mini|MIM-104-Patriot-Rakete beim Start
Eine Flugabwehrrakete, kurz FlaRak, auch Boden-Luft-Rakete oder SAM für , ist eine Raketenwaffe zur Flugabwehr, also zur Bekämpfung von Luftzielen von der Erdoberfläche (Wasser, Boden) aus. Eine Vielzahl von Bauweisen und Typen wurde entwickelt, die sich nach Einsatzzweck, Reichweite und Technik unterscheiden.
Entwicklungsgeschichte Deutsche Entwicklungen im Zweiten Weltkrieg mini|Hs 117 Schmetterling im US National Air and Space Museum in Washington, D.C.
Die ersten Boden-Luft-Raketen wurden während des Zweiten Weltkriegs ab 1941 im Deutschen Reich entwickelt; die ersten Probestarts fanden im Herbst 1944 statt. Die Entwicklungsarbeiten der folgenden Projekte verliefen parallel zueinander: Die Henschel Hs 117 Schmetterling der Henschel Flugzeug-Werke, eine funkgelenkte, entweder optisch oder über Radar verfolgte, zweistufige, 420 kg schwere Rakete mit 16 Kilometern Reichweite und einer Gipfelhöhe von 11.000 Metern. Die Messerschmitt Enzian-Rakete, eine umgebaute Messerschmitt Me 163 Komet mit 1,8 Tonnen Gewicht (davon 300 kg Sprengkopf), etwas größerer Gipfelhöhe und Reichweite sowie dem gleichen Zielsystem wie das der Henschel Hs 117. Die Wasserfall-Rakete, entwickelt von der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) und den Elektromechanischen Werken Karlshagen (Triebwerk), eine verkleinerte A4, die mit einer Gipfelhöhe von 20.000 Metern das vom Bediener am Boden gesteuerte Zielsystem völlig überforderte. Die Feuerlilie, deren Triebwerke von Rheinmetall-Borsig in Berlin-Marienfelde und deren Zellen von den Ardelt-Werken in Eberswalde hergestellt wurden, in folgenden Varianten: Unterschallversion F 25 war 1,80 Meter lang und hatte eine Reichweite von fünf Kilometern. Erste Versuchsstarts erfolgten 1944, Einstellung im gleichen Jahr. Überschallversion F 55 mit Spiritus-Flüssigsauerstoff-Triebwerk. Sie hatte eine Reichweite von 10 Kilometern, erster Versuchsstart Mitte 1944. Die Rheintochter, entwickelt von Rheinmetall-Borsig ab 1942. Zweistufige Überschallrakete.
Es wurden auch Überlegungen zu einer automatischen Radarverfolgung angestellt. Alle Systeme waren ihrer Zeit voraus, kamen jedoch zu spät, um im Krieg wirkungsvoll eingesetzt zu werden.
Ein tragbares, nicht gelenktes Luftabwehrraketensystem gegen Tiefflieger war gegen Kriegsende ebenfalls in der Entwicklung: Die Fliegerfaust-A wurde 1944 von der Firma HASAG (H. Schneider AG, Leipzig) entwickelt und bestand aus einem etwa 1,5 Meter langen Rohrbündel mit vier 90 Gramm schweren, ungelenkten 2-cm-Raketen. Jede einzelne Rakete trug 19 Gramm Sprengstoff. Der verbesserte Typ Luftfaust oder Fliegerfaust-B bestand aus einem Rohrbündel mit neun 2-cm-Raketen. Die Raketen wurden in zwei Salven mit 0,2 Sekunden Abstand abgefeuert und bildeten in 500 Metern Entfernung eine Splitterwolke von etwa 60 Metern Durchmesser. Die 6,5 Kilogramm schwere Luftfaust wurde, analog einer Bazooka, von der Schulter aus abgefeuert und war annähernd rückstoßfrei. Eine ähnliche Waffe bestand aus einer umgebauten verbesserten regulären Panzerfaust. Eine vor dem Hohlladungssprengkopf montierte Splitterladung wurde nach dem Start zeitgesteuert ausgelöst.
Im März 1945 lief ein Auftrag über 10.000 Waffen mit vier Millionen Schuss Munition an. Im Truppenversuch befanden sich Ende April 1945 jedoch nur 80 dieser Waffen.
In der Entwicklung war weiterhin eine im Kaliber vergrößerte Sechsrohr-Version, die einfach Fliegerfaust (ohne das Suffix A oder B) heißen sollte.
Nachkriegszeit und 1950er-Jahre Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden einige bereits bei den Alliierten Streitkräften begonnene Entwicklungen fortgeführt. Bei etlichen dieser Projekte versuchte man nachrichtendienstliche und waffentechnische Erkenntnisse aus deutschen Entwicklungen weiter zu nutzen, um eventuell Optimierungspotential auszuschöpfen. Teilweise wurden zu diesem Zweck auch deutsche Wissenschaftler und Waffentechniker weiter beschäftigt.
