Der Porsche 956 war ein Sportwagenprototyp, der von 1982 bis 1984 alle Titel der FIA-Sportwagen-Weltmeisterschaft gewann, sowohl in den Wertungen für Fahrer als auch der Marken.
Entwicklung Im Laufe des Motorrennsports wurden die Reglements mehrmals geändert. Einen deutlichen Einschnitt gab es ab 1982, als die bisherigen Gruppen 1 bis 6 für die Sport- und Tourenwagen von der FIA auf nur drei Kategorien reduziert wurden, die Gruppen A (Großserien-Tourenwagen), B (Kleinserien-GTs) und C (Sportwagen-Prototypen). Bei den Sport-Prototypen wurden die bisherigen zweisitzigen offenen Gruppe-6-Sportwagen, bei denen der Motor auf 3 Liter (oder 2,14 Liter mit Aufladung, Faktor 1,4) begrenzt war, durch die Gruppe C ersetzt. Hier waren geschlossene Coupés vorgeschrieben, ähnlich wie bis 1971 die Porsche 917, Ferrari 512S oder Lola T70. Als Neuerung wurde der zur Verfügung stehende Treibstoff limitiert, während die Motorbauweise wenig Einschränkungen unterlag, damit sich das effizienteste Konzept durchsetzen könne. Für diese neue Gruppe wurde der Porsche 956C entwickelt, wie auch Ford C100, Lancia LC2 und andere.
Porsche war bis 1978 werksseitig in Le Mans mit den Porsche 936 angetreten und hatte ansonsten zahlreiche Porsche 935 nach Gruppe-5-Regeln an Kunden verkauft. Diese Fahrzeuge waren durch den FIA-Entscheid museumsreif geworden. In den USA galten andere Regeln, dort gab es allerdings keinen eindeutigen Gesetzgeber, sondern Konkurrenz zwischen USAC und CART, sowie zwischen dem seit den 1930ern eingesetzten und seit den späten 1960ern turbogeladenen amerikanischen Offenhauser-Vierzylinder und dem ab 1978 dominierenden modernen britischen Cosworth DFX, eine hubraumverkleinerte turbogeladene Variante des in der Formel 1 erfolgreichen V8. Es galt für Turbomotoren ein Hubraumlimit von 2,65 Liter, strittig waren andere Regelvorgaben wie Verbrauchsmengen (Methanol da mit Wasser löschbar) und Ladedruckgrenzen. Basierend auf dem luftgekühlten 6-Zylinder-Boxermotor des Porsche 935, der im Werkswagen 1978 mit Doppelturbo- bzw. Biturboaufladung, wassergekühlten Vierventilköpfen und 3,2 Liter Hubraum weit über 700 PS leistete, wurde 1979 für das Porsche-Interscope-Projekt ein 2,65-Liter-Motor für Methanol-Treibstoff entwickelt, der jedoch durch Änderung der Regel für den Ladedruck vor dem 500-Meilen-Rennen in Indianapolis 1980 „ausgebremst“ wurde. Der Porsche-Sechszylinder 935/72 wurde wie der Cosworth-V8 eingestuft und war gegenüber diesem nun unterlegen.
Porsche-Chef Ernst Fuhrmann wollte den 911 aufgeben zugunsten von Porsche 928 und 924. Zwar hatte er die Entwicklung der Rennwagen Porsche 935 und Porsche 936 unterstützt und damit die 1976 neu eingeführten Weltmeisterschaften für die Gruppen 5 und 6 gewonnen, bis 1978 wurden noch Weiterentwicklungen eingesetzt, die jedoch nicht an Interessenten weitergegeben wurden, sondern ins Porsche-Museum wanderten. Ab 1978 überließ man Renneinsätze und Le-Mans-Siege weitgehend den Kunden bzw. der Konkurrenz. Ende 1980 wurde Fuhrmann abgelöst, der Nachfolger Peter W. Schutz förderte ab 1981 umgehend wieder die 911-Baureihe bzw. 911-basierte Entwicklungen und den werksseitigen Sportwagen-Motorsport. Auch wurden Verbesserungen von 935 und 936 nun an Kunden weitergegeben.
Für die Gruppe C sollte aus dem Indy-Boxermotor ein Triebwerk abgeleitet werden, das wieder für Benzin ausgelegt war. Die 2649 cm³ wurden zunächst beibehalten. Der Motor leistete bei einer Drehzahl von 8000/min 455 kW (620 PS) und wurde 1981 erfolgreich in zwei Porsche-936-Chassis beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1981 erprobt, wo Sonderregeln galten und den bisherigen Sportwagen mehr Hubraum erlaubt wurde als drei Liter, dadurch waren auch mehrere aufgebohrte Cosworth-V8-Motoren im Feld. Mit Turbofaktor 1,4 waren entsprechend mehr als die bisherigen 2,1 Liter möglich. Es gewannen Jacky Ickx und Derek Bell, der zweite Wagen wurde Zwölfter.
