mini|Ingo Schulze 2026 Ingo Schulze (* 15. Dezember 1962 in Dresden) ist ein deutscher Schriftsteller und seit dem 3. November 2023 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Leben Schulze, Sohn eines Physikers und einer Ärztin, wuchs nach der Scheidung der Eltern bei seiner Mutter auf. Nach seinem 1981 an der Dresdner Kreuzschule bestandenen Abitur absolvierte er den Grundwehrdienst in der NVA; bis 1988 studierte er Klassische Philologie und Germanistik an der Universität Jena.

Anschließend war Schulze für zwei Jahre als Dramaturg am Landestheater Altenburg, das er verließ, um als Journalist zu arbeiten: 1990 war er Mitbegründer der „unabhängigen Zeitung“ Altenburger Wochenblatt, die bis Herbst 1991 erschien, sowie eines Offertenblatts namens Anzeiger; beide wurden im Altenburger Verlag publiziert, dessen Geschäfte Schulze bis Ende 1992 leitete.

In der Wendezeit 1989/90 engagierte er sich in der Bürgerbewegung Neues Forum.Schriftsteller Ingo Schulze: Meine prägenden Jahre in Altenburg, Moderation: Liane von Billerbeck, deutschlandfunkkultur.de, 10. März 2019

Anfang 1993 ging er im Auftrag eines Geschäftsmannes nach Russland, wo er in Sankt Petersburg die Annoncenzeitung Привет Петербург (Gruß Dir, Petersburg) lancierte.

Seit Mitte der 1990er-Jahre lebt Schulze als freier Schriftsteller in Berlin. Aus seiner ersten Ehe hat er zwei Töchter. In zweiter Ehe ist Schulze mit der Literaturwissenschaftlerin Jutta Müller-Tamm verheiratet.

Seit 2006 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin und seit 2007 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Außerdem ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste sowie des PEN-Zentrums Deutschland, seit 2022 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Künste von Bosnien und Herzegovina.

Im Herbst 2019 kuratierte Ingo Schulze das forum:autoren auf dem Literaturfest München. Sein Motto lautet „Einübungen ins Paradies. Fragen an die Welt nach 1989“.

Werk mini|Ingo Schulze 2004

Romane

Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz

Mit Simple Storys – Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz (1998) richtet Ingo Schulze seinen Blick auf die mit dem Beitritt der DDR zur BRD verbundenen Folgen – Privatisierungen, massenhafte Arbeitslosigkeit, schnelle Angleichung an eine kapitalistische Marktwirtschaft und Zusammenbruch vertrauter DDR-Strukturen. Der Roman gilt bis heute als eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse der sogenannten deutschen Wendeliteratur.

Simple Storys spielt in der thüringischen Kleinstadt Altenburg, wo Schulze als Dramaturg und Zeitungsgründer und -redakteur von 1988 bis 1992 gearbeitet hat, und entwickelt ein Panorama unterschiedlichster Lebensläufe der Einwohner – Kellnerin, Taxiunternehmer, Journalistin, Ärztin, Lehrer – dieser Stadt. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbruch der Zeit spiegelt sich in kleinen, unscheinbar wirkenden Alltagsszenen, in denen die Orientierungslosigkeit der Figuren sowie ihre „fortschreitende Vereinzelung“ zum Ausdruck kommt. Alle Figuren scheinen angesichts des Verlusts ihrer einstigen Gewissheiten und der plötzlich fremd gewordenen Heimat „aus der Welt gefallen“ zu sein.

Das durchgehende Erzählen aus den wechselnden Innenperspektiven einzelner Figuren macht deren Verlorenheit für die Lesenden auf besonders eindringliche Weise erfahrbar, nicht zuletzt, weil sich die kalkulierte Verwirrung der mosaikartigen Erzählweise auch auf die Lesenden überträgt. Formal besteht das Buch aus 29 lose miteinander verknüpften Kurzgeschichten, die weder durch eine durchgehende Handlung noch durch eine Hauptfigur zusammengehalten werden. Die einzelnen Figuren kennen sich nur flüchtig, begegnen sich im Laufe des Romans, ihre Schicksale überschneiden sich. Pate gestanden haben dabei vor allem die amerikanischen Short Storys Ernest Hemingways und Raymond Carvers, deren Ton Ingo Schulze entlehnt und auf die ostdeutsche Provinz nach 1989 anwendet. Günter Grass würdigte Schulze nach Erscheinen des Werkes als einen der „großartigen Erzähler“Focus: 4. Oktober 1999. der neuen Bundesländer.