In den Vereinigten Staaten von Amerika war die 1945 begonnene Entwicklung der Kurzstreckenrakete KAN-1 „Little Joe“ von der US-Marine 1947 auf deren Kriegsschiffen erprobt. Etwa zeitgleich wurde 1947 die RIM-2 Terrier als erste Mittelstrecken-Flugabwehrrakete verfügbar.
Kalter Krieg und Nachwendezeit mini|Sowjetische S-75
Mit dem großen Entwicklungsschub bei Düsenflugzeugen, aber auch bei Raketentriebwerken sowie bei Radartechnik und Elektronik, erfuhren Flugabwehrraketen nach dem Zweiten Weltkrieg in West und Ost zunehmende Bedeutung. Vor allem die sowjetische Seite steckte große Ressourcen in die Entwicklung von Abwehrraketen gegen mögliche US-amerikanische Bomberangriffe, da deren Flugzeug-Technik der eigenen häufig überlegen war. Auch an anderen Konfliktherden sahen sich dem Ostblock verbündete Kräfte häufig überlegener Luftmacht gegenüber, so dass sehr viel häufiger sowjetische Luftabwehrraketen gegen US-amerikanische Flugzeuge zum Einsatz kamen als umgekehrt.
Eine wichtige Rolle spielte die sowjetische S-75 im Vietnamkrieg von 1964 bis 1975. Die Flugabwehrrakete erreichte Einsatzhöhen von 7.500 bis 16.000 Metern, hatte ein radargeführtes automatisches Lenksystem und stellte erstmals eine Bedrohung für die US-amerikanischen Kampfflugzeuge dar. In der Spätphase des Vietnamkriegs wurde auch die schultergestützte Strela-2 eingesetzt, die zwischen 1972 und 1975 gegen US-Kampfjets bei 589 Einsätzen 204 Treffer erzielte.
mini|Autonomes Tor-M1-System aus Russland, vorn das quadratische Phased-array-Zielradar Im Nahostkonflikt spielten Boden-Luft-Raketen erstmals im Jom-Kippur-Krieg 1973 eine größere Rolle. Ägyptische und syrische S-75-, 2K12 Kwadrat und Osa-Stellungen waren eine ernste Bedrohung für die israelischen Luftstreitkräfte, die erst durch den Einsatz neuer aus den USA gelieferter Systeme zur elektronischen Kampfführung überwunden werden konnten.
Die sowjetischen (später russischen) Systeme wurden in Folge regelmäßig weiterentwickelt und diversifiziert: Im Kurzstreckenbereich über 9K33 Osa und 2K22 Tunguska zum 96K6 Panzir. Im Mittelstreckenbereich 9K37 Buk bis zum aktuellen 9K330 Tor M1. Im Langstreckenbereich wurde das 1967 eingeführte 2K11 Krug ab 1982 durch die Systeme der S-300-Serie, wie die S-300P und das seinerzeit erste vollständig mobile Raketenabwehrsystem S-300W ersetzt. Weitere Entwicklungen sind S-300PM, S-400 Triumf und S-500.
Dabei spiegelten sich US-amerikanische Neuentwicklungen auf Seiten der angreifenden Flugkörper mit etwas Verzögerung in neuen Abwehrsystemen auf sowjetischer Seite: Die Stealth-Technik führte zu neuen, stärkeren Radarsystemen mit Phased-Array-Antennen beim S-300P und dessen Nachfolgern, präzisionsgelenkte Munition und antriebslose Lenkflugkörper zu dem schnell reagierenden und mobilen Tor-M1-System.
mini|Nike-Ajax-Stellung in den USA
Auf westlicher Seite wurden bis vor kurzem im Wesentlichen zwei FlaRak-Systeme eingesetzt: Nike Ajax und Nike Hercules waren für den Einsatz gegen hochfliegende, überschallschnelle und auch multiple Ziele (etwa gegen Bomberpulks) konzipiert; der Erststart war 1955. Neben den konventionellen waren zwei unterschiedlich große Nuklearsprengköpfe für Bekämpfungseinsätze vorgesehen. Diese wurden ebenso bei den Systemen der Deutschen Luftwaffe bereitgehalten; zuletzt als Option für den Boden-Boden-Einsatz. Durch die Radarlenkung war dieses System recht zielgenau, allerdings war es nicht mobil ausgelegt. Bereits vor der Wiedervereinigung begann die Außerdienststellung des FlaRak-Systems Nike Hercules. HAWK ist ein mobiles, allwettertaugliches Mittelstreckensystem, das für Ziele in maximal 40 km Entfernung und 12 km Höhe vorgesehen war; es ist teilweise heute noch in einigen NATO-Staaten im Einsatz. Die ersten HAWK-Einheiten der Bundeswehr wurden 1963 bei der Luftwaffe eingeführt. Das letzte bei der Flugabwehrraketengruppe 15 im Einsatz befindliche HAWK-System wurde im Spätsommer 2005 mit einem feierlichen Zapfenstreich außer Dienst gestellt.
