wobei die hintersten Muskelfasern auch dann noch eine Extension in der oberen Halswirbelsäule durchführen.Mollier 1924, S. 286–287
Ist der Kopf und die Halswirbelsäule durch andere Muskeln festgestellt, der Sternocleidomastoideus – ähnlich wie der M. scalenus anterior, der M. scalenus medius und der M. scalenus posterior – den Schultergürtel durch seine Wirkung auf das Brustbein und das Schlüsselbein hochziehen.Kapandji 2016, Band 3, Seite 172 Hiermit wirkt er agonistisch mit dem Schulterblattheber (M. levator scapulae) und dem oberen Anteil des M. trapeziusHoepke 1961, S. 104–106. Auf diese Weise kann er als Atemhilfsmuskel bei der Inspiration gebraucht werden. Andersherum kann er auch einer Senkung des Brustbeins und der Rippen (etwa durch den Zug der Bauchmuskeln) entgegenwirken.
Bei beidseitiger Kontraktion wird der Kopf nach dorsal gekippt und somit das Gesicht angehoben. Die Halswirbelsäule wird in eine Hyperlordose gebracht und der gesamte Mensch in eine Rückneige gebracht. Ist die Flexion der Halswirbelsäule hierbei fixiert, so findet eine Kombinationsbewegung aus Flexion der unteren Halswirbelsäule und Extension der oberen Halswirbelsäule statt: gewissermaßen wird der Kopf nach vorne verschoben.Mollier 1924, S. 287 In Ruhe wirken die Mm. sternocleidomastoidei durch ihren Tonus dem nach hinten gerichteten Zug der kleinen Nackenmuskeln entgegen.
Auf dem Rücken liegend hebt der Muskel den Kopf bis auf das Niveau des Sternums an. Die vielfältigen Wirkungen des Muskels werden z. B. auch beim Anheben der Arme deutlich: Werden diese gestreckt hinter den Kopf geführt, so wird durch seine Anspannung das Gleichgewicht bewahrt. Dies kann durch ein Anheben des Brustkorbes sowie durch die antagonistische Wirkung zum M. trapezius erklärt werden.
Der Sternocleidomastoideus ist Teil der Muskelkette bzw. Muskelschlinge, die vom M. auricularis posterior beginnt und über den M. sternalis, M. rectus abdominis, M. gracilis bis zum „Steigbügel“ am Fuß verläuft.Hahn von Dorsche / Dittel 2006, S. 481.
Seine alltägliche Wirkung für das „Muskelspiel“ des Menschen ist besonders beim Balancieren und Tragen von Lasten auf dem Kopf, wo alle Halsmuskeln gleichsam angespannt werden, zu studieren.Kapandji 2016: Agonismus-Antagonismus der prävertebralen Muskeln mit dem Musculus sternocleidomastoideus. Band 3, Seite 274–275.
Klinische Anatomie Bei einer einseitigen Kontraktur des Muskels entsteht das charakteristische Bild des Schiefhals bzw. Caput obstipum: Der Blick ist nach oben und in die entgegengesetzte Richtung des kontrahierten Muskels geneigt.