In Spanien gibt es sechs im Parlament vertretene Parteien bzw. Parteienbündnisse, die in ganz Spanien aktiv sind: die sozialdemokratische Spanische Sozialistische Arbeiterpartei (Partido Socialista Obrero Español, PSOE), die konservative Volkspartei (Partido Popular, PP), die rechtsnationale VOX, das linke Bündnis Unidas Podemos (mit Podemos und Izquierda Unida), die liberale Ciudadanos (C's) und die links-ökologische Más País. Daneben spielen vor allem wegen der verschiedenen Nationalitäten innerhalb Spaniens regionale Parteien eine entscheidende Rolle.

Die spanische Parteienlandschaft war – anders als z. B. die italienische – seit Mitte der 1980er Jahre über drei Jahrzehnte bemerkenswert stabil. Eine signifikante Änderung ergab sich mit den Europawahlen 2014 und den Regional- und Kommunalwahlen im Mai 2015, bei denen sich neben den bisherigen Protagonisten PSOE, PP, IU und UPyD die neue Linkspartei Podemos und die bislang nur in Katalonien bedeutende Partei Ciudadanos (C's) und später VOX (spanische Parlamentswahl April 2019) auf gesamtspanischer Ebene etablierten.

Charakteristika des Parteiensystems Rechtliche Rahmenbedingungen (Parteien, Parteienverbände, coaliciones) Das Parteiensystem zeichnet sich durch Komplexität aus. Dies ist zum einen auf die rechtlichen Rahmenbedingungen zurückzuführen. Das spanische Parteienrecht kennt neben den Parteien als solchen auch Parteienverbände (federaciones): Diese sind auf Dauer angelegte Zusammenschlüsse mehrerer Parteien mit eigener Rechtspersönlichkeit und eigenen Strukturen, wobei jedoch auch die einzelnen Mitgliedsparteien rechtlich existent bleiben und weiterhin über ihre eigenen Organe verfügen. Um solche federaciones handelt es sich z. B. bei der linkssozialistischen IU oder der katalanisch-bürgerlichen CiU.

Weiter erlaubt das spanische Wahlrecht gemeinsame Wahlvorschläge verschiedener Parteien bzw. Parteienverbände, die als coaliciones bezeichnet werden. Rechtlich bestehen diese coaliciones nur als Wahlvorschlagsträger für die Dauer des Wahlprozesses. Da die Listenaufstellung und Sitzverteilung im spanischen Wahlsystem ausschließlich auf Ebene der Wahlkreise (in der Regel sind dies die Provinzen) erfolgt, kann es vorkommen, dass eine Partei bei derselben Wahl im Wahlkreis A als Teil einer coalición, im Wahlkreis B aber allein oder in einer coalición mit einer anderen Partei als im Wahlkreis A antritt. Andererseits gibt es coaliciones, die von denselben Parteien regelmäßig immer wieder in derselben Konstellation gebildet werden (so war die IU von 1986 bis 1992 zunächst nur eine für jede Wahl neu gebildete coalición).

Schließlich kann es vorkommen, dass über die Liste derselben coalición gewählte Kandidaten, die aber unterschiedlichen Parteien angehören, sich im Parlament unterschiedlichen Fraktionen anschließen und umgekehrt auch, dass über die Listen verschiedener Parteien gewählte Abgeordnete sich zu einer gemeinsamen Fraktion zusammenschließen (häufig um die zur Bildung einer Fraktion notwendige Mindestanzahl von Mandaten zu erreichen).

Regionalparteien

Zum anderen ist die Parteienlandschaft deswegen komplex, weil es neben den landesweit aktiven Parteien (vor allem PSOE, PP, VOX, Unidas Podemos, Ciudadanos) eine Vielzahl von Regionalparteien gibt. In einigen Regionen sind dies sogar mehrere (z. B. in Katalonien die linksgerichtete ERC und die bürgerliche PDeCAT). So lassen sich die Parteien nicht nur nach dem klassischen Links-Rechts-Schema einordnen, sondern zusätzlich auch auf einem Spektrum, das die Einstellung zur Frage des Verhältnisses der Regionen zum Staat beschreibt und das von der Befürwortung eines Zentralstaats auf der einen bis zu Verfechtern der Unabhängigkeit auf der anderen Seite reicht.

