Habakuk () heißt ein Prophet im Tanach. In der Septuaginta lautet sein Name und in der Vulgata Abacuc.Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 320. Die ihm zugeschriebene Schrift gehört zum Zwölfprophetenbuch. Danach war er ein Gerichtsprophet; Personendaten sind nicht überliefert. Sein Wirken wird aufgrund sprachlicher und inhaltlicher Indizien auf etwa 630 v. Chr. datiert.

Name Die Bedeutung des Namens ist unsicher, möglicherweise stammt er aus dem Akkadischen, ḫabbaqūqu bzw. ḫambaqūqu bezeichnet dort eine nicht näher bestimmbare Pflanzenart. Verwandt dürfte auch das Arabische ḥabaq (Basilikum) sein.Immanuel Löw: Die Flora der Juden. Band 2. Löwit, Wien und Leipzig 1924, S. 78–80. Eher unwahrscheinlich ist die Bedeutung „der Umarmer“ und eine Ableitung von der hebräischen Wurzel ḥbq (umarmen).

Verfasser und Entstehungszeit Sigmund Mowinckel bezeichnete Habakuk als „Kultpropheten“ am Jerusalemer Tempel, was vielfach übernommen wurde.Konsequent durchgeführt wurde diese Deutung von Paul Humbert, Problèmes du livre d’Habacuc (1944): Das Buch als Ganzes sei eine Bußtagsliturgie aus der Zeit des Königs Jojakim, in der der Prophet die Jerusalemer Gesellschaft und den König kritisierte. Wenn Jojakim allerdings der im Buch kritisierte Frevler ist, muss man ihm eine Eroberungspolitik zuschreiben, die sonst unbelegt und historisch unwahrscheinlich ist. Vgl. , hier S. 301. Dafür spricht die liturgische Prägung des Textes, vor allem im ersten Hauptteil.Vgl. beispielsweise Gerhard von Rad: Theologie der prophetischen Überlieferungen Israels (= Theologie des Alten Testaments. Band 2). Kaiser, München 1982, S. 196: „Der erste Teil seiner Prophetie (Hab. 1,2-2,4) besteht aus einem fast liturgischen Zwiegespräch zwischen dem Propheten und Jahwe.“ Jörg Jeremias verweist auf den Begriff in , der als „Wachtturm“ (Einheitsübersetzung), „Warte“ (Lutherbibel) oder „Posten“ (Zürcher Bibel) übersetzt wird. Er bezeichnet aber auch die priesterlichen Abteilungen, die in turnusmäßigem Wechsel ihren Tempeldienst verrichteten.Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 758.

Zur Entstehung des Buchs Habakuk werden unterschiedliche Modelle vorgeschlagen; verbreitet ist folgende, von Jörg Jeremias und Eckart Otto vertretene Deutung: Um 600 v. Chr. trat Habakuk in Jerusalem mit einer Königs- und Gesellschaftskritik auf. Er kündigte die Invasion der Neubabylonier als Gottes Strafe an. Im Babylonischen Exil wurde diese Schrift Habakuks überarbeitet. Die Erfahrungen mit der Brutalität der Eroberer führten dazu, dass man ihnen die Strafe ankündigte, die Habakuk ursprünglich der Jerusalemer Oberschicht zugedacht hatte. Als letztes kam der Habakuk-Psalm in nachexilischer Zeit hinzu. Er stellt die prophetische Botschaft in einen universalen, endzeitlichen Kontext. Antonius H. Gunneweg dagegen sieht im Habakukbuch eine weisheitliche Dichtung, die sich mit dem Theodizeeproblem auseinandersetzt. Nachträglich sei sie auf die gesellschaftliche Situation im Südreich Juda hin konkretisiert worden. Klaus Seybold nimmt an, dass Habakuk um 630 v. Chr. mit einer „Tafelprophetie“ hervorgetreten sei. In knapper, prägnanter Form war darauf Habakuks Sozialkritik zu lesen, verbunden mit der Ankündigung eines feindlichen Reitervolks. Im Babylonischen Exil wurden diese Tafeln mit alten hymnischen Texten kombiniert, und so entstand ein Habakuk-Trostbuch, in dem das Reitervolk auf die Babylonier umgedeutet wurde. Schließlich kam im 4. Jahrhundert noch der Habakuk-Psalm hinzu.Erich Zenger: Das Zwölfprophetenbuch, Stuttgart 2016, S. 683f.

