mini|Tänzerin bzw. Kontorsionistin am Parasumaresvara-Tempel in Bhubaneswar, Indien (7. Jh.)
Der Begriff Kontorsion (lat. contortio ‚Drehung, Windung‘) beschreibt eine Form von Akrobatik-Vorführungen, bei der der Artist seinen Körper in Positionen verdreht oder verbiegt, die für die meisten Menschen unerreichbar zu sein scheinen. Kontorsion kann sowohl Teil einer Zirkus-Nummer als auch eigenständige Darbietung sein. Die Disziplin wird als Kontorsionistik bezeichnet.Kontorsionistik Eintrag im Zirkus-Wörterbuch, abgerufen am 7. Juni 2023.
Ein Kontorsionist, auch Schlangenmensch genannt, ist somit ein Akrobat, der seinen Körper aufgrund von jahrelangem Training extrem biegen kann. Im Allgemeinen haben Kontorsionisten bereits eine ungewöhnlich hohe natürliche Beweglichkeit, die dann noch durch spezielle Turnübungen gesteigert wird.
Formen Meistens werden Kontorsionisten entweder als Frontbender (engl. „Vorbeuger“) oder als Backbender (engl. „Zurückbeuger“) kategorisiert, abhängig davon, in welche Richtung ihre Wirbelsäule beweglicher ist. Nur wenige Darsteller beugen sich gleichermaßen geschickt nach vorn und hinten.
Das Nach-hinten-Biegen wird oft auch „Kautschukarbeit“Kautschuk (Darbietung), Eintrag im Zirkus-Wörterbuch, abgerufen am 7. Juni 2023. und das Nach-vorne-Biegen nach Eduard Klischnigg „Klischniggerarbeit“Klischnigg, Eintrag im Zirkus-Wörterbuch, abgerufen am 7. Juni 2023. genannt.
Bei den Vorführungen zeigen Kontorsionisten unter anderem folgende Fähigkeiten:
mini|hochkant|Stehender Frontbend Frontbending-Übungen wie zum Beispiel das Vorwärtsfalten an der Taille mit gestreckten Beinen oder das Verschränken der Beine hinter dem Kopf (Yoganidrasana, auch menschliche Knoten genannt). Während einer Vorwärtsfaltung kann auch der Körper durch einen Ring oder ein Fass geführt werden. mini|„Brücke“ durch Backbend Backbending-Übungen wie das Berühren des Kopfes mit den Füßen oder gar dem Gesäß (ein so genannter Kopfsitz) – im Stehen, auf dem Boden liegend oder im Handstand. Eine Marinelli-Beuge ist ein Backbend, bei welchem der Kontorsionist sich lediglich auf eine kleine Halterung stützt, die er im Mund hält. Unter einem Cheststand versteht man eine Position, in dem der Kontorsionist auf der Brust „sitzt“ in Kombination mit einem Backbend z. B. einem Kopfsitz. mini|Irina Tschaschtschina beim Überspagat Spagat und Überspagat (ein Spagat von mehr als 180 Grad) können sowohl in Front- als auch Backbending-Übungen integriert werden. Ein Überspagat kann ausgeführt werden, indem die Füße durch zwei Stühle oder von zwei Helfern gestützt werden. mini|„Mann in der Kiste“ durch Enterologie Enterologie (engl. Enterology oder auch Box Act, etwa „Kistennummer“) ist die Praxis, jemandes Körper in einen kleinen, kniehohen Kasten zu drücken, der für einen Menschen viel zu klein zu sein scheint. Gewöhnlich kreuzt der Zusammengedrückte dabei die Beine und nimmt den Kopf zwischen die Knie. Verrenkungen der Schultern oder Hüftgelenke werden manchmal als eigenständige Übungen vorgeführt. Zum Beispiel wird dabei der Arm gehoben und hinter dem Kopf vorbei auf der anderen Schulter abgelegt. Im englischen auch als „Bonebreaking“ bekannt.
Arten von Darbietungen Wie andere darstellende Künste kann Kontorsion verschiedene Stimmungen vermitteln, abhängig von den gewählten Kostümen und der Choreographie, sowie von der Persönlichkeit und den schauspielerischen Fähigkeiten des Darstellers. Darsteller können zum Beispiel einen Stil wählen, der schön, athletisch, verrückt, unheimlich, sinnlich, erotisch oder humorvoll ist, und jeder dieser Stile hat Anhänger, die ihn bevorzugen, manchmal bis zum Ausschluss anderer Stile.
