mini|hochkant=1.3|Zahnfüllung aus Silber-Amalgam
Eine Amalgamfüllung, umgangssprachlich auch „Plombe“ (von ) genannt, ist eine Zahnfüllung aus Quecksilberlegierungen. Es ist kein spezifisches Material, sondern eine Werkstoffgruppe.
Geschichte Es gibt Hinweise darauf, dass Zahnamalgam bereits zu Beginn der Tang-Dynastie () in China (618–907 n. Chr.) als Füllungsmaterial verwendet wurde, wie man Schriften des chinesischen Arztes Su Kung () aus dem Jahre 659 entnehmen kann. Als „silberner Teig“ kehrt Amalgam im Ta-Kuan Pent-ts'ao () um 1107 wieder. Auch in der Ming-Periode () wird die Legierung 1505 und 1596 (von Li Shi-Zhen ) erwähnt. 1505 beschreibt Liu Wen t'ai () die genaue Zusammensetzung: „100 Teile Quecksilber, 45 Teile Silber und 900 Teile Zinn, die in einem eisernen Topf zu verrühren sind.“.G. Bjørklund: [The history of dental amalgam]. In: Tidsskrift for den Norske lægeforening: tidsskrift for praktisk medicin, ny række, Dezember 1989 Band 109, Nr. 34–36, S. 3582–3585, PMID 2694433. Der Stadtarzt von Ulm, Johann Stocker, erwähnt die Füllung in seinem Buch Ad dolorem dentium von 1513, in seinem Arzneibüchlein Praxis aurea von 1528 ist ein Rezept überliefert, und eine Amalgamfüllung wurde bei Anna von Braunschweig nachgewiesen. Er benennt die Paste auch erstmals als Amalgam.
Die erste Verwendung in neuerer Zeit wird dem Zahnarzt I. Regnart im Jahre 1818 zugeschrieben, wobei dies umstritten ist und auch die Namen Thomas Bell und Taveau genannt werden. Seit 1820 wurde es, das teure zuvor übliche GoldUllrich Rainer Otte: Jakob Calmann Linderer (1771–1840). Ein Pionier der wissenschaftlichen Zahnmedizin. Medizinische Dissertation, Würzburg 2002, S. 22. ersetzend, massenhaft als Füllungsmaterial verwendet. Zahnärztliches Amalgam entsteht durch das Vermischen, sogenanntes Triturieren, von jeweils etwa 50 % reinem Quecksilber und einer Feilungsmischung verschiedener Metalle zu einer plastischen Masse, die nach kurzer Zeit (ca. 3–5 Minuten) erhärtet. Im Laufe der Zeit wurden Zusammensetzung und Verarbeitung grundlegend weiterentwickelt.
Verwendung als Zahnfüllung
Eine häufige Anwendung der Amalgame ist die Verwendung als Füllung für Zähne, heute ausschließlich in der Form von Silberamalgam („Edelamalgam“), das den Namen wegen seines Silberanteils erhielt. Silberamalgam hat das überwiegend vorher verwendete Kupferamalgam ersetzt, das als zweiten Hauptbestandteil Kupfer statt Silber enthält und bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenfalls als Material für Zahnfüllungen verwendet wurde. Wegen seiner geringeren chemischen Beständigkeit und der umweltschädlichen Verarbeitung (es wurde vorgemischt geliefert und musste zur Verarbeitung durch Erhitzen erweicht werden) ist es Silberamalgam unterlegen.
Silberamalgame bestehen zu 50 % aus Quecksilber und zu 50 % aus einer sogenannten Feilmischung. Früher verwendete Mischungen (Gamma-2-haltige Amalgame) waren schwächer beanspruchbar und wegen der Gamma-2-Phase (Quecksilber-Zinn-Phase, Sn8Hg) korrosionsanfälliger als die übrigen Phasen der Legierung. Die an der Oberfläche gebildeten Zinnoxide bei der Korrosion Gamma-2-haltiger Amalgame sind unlöslich, elementares Quecksilber wird freigesetzt.
Sn8Hg + 6 O2 + 4 H2O -> 2 SnO + 2 Sn(OH)2 + 2 SnO2 + 2 SnO(OH)2 + Hg
Wenn das frei gewordene Quecksilber in die Füllung wandert, bildet es mit Silber eine Gamma-1-Phase (Ag5Hg6). Dies führt zu einer Expansion der Füllung, unter Kaudruck splittern Füllungsränder ab, was eine Sekundärkaries begünstigen kann.