Mit Simple Storys beginnt Ingo Schulzes eingehende literarische Untersuchung des West-Ost-Verhältnisses, das er auch in seinen späteren Romanen wiederholt aufnehmen wird.

Neue Leben – Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze

Das Thema des Beitritts steht erneut im Mittelpunkt von Ingo Schulzes 2005 erschienenem Roman Neue Leben, wieder ist Altenburg Schauplatz der Handlung, allerdings rücken hier auch die Jahrzehnte vor dem Mauerfall in den Fokus des Erzählens. Die Zeit vor und die Zeit nach dem Mauerfall werden einander gegenübergestellt, was zu einer kritischen Hinterfragung beider Systeme führt und eine „Entzauberung der gewendeten Welt“ bewirkt. Schulze erweist sich auch in diesem Roman als „ein sorgfältiger Erzähler“ in der Tradition E.T.A. Hoffmanns, ohne dabei „in Klamauk, Manierismus oder Meinung Erleichterung zu suchen“ (Radisch). Die Lebensgeschichte Enrico Türmers und seine Entwicklung vom angehenden Künstler im alten zum zunächst erfolgreichen, dann gescheiterten und getürmten Geschäftsmann im neuen System paraphrasiert zugleich den Faust-Mythos. Der Weg vom Schriftsteller zum Besitzer eines Anzeigenblatts steht hierbei sinnbildlich für den Weg von der alten in die neue Zeit. Geführt wird der ostdeutsche Faust durch den mephistophelischen Clemens von Barrista, einen Unternehmensberater, der sein Ansehen vor allem daraus bezieht, dass er den Erbprinzen in die alte Residenzstadt zurückbringt.

Enrico Türmer ist in Neue Leben der Erzähler seines eigenen Lebens. In Briefen an seine Schwester Vera, den Jugendfreund Johann Ziehlke und die von ihm geliebte Fotografin Nicoletta Hansen aus Bamberg entwickelt Türmer ein Panorama seines Lebens, das voller Stolpersteine und Fallstricke steckt. Die feste Bindung des Erzählens an die Perspektive Türmers lässt das Erzählte stets ambivalent und fragwürdig erscheinen, zumal der Inhalt des Erzählten oftmals von der jeweils adressierten Person abhängig erscheint. Das Ambivalente wird zusätzlich durch die Figur des keineswegs sympathischen und vertrauenserweckenden Herausgebers der Briefe namens Ingo Schulze verstärkt, dessen Kommentare als durchaus übergriffig erscheinen. Dadurch entspinnt sich allmählich ein erzählerisches Spiel, das auch das Verhältnis von Literatur und Geschichte und die Problematik des Habhaft-Werdens der Geschichte durch den Roman thematisiert.

Der Anhang des Romans setzt dieses Spiel fort, denn dort sind frühere erzählerischen Versuche Enrico Türmers abgedruckt, auf deren Rückseite er seine Briefe geschrieben hat, ein deutlicher Hinweis und zugleich eine Reverenz an E.T.A. Hoffmanns Roman Kater Murr. Somit wird auch im Anhang das Spiel mit den endlosen Spiegelungen fortgeführt.

Adam und Evelyn

In Adam und Evelyn (2008) treibt Ingo Schulze sein Spiel mit der Untergrabung der gängigen, stereotypen Vorstellungen vom Osten und vom Westen fort. Die im Titel angekündigte biblische Geschichte von den ersten Menschen wird dabei in den Sommer vor dem Mauerfall im Jahr 1989 verlegt. Der Damenschneider Adam, der zu seinen Kundinnen mehr als nur professionelle Beziehungen unterhält, fühlt sich in seinem Haus inmitten eines paradiesischen Gartens am richtigen Platz, zumal er an politische Veränderungen glaubt, an eine Reform der DDR. Evelyn hingegen fühlt sich in Adams Paradies eingeengt und immer unwohler. Nachdem sie Adam mit einer Kundin in flagranti erwischt hat, macht sie sich mit Freunden auf den Weg nach Ungarn zum Balaton, um mit ihnen dort den Urlaub zu verbringen. Um Evelyn zurückzugewinnen, fährt Adam ihr hinterher. Durch die sich ankündigende Grenzöffnung Ungarns gen Westen prallt diese persönliche Liebesgeschichte jedoch mit der großen Weltgeschichte zusammen. Die Vertreibung Adams aus dem Paradies steht der Flucht Evelyns in den paradiesischen Westen gegenüber, mit allen sich daraus für die beiden Figuren ergebenden Folgen.

