mini|Jenische am Lauerzersee (Schweiz), 1928

Jenische ist sowohl eine Eigen- als auch eine Fremdbezeichnung für Angehörige eines nach landschaftlicher und sozialer Abkunft in sich heterogenen Teils der Bevölkerung in Mittel- und Westeuropa. Historisch lassen sich Jenische auf Angehörige der marginalisierten Schichten der Armutsgesellschaften der frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts zurückführen. Möglicherweise reichen sie weiter zurück, wie Hinweise auf die jenische Sprache, etwa das Buch Liber Vagatorum von 1510, nahelegen. Merkmale dieser historischen Jenischen waren ihr ökonomischer, rechtlicher und sozialer Ausschluss aus der Mehrheitsbevölkerung und eine dadurch bedingte Binnenmigration, meist innerhalb Europas. Jenischen zugeordnet wird eine eigentümliche Sprachvarietät, die aus dem Rotwelsch hervorgegangene jenische Sprache.

Bezeichnungen Die Herkunft der Jenischen ist nicht restlos geklärt. Die nomadische Lebensweise hat in Europa eine lange Tradition. Aus dem „Fahrenden Volk“ und aus den „Heimatlosen“ entwickelte sich über die Jahrhunderte eine jenische Identität. Der Begriff „jenisch“ taucht zu Beginn des 18. Jahrhunderts erstmals im Zusammenhang mit der Sprache der „Fahrenden“ auf. Es gibt aber einzelne Wörter in Wortlisten des Spätmittelalters, die sich in der heutigen jenischen Sprache wiederfinden, was auf eine ältere Geschichte der Volksgruppe hinweist.

„Jenisch“ ist ein erstes Mal für eine Wortliste aus dem Jahr 1714 bei Friedrich Kluge (1901) angegeben, und zwar als Sprach-, nicht als Sprecherbezeichnung. Demnach seien es betrügerische Wiener „Kellner“ gewesen, die sich auf „eine gewisse Redens-Arth“ verlegt hätten, „welche sie die jenische Sprach nennen.“ Der Auszug enthält keine Hinweise darauf, dass es „Fahrende“ seien, die ebenfalls so sprächen. Er beschreibt die Sprache als Medium des Rechtsbruchs und die Sprecher als delinquent.Friedrich Kluge: Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprache und der verwandten Geheimsprachen. Straßburg 1901 (ND 1987), S. 175 f. Eine zweite Nennung findet sich in einer „Diebsliste“ von 1716.Ausfuhrliche Beschreibung aller derjenigen Rauber, Dieb, …, Dillingen 1716 („Dillinger Liste“). Kluge, S. 181 f., datiert fälschlich auf 1721. Sie bezieht sich räumlich auf Schwaben, die Aufgelisteten werden als „Rauber, Dieb, Beitel-Schneider und andere Jauners-Bursch“ kategorisiert. Es wird ihnen eine größere Zahl von rotwelschen Wörtern zugeordnet. Bei einem Wort ist angegeben, es sei der „jenischen Sprach“ entnommen.

Eine erste Schrift, in der das Wort „Jenische“ nicht als Fremd-, sondern als Eigenbezeichnung für Gruppen von „Fahrenden“ verwendet wird, liegt mit dem 1793 anonym veröffentlichten Abriß des Jauner- und Bettelwesens in SchwabenAbriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben nach Akten und andern sichern Quellen von dem Verfasser des Konstanzer Hans. Stuttgart 1793. vor, der meist dem Ludwigsburger Zuchthauspfarrer und Waisenhausdirektor Johann Ulrich Schöll zugeschrieben wird.

Der Verfasser beschreibt dort als eine Gegengesellschaft zur „arbeitsame[n] und erwerbende[n] Classe“ und als Bedrohung der staatlichen Ordnung „ein stehendes Heer von vielen tausenden“ von „Jaunern“, nämlich „herumstreichenden Dieben“, Räubern „von Profession“ sowie vagierenden gewerbsmäßigen Bettlern. In der von ihnen neben der Landessprache gesprochenen und als „Jenisch“ bezeichneten „rothwelschen“ Gruppensprache nennten sie sich auch „Jenische, d. i. Leute, die nirgends keine Niederlassung haben“.

Diebe bzw. Räuber und Bettler – als „Amphibien“ auch in Doppelfunktion tätig – seien jeweils noch in weitere „Classen“ zu unterteilen. Sie wiesen bedingt durch ihre je verschiedenen Erwerbsformen Unterschiede auf, stimmten jedoch „in ihrer übrigen Lebensart, in ihren Sitten und anderen Verhältnissen überein“ und machten insofern „im Grund nur eine Gesellschaft aus“.