Einige spezielle Arten von Vorstellung:
Ein Adagio-Akt (ausgesprochen: [aˈdaʤjɔ]) ist ein sehr langsamer, akrobatischer Tanz, bei welchem ein Partner den anderen Partner hebt und trägt, wobei er Spagat und andere Beweglichkeitsposen zeigt. Bei einem Rag-Doll-Akt oder Golliwog-Akt, verbiegen, tragen oder schütteln ein oder zwei Helfer den Kontorsionisten auf eine Art und Weise, in der das Publikum überzeugt wird, dass der verkleidete Darsteller eine schlaffe, lebensgroße Puppe sei. Die Vorführung endet gewöhnlich damit, dass die Puppe in einen kleinen Kasten gestopft wird, worauf sie aus diesem von selbst wieder heraussteigt und das Kostüm auszieht. Ein spanisches Netz ist eine Kontorsions-Vorführung, die hoch über der Bühne durchgeführt wird. Dabei hält sich der Akrobat an einer Schlaufe eines dicken, weichen Seiles fest, das von der Decke herunterhängt. Manche Darsteller hantieren während der Darbietung auch mit Requisiten, schwingen zum Beispiel Hula-Hoop-Reifen, jonglieren mit Ringen, balancieren Türme von Weingläsern oder spielen ein Musikinstrument.
Ein Kontorsionist kann allein auftreten, einen oder mehrere Helfer haben oder in einer Gruppe von mehreren Kontorsionisten auftreten. Dabei sind Utensilien, wie etwa Koffer oder auch transparente Kisten, zur Demonstration nicht unüblich. Auch kommen gerne Podeste und Griff-Systeme zur Erhöhung des Standorts gegenüber dem Betrachter zum Einsatz. Begleitende Tanz-, Musik- und Beleuchtungsarrangements gehören zum regelmäßigen Repertoire, um eine für die Darbietung geeignete, spannungsgebende Atmosphäre zu schaffen. In der Regel beschränkt sich eine solche Darbietung auf ein kleines Repertoire an Grundelementen, das mit aufwertenden Variationen in langsamer Bewegung bis zum jeweiligen Höhepunkt der Figur präsentiert wird.
Bei der Präsentation steht der Phantasie der Artisten nichts im Wege, wobei üblicherweise hautenge Kleidung, meist Bodys mit langen Arm- und Beinteilen, bevorzugt wird. Die Farbgebung ist sowohl uni als auch strukturiert. Man findet gerne Hautfarben, gold und silber, aber auch viele weitere Farben. Gelegentlich wird auch schwarzes Gummi als Material verwendet. Bei einem gemusterten Dress werden sowohl die Körperlinie betonende, aber auch die Linie verschleiernde Phantasiedesigns gewählt. Auch Tier-Designs, zum Beispiel Schlange oder eine Katze sind nicht ungewöhnlich. In ihrer Wirkung unterscheiden sie sich dahingehend, dass teilweise jeder Muskel und auch der Knochenbau stark hervortritt. Weichteile werden, bedingt durch die Stretch-Wirkung der Stoffe, eher kaschiert. Eine eher veraltete Auftrittsform stellt Sport-Design im Stil von historischen Gewichthebern bzw. Kraftathleten dar. Auch entsprechende Körperbemalung kommt gelegentlich zum Einsatz, erfordert jedoch wesentlich höheren Vorbereitungsaufwand. Im Sinne griechischer Ästhetik ist auch die Demonstration ohne Bekleidung eine Option, die jedoch aus Gründen des Jugendschutzes in einer breiten Öffentlichkeit wenig akzeptabel ist. Gelegentlich kommt auch üppiger Kopfschmuck, eine Robe, Hals- und Armreife oder Colliers beim Auftritt zum Einsatz, die aber in der Regel vor der eigentlichen Aktion abgelegt werden. Je nach Akteur und Ziel der Darstellung werden auch Schuhe getragen, wobei jedoch häufiger mit Ballettschuhen, aber gerne auch barfuß agiert wird.