Die seit den 1980er Jahren verwendeten Feilmischungen setzen sich aus mindestens 40 % Silber, maximal 32 % Zinn, mindestens 12 % und maximal 30 % Kupfer, maximal 5 % Indium, maximal 3 % Quecksilber und maximal 2 % Zink zusammen.Broschüre des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: , 2003 (PDF; 83 kB) Diese in der Zahnheilkunde üblichen Non-Gamma-2-Phase-Silberamalgame (Gamma-2-freie Amalgame) enthalten etwas mehr Kupfer und weniger Zinn als frühere Mischungen und sind dadurch korrosionsbeständiger.
mini|hochkant|Amalgam-Füllung im Röntgenbild mini|hochkant|Der Amalgamrüttler zum Anmischen des Amalgams hat seit Jahrzehnten das Anrühren von Hand abgelöst; Anmischzeit, je nach Fabrikat: 5–15 Sekunden. mini|hochkant|Die Kapsel mit dem Quecksilber und den Silberspänen (durch eine Folie getrennt) wird in den Rüttler eingespannt, der Halter mit der Kapsel vibriert dann beim Anmischen sehr schnell hin und her. mini|hochkant|Mit der „Amalgampistole“ wird das weiche, frisch angerührte Amalgam in den Hohlraum eingebracht. mini|hochkant|Amalgamabscheider SEDAS 4 – ein Sedimentabscheider
Nach Vorbereitung wird Zahnamalgam im plastischen Zustand in den exkavierten Hohlraum des Zahnes eingebracht und erhärtet anschließend.
In einer In-vitro-Studie wurde gezeigt, dass das Hinzufügen von Titan (Ti)-Nanopartikeln in zwei häufig verwendeten Marken von Dentalamalgam zu einer geringfügigen Verringerung der Hg-Dampffreisetzung um wenige Prozent führt. Die Abnahme der Hg-Dampffreisetzung aufgrund der Ti-Zugabe wurde durch die Bildung starker kovalenter Hg-Ti-Bindungen erklärt, die die Verfügbarkeit von Hg-Atomen für die Verdampfung verringern. Die Ti-Atome, die über die Löslichkeitsgrenze von Ti in Hg hinausgehen, bleiben in den Korngrenzen, was auch die Verdunstung von Hg aus dem Amalgam verringert. Die Verbindung von Hg mit Ti führt auch zu einer deutlichen Verbesserung der mechanischen Eigenschaften wie der Vickers-Härte um 65 %.
Gründe für die Verwendung von Amalgam Der Vorteil von Amalgam als Füllungsmaterial liegt in der relativ einfachen, auch unter schwierigen Bedingungen im Mund weitgehend fehlertoleranten Verarbeitung und in seiner Haltbarkeit, die bei vergleichbar korrekter Verarbeitung auch heute noch mit keinem anderen plastischen Material erreicht werden kann. Es zeichnet sich insbesondere als Füllung für große Defekte im Seitenzahnbereich aus und gilt als verlässliches Restaurationsmaterial. Wegen seiner Feuchtigkeitstoleranz und Schnitzbarkeit ist Zahnamalgam auch in tiefen, subgingivalen Bereichen (unterhalb des Zahnfleischsaums) geeignet.
Der zeitliche Aufwand bei der Anfertigung ist bei Amalgam geringer als bei Kunststofffüllungen. Außerdem ist Amalgam teilweise preisgünstiger als moderne Füllungskunststoffe, deren Vorteile hauptsächlich in der zahnähnlichen Farbe und der Möglichkeit einer adhäsiven Befestigung an der Zahnhartsubstanz bestehen. Silberamalgame entfalten zudem einen karieshemmenden Effekt wegen der bakteriziden Wirkung des enthaltenen Silbers. Nachteilig wirkt sich die dunkle Farbe aus, außerdem wird viel Zahnhartsubstanz im Zuge der Präparation geopfert.
Zahnamalgam ist in Deutschland ein Medizinprodukt – es ist hierbei als Risikoklasse IIa zugelassen. Nach Angaben der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung betrug der Anteil an Amalgamfüllungen in Deutschland im ersten Quartal 2021 in den alten Bundesländern 4,1 %, in den neuen Bundesländern 8,4 %.
Zahnfüllungen aus Amalgam werden seit Jahrzehnten weltweit in großer Zahl verwendet. Die überwiegende Zahl der epidemiologischen und toxikologischen Studien hat bisher keine Gesundheitsgefahren gezeigt. Gelegentlich tritt eine harmlose Pigmentierung der Mundschleimhaut (Amalgamtätowierung) auf.