Da die Sperrklausel im spanischen Wahlrecht ebenfalls nur auf der Ebene der Wahlkreise angewandt wird, sind die Regionalparteien nicht nur in den Kommunal- und Regionalparlamenten vertreten, sondern regelmäßig auch in größerer Anzahl im gesamtspanischen Parlament. Dabei ergeben sich dann aufgrund der beiden Achsen, an denen sich die Parteienlandschaft orientiert, verschiedene Bündnismöglichkeiten. So dienten insbesondere die beiden bürgerlichen Parteien CiU (Katalonien) und PNV (Baskenland) in den Legislaturperioden, in denen weder die PSOE noch die PP über eine absolute Mehrheit verfügten, der jeweils in Madrid regierenden Partei (1989–1996 und 2004–2011 der PSOE; 1996–2000 der PP) als Mehrheitsbeschaffer: Ideologisch und insbesondere wirtschaftspolitisch weisen sie als bürgerliche Parteien mehr Gemeinsamkeiten mit der konservativen PP auf, während sie auf der anderen Achse der sozialdemokratischen PSOE näher stehen, die einer Dezentralisierung aufgeschlossener gegenübersteht als die PP.

Diese verschiedenen Bündnismöglichkeiten ergeben sich auch in den Regionalparlamenten. So gehörte etwa die ERC von 2003 bis 2010 in Katalonien einer Linkskoalition mit der PSC und ICV-EUiA an. Seit Ende 2012 hingegen toleriert sie eine Minderheitsregierung der katalanisch-bürgerlichen CiU bzw. regiert zusammen mit der bürgerlichen PDeCAT.

Auch das Spektrum der Regionalparteien ist vielfältig: Es reicht von Parteien, die sich lediglich als Vertreter regionaler Interessen und häufig auch als Alternative zur sozialdemokratischen PSOE und der konservativen PP in der politischen Mitte verstehen, bis hin zu solchen, die für die Unabhängigkeit ihrer Regionen von Spanien eintreten, wie die katalanischen ERC und PDeCAT.

Periode des bipartidismo imperfecto (1977–2015) mini|Mandate der beiden größten Parteien im spanischen Abgeordnetenhaus seit 1977 (Regierungspartei schwarz umrandet) Die von 1977 bis 2015 bestehende Parteienlandschaft ist oft mit dem Schlagwort des „unvollkommenen Zweiparteiensystems“ (bipartidismo imperfecto) beschrieben worden.

Als Zweiparteiensystem deshalb, weil auf nationaler Ebene zwei große Parteien (anfangs die christdemokratische UCD, später die konservative PP und die sozialdemokratische PSOE) existierten, die mit großem Abstand vor den anderen politischen Kräften lagen. Bei den gesamtspanischen Wahlen von 1993 bis 2011 waren auf diese beiden Parteien zusammen immer mindestens 73 % der Stimmen entfallen (Höchststand 2008: 84 %). Aufgrund der Auswirkungen des Wahlsystems führte dies dazu, dass diese beiden Parteien im Abgeordnetenhaus seit 1993 durchgehend mindestens 85 % (Höchststand 2008–2011: 92 %) der Abgeordneten stellten.

Als „unvollkommen“ deshalb, weil diese beherrschende Stellung der beiden großen Parteien dennoch nur in vier der zehn Legislaturperioden bis 2015 zu einer absoluten Mehrheit der stärksten Partei führte (1982–1986 und 1986–1989: PSOE, 2000–2004 und 2011–2015: PP). In den restlichen Legislaturperioden stellten insbesondere die Regionalparteien (allen voran CiU und PNV, aber auch CC, ERC, BNG) durch Ja-Stimmen oder Enthaltungen bei der Wahl des Ministerpräsidenten bzw. bei Abstimmungen über Gesetzentwürfe die Regierbarkeit des Landes durch die jeweils stärkste Partei sicher, ohne dass es aber je auf nationaler Ebene zu einer echten Koalitionsregierung gekommen wäre.

Änderungen in der Parteienlandschaft seit 2015 Bei der Wahl 2015 schmolz der Stimmenanteil der beiden großen Parteien auf 51 % und ihr Mandatsanteil im Abgeordnetenhaus auf 61 %. Es etablierten sich mit Podemos eine neue Partei links der PSOE und mit Ciudadanos eine Partei der Mitte zwischen PSOE und PP. Mit der Wahl von April 2019 kam VOX rechts der PP hinzu.

In keiner der Legislaturperioden bis 2015 hatte die drittstärkste Kraft im Abgeordnetenhaus je mehr als 23 Abgeordnete gestellt. Seitdem wurde diese Schwelle immer sowohl von der drittstärksten (2015: Podemos mit 69 Mandaten; 2016: Unidos Podemos mit 71; April 2019: Ciudadanos mit 57; November 2019: VOX mit 52 Mandaten) als auch von der viertstärksten Kraft (2015: Ciudadanos mit 40 Mandaten; 2016: Ciudadanos mit 32; April 2019: Unidas Podemos mit 42; November 2019: Unidas Podemos mit 35 Mandaten) überwunden.