In der Vergangenheit waren Kontorsionisten fast ausschließlich vom Zirkus und dem Jahrmarkt her bekannt, jedoch finden sie neuerdings auch zunehmend Arbeit bei Auftritten in Nachtclubs, Vergnügungsparks, in Zeitschriften-Anzeigen, auf Messen, in Fernseh-Varieté-Vorführungen, in Musikvideos, als Aufwärm-Auftritte oder im Hintergrund von Konzerten. Auch werden heute Kontorsion-Fotos und -Videoclips von Fans im Internet getauscht; mehrere Websites bieten den Zugang zu Kontorsion-Fotos gegen monatliche Bezahlung oder verkaufen Videokassetten per Post.
Sportmedizinische Aspekte Kontorsion ist kein Breitensport, sondern vielmehr eine Kunst, die es hart und intensiv zu trainieren gilt. Während zum Beispiel das Stretching im Zusammenhang mit Krankengymnastik für die Wiederherstellung der normalen Beweglichkeit eines Menschen ein wichtiges Ziel ist, erzielt man mit dem bei Kontorsion praktizierten Stretching Bewegungsmöglichkeiten, die weit über das Normalmaß und damit über die lebenswichtige Beweglichkeit hinausgehen. Im Idealfall wird Kontorsion so eingeübt, dass sie langsam und schrittweise, vergleichbar einem Radrennfahrer oder einem Leichtathleten, die Möglichkeiten des Körpers erweitert – meist fast unmerklich im Millimeterbereich, so dass jahrelanges Training erforderlich ist. Das Erzwingen von Ergebnissen, zum Beispiel durch übermäßige dynamische Belastung, führt zwangsläufig zu bedenklichen inneren Verletzungen der beteiligten Organe und kann das ganze Vorhaben zu Fall bringen.
Idealerweise wird bereits in jungen Jahren begonnen, die individuellen Grenzen zu verschieben, beispielsweise in einer Zirkusschule, im Ballett oder im Rahmen von Sportgymnastik. Dabei werden sowohl Muskeln, wie auch Sehnen und Bänder durch Belastung beansprucht, worauf der menschliche Körper mit kräftigerem Wachstum reagiert. Dieses Wachstum führt sowohl zu einer Umfangszunahme, was aber zugleich eine Zunahme der maximalen Länge dieser Organe bei Dehnung bedeutet. Zugleich wird durch die Trainingsarbeit eine Enthärtung oder besser gesagt Flexibilisierung dieser Komponenten erzielt. Hieran ist nicht zuletzt eine trainingsbedingte bessere Durchblutung ursächlich beteiligt.
Ein entscheidender Aspekt des Trainings, aber auch jeder Vorführung ist das Aufwärmen, wie es Skifahrer und jeder Kraftsportler betreibt. Damit soll mittels sanfter, stärker werdender Belastung die Temperatur der Muskeln, deren Durchblutung und in der Folge deren Dehnbarkeit erhöht werden. Werden die Übungen einer Trainingseinheit zu schnell angegangen oder gar ohne jegliches Aufwärmen, so steigt das Risiko schmerzhafter Muskelzerrungen oder anderer Schäden am Körper. Regelmäßiges Training erlaubt es vor allem, die Kondition und damit den Anfangspunkt einer jeden Sitzung höher zu legen. Beispielhaft sei hier der Spagat angeführt, welcher für den untrainierten Menschen meist schon daran scheitert, dass beim Anwinkeln des Oberschenkels auch der Unterschenkel wie beim normalen Gehen in Neigung geht. Er wird zunächst nur als Grätsche trainiert, die dann immer breiter wird, langsam das Annähern und Aufsetzen auf dem Boden erlaubt, bis sie schließlich sowohl die in nach vorne gestreckter Haltung, wie auch mit zweiseitig ausgestreckten Beinen praktizierbar ist. Beim Training sind gute Anatomiekenntnisse hilfreich, da die Beinmuskulatur mit ihrem Pfannengelenk und der mitbestimmenden Hüfte von mehreren unabhängigen Muskelpartien in ihrem Spielraum begrenzt wird. Gutes Training beansprucht in verschiedensten Übungen die einzelnen Muskelpartien einzeln oder auch in Gruppen in regelmäßiger Weise, ohne eine Partie auszulassen oder zu sehr zu fordern.