Die Geschichte Thüringens umschreibt die Entwicklung eines geographischen Raums, dessen Kerngebiet das Thüringer Becken ist, von der Ur- und Frühgeschichte bis zur Gegenwart, in der der Freistaat Thüringen diesen Raum einnimmt.
Die Geschichte Thüringens begann nicht erst mit den Thüringern und ihrem spätantiken Königreich, das ab etwa 531 schrittweise ins Frankenreich eingegliedert wurde, es war aber wohl noch über die Jahrhunderte hinweg identitätsstiftend, vielleicht ebenso die hochmittelalterliche Landgrafschaft Thüringen, die die übergräfliche Stellung der Landgrafen (Ludowinger, Wettiner) ausmachte, die das hohe Gericht und den Landfrieden in ganz Thüringen zu besorgen hatten.Historische Karte (1642), – Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf Erfurt ist seit dem frühen Mittelalter das geistliche, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Thüringens, in dem vom 10. bis zum 19. Jahrhundert die Erzbischöfe von Mainz herrschten, wie auch im Eichsfeld. In der Frühen Neuzeit gehörte der größte Teil Thüringens zum Kurfürstentum bzw. Herzogtum Sachsen und seinen Folgestaaten, neben den Schwarzburgern, Reußen und Preußen, bis zum Ende der Monarchie. 1920 wurde das Land Thüringen gegründet und 1990 das Bundesland Thüringen.
Frühgeschichte und Altertum Während der Elster-Kaltzeit war das Thüringer Becken von einem Eisschild bedeckt. Älteste Funde menschlicher Besiedlung stammen aus Bilzingsleben, Ehringsdorf bei Weimar (Ehringsdorfer Urmensch) sowie aus Ranis. Die Silexspitze von Weimar-Ehringsdorf könnte aus der mittleren Altsteinzeit stammen.
Um 100 v. Chr. wanderten Hermunduren aus dem Gebiet der unteren Elbe nach Thüringen ein und vertrieben die Kelten oder vermischten sich mit ihnen. Letztere lebten bis um Christi Geburt südlich des Thüringer Waldes und erbauten dort ihr einziges Oppidum auf dem Gebiet Mitteldeutschlands, die Steinsburg bei Römhild. Da es sich bei der Steinsburg vermutlich um das bei Claudios Ptolemäus erwähnte oppidum Bikourgion handelt, ist Römhild als der älteste Ort auf dem Gebiet des heutigen Thüringen anzusehen.
Im Jahr 3 n. Chr. vereinigte der Markomannenfürst Marbod Hermunduren, Turonen, Quaden, Langobarden und Semnonen in seinem Reich. 19 n. Chr. vertrieb Vibilius, Fürst der Hermunduren, den Markomannen Catualda, den Nachfolger Marbods und verleibte sich so den nordböhmischen Teil des Markomannenreiches ein. Laut Tacitus (98 n. Chr.) entsprang die Elbe, deren Quelle tatsächlich im nordöstlichen Böhmen liegt, im Gebiet der Hermunduren.
Die Römer herrschten zwar niemals in Thüringen, dennoch unterhielten sie Handelsbeziehungen und unternahmen einige Expeditionen dorthin. Vielfach wurden im Land römische Münzen gefunden, und die römische Töpferei von Haarhausen bei Erfurt war fast identisch mit Töpfereien der Römer.
Die bis vor einigen Jahren vorrangige These, dass im 3. Jahrhundert Angeln und Warnen von Norden nach Thüringen einbrachen und zusammen mit den Hermunduren und Turonen die Thüringer bildeten, ist heute nicht mehr haltbar. Der Zusammenhang zwischen Hermunduren, die letztmals im 1. Jahrhundert erwähnt werden, und den Thüringern ist eine Erfindung. Im 4. Jahrhundert wurde der Name Thoringi erstmals durch Flavius Vegetius Renatus schriftlich erwähnt, wobei diese Quelle bezweifelt wird. Sicher hingegen ist die Existenz von Sidonius Apollinaris, eines gallischen Autors, der um 480 die Thoringi als einen ehemaligen Gefolgschaftsverband des Hunnenkönigs Attila bei dessen Kriegszug nach Gallien benannte.
