Die Humoralpathologie (zu lateinisch humor: ‚Feuchtigkeit‘, ‚Körpersaft‘, ‚Leibessaft‘), genannt auch Humorallehre und Humoralbiologie, war eine in der Antike ausgebildete und bis ins 19. Jahrhundert allgemein anerkannte Krankheitslehre von den Körpersäften, deren richtige Mischung bzw. Zusammensetzung Voraussetzung für Gesundheit ist, deren Ungleichgewicht bzw. fehlerhafte Zusammensetzung oder Schädigung hingegen Krankheiten verursachen kann.Duden: Humoralpathologie.Heinz Otremba: Rudolf Virchow. Begründer der Zellularpathologie. Eine Dokumentation. Echter-Verlag, Würzburg 1991, S. 43.
Überblick Grundlage dafür ist die (Vier-)Säftelehre (auch: Vier-Säfte-Lehre, Viererschema), eine von der Antike bis ins 18. Jahrhundert allgemein anerkannte medizinische Konzeption, die erstmals im Corpus Hippocraticum (u. a. in De aeribus […] und De natura hominis, griechisch περί φύσιος ἀνθρώπου,Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 8. „Über die Natur des Menschen“;Vgl. auch Hermann Grensemann: Der Arzt Polybos als Verfasser hippokratischer Schriften. Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (In Kommission bei Franz Steiner Verlag, Wiesbaden), Mainz 1968 (= Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse. Jahrgang 1968, Nr. 2), unter anderem S. 82–91 (De octimestri partu und De natura hominis). um 400 v. Chr.) zur Erklärung allgemeiner Körpervorgänge und als Krankheitskonzept zur Erklärung vieler Krankheitszustände entwickelt wurde. Sie ist seit der Begründung der Zellularpathologie durch Rudolf Virchow im 19. Jahrhundert in den ätiologischen und therapeutischen Vorstellungen in Physiologie und Medizin wissenschaftlich überholt.
Ursprünge der Viersäftelehre gab es vermutlich schon im Alten Ägypten, sicher aber in der Elementenlehre des Empedokles (490–430 v. Chr.).Johannes Gottfried Mayer: Die Entstehung der Viersäftelehre in der griechischen Naturphilosophie. In: Mayer, Goehl: Kräuterbuch der Klostermedizin. 2003, S. 30–41.Hermann Grensemann: Der Arzt Polybos als Verfasser hippokratischer Schriften. (in Kommission bei) Franz Steiner, Wiesbaden 1968 (= Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. Jahrgang 1968, Nr. 2), S. 91 f. (Empedokleischer Einfluß) Den vier empedokleischen Grundelementen Feuer, Erde, Wasser und Luft ordnete Zenon von Elea im 5. Jahrhundert dann die Primärqualitäten warm (bzw. „heiß“), kalt, feucht und trocken zu,Gundolf Keil: Humoralpathologie. 2005, S. 641–642. auf deren gegensätzliche Wirkungen sich auch AlkmaionPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 7–8. bezogen hat.
Als Begründer der Humoralpathologie gilt Polybos, der angebliche Schwiegersohn des Hippokrates.Gundolf Keil: Fieberlehre. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 398–400, hier: S. 398 (Hippokratiker).Hermann Grensemann: Der Arzt Polybos als Verfasser hippokratischer Schriften. Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (In Kommission bei Franz Steiner Verlag, Wiesbaden), Mainz 1968 (= Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse. Jahrgang 1968, Nr. 2), insbesondere S. 80–81. Weiterentwickelt und mit antiken Vorstellungen zusammengebracht wurde die medizinische Theorie der Säftelehre durch Galen, der sie mit der Temperamentenlehre verband. Er unterteilte die Primärqualitäten, deren übermäßige bzw. zu geringe Ausprägung krankheitsverursachend sein kann (etwa bei zu viel „Kälte“ oder großer „Hitze“),Vgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes. 1960, S. 407 (kelt: Kälte im humoralpatholigischen Sinne als Krankheitsursache, etwa in „zu faulen wunden von kelten“ oder „von überiger kelten“; Gegensatz Hitze); vgl. auch S. 427 (zum Begriff „Natur“). graduellVgl. etwa Karl Sudhoff: Ein deutscher Text von Graden und Qualitäten der Naturdinge, speziell der Arzneistoffe (Aus dem „Deutschen Macer“). In: Sudhoffs Archiv. Band 8, 1915, S. 223–224. in vier Intensitätsgrade weiter (zum Beispiel „feucht im dritten Grade“ oder – etwa in Bezug auf die RoseWillem Frans Daems: Die Rose ist kalt im ersten Grade, trocken im zweiten. In: Beiträge zu einer Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. Band 25, Nr. 6, (Stuttgart) 1972, S. 204–211. – „kalt im ersten Grad“).Gundolf Keil: Qualitäten- und Gradenlehre. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 7 (1995), Sp. 353 f.Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim, Mannheim 1972, S. 10. Die Anwendung der Heilmittel beruhte ebenfalls auf den seit Galen bis in die Neuzeit in der Heilkunde gültigen Primärqualitäten („warm/kalt“, „trocken/feucht“).Vgl. auch Karl-Heinz Leven: Antike Wurzeln. Auf den Schultern von Hippokrates und Galen. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaft. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Band 2.19), 2019, S. 12–15, passim. So gibt es im System der Humoralpathologie solche, die erwärmen, kühlen, trocknen oder befeuchten und somit den entgegengesetzt ausgeprägten Krankheiten entgegenwirken sollten.Vgl. etwa Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 160 und 202 (zu Galen, Über Mischung und Wirkung der einfachen Heilmittel, Buch I, Kap. 27). Galen schrieb das gesamte Konzept in seiner endgültigen Form nieder. Verfeinert wurden Galens Lehren noch einmal im 11. Jahrhundert durch Avicenna in seinem Kanon der Medizin.
Als Lebensträger im Körper galten gemäß dem humoralpathologischen Konzept Gelbe Galle (cholera, colera, dem Element Feuer entsprechend), Schwarze Galle (melancholia, melancolia, dem Element Erde entsprechend), Blut im engeren Sinne (sanguis oder griechisch haima, dem Element Luft entsprechend) und Schleim (phlegma, flegma, dem Element Wasser entsprechend)Vgl. etwa Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 1960, S. 8.. Diese vier Säfte (Leibessäfte, auch Leibesfeuchten, lateinisch humores) würden demnach über das Blut und auch über die Nerven im Körper verbreitet. Der Bereich der Verdauung wurde von der Digestionslehre näher behandelt.
Die Humoralpathologie bei Hippokrates und Galen Hippokrates + Primärqualitäten der Säfte warm kalt trocken Gelbe Galle Schwarze Galle feucht Blut Schleimauch als Weißschleim und Rotz bezeichnetes Phlegma.
In vielen Schriften des Corpus Hippocraticum (als Verfasser sei beispielsweise der Hippokrates-Schüler PolybosHermann Grensemann: Der Arzt Polybos als Verfasser hippokratischer Schriften. (in Kommission bei) Franz Steiner, Wiesbaden 1968 (= Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse, Jahrgang 1968, Nr. 2), insbesondere S. 79–82 (De natura hominis und die älteren Schriften der Koischen Schule) genannt) ist schon die Vorstellung zu finden, dass der menschliche Körper Säfte enthalte, die abhängig von deren Mischung (Krasis) seine Konstitution und seinen Gesundheitszustand beeinflussen. Bei richtiger Mischung der Säfte (Eukrasie) ist der Betroffene gesund, eine Störung des Mischungsverhältnisses (Dyskrasie) bedeutet Krankheit. In einigen Schriften werden jedoch nur zwei Säfte genannt, in anderen bis zu fünf. Eine Grundform der Viersäftelehre, die später bei Galen ausformuliert wurde, ist z. B. in der Polybos zugeschriebenen „hippokratischen“ Schrift Über die Natur des Menschen vom Ende des 5. Jahrhunderts zu finden.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 19–24 und 56–62 (Hippokrates, Über die Natur des Menschen, Kap. 1–8.) Polybos bzw. Hippokrates schreibt: „[…]. Der Körper des Menschen enthält in sich Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, sie stellen die Natur seines Körpers dar, und ihretwegen empfindet er Schmerzen und ist er gesund. Gesund ist er nun besonders dann, wenn diese Substanzen in ihrer wechselseitigen Wirkung und in ihrer Menge das richtige Verhältnis aufweisen und am besten gemischt sind […].“Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. […]. 1989, S. 58. (aus: Hippokrates, Über die Natur des Menschen, Kap. 1–8.) Demnach entsprechen schon bei Hippokrates den vier Säften auch vier Organe, die als „Quelle“ der jeweiligen Säfte gelten. Die Säfte werden durch Qualitäten der Wärme und Feuchtigkeit beschrieben (vgl. Tabelle rechts) und schwanken mit den Jahreszeiten, so dass in jeder Jahreszeit ein Saft überwiegt: Im Winter Schleim, im Frühling Blut, im Sommer gelbe Galle und im Herbst schwarze Galle. Darüber hinaus lassen sich auch Ansätze einer Zuordnung der Säfte zu vier Lebensphasen finden, jedoch noch nicht zu den Temperamenten.
Galen Galenos von Pergamon (ca. 130–200 n. Chr.), der das gesamte medizinische Wissen seiner Zeit zusammenfasste und den Vorstellungen der Hippokratiker und des Aristoteles (De gen. et corr. II,3) folgte, der ebenfalls den Elementen je ein Primärqualitätenpaar zugeordnetGundolf Keil: Humoralpathologie. 2005, S. 642. hatte, schrieb die Lehre der Humoralpathologie bzw. seine Qualitätenlehre in einer systematischen Form nieder und verband die vier Säfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim u. a. mit den vier Lebensphasen und den vier (empedokleischen) Elementen (Grundselemente bzw. GrundstoffeBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 65–66 und 386 (mittelhochdeutsch elemënt: ‚Grundstoff in der Humoralpathologie‘).) „Luft“, „Feuer“, „Erde“ und „Wasser“.