Gliederung Erich Zenger schlägt eine Dreiteilung des Buchs vor:Erich Zenger: Das Zwölfprophetenbuch, Stuttgart 2016, S. 682. Hab 1,2-2,5: Klage des Propheten an Gott über Gewalt und Unrecht. JHWHs Antwort ist die Ankündigung des Strafgerichts, das durch die Chaldäer vollzogen werden soll. Habakuk klagt wiederum über die Gewalttätigkeit der Chaldäer. JHWH ordnet daraufhin an, dass eine prophetische Botschaft auf Tafeln geschrieben werden soll. Sie richtet sich an spätere Leser und enthält ein Trostwort: „Sieh her: Wer nicht rechtschaffen ist, schwindet dahin, / der Gerechte aber bleibt wegen seiner Treue am Leben.“ Hab 2,6-20: Weherufe (Leichenklage) gegen die Gewaltherrscher, ihre Raff- und Machtgier und schrankenlose Gewalt an Mensch und Natur. Hab 3,1-19: Theophanie-Psalm mit Anweisung zu dessen Vortrag. Habakuk beschreibt eine Vision des Endgerichts, die ihn einerseits erschreckt, andererseits in seinem Gottvertrauen stärkt.

Wirkungsgeschichte Jüdische Leser

Das Zwölfprophetenbuch, das auch die Prophezeiung Habakuks enthält, wurde in Alexandria wahrscheinlich zwischen 210 und 140 v. Chr. ins Griechische übersetzt. Der Habakuk-Übersetzer hatte eine schwierige hebräische Vorlage zu bearbeiten und setzte einige Akzente neu. In der griechischen Fassung von wird der Prophet als eine Art Pädagoge dargestellt: „Und er (= Gott) hat mich geformtDer Übersetzer las יצר anstelle von צור., um seine Erziehung zu beweisen.“Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 1204., hier Sp. 1042f.

Die antike Legendenbildung ist beim Propheten Habakuk besonders ausgeprägt, zumal aus dem Prophetenbuch keine Informationen zu seiner Person hervorgehen. Die Erzählung „Daniel, Bel und die Drachenschlange“ (Bel kai Drakon) gehört zu den Danielschriften der griechischen Bibel; sie wurde als Kapitel 14 dem Buch Daniel in der Vulgata angefügt und ihr folgend in verschiedenen modernen Bibelübersetzungen wie der Einheitsübersetzung. Hier ist Habakuk ein in Judäa lebender Prophet, der für den in der Löwengrube ausharrenden Daniel eine Mahlzeit zubereitet und von einem Engel wunderbarerweise nach Babylon und wieder zurück transportiert wird (). In den „Lebensbeschreibungen der Propheten“ (Vitae Prophetarum, 1. Jahrhundert n. Chr.) wird die Geschichte, wie Habakuk Speisen zubereitet und nach Babylon bringt, breiter ausgeführt. Habakuk ist hier außerdem als Prophet gekennzeichnet, der eine Vision vom Untergang Jerusalems und eine weitere Vision von der Wiederherstellung Israels hat., hier Sp. 1045.

Der Babylonische Talmud (Makkot 23b–24a) enthält eine Diskussion, in der die 613 Ge- und Verbote der jüdischen Tradition auf wenige Grundprinzipien zurückgeführt werden; Habakuk ist es schließlich, der alle Mitzwot auf den Grundsatz zurückführt, dass „der Gerechte durch seine Treue am Leben bleibt“.Hanna Liss: Das Buch Tere Asar (Zwölf-Prophetenbuch), Heidelberg 2019, S. 398.

Die gottesdienstliche Verwendung des Habakuk-Psalms ist alt. Im Talmud ist er als Haftara für Schawuot bezeugt; nachdem aber das 1. Kapitel des Buchs Ezechiel allgemein zur Haftara des Festtags geworden war, wird Hab 2,20-3,19 heute am zweiten Tag von Schawuot gelesen, sofern dieser zweite Tag als Fest begangen wird (d. h. nur außerhalb von Israel und nicht in Gemeinden der Reformbewegung). Hanna Liss: Das Buch Tere Asar (Zwölf-Prophetenbuch), Heidelberg 2019, S. 399.

Dieses Talmudzitat mit einer optimistischen Deutung eines Verses aus dem Buch Habakuk ist relativ bekannt, da es im Schlussteil des Gottesdienstes am Sabbatmorgen vorkommt. Außerdem ist es üblich, dass rabbinische Dezisoren ihre Responsen mit diesem Zitat abschließen.

Das Zitat wird häufig auf die Schändung jüdischer Friedhöfe bezogen, da die geraubten Grabsteine sekundär vermauert wurden und mitunter Jahrhunderte später wieder ans Licht kamen.