Das Chassis für den 956 mussten die Porsche-Ingenieure, unter Leitung von Norbert Singer, komplett neu entwickeln, denn die bisher verwendeten Rohrrahmen waren nicht mehr zeitgemäß. Das in den 1960er-Jahren von Lotus eingeführte leichtere und stabilere Aluminium-Monocoque war längst zum Standard geworden und wurde in der Formel 1 gerade durch den noch besseren kohlenstofffaserverstärkten Kunststoff (CFK) abgelöst, zudem beim Team von McLaren, für das Porsche den TAG-V6-Turbomotor entwickelte. Porsche nutzte diese Chance auf einen Technologietransfer auch in den Folgejahren nicht und konstruierte erstmals ein Alu-Fahrgestell in Schalenbauweise, das sich als ein Schwachpunkt des 956 erwies.
Ebenfalls wurden die aerodynamischen Eigenschaften im Vergleich zu älteren Rennwagen der 1960er- und 1970er-Jahre immer wichtiger, beispielsweise die auch von Lotus eingeführte Nutzung des Bodeneffekts (Wing Car), bei dem der gebogene Unterboden viel Abtrieb erzeugt. Hierfür hatten sich die breiten Boxermotoren in der Formel 1 als ungeeignet erwiesen, weswegen der TAG-Motor in V6-Form entwickelt wurde, aber beim Sportwagen setzte Porsche trotzdem weiterhin auf die firmentypische Flachbauweise. Die Außenhaut, der Unterboden, der Diffusor im Heck sowie der Flügel wurden so optimiert, dass der Wagen durch den dadurch entstehenden Unterdruck regelrecht an die Fahrbahnoberfläche herangesaugt wurde (Bodeneffekt). Dadurch konnten bis dahin ungeahnte Kurvengeschwindigkeiten erreicht werden. Die Höchstgeschwindigkeit des 956 auf der 5 Kilometer langen Gerade in Le Mans betrug etwa 350 km/h, über 30 km/h weniger als 1971 bei den ähnlich starken Fünfliter-Porsche 917 mit Langheck.
Als weiteres Problem erwies sich die Frontscheibe, die wie beim früheren 917 in zwei Richtungen gekrümmt sein sollte. Der Hersteller hatte damit Probleme, man baute kurzerhand eine nur zylinderförmig gekrümmte Scheibe ein, deren Oberkante regelbedingt in 100 cm Höhe lag (siehe Ford C100). Deren gerades Profil ließ sich zudem besser mit dem Scheibenwischer sauber halten, ein Vorteil bei Regenrennen und in der Nacht. Die Räder wurden zusammen mit Speedline entwickelt.
Rennhistorie 1982 Werkswagen mini|Porsche 956 von Jacky Ickx und Derek Bell auf den Retro Classics 2023 Das erste Exemplar des 956 wurde ab Ende März auf der hauseigenen Strecke in Weissach von Jürgen Barth getestet. Das 1000-km-Rennen von Monza Mitte April ließ man noch aus; der 956-001 debütierte Mitte Mai 1982 beim 6-Stunden-Rennen von Silverstone und setzte dort die Trainingsbestzeit, begünstigt durch moderne Aerodynamik sowie das Turbomotorkonzept. Da kaum Gruppe-C-Wagen verfügbar waren, galten Übergangsregeln, so dass auch weiterhin Wagen nach Gruppe 5 und 6 sowie der amerikanischen IMSA-GTX-Klasse teilnehmen konnten. Im Rennen belegten Ickx/Bell Platz 2 hinter einem offenen Lancia LC1, der nicht dem Benzinlimit unterlag, aber auch kein Anrecht auf Marken-WM-Punkte hatte. Der Nürburgring, dessen Streckencharakteristik kaum Erkenntnisse für Le Mans verspricht, wurde ausgelassen zugunsten der Weiterentwicklung bzw. des Aufbaus dreier neuer Chassis für den Saisonhöhepunkt.
Das 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1982 nahmen zwei der 956 von der Spitze des 55 Wagen umfassenden Starterfeldes aus auf. Zwar waren 28 Wagen der Gruppe C erschienen, Neukonstruktionen oder Porsche-Umbauten wie der 936C von Joest oder der CK5 von Kremer, jedoch war nur der Ford C100 von einem Großserienhersteller. Nur 18 Wagen wurden am Ende gewertet, darunter drei der Gruppe C: ein Aston Martin Nimrod auf Platz 7 und zwei Rondeau. Die drei vom Werk eingesetzten 956 errangen mit großem Vorsprung einen Dreifachsieg vor älteren Porsche. Wie im Vorjahr gewannen Jacky Ickx und Derek Bell. Als Vorjahressieger hatten sie die Startnummer 1 auf dem Wagen, die beiden anderen Werkswagen folgten in der Reihenfolge ihrer Startnummern 2 und 3.