Nach Auffassung des Verfassers handelt es sich dabei um eine gemessen an älteren kriminellen vagierenden Gruppen junge Erscheinung. Ihre Entstehung führt er auf die Entwurzelung und erzwungene „Landstreicherey“ großer Teile der Bevölkerung, darunter brotlos gewordener Soldaten in der Folge des Dreißigjährigen Krieges, zurück. Er sieht eine Kontinuität dieser Erscheinung in Schwaben durch weitere Kriege bis hin zu den Folgewirkungen der französischen Revolution. In der Beschreibung der regionalen Herkunft der „Jauner“ spricht er von zu zwei Dritteln eingeborener Schwaben, während das übrige Drittel hauptsächlich aus Bayern, Schweizern, Franken und Elsässern bestehe und auch eine inzwischen bereits abnehmende Zahl von Juden dazugehöre. Soweit die Zugehörigkeit nicht bereits durch Geburt gegeben sei, handle es sich der sozialen Herkunft nach um entlaufene Bauern, Bürger und Handwerksburschen sowie mit einem hohen Anteil um ehemalige Soldaten und Soldatenkinder.Siehe: Abriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben nach Akten und andern sichern Quellen von dem Verfasser des Konstanzer Hans. Stuttgart 1793, Einleitung, S. XVI–XVII, Kap. I, S. 8 f., 15, 22, Kap. II, S. 13, Kap. XV, S. 285–299 („Sprache der Jauner“), hier: S. 285, Kap. XXI, S. 378, Kap. 22, S. 394 f. mini|Kurpfälzische „Diebsliste“, 1770

1810 vertritt ein anonymer Verfasser in einem Beitrag Die Jauner-Sprache für eine Schweizer Zeitschrift die Ansicht, das „Völklein“ der „Jauner“ sei richtiger als „jenische Gasche“ zu bezeichnen, da „Jauner“ ehrenrührig so viel wie „Falschspieler“ bedeute. Stehle aber ein „jenischer Kaffer“ oder „Freyer“ etwas, so werde er „gschor Gasche“ genannt. Der Autor verweist noch auf die Romanes-Anteile im jenischen Idiom. Damit ist der Bezug zur Bezeichnung „Gatsche“ der Sinti und Roma für die Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung hergestellt.Die Jauner-Sprache, in: Der Erzähler, Nr. 34, 24. August 1810, S. 157f., siehe auch: und .

Linguisten leiten übereinstimmend, aber nicht ohne Vorbehalt, den Sprachnamen und seine Ableitung für eine Sprechergruppe aus dem Romanes von „džan“ (S. A. Wolf) bzw. „džin“ (Y. Matras) für „wissen“ ab.Siegmund A. Wolf: Wörterbuch des Rotwelschen: Deutsche Gaunersprache. Bibliographisches Institut, Hamburg, 1985, 2., durchgesehene Aufl., S. 144 f.; Yaron Matras: The Romani element in German secret languages: Jenisch and Rotwelsch. In: ders. (Hrsg.): The Romani element in non-standard speech. Wiesbaden 1998, S. 193–230, hier: S. 196. Im Inhalt korrespondiert „Jenisch“ damit mit dem benachbarten aus dem Jiddischen entlehnten „kochem“ (= „gescheit“), das ohne klare Abgrenzung ebenfalls als Sprachname und Bezeichnung für die Sprechergruppen („Kochemer“) verwendet wird.

Inwieweit „Jenische“ von den Angehörigen der so bezeichneten regionalen Gruppen tatsächlich als Eigenname verwendet wird, ist kaum erforscht. Repräsentative Untersuchungen gibt es nicht. Der Verfasser einer bereits Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre entstandenen Untersuchung zum Rheinland stellte fest, dass „nach meinen Beobachtungen jene Gruppen [= Nicht-Roma-‚Vagantengruppen‘] das Wort jenisch nicht zur Selbstbezeichnung verwenden“.Michael Faber: Schausteller. Volkskundliche Untersuchung einer reisenden Berufsgruppe im Köln-Bonner Raum. Bonn 1982, 2. durchges. Aufl., S. 24. In der Schweiz bezeichnen sich zahlreiche Angehörige dieser Ethnizität als Jenische, gelegentlich auch in der Schreibweise respektive Ausspracheform „Jänische“.

Eine weitere Eigenbezeichnung (die sehr gelegentlich mehrheitsgesellschaftliche Unterstützer der durchgängig als delinquent beschriebenen Gruppen und Individuen mitmeinte) ist mit „Platte“ (auch: „Blatte“) aus dem 18. Jahrhundert überliefert.Description derer bey verführter Inquisition … justificirte[n] Gaudiebe …, Römhild 1754, unpag.; J. J. Bierbrauer: Accurate Beschreibung …. Kassel 1755, S. 13; o. O. (Koblenz) o. J. (1762); Actenmäsige Verzeichnuß und Beschreibung verschiedener in dem Fürstlichen Hochstift Speyer, auch benachbarten chur- und hochfürstlichen pfälzisch-maynzisch-trierisch-heßisch- und anderen Reichslanden herum vagirender … Räuber und Diebe …, Bruchsal 1770.