In den Legislaturperioden bis 2015, in denen keine absolute Mehrheit bestand, fehlten der stärksten Partei nur zwischen einem Mandat (PSOE, 1989) bis höchstens 20 Mandate (PP, 1996) zur absoluten Mehrheit. 2015 hingegen waren es für die PP 53 Mandate, 2016 für die PP 39 Mandate, nach der Wahl vom 28. April 2019 für die PSOE 53 Mandate und nach der Wahl vom 10. November 2019 für die PSOE 56 Mandate. Dementsprechend komplizierter gestaltet sich die Regierungsbildung, zumal die katalanischen Parteien (JxCat – früher CDC bzw. PDeCAT – und ERC), die vor 2015 auf nationaler Ebene häufig als Mehrheitsbeschaffer dienten, seitdem für diese Rolle wegen ihres separatistischen Kurses nur noch beschränkt in Frage kommen. Nach den Wahlen 2015 und von April 2019 scheiterte eine Regierungsbildung, sodass es zu Neuwahlen kam. In der XII. Legislaturperiode (2016–2019) war erstmals ein konstruktives Misstrauensvotum erfolgreich (Wechsel von einer PP- zu einer PSOE-Regierung). Weil die neue PSOE-Regierung für ihren Haushalt jedoch keine Mehrheit fand, kam es zur vorzeitigen Parlamentsauflösung. Nach der Wahl von November 2019 kam es erstmals zu einer Koalitionsregierung (PSOE/Unidas Podemos), bei der es sich aber auch um eine Minderheitsregierung handelt.

Parteien im Einzelnen Zusammenfassung Partei Mandate Congreso Senado EU-Parlament Nationalparteien Regionalparteien Quellen: Congreso de los Diputados, Senado, Europäisches Parlament (Akt. 14.02.2024)

In ganz Spanien aktive Parteien Die Partido Socialista Obrero Español („Spanische Sozialistische Arbeiterpartei“, kurz PSOE) ist eine seit dem Ende der Diktatur sozialdemokratisch ausgerichtete Partei. Sie gilt gemeinsam mit der PP als eine der beiden Volksparteien Spaniens und erreichte in der Vergangenheit ebenfalls immer sehr hohe Wahlergebnisse (2008: 43,6 %), die in der jüngsten Zeit im Kontext der europaweiten Veränderungen der Parteiensysteme allerdings noch stärker einbrachen als bei der PP (Parlamentswahlen 2016: 22,6 %). Die PSOE erreicht im Gegensatz zur PP auch in Katalonien und Baskenland, jenen Gemeinschaften mit den stärksten regionalen Nationalismen, relativ gute Ergebnisse (z. B. 39,5 % bei den katalanischen Wahlen 2004). In Katalonien wird die PSOE durch die Partit dels Socialistes de Catalunya (PSC), eine formal unabhängige regionale Schwesterpartei, vertreten, die aber fest an die PSOE angebunden agiert. Auch in einigen anderen Autonomen Gemeinschaften firmiert die PSOE unter regionalen Bezeichnungen und Abkürzungen, z. B. PSdeG in Galicien oder PSE-EE im Baskenland. Die PSOE stellte den Ministerpräsidenten von 1982 bis 1996 (Felipe González), von 2004 bis 2011 (José Luis Rodríguez Zapatero) und seit 2018 (Pedro Sánchez). Auf europäischer Ebene ist sie Teil der Sozialdemokratischen Partei Europas und stellt derzeit 21 Abgeordnete des Europaparlaments. Die Partido Popular („Volkspartei“, kurz PP) ist eine christlich-konservative und wirtschaftsliberale Partei. Sie ist Nachfolgerin der Alianza Popular, die aus Teilen des franquistischen Regierungsapparats hervorging. Bei gesamtspanischen Parlamentswahlen erzielte sie 2011 mit 44,6 % Stimmenanteil ihr bestes und bei der Wahl von April 2019 mit 16,7 % ihr schlechtestes Ergebnis. traditionell einen hohen Stimmenanteil (2008: 40,1 %, 2016: 33,0 %), ist aber im Baskenland und in Katalonien wesentlich schwächer, was vor allem auf den Gegensatz zentralspanischer vs. regionaler Nationalismus zurückzuführen ist. In der Autonomen Gemeinschaft Navarra wurde sie seit 1991 durch die Schwesterpartei Unión del Pueblo Navarro (UPN) vertreten; nach dem Bruch des Bündnisses im Oktober 2008 baute die PP dort dann wieder einen eigenen Regionalverband auf. Die PP stellte den spanischen Ministerpräsidenten von 1996 bis 2004 (José María Aznar) und von 2011 bis 2018 (Mariano Rajoy). Auf europäischer Ebene ist die PP Teil der Europäischen Volkspartei und derzeit mit 13 Abgeordneten im Europaparlament vertreten.