Beim nächsten WM-Lauf, den 1000 km von Spa, konnten die Werks-956 von Ickx/Mass und Bell/Schuppan die Lancia knapp schlagen. Bei den 1000 km von Mugello fehlte nicht nur das Porsche-Werk. Lancia erzielte einen Doppelsieg gegen nur 17 Gegner. Bei den 1000 km von Fuji setzten sich Ickx/Mass vor einem Lancia durch, die zahlreichen Einheimischen waren u. a. in Honda Civic und VW Golf GTI am Start. Beim Saisonabschluss 1000 km von Brands Hatch schickte das Werk nur einen 956. Ickx schlug erneut einen Lancia knapp und wurde Sportwagen-Weltmeister. Der dritte Platz ging noch einmal an einen Porsche 935 der Gruppe 5, den Rest der Top 10 stellten Gruppe-C-Fahrzeuge, angeführt von zwei Ford C100.
1983 Kundenwagen An Kundenteams wurden 1983 die ersten zwölf 956 ausgeliefert, die sich durch die fortlaufenden Fahrgestellnummern ab 956-101 von den Werksautos ab 956-001 unterschieden. Die Ford C100 kehrten nicht zurück, die Lancia LC entsprachen nun auch den Gruppe-C-Regeln und erwiesen sich als einziger nennenswerter Gegner, mit Platz zwei beim Saisonabschluss kurz vor Weihnachten in Kyalami. Ansonsten gingen immer mindestens die ersten vier Plätze an Porsche 956, die die Weltmeisterschaftsrennen unter sich ausmachten.
Bellof umrundete zudem mit dem Werks-956 beim Training zum 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring 1983 die Nordschleife als erster Fahrer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 200 km/h und hält mit einer Zeit von 6:11,13 Minuten den Rekord in einem regelkonformen Fahrzeug unter Rennbedingungen. Allerdings war die Strecke wegen Bauarbeiten um zwei Kilometer von den früheren 22,835 km auf 20,832 km verkürzt. Bellofs Zeit wurde erst 2018 von einem Porsche 919 Evo unterboten, jedoch bei freier Strecke. Im Rennen hob Bellofs 956 auf dem „großen Sprunghügel“ im Pflanzgarten ab und überschlug sich. In Le Mans hätten Porsche die ersten zehn Plätze belegt, hätte sich nicht ein Sauber C7 mit BMW-Motor Rang neun gesichert, was Porsche mit „Nobody is perfect“ kommentierte. Zum Leidwesen der Kundenteams war das Werk weiterhin erfolgreich aktiv: Wieder gewannen zwei Werkswagen in Le Mans, Ickx wurde erneut Sportwagen-Fahrerweltmeister. Die Markenwertung war sowieso seit 1978 fest in Porsche-Hand, seit 1962 ging mindestens ein Klassen-Titel an Porsche.
1984 Einführung von 956B und 962 mini|Porsche 956B-114 von 1984 beim Goodwood Festival of Speed 2007
Für die Langstrecken-Weltmeisterschaft 1984 wurde angekündigt, dass die Treibstoffmenge reduziert werde, von 600 Liter Treibstoff für 1000 Kilometer auf 510 Liter. Porsche ersetzte die mechanische Einspritzanlage durch eine elektronische von Bosch. Diese Evolutionsstufe wurde als 956B bezeichnet; die 1984 an Kunden ausgelieferten Fahrgestellnummern begannen mit 956B-113. Der Motor mit der moderneren Einspritzanlage war sparsamer und konnte trotzdem in der Motorleistung zulegen. Nun stand bei 8200/min eine Leistung von 470 kW (640 PS) zur Verfügung. Die Porsche 956, deren Hauptgegner die Lancia LC2 waren, errangen in der Regel mindestens Doppelsiege, wobei Kyalami erneut eine Ausnahme war. Nur ein 956 ging in Südafrika an den Start und lag im Ziel auf Rang neun sogar hinter Kompaktwagen. In Le Mans nahm das Werk nach Disput mit dem ACO nicht teil. Bester unter den sieben 956 auf den ersten Rängen war der 956B-117 des Kundenteams von Joest Racing. Werksfahrer Stefan Bellof aus Gießen wurde Langstreckenweltmeister, somit als erster Bundesdeutscher Weltmeister auf der Rundstrecke.