Es gibt daneben eine größere Zahl von in der Regel regionalen Fremdbezeichnungen („Mäckesser“, „Pläcker“, „Fecker“, „Kiepenkerle“), denen ein früher stets abwertender, heute eher folkloristischer Inhalt gemeinsam ist.Ulrich Friedrich Opfermann: Der „Mäckes“ – Zu Geschichte und Bedeutungswandel eines Schmähworts. In: Nassauische Annalen. Bd. 109, 1998, S. 363–386. In Österreich, vor allem in Tirol, war die Bezeichnung Karrner, Karner (die in Karren leben) oder auch Landgeher, Laninger gängig.

In der Schweiz gebräuchliche Fremdbezeichnungen haben ihren Ursprung teils in geografischen Herkunftszuschreibungen („Vazer“), meist jedoch im Zusammenhang mit den Erwerbstätigkeiten „Chorbeni“ (Korbmacher) im Wallis, „Spengler“ oder „Kessler“ in der Ostschweiz und im Kanton Graubünden, „Chacheler“ („Geschirrmacher“) oder „Chachelifuerme“ („fahrender Geschirrhändler“) im Mittelland (Aargau, Solothurn, Bern, Luzern). – Willi Wottreng: Zigeunerhäuptling. Vom Kind der Landstrasse zum Sprecher der Fahrenden – Das Schicksal des Robert Huber. Orell Füssli Verlag, Zürich 2010, S. 47: „Ursprünglich wurden diesem Volk je nach Region die verschiedensten Bezeichnungen zugedacht: Chacheler,…“.

Verbreitung mini|Jenische Dörfer und Lebensräume in Europa mini|Polizeiliche Wegweisung, Messerligrube bei Bern, 1977

In den deutschsprachigen Ländern, in Frankreich, den Benelux-Staaten und in Italien sind jenische Gruppen dokumentiert. Sowohl die Zahl der Menschen mit jenischer Herkunft als auch die Zahl der heute sich selbst als Jenische definierenden Menschen ist unbekannt. Zahlen gibt es für die Schweiz, ohne genauere Belege, und für Deutschland.

Schweiz 2001 ging Nationalrat Remo Galli als Sprecher der Kommission Stiftung „Zukunft für Schweizer Fahrende“ von etwa 35.000 „Fahrenden“, sesshaft oder nicht, aus, darunter etwa 20.000 Jenische.Rahmenkredit Stiftung „Zukunft für Schweizer Fahrende“, in: Nationalrat, Sommersession 2001, Sechste Sitzung, 11. Juni 2001, siehe: . So bereits 1979 Mariella Mehr: „… ungefähr 20.000 Jenische“ sesshaft und „eine Handvoll Sippen, die noch reisen würden“, siehe: Mariella Mehr: Jene, die auf nirgends verbriefte Rechte pochen. In: Tilman Zülch (Hrsg.) und Freimut Duve: In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt. Zur Situation der Roma (Zigeuner) in Deutschland und Europa. Reinbek 1979, S. 274–287, hier: S. 276 f. 2006 vertrat der schweizerische Bundesrat „zwischen 25.000 und 30.000 Personen“ der „Gemeinschaft der schweizerischen Fahrenden“, d. h., ohne eine Angabe zum Anteil der Jenischen zu machen.Bericht des Bundesrats über die Situation der Fahrenden in der Schweiz., Teil I, Bern 2006, S. 5. Wie diese Zahlen entstanden, ist unbekannt.

Angaben gibt es nur zur Zahl der in der Schweiz noch Reisenden, die aber ebenfalls den Anteil der Jenischen offenlassen. 2001 ergab ein von der Stiftung „Zukunft für Schweizer Fahrende“ in Auftrag gegebenes Gutachten 2500 „aktiv Fahrende in der Schweiz“. Diese Zahl basiert auf den Nutzungszahlen der Stand- und Durchgangsplätze im Jahre 1999.Thomas Eigenmann, Rolf Eugster: Fahrende und Raumplanung. Gutachten, St. Gallen 2001, S. 11. Auch der „Standbericht 2010“ nennt dieselbe Zahl, präzisiert aber: „Im Gegensatz zu den ausländischen bezeichnen sich die Schweizer Fahrenden in der Regel als Jenische.“Thomas Eigenmann, Jon Gaudenz: Fahrende und Raumplanung Standbericht 2010 Herausgeber: Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende, St. Gallen 2010, S. 36 [Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende]

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