Mittelalter Reich der Thüringer
Das Reich der Thüringer existierte bis zur Zerschlagung durch die Franken und Sachsen im Jahr 531. Die Quellen sind spärlich, genau zu datieren ist nur das Ende.
mini|hochkant|Angebliches Wappen des Reiches der Thüringer, 1546
Infolge des Abzugs der Hunnen Mitte des 5. Jahrhunderts konnten die Thüringer unter König Bisinus, dem ersten gesicherten Herrscher der Thüringer (um 500), die Herrschaft über ein ausgedehntes Gebiet übernehmen. Das Reich erstreckte sich vermutlich nach Süden über den Main hinaus und möglicherweise fast bis zur Donau.
Nach dem Tod des Bisinus regierten seine Söhne Baderich, Herminafried und Berthachar, von denen Berthachar wohl bereits früh verstarb. Schließlich blieb nur noch Herminafried als eigenständiger König übrig. Herminafried (Ermanfried, Hermenefred) heiratete die Gotin Amalaberga, eine Nichte des Ostgotenkönigs Theoderich der Große. Nach dem Tod Theoderichs 526 nutzten die Franken die Gelegenheit und griffen an. 531 war das Ende des Reiches gekommen. In der Schlacht an der Unstrut besiegten die merowingischen Franken unter den Königsbrüdern Chlothar I. und Theuderich I. die Thüringer. Ob die Sachsen in dieser Auseinandersetzung mit den Franken verbündet waren, ist in der modernen Forschung umstritten. Durch Flucht, Deportation und Mord (Herminafried 534 in Zülpich) fand die thüringische Königsfamilie ihr Ende. Die letzte Angehörige des Königshauses, Radegunde, starb 587 im fränkischen Exil und wurde später heiliggesprochen.
Das Reich wurde zerschlagen und unter den Siegern aufgeteilt. Das Gebiet nördlich des Harzes ging vermutlich an die Sachsen, der Süden wohl an die Franken. Die Gebiete östlich der Saale konnten von den Franken nicht gehalten werden und wurden von Slawen besiedelt. Als Tribut wurde den südlichen Thüringern der sogenannte Schweinezins auferlegt, demzufolge sie dem fränkischen Königshof jährlich 500 Schweine liefern mussten.
Das Iringlied erzählt eine von den Ereignissen inspirierte Geschichte vom Untergang des Reiches der Thüringer und dem Ende Herminafrieds.
Das merowingische Herzogtum Thüringen mini|Das Thüringer-Reich als Teil des Fränkischen Reiches zu Zeiten der Merowinger
Um 630 errichteten die Merowinger in Thüringen ein Herzogtum und setzten als Herzog den Franken Radulf ein. Über ihn und seine Nachfolger Heden I. und Heden II. ist fast nichts bekannt. Heden II. schenkte 704 seinen Hof Arnstadt dem Bischof Willibrord – es ist die älteste urkundliche Erwähnung eines Ortsnamens im Thüringer Gebiet.
Unklar ist, ob es sich bei Radulf um einen Herzog Hruodi handelt, der etwa gleichzeitig in der Würzburger Gegend herrschte. Das Herzogtum bestand bis ins späte 7. Jahrhundert.
Thüringen in ottonischer und salischer Zeit mini|Thüringen als Teil des Heiligen Römischen Reiches zur Zeit der Salier
Im Gegensatz zu den übrigen deutschen Stämmen entstand bei den Thüringern zu Beginn der deutschen Geschichte Anfang des 10. Jahrhunderts kein eigenständiges neues Stammesherzogtum. In ottonischer Zeit waren die einflussreichsten Fürstenhäuser in der Region die Markgrafen von Meißen und die Grafen von Weimar. Thietmar von Merseburg schrieb, Markgraf Ekkehard I. sei durch das Volk der Thüringer zum Herzog gewählt worden – auch wenn eine solche Wahl, falls sie tatsächlich stattgefunden hat, kaum Rechtsgültigkeit besessen hätte. Nach der Ermordung Ekkehards I. im Kloster Pöhlde im Jahr 1002 stiegen die Grafen von Weimar zur wichtigsten Familie des Landes auf. Als König Heinrich II. bei seinem Krönungsumritt im Juli 1002 Kirchberg bei Jena besuchte, trat Wilhelm II. als Fürsprecher aller Thüringer auf und erreichte beim König nach fast 500 Jahren die Aufhebung des Schweinezinses.