Ingo Schulze erweist sich hierbei wiederholt als ein Erzähler „ohne dogmatisches moralisches Koordinatensystem, (…) der seine Figuren vor immer neue, hoch ambivalente Lebensentscheidungen stellt, auf die es für sie nie die einzig richtige Antwort gibt“. Es geht Schulze nicht um Urteilssprechung, er möchte vielmehr zeigen, dass Literatur stets „von den Widersprüchen und der Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrheiten“ lebt. Die Urteile über die Figuren verändern sich, „je nachdem aus welcher Perspektive man sie betrachtet“. Ausgehend von seinen eigenen, äußerst genauen Beobachtungen stellt er auch seine Figuren der Beobachtung aus, ohne nach Kohärenz oder Schlüssigkeit in ihrem Verhalten oder ihrem Verhältnis zur Welt zu streben, d.h, ohne sie zu erklären. Die daraus resultierende Ambivalenz und Deutungsoffenheit lässt die Leserinnen und Leser nicht zu Konsumenten erstarren, sondern macht sie zu Gesprächspartnern.

Der Roman stand 2008 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde 2018 von Andreas Goldstein verfilmt.

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Peter Holtz, der Held des 2017 erschienen gleichnamigen Schelmenromans, ist, wie alle Schelme, unbelehrbar und unveränderbar, vor allem in seiner Haltung zur Welt. Damit wandelt er eindeutig auf den Spuren seiner literarischen Vorgänger wie Simplicius Simplicissimus oder Oskar Matzerath. Peter ist, nomen est omen, recht einfach gestrickt, ein wahrer „Holzkopf“, dementsprechend ist auch das Erzählen aus der Perspektive des Helden schlicht und als eine „Art einfacher Erlebniserzählung, ohne formale Experimente und sprachliche Irritationen“ aufgebaut. Zudem ist er auffallend buchstabengläubig, und so versucht er unbeirrbar, die DDR an ihren eigenen Idealen und Doktrinen zu messen und sie an ihnen auszurichten, nach dem Mauerfall möchte er die Revolution in den Westen tragen. Als Helmut Kohl am 19. Dezember in Dresden spricht, ist Peter zutiefst irritiert über die Reaktionen der Menge und läuft in seiner Verwirrung vor ein Auto. Er wacht erst im Juli 1990 wieder aus seinem Koma auf und ist – da er viele alte Mietshäuser von ihren Inhabern in der DDR geschenkt bekommen hat, weil diese mit der Instandhaltung überfordert waren – nun plötzlich ein vielfacher Hausbesitzer, sprich: ein D-Mark-Millionär, und dann ein unerbittlicher Gegner des kapitalistischen Systems.

Nach einer Zeit der Ratlosigkeit sieht er sein neues Ziel darin, als verantwortungsvoller Unternehmer die Gesellschaft voranzubringen in Richtung Kommunismus. Doch alles, was er unternimmt, bringt ihm zwar immer mehr Geld ein, doch die Welt ändert sich dadurch, wie Peter findet, eher zum Schlechten.

Als seine Lebensaufgabe hat Peter sich nichts weniger als die Abschaffung des Geldes auserkoren, denn dies wäre ja die Verwirklichung des sozialistischen Staates schlechthin. Während er jedoch in seinem innersten Kern stets derselbe bleibt, durchläuft er äußerlich eine erstaunliche Entwicklung durch – vom Fast-Tellerwäscher zum Multimillionär. Dazwischen ist er unter anderem noch Rocksänger, Stasi-Spitzel, Maurer, gläubiger Kommunist und gläubiger Christ, Mitglied der CDU-Blockpartei, mehrfacher Immobilienbesitzer und Geld verbrennender Performance-Künstler. Die Welt, sowohl die sozialistische als auch die kapitalistische, erweist sich nämlich als ein zäher, unbezwingbarer Gegner. Am Ende findet Peter seinen Platz in der Gesellschaft und somit sein Glück nicht. Er endet – wie könnte es anders sein – in einer geschlossenen Einrichtung, denn die Kluft zwischen ihm und der Welt erweist sich als zu groß.

Trotzdem, oder gerade deshalb, ist dieser Roman in seiner unerschütterlichen Heiterkeit der humorvollste und genüsslichste Roman Ingo Schulzes. Peter Holtz „sprüht vor geistvollen Dialogen, einfallsreichen Überraschungen und sarkastischen Seitenhieben“, die jedoch nicht nur die Komik, sondern auch die stets spürbare Lebendigkeit dieses Romans bedingen.