Alternativen Alternative Kompositfüllungen (Glasionomerzement, Komposit, Ormocer) sind heute etwa ebenso lange haltbar wie Amalgamfüllungen, die adäquate Verarbeitung und Berücksichtigung von Indikationseinschränkungen vorausgesetzt. Bei großen Defekten und schwierigen klinischen Situationen wie schlechter Mundhygiene und bestimmten Allgemeinerkrankungen zeigen sie im Vergleich zu Amalgamrestaurationen eine geringere Langlebigkeit.
Kompositfüllungen bestehen zu ca. 20 % aus Kunststoffen und ca. 80 % aus feinsten Glas-, Keramik oder Quarzteilchen. Für bestimmte Indikationen sind Kompositkunststoffe eine Alternative zu Zahnamalgam, wenngleich kein adäquater Ersatz. Sie können Dentalamalgam nicht immer ersetzen: Ihr Einsatz ist insbesondere im Seitenzahnbereich geeignet, „allenfalls für nicht kaudruckbelastete und allseits von Zahnschmelz umgebene Füllungen“. Zudem können die in Kunststofffüllungen befindlichen Monomere Allergien auslösen; das enthaltene Bisphenol A entfaltet eine östrogenartige Wirkung.
Inlays (Goldinlays, Keramikinlays) und Goldhämmerfüllungen sollten bei großen Zahndefekten genutzt werden, hierfür ist Kunststoff ungeeignet. Aus toxikologischer Sicht sind sie unbedenklich. Keramikinlays werden jedoch nicht wie Goldfüllungen zementiert, sondern mit Kunststoff (chemisch identisch mit Kunststofffüllungen) eingeklebt, wobei in Ausnahmefällen ein Allergiepotenzial besteht. Insgesamt sind sie klinisch in allen Belangen positiv evaluiert, aber beträchtlich teurer als Dentalamalgam.
Einschränkung für die Anwendung von Amalgamfüllungen Amalgame dürfen nicht verwendet werden für retrograde Wurzelfüllungen, als Material für Stiftaufbauten unter Kronen oder Brücken, als Verschlussmaterial für trepanierte gegossene Kronen, bei eingeschränkter Nierenfunktion.Empfehlungen zu Dentalamalgam. (PDF) Arbeitskreis Dentalmaterialien, Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend. in unmittelbarer Nähe zu anderen Metallrestaurationen (Inlays, Teilkronen oder Kronen), da durch die Bimetallkorrosion im Mund vermehrt Quecksilberionen aus dem Amalgam gelöst werden können (elektrogalvanische Korrosion). Seit dem 1. Juli 2018 darf Dentalamalgam nicht mehr für die zahnärztliche Behandlung von Milchzähnen, von Kindern unter 15 Jahren und von Schwangeren oder Stillenden verwendet werden, es sei denn, der Zahnarzt erachtet eine solche Behandlung wegen der spezifischen medizinischen Erfordernisse bei dem jeweiligen Patienten als zwingend notwendig., Artikel 10,(2). Wegen der ohnehin begrenzten Verweildauer von Milchzähnen im Mund steht bei dem Verzicht hierbei eine „umweltbedingte Reduktion der Verwendung von quecksilberhaltigen Produkten“ im Vordergrund. Daher ist dort die Verwendung von Kompositen, Glas-Ionomeren und Kompomeren möglich. Bei Kindern unter 15 Jahren sowie Stillenden ist die Forderung auf einen Verzicht wissenschaftlich nicht begründet. Es gibt keinen Beleg für eine Schädigung des Embryos durch Amalgam, aus Vorsorgegründen wird bei Schwangeren generell Zurückhaltung bei einer umfangreichen zahnärztlichen Versorgung gefordert. Seit dem 1. Januar 2019 darf Dentalamalgam nur noch in vordosierter, verkapselter Form verwendet werden. Die Verwendung von Quecksilber in loser Form durch Zahnärzte ist verboten. Ab dem 1. Januar 2025 ist die Verwendung von Amalgam in der Zahnmedizin EU-weit weitestgehend verboten.
Sicherheitswarnung in den USA für Hochrisikogruppen Die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) empfahl 2020, die Verwendung von Zahnamalgam bei sogenannten Hochrisikogruppen einzuschränken. Der Grund hierfür ist, dass diese Gruppen empfindlicher auf amalgambedingte Quecksilberdämpfe reagieren und somit auch ein erhöhtes Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen haben können.
Schwangere, Frauen mit Kinderwunsch oder stillende Frauen Kinder, besonders im Alter unter sechs Jahren Personen mit neurologischen Erkrankungen Patienten mit beeinträchtigter Nierenfunktion Personen mit bekannten Allergien gegen Quecksilber oder andere Bestandteile der Amalgamfüllung
Intakte Füllungen sollen aber nicht ersetzt werden.
Kostenerstattungen der gesetzlichen Krankenkassen