Christliche Leser mini|hochkant|Habakuk und der Engel (Bernini) mini|hochkant|Lo Zuccone (Donatello) Neues Testament Sowohl Paulus von Tarsus (, ) als auch der Verfasser des Hebräerbriefs () zitierten . Das Verhältnis des hebräischen Masoretischen Textes zur griechischen Septuaginta-Version und der Septuaginta-Version zu den neutestamentlichen Zitaten ist komplex.

Stefan Schreiner schlägt für die hebräische Fassung von Hab 2,4–5 folgende Übersetzung vor, die ohne Änderung des Masoretischen Textes auskommt. Verglichen werden hier der Frevler und der Rechtschaffene:Stefan Schreiner: Erwägungen zum Text von Hab 2,4. In: Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft 86/4 (1974), S. 538–542, hier S. 540.

Die neutestamentlichen Autoren lasen das Buch Habakuk in seiner griechischen Fassung. Der Septuaginta-Übersetzer hatte Schwierigkeiten, seiner hebräischen Vorlage einen Sinn abzugewinnen; die erhaltenen Septuaginta-Handschriften wurden aber von christlichen Kopisten angefertigt, und der (unterschiedliche) Wortlaut, den das Habakuk-Zitat in den neutestamentlichen Briefen hat, wirkte auf die Septuaginta-Versionen des Habakukbuchs zurück. Die älteste erreichbare griechische Version von Hab 2,4 lautet folgendermaßen:Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 1204.

Nach der Analyse von Dietrich-Alex Koch lag sowohl Paulus als auch dem Autor des Hebräerbriefs dieser griechische Text vor, den sie „entsprechend ihrer jeweiligen Verwendungsabsicht umgestalteten“.Dietrich-Alex Koch: Der Text von Hab 2,4b in der Septuaginta und im Neuen Testament. In: Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft 76 (1985), S. 68–85, hier S. 85. Bei Paulus ist Hab 2,4b grundlegend für seine Rechtfertigungslehre, im Hebräerbrief motiviert der Vers das geduldige Ausharren in der Endzeit.

Die obige Übersetzung der Septuaginta Deutsch ist zwar möglich und kommt der christlichen Auslegungstradition entgegen; da es sich um einen Parallelismus membrorum handelt, dessen Sprecher Gott ist, wäre aber folgendes Textverständnis näherliegender:

Der Grund für das Leben des Gerechten wäre dann also die Treue Gottes und nicht der Glaube des Gerechten. Das Bedeutungsspektrum von umfasst nämlich sowohl Treue/Zuverlässigkeit als auch Glaube/Vertrauen.Kurt Aland, Barbara Aland (Hrsg.): Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. 6., völlig neu bearbeitete Auflage. De Gruyter, Berlin 1988, Sp. 1332–1336.

Rezeption in Kunst und Musik Die apokryphe Tradition, wonach Habakuk dem Daniel in der Löwengrube Speisen bringt, ist künstlerisch mehrfach dargestellt worden, beispielsweise von Gian Lorenzo Bernini in der Chigi-Kapelle der Kirche Santa Maria del Popolo (Rom). Die Prophetenstatue Lo Zuccone von Donatello wird als Habakuk gedeutet (Museo dell’Opera del Duomo, Florenz). Habakkuk (Book and Person) IV. Christianity. Berlin/Boston 2015, Sp. 1050-1052.

Der Habakuk-Psalm liegt einer Motette von François Giroust (Domine audivi auditionem, 1779) zugrunde, und György Kósa schrieb 1953 eine Kantate über den Propheten Habakuk: Perlekedő prófécia.

Rezeption im Ingenieurswesen Der Name „Habakuk“ wurde vom Vereinigten Königreich während des Zweiten Weltkriegs für das Projekt Habbakuk verwendet. Es ging um einen (nie realisierten) Flugzeugträger von gigantischer Größe, der aus Pykrete bestehen sollte. Namengebend dürfte die Überlieferung von Habakuks wundersamer Unterstützung Daniels in der Löwengrube gewesen sein. Gerüchten zufolge soll die Namengebung aber auf anspielen: .

Gedenktag des Habakuk römisch-katholisch: 2. Dezember oder 15. Januar; armenisch: 3. Dezember; koptisch: 19. Mai.

Literatur Textausgaben Biblia Hebraica Stuttgartensia. Deutsche Bibelgesellschaft, 5. Auflage Stuttgart 1997, ISBN 3-438-05219-9. תרי עשר The Twelve Minor Prophets. Hrsg. von Anthony Gelston (= Biblia Hebraica Quinta. Faszikel 13). Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2010. ISBN 978-3-438-05273-5.

Hilfsmittel Wilhelm Gesenius: Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. Hrsg.: Herbert Donner. 18. Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg 2013, ISBN 978-3-642-25680-6.

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