Unter den thüringischen Adelsgeschlechtern des Mittelalters gewann das der Ludowinger eine besondere Bedeutung. Seine ersten bekannten Angehörigen standen, wie die verwandten Reginbodonen, in engerer Beziehung zum Erzbistum Mainz und waren (auch) am mittleren Main begütert. Ludwig der Bärtige, angeblich ein Verwandter Giselas, der Ehefrau Kaiser Konrads II., erhielt um 1040 ein Lehen nördlich des Thüringer Waldes und legte die heute verfallene Schauenburg an. Im Raum Friedrichroda/Finsterbergen erwarb er ein ansehnliches Territorium, das später, auch durch Heirat, bis an den Harz ausgedehnt werden konnte. Sein Sohn Ludwig der Springer erbaute 1067 die Wartburg.
Die ludowingische Landgrafschaft Thüringen Ludwig I. wurde 1131 vom späteren Kaiser Lothar von Supplinburg zum Landgrafen von Thüringen erhoben. Diese neue Landgrafschaft war 1111/1112 durch Kaiser Heinrich V. geschaffen worden. Als erster Landgraf war der bayerisch-sächsische Graf Hermann von Formbach, Radelberg und Winzenburg († 1137 oder 1138) eingesetzt, aber 1130 all seiner Ämter enthoben worden. Nach dem Tod von Kunigunde von Bilstein im Jahre 1140 erbte Ludwig I. auch die gisonischen Hessengaue. Unter den Ludowinger Landgrafen wurde Thüringen mehrfach in den staufisch-welfischen Thronstreit hineingerissen. Die auf ihren Vorteil bedachten Landgrafen wechselten in dieser Zeit mehrfach die Fronten. Die landgräflichen Hauptresidenzen Wartburg, Runneburg, Neuenburg, das Marburger Landgrafenschloss und die Burg Creuzburg wurden prachtvoll ausgestattet und waren im 12. und 13. Jahrhundert Zentren deutscher Kultur. Bekannt sind der sagenhafte Sängerkrieg und das Wirken der heiligen Elisabeth. Die Heirat Ludwigs IV. mit Elisabeth, der Tochter des ungarischen Königs Andreas’ II., zeigt, dass die Ludowinger zu den mächtigsten Reichsfürsten zählten.
Erste Stadtgründungen Im 12. Jahrhundert erfolgten auch in Thüringen die ersten Stadtrechtsverleihungen. Nach königlichem Recht (ius civitatis) waren die Stadtrechte von Mühlhausen, Nordhausen und Saalfeld gestaltet und diese Städte zu Reichsstädten erhoben worden. Das dem Mainzer Erzbistum unterstellte Erfurt galt zu dieser Zeit bereits als eine mittelalterliche Großstadt mit über 10 000 Einwohnern. Noch im 13. Jahrhundert entstand eine Gruppe kleiner Städte, meist in der Nähe landgräflicher Burgen, wie Waltershausen, die dem Handel und Handwerk größere Vorteile boten als in dörflicher Umgebung. Die Ludowinger waren auch die ersten Herrscher Thüringens, die aktive Städtepolitik betrieben und diese zur Machtsicherung und -erweiterung einsetzten. Aus den Stadtgrundrissen lassen sich geplanten Stadtgründungen (nach Eisenacher Stadtrecht) an einem rechteckigen Straßenraster erschließen. Zu diesen gehören Gebesee und Weißensee, welches zu einem Machtzentrum im östlichen Teil der Landgrafschaft avancierte, oder Thamsbrück (1206) und Langensalza (1268), die nicht im Machtbereich der Ludowinger lagen.
Geistliche Ritterorden in Thüringen mini|Die Johanniterburg in Kühndorf|247x247px
In der Zeit der Kreuzzüge hatten sich Ritterorden herausgebildet, die auch in Thüringen hohes Ansehen genossen. In engster Beziehung zum Landgrafenhaus befand sich der Deutsche Orden. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts übernahm er wichtige Positionen östlich der Saale und gründet Niederlassungen (Komtureien) in Altenburg (1214), Zwätzen (1221), Porstendorf und Schleiz (1224) sowie im westlichen Thüringen Nägelstädt (1222) und Mühlhausen (1227). Durch Schenkungen und Landkauf entstanden im Umkreis dieser oft burgartig befestigten Sitze weitere Landgüter. Die Ballei Thüringen fand ihren Hauptsitz in Zwätzen. Der Johanniterorden war ebenfalls in Thüringen vertreten, sein administratives Zentrum lag im Raum Weißensee, der Templerorden hatte in Topfstedt bei Greußen Fuß gefasst, kleine Hospitalorden (z. B. der Lazariter-Orden auf dem Wackenhof bei Kupfersuhl) vervollständigen das Bild.
Die Landgrafschaft unter den Wettinern im Spätmittelalter mini|Vollwappen Albrechts II.|220x220px