Nachfolger beider Systeme ist das Patriot-System. Die deutsche Luftwaffe betreibt in drei Geschwadern insgesamt 24 Einsatzstaffeln mit diesem System.
Die US Army verfügt darüber hinaus über ein Kurzstrecken-FlaRak-System auf Basis der AIM-9 Sidewinder, das MIM-72 Chaparral.
Asymmetrische Konflikte mini|Gemälde eines Stinger-Einsatzes durch die afghanischen Mujaheddin zur Bekämpfung von Mi-24 In den späteren – zunehmend asymmetrischen – militärischen Konflikten spielten auf der jeweils materiell unterlegenen Seite schultergestützte Flugabwehrraketen eine zunehmende Rolle: Im Afghanistan-Krieg wurden amerikanische Stinger und britische Blowpipe erfolgreich gegen sowjetische Hubschrauber eingesetzt. In Somalia im Jahre 1993 und im Irakkrieg ab 2003 waren westliche Streitkräfte mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Irakische Kämpfer setzten sowjetische 9K32 Strela-2 (SA-7) sowie modernere 9K34 Strela-3 (SA-14) und 9K310 Igla-1 (SA-16) gegen US-Helikopter ein – im Frühjahr 2007 wurden im Irak binnen vier Wochen acht US-Hubschrauber abgeschossen.Spiegel Online, 22. Feb. 2007
Es wird vermutet, dass von den weniger als 100.000 produzierten Startgeräten einige in die Hände nichtstaatlicher Organisationen gelangt sind. Laut Jane’s Intelligence Review verfügten 2001 mit hoher Sicherheit 13 dieser Gruppen über schultergestützte Flugabwehrsysteme. Einige davon werden als terroristisch eingeschätzt. Neben al-Qaida und deren Unterorganisationen zählen unter anderen die FARC sowie die PKK, die Hisbollah und (bis zu ihrem Ende 2009) die tamilische Organisation LTTE dazu. Von 14 weiteren nichtstaatlichen Gruppierungen wird angenommen, dass sie über derartige Systeme verfügen. Mit dem Irakkrieg 2003 und den Bürgerkriegen in Libyen und Syrien ist wahrscheinlich eine Anzahl solcher Waffen in die Hände bewaffneter Gruppierungen Nordafrikas und des Nahen Ostens gelangt. Das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten macht ferner Iran für die Verbreitung derartiger Waffensysteme in der Region verantwortlich. Zu den Nutzern schultergestarteter Flugabwehrraketen zählen nun beispielsweise Gruppen der syrischen Aufstandsbewegung und die ägyptische Ansar Bait al-Maqdis.Alexandra Schmitt, MANPADS at a Glance @ armscontrol.org (v. März 2013).
Terrorismus Bei terroristischen Angriffen sind zwischen 1975 und 1992 in bis zu 40 Fällen schultergestützte Flugabwehrraketen gegen Verkehrsflugzeuge benutzt worden, teilweise erfolgreich, wobei bis zu 760 Todesopfer zu verzeichnen waren. Die nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 wachsende Besorgnis und ein fehlgeschlagener Anschlag 2002 in Mombasa führte zuerst in Israel zu Überlegungen, IR-Täuschkörper in Verkehrsflugzeugen zu verwenden. Der im US-Kongress eingebrachte Vorstoß, dies auf bestimmten Routen zur Pflicht zu machen, wurde 2006 wegen zweifelhaftem Nutzen, aus Kostengründen und wegen des Widerspruchs der Fluggesellschaften nicht umgesetzt.
Waffenkontrollmechanismen Trotz der Bedrohung durch schultergestützte Flugabwehrsysteme wurden effektive internationale Waffenkontrollmechanismen erst spät durchgesetzt. Führend waren hier die USA, die bereits gegen Ende des Afghanistankrieges eine strikte Endnutzerkontrolle durchsetzten. Anfang der 1990er-Jahre wurde ein Rückkaufprogramm für die nach Afghanistan gelieferten Stinger-Flugabwehrsysteme initiiert. Erst Ende 2000 fanden sich die Unterzeichnerstaaten des Wassenaar-Abkommens bereit, ähnliche Endnutzerzertifikate auch für ihre Exporte zu verlangen. Ein ähnliches Abkommen schloss Russland 2002 mit den Staaten der GUS ab. 2003 folgte die APEC, womit auch China als letzter großer Lieferant von schultergestützten Flugabwehrsystemen in diesbezügliche Waffenkontrollmaßnahmen eingebunden wurde.
Einsatz mini|hochkant|Boden-Luft-Rakete Bristol Bloodhound der